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Sachsen

Die "Männlmacher" im Erzgebirge bangen

Für die Kunsthandwerker beginnt jetzt die Hochsaison. Abgesagte Weihnachtsmärkte und ausbleibende Touristen bereiten ihnen Sorgen.

Birgit Uhlig steht in ihrer Werkstatt: In Handarbeit entsteht hier wie vor über 100 Jahren der regionaltypische Weihnachtsschmuck.
Birgit Uhlig steht in ihrer Werkstatt: In Handarbeit entsteht hier wie vor über 100 Jahren der regionaltypische Weihnachtsschmuck. © dpa/Hendrik Schmidt

Von Claudia Drescher

Olbernhau. Mit geübter Hand streicht Birgit Uhlig eine Mischung aus weißer Farbe und Leim auf die Turmspitze. Dann lässt sie mit einem Küchensieb Glasglimmer schneien. Das Pappmodell der Seiffener Kirche erstrahlt nun im weihnachtlichen Glanz - genauso wie seit mehr als 100 Jahren. Die traditionellen Lichterhäuser aus Olbernhau entstehen in Handarbeit und nur in der kleinen Werkstatt von Birgit Uhlig. "87 Arbeitsgänge sind es bei der Seiffener Kirche bis zum Einpacken."

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Seit 1998 führt sie die Tradition mit ihrem Ehemann Uwe und einer Mitarbeiterin fort. "Aber ein Jahr wie dieses hatten wir noch nie. Erst hat der stationäre Handel so gut wie nichts gekauft, dann ging es im Oktober schlagartig los. Im November waren wir voll ausgelastet, im Dezember sieht es kaum anders aus", berichtet die 69-Jährige.

Birgit Uhlig umgeben von den traditionellen Lichterhäusern, die bei ihr entstehen.
Birgit Uhlig umgeben von den traditionellen Lichterhäusern, die bei ihr entstehen. © dpa/Hendrik Schmidt

"Anhand der Zahlen haben wir die Krise bis Oktober wenig gespürt", sagt Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbands Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. Im Oktober hätten manche Fachhändler sogar mehr Umsatz gemacht als im Vorjahr. Doch mit der Absage sämtlicher Weihnachtsmärkte und der Verschärfung der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden die Aussichten auch im Weihnachtsland Erzgebirge düster: Drei Viertel des Jahresumsatzes mache der Fachhandel im vierten Quartal.

Einen großen Teil davon im November und Dezember mit Spontankäufen in weihnachtlicher Atmosphäre - sei es in den Schauwerkstätten in Seiffen oder auf stimmungsvollen Märkten. "Hinzu kommt, dass schon das ganze Jahr über die Touristen fehlen." Allein das gerade einmal 2000 Einwohner zählende Weihnachtsdorf Seiffen beherbergt im Dezember laut Statistik von 2019 normalerweise mehr als 14.000 Gäste - wobei kleinere Vermieter und Tagesgäste gar nicht erfasst werden. Man blicke mit Sorgen in die Zukunft, heißt es vom Tourismusverband Erzgebirge.

Auch das Export-Geschäft unter anderem in die USA sei um die Hälfte eingebrochen, berichtet die Einkaufsgenossenschaft Dregeno, in der sich 126 vor allem kleinere "Männlmacher" zusammengeschlossen haben. "Eigentlich müsste es jetzt brummen", meint Marketingleiterin Johanna Kaden. Bisher habe Dregeno rund 30 Prozent Umsatz eingebüßt.

Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbands Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller
Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbands Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller © dpa/Hendrik Schmidt

Mit einem Minus in dieser Größenordnung rechnet auch Ringo Müller, Chef des alt eingesessenen Seiffener Familienbetriebs Kleinkunst aus dem Erzgebirge Müller. "Genau beziffern können wir das aktuell noch nicht, aber wir werden das deutlich merken. Uns fehlen die internationalen Touristen, die zum Beispiel auch im Schwarzwald unsere Produkte als Mitbringsel kaufen, uns fehlen die Weihnachtstouristen hier in Seiffen."

Mit neuen Ideen wie einer modern gestalteten Lichterspitze versucht der 30-Mann-Betrieb gegenzusteuern. Doch habe er schon Personal abbauen müssen und fünf in Rente gegangene Kollegen nicht ersetzt. "Die Tradition wird diese Krise überstehen, aber wir merken: Auch das Erzgebirge ist mittendrin im globalen Handel."

Bei den Crottendorfer Räucherkerzen ist die Krise ebenfalls spürbar: "Wir mussten im November mehr als 14 000 Besuchern, die in unsere Schauwerkstätten kommen wollten, absagen", berichtet Geschäftsführer Mirko Paul. Auch im Dezember bleiben die Türen geschlossen, nur das Ladengeschäft ist verkürzt geöffnet. Doch die Masse an Besuchern fehlt und damit der Umsatz. Wichtigster und sicherster Vertriebskanal derzeit sei der Lebensmitteleinzelhandel, wo der Betrieb rund 40 Prozent absetzt.

Im Umkehrschluss habe man aber auch keinen Anspruch auf die staatlichen Novemberhilfen, weil die Einbußen eben nicht bei 80 Prozent lägen. Die Branche finanziere aber das ganze Jahr mit der Weihnachtszeit. "Wir verdienen jetzt das Geld, um bis nächsten Oktober hinzukommen", so Paul, der auf mehr staatliche Unterstützung hofft.

Auch Verbandschef Günther appelliert an die Politik, das Kunsthandwerk nicht durchs Raster fallen zu lassen. "Wir müssen nicht schließen, aber de facto kommt auch keiner und über das Online-Geschäft können wir die Ausfälle nicht kompensieren." Bislang setzen die "Männlmacher" nur etwa 15 Prozent im Internet ab, Tendenz zwar steigend. "Aber von heute auf morgen 85 Prozent auszugleichen ist utopisch."

Große Marken wie Wendt und Kühn aus Grünhainichen sind mit ihren pausbackigen Engeln schon länger im Internet zuhause. "Online ist die Nachfrage gut. Trotzdem werden die Auswirkungen erst im Frühjahr richtig sichtbar, wenn die Fachhändler ihre Sortimente wieder auffüllen oder eben auch nicht", meint Marketingleiter Thomas Rost. Gerade in den großen Metropolen werde momentan spürbar weniger verkauft. Was hingegen erstaunlich gut funktioniere, seien hochpreisige Produkte. So ist eine auf 100 Stück limitierte Madonna für rund 2000 Euro pro Stück ausverkauft.

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