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Schwerkranker demonstriert vor Impfzentrum

Ein Freitaler demonstriert vor dem Impfzentrum in Pirna, nachdem sein Impf-Termin kurzfristig storniert worden ist. Der 63-Jährige ist verzweifelt.

Ulf Buchholz aus Freital demonstriert mit einem Plakat vor dem Impfzentrum in Pirna.
Ulf Buchholz aus Freital demonstriert mit einem Plakat vor dem Impfzentrum in Pirna. © Daniel Schäfer

Pirna. Es war die große Hoffnung von Ulf Buchholz. Der 63-jährige Freitaler hat sich seit Monaten in seiner Wohnung verkrochen. "Nur ein, zwei Mal die Woche gehe ich raus zum Einkaufen", sagt er. Dann auch nur mit Handschuhen und gut geschützt mit FFP2-Maske.

Lange hat er sich um einen Termin für eine Corona-Impfung bemüht. Am Mittwochnachmittag sollte es endlich soweit sein. Doch statt sich drinnen impfen zu lassen, steht er an jenem Nachmittag vor Impfzentrum in Pirna-Jessen mit einem Protest-Plakat im nasskalten Wind. Denn der Termin, der für ihn so befreiend gewesen wäre, wurde am Montag kurzerhand storniert. "Ich will noch nicht sterben", sagt er. Dann verschlägt es ihm die Stimme.

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Die Hoffnung des Freitalers

Seine Angst, dass eine Infektion mit dem Coronavirus für ihn schwerwiegende Folgen haben könnte, ist nicht unbegründet. Buchholz hat geschädigte Nieren und wird seit 2016 auch noch wegen eines Krebsleidens behandelt. 14 Tabletten muss er täglich einnehmen. "Da muss ich anders auf mich aufpassen, als gesunde Menschen", sagt er.

So wie jetzt, voller Angst zu Hause, wolle er aber auch nicht mehr länger leben. Deshalb hat er seinen Mut zusammen genommen und sich vor das Impfzentrum gestellt. Darauf steht seine einzige Forderung: Er will die Impfung, die ihm versprochen wurde. Dem Personal hat er Bescheid gegeben, dass er draußen friedlich vor dem Absperrgitter wartet.

Seine Hoffnung: Wenn abends eine Impfdosis übrig sein sollte, aus welchen Gründen auch immer, könnte er sofort ins Impfzentrum hinein gebeten werden. "Ich habe alle nötigen Unterlagen ausgefüllt dabei", sagt er. Auf seinen geplanten Termin hatte er sich gut vorbereitet.

In Pirna 500 Termine täglich storniert

Dem Impfzentrum sind seit dem Wochenende aber fast alle Hände gebunden. Vom Bundesgesundheitsministerium wurde die Vergabe des Impfstoffs Astrazeneca komplett gestoppt. Einige Tage nach ihrer Impfung erlitten sieben Personen in Deutschland eine Venenthrombose. Bis zur Prüfung der Fälle wird der Impfstoff vorsorglich zurückgehalten.

Den sollte auch Buchholz bekommen. Er würde auch jeden anderen Impfstoff nehmen. Doch in ganz Sachsen sind jetzt auch Erstimpfungen mit dem Impfstoff von Biontech ausgesetzt. Die gelieferten Mengen reichen nur, um die Zweitimpfungen abzudecken. Alle geplanten Erst-Impfungen wurden abgesagt.

Im Impfzentrum in Pirna-Jessen ist man derzeit bei Erstimpfungen zur Untätigkeit gezwungen.
Im Impfzentrum in Pirna-Jessen ist man derzeit bei Erstimpfungen zur Untätigkeit gezwungen. © Daniel Schäfer

In Pirna sind das etwa 500 Termine täglich. Die Betroffenen sollten alle eine Information per E-Mail bekommen haben, heißt es. Es gibt aber auch Einzelfälle, wo per Telefon ein Impftermin gebucht wurde. Wenn das beispielsweise Ältere waren, die über keinen Internetanschluss verfügen, sollte es schriftlich eine Absage des Termins geben. Vorausgesetzt, der Brief kam noch rechtzeitig an.

Das Impfzentrum in Pirna ist wegen der Stornierungen jetzt nicht mal zur Hälfte ausgelastet. Statt der zwei mobilen Impfteams ist auch nur noch eines für Zweitimpfungen im Landkreis unterwegs.

Kritik an Priorität beim Impfen

Trotz seiner Erkrankungen gehört der Freitaler nur der zweithöchsten Gruppe der Impfreihenfolge an. Was Buchholz auch versuchte, er kam nicht in die höchste Priorität. Die Freude war groß, als endlich das Impfportal in Sachsen auch für ihn zugänglich war. Nun folgte der Absturz der Enttäuschung.

Sehr kritisch sehen die Impfreihenfolge auch die Lehmanns aus Bad Gottleuba-Berggießhübel, jedoch aus einem anderen Grund. Der 94-jährige Mann erhielt schon am 18. Januar die erste Impfung mit Biontech und drei Wochen später die zweite. Dankbar nahmen sie die Unterstützung einer guten Bekannten bei der Anmeldung an und nahmen die Fahrt nach Pirna in Kauf.

Einen Partnertermin für die Ehefrau gab es aber nicht. Weil sie erst in ein paar Wochen 80 Jahre alt wird, gehörte sie nicht zur ersten Kategorie und hatte keine Chance. Für sie ist diese Impfstrategie "total falsch organisiert". Sie fragt, warum nicht von Anfang an Ehepaare zusammen eingeladen werden? Stattdessen müssen sie jetzt viermal nach Pirna-Jessen fahren. Hausärzte impfen im Ort noch nicht. "Umständlicher geht's wirklich nicht!", erklärt Frau Lehmann.

Auch sie schwebe in ihrem Alter täglich in Ängsten, dass sie sich beim Einkaufen oder bei Arztbesuchen infiziere, schwer erkranke und ihr Mann dann in ein Heim müsste. Das könne so doch nicht gewollt sein, sagt sie.

Auswirkungen auch auf Kliniken

Der Engpass an Impfstoff wirkt sich auch auf die weitere Impfstrategie in den hiesigen Krankenhäusern aus. Die werden unabhängig von den Impfzentren mit Impfstoff beliefert. Wenn denn welcher zur Verfügung steht. Auch an den Kliniken ist folglich das Verimpfen von Astrazeneca ausgesetzt und Biontech kommt in geringeren Mengen als erwartet. Die Verteilung orientiert sich an den Einwohnerzahlen im Einzugsbereich der Kliniken.

Die Beschäftigten mit besonders hohem Expositionsrisiko, also Pflegepersonal und Ärzte in den Notaufnahmen oder der direkten Betreuung von COVID-19-Patienten, sind jedoch fast alle bereits geimpft. Wenn sie es denn wollten. Im Krankenhaus in Sebnitz liege die Quote bei fast 90 Prozent, erklärt der Regionalgeschäftsführer Patrick Hilbrenner.

Ähnlich sieht das an den Helios-Kliniken aus. Wenige Tage vor dem Stopp der Erstimpfungen in Sachsen waren in den Krankenhäusern in Pirna, Freital und Dippoldiswalde zwar nur etwa die Hälfte der Beschäftigten geimpft. Entsprechend der Corona-Impfverordnung waren das aber ebenfalls die Beschäftigten, die einem besonderen Risiko ausgesetzt sind. Die andere Hälfte sind etwa Beschäftigte in der Verwaltung. "Sobald weitere Impfdosen verfügbar sind, werden wir weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend der Priorisierung nach Corona-Virus-Impfverordnung impfen", teilt Helios mit.

Keine Impfdosis bleibt übrig

Doch selbst wenn jetzt nur Zweitimpfungen im Impfzentrum in Pirna angeboten werden: Am Ende des Tages könnte trotzdem eine Handvoll Impfdosen übrig sein, weil jemand nicht gekommen ist oder aus anderen Gründen. Das zuständige DRK hat auch versichert, dass keine einzige Impfdosis weggeworfen wird.

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"Dann stehe ich hier bereit", sagt Buchholz und er will wiederkommen, wenn es heute nicht klappt. Er will endlich wieder mehr Lebensqualität. Die könne ihm nur die Impfung geben, sagt er.

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