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„Helfen könnte ein privater Lockdown“

Den Erzgebirgskreis hat die zweite Corona-Welle am schlimmsten erfasst. Warum eigentlich? Auf Spurensuche. Ein Interview mit Landrat Frank Vogel (CDU).

Landrat Frank Vogel kann sich nicht erklären, warum der Erzgebirgskreis so schnell so hohe Corona-Werte hatte.
Landrat Frank Vogel kann sich nicht erklären, warum der Erzgebirgskreis so schnell so hohe Corona-Werte hatte. © Studio2

Herr Vogel, der Erzgebirgskreis hat seit ein paar Tagen die „rote Laterne“, die höchsten Corona-Werte, im Freistaat. Wie geht es Ihnen damit?

Ich sehe diese Entwicklung seit einiger Zeit mit Sorge. Es ging alles relativ schnell. Wir sind jetzt bemüht, die Sensibilität der Menschen zu erhöhen, um möglichst schnell wieder von diesen Zahlen runterzukommen. Das ist unser oberstes Ziel.

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Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, warum es ausgerechnet das Erzgebirge so hart trifft?

Wir haben uns hier diese Frage sehr oft gestellt. Aber es gibt aus meiner Sicht keine eindeutige Erklärung. Wir haben keine regionalen Hotspots, auch keine Hotspots durch irgendeine größere Veranstaltung. Wir haben einfach eine große flächenmäßige Verbreitung. Das begann im September, da waren es noch die Reiserückkehrer. Dann verbreitete es sich schnell über den ganzen Landkreis.

Was raten Sie den Menschen, dagegen zu tun?

Sie sollten über ihr Freizeitverhalten nachdenken. Wenn wir die Situation jetzt mit der im Frühjahr vergleichen, dann hatten wir damals bei einem Infizierten etwa fünf potenziell Angesteckte nachzuverfolgen. Jetzt sind es bis zu 25 Kontakte bei einem positiv Getestetem. Das ist extrem. Da merkt man, dass die Leute viel unterwegs sind. Sie leben ihr Leben weiter, mit einer gewissen Sorglosigkeit. Vielleicht hat dazu auch der Sommer beigetragen, als Corona plötzlich kein Thema mehr war. Da vergingen viele Tage ohne einen Neu-Infizierten. Alle haben durchgeatmet. Ich habe immer damit gerechnet, dass es im Herbst wieder zunehmen wird. Wir stehen vor der ersten Winter-Saison, in der wir mit Corona leben müssen. Das war mir klar. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass die Zahlen so rasant steigen würden.

Können Sie sich erklären, warum – im Gegensatz zur Entwicklung im Westen, wo vor allem die dicht bevölkerten Großstädte zu Hotspots werden – in Ostdeutschland eher der ländliche Raum die höheren Zahlen aufweist?

Als Mittelgebirge sind wir hier im Erzgebirge schon relativ dicht besiedelt. Wir sind sogar das dicht besiedelste Mittelgebirge in Europa. Die zweite Erklärung, die ich habe, liegt quasi in der Natur des Erzgebirgers: Er ist sehr familiär, sehr heimatverbunden, pflegt auf der persönlichen Ebene gerne und viele Kontakte und Freundschaften. Der Erzgebirger hat auch sicherlich lange Zeit ein Problem gehabt, dem anderen nicht mehr die Hand geben zu dürfen. Das sind für mich im Übrigen auch gewisse Werte, die wir in dieser Gesellschaft hatten, die wir jetzt aufgeben müssen.

Welche Rolle spielt die Nähe zu Tschechien, das sehr stark von Corona getroffen ist?

Ich beobachte schon ein gewisses Nord-Süd-Gefälle in meinem Landkreis. Also je weiter ich an die Grenze komme, desto höher sind die Corona-Zahlen. Das hat sicher auch etwas mit Kontakten und Fahrten nach Tschechien zu tun. Die kommen rüber, wir fahren rüber. Zum Einkaufen, Tanken und Kaffeetrinken.

Eine erneute temporäre Schließung der Grenzen könnte da helfen?

Nein, auf keinen Fall. Wir brauchen die tschechischen Berufspendler. Das haben wir gemerkt, als die dortige Regierung im Frühjahr von einem auf den anderen Tag die Grenzen geschlossen hat. Da haben wir Kopfstände gemacht, um den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Arbeitnehmern in der Industrie das Einpendeln zu ermöglichen. Wir brauchen keine Grenzschließungen, aber den kleinen Grenzverkehr, den sollten wir jetzt schon mal deutlich bremsen – und zwar beidseitig.

Am Ortseingang von Annaberg-Buchholz.
Am Ortseingang von Annaberg-Buchholz. © dpa/Hendrik Schmidt

Haben Sie schon mal Zwischenbilanz gezogen, wie groß der gesamtwirtschaftliche Schaden fürs Erzgebirge durch Corona ausfallen könnte?

Das lässt sich gegenwärtig nicht beziffern. Aber da wurden auch Fehler gemacht, etwa beim Beherbergungsverbot. Das hat Gaststätten und Hotellerie schwer getroffen, obwohl wir dort keine Corona-Probleme haben. Die Hoteliers wissen damit umzugehen. Aber die Sache mit dem Beherbergungsverbot hat unserer Tourismusbranche schwer geschadet. Das macht mir erhebliche Sorgen.

Auch in der Advents- und Weihnachtszeit werden die Corona-Regeln vermutlich viele abschrecken, in die klassischen Weihnachtsorte im Erzgebirge zu fahren.

Ja, ich fürchte, dass wir in diesem Jahr massive Einbrüche erleben werden. Die Insolvenzwelle wird aber erst noch kommen, vermutlich nach dem Jahreswechsel.

Wie hätte man das vermeiden oder die Schäden geringer halten können?

Ich glaube, es wäre besser gewesen, manchem Unternehmen mit Zuschüssen, nicht nur mit Darlehen zu helfen. Mir ist bewußt, dass es schwierig ist für den Staat, in die freie Wirtschaft einzugreifen. Aber ich merke es ja jetzt schon: Wer jetzt bereits Kredit aufgenommen hat, der wird vermutlich auch im kommenden Jahr noch einmal Unterstützung brauchen. Denn Corona wird uns länger beschäftigen. Da wissen viele Unternehmen derzeit noch gar nicht, wohin die Reise geht und wie sie sich neu aufstellen können. Aber vielen wird dann das Geld und vermutlich auch der Mut fehlen, um doch noch weiterzumachen.

Wäre eine zweiwöchiger harter lokaler Lockdown jetzt nicht vielleicht doch die bessere Variante gewesen, um wenigstens noch das Weihnachtsgeschäft zu retten?

Auch damit ist das Weihnachtsgeschäft nicht mehr zu retten. Denn so schnell sinken die Zahlen nicht unter den Inzidenzwert von 50. Dafür wäre ein absoluter Lockdown wie im Frühjahr für die gesamte Wirtschaft eine Katastrophe. Wenn, dann geht’s nur in Richtung „privater Lockdown“, dass immer mehr Bewegungsspielraum eingeschränkt wird, um die Dinge besser steuern und Infektionsketten unterbrechen zu können.

Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Appell an die Vernunft…

Ja, aber imgrunde kann ich nur immer wieder an die Vernunft appellieren. Wir schreiben jetzt hier im Erzgebirgskreis bei privaten Feiern eine Obergrenze von 10 Personen vor. Aber wie will ich das kontrollieren? Wenn vor einem Einfamilienhaus sechs Autos stehen, soll ich dann als Landrat klingeln und nachfragen: „Haben Sie hier eine Feier? Darf ich mal reinkommen, ich würde mal gerne durchzählen, wie viele da sind.“ Das funktioniert nicht. Man kann eben nur appellieren, dass die Menschen wieder sensibler werden und die Regeln, die schon mal funktioniert haben, wieder beherzigen und leben. Das ist ohnehin meine Erfahrung: Etwas zu verbieten, führt immer dazu, Grenzen auszuloten. Wenn ich es nicht verinnerliche, werde ich das Verbot nicht einhalten, sondern mich immer an der Grenze entlangbewegen.

Als erste Region in Sachsen wurde das Erzgebirge im Herbst 2020 zum Corona-Risikogebiet erklärt.
Als erste Region in Sachsen wurde das Erzgebirge im Herbst 2020 zum Corona-Risikogebiet erklärt. © dpa/Hendrik Schmidt

Kommt die einheitliche Verordnung für Risikogebiete in Sachsen zu spät?

Wir waren uns in Sachsen immer einig, dass wir regionalen Gestaltungsspielraum bewahren wollen – je nach regionaler Betroffenheit. Wir waren als Landräte vergangene Woche in die Kabinettssitzung in Dresden eingeladen. Da waren wir uns einig, dass es jetzt an der Zeit ist, den großen Rahmen in Sachsen bei Risikogebieten zu vereinheitlichen. Aber jeder muss dennoch den Spielraum behalten, regional zusätzlich nachsteuern zu können. Bundesweit einheitliche Regeln halte ich für problematisch. Die Interessenlage der großen Städte und des ländlichen Raumes unter einen Hut zu bringen, macht keinen Sinn. Da werden wir eher Nachteile haben.

Auch bei Ihnen im Erzgebirge gibt es krasse Beispiele für großflächige Infektionen in Alten- und Pflegeheimen. Dabei wollte man die doch besonders schützen. Warum klappt das nicht?

Momentan sind etwa 15 Prozent der Pflegeheime bei uns betroffen. Das war im Frühjahr schon mal so. Ich denke schon, dass die Betreiber sensibel genug sind, auf die besonderen Risiken zu achten. Das Entscheidende ist doch eigentlich, dass ich nicht jeden Besucher, jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter permanent testen kann. Ich mache da niemandem einen Vorwurf. Bei Pflegeheimen kann man wählen zwischen dem strikten Weg, keine Besucher mehr hineinzulassen – das ist die größtmöglichste Sicherheit. Andererseits dürfen wir die alten Menschen nicht vereinsamen lassen und wochenlang oder monatelang von ihren Angehörigen abschneiden. Darum haben wir uns hier entschieden, am Tag einer Person den Besuch zu ermöglichen. Der Betreiber kann natürlich etwas anderes entscheiden. Aber es ist mir klar und ich merke es auch an der Reaktion der Menschen: Bei dieser Frage kann man nur immer alles falsch machen.

Der Erzgebirgskreis ist als erster ausgeschert aus den bisherigen Melde-Wegen. Sie veröffentlichen nicht mehr täglich ihre Zahlen Warum?

Weil ich einen hohen Aufwand betrieben habe, irgendwelche Zahlen-Differenzen zu erklären. Wir stellen jetzt ausschließlich auf das Meldesystem des Robert-Koch-Instituts ab. Dieser Weg ist quasi automatisiert, spiegelt den aktuellen Stand des Vortages einschließlich aller nachträglichen Meldungen genau wieder. Das erspart unnötige Arbeit. Und wenn es darum geht, dass der Kreis mal wieder unter den Grenzwert von 50 fällt, dann ist die Veröffentlichung des RKI dafür die Grundlage. Zudem wurde uns in den letzten Wochen deutlich, dass viele Bürger aus dem Landkreis, aber auch Touristen, Geschäftsreisende etc. auf die Veröffentlichungen des RKI schauen.

Wo läuft es bei der Bekämpfung von Corona nicht rund in Sachsen?

Alle sind intensiv bemüht, da, wo sie Verantwortung tragen. Die Prozesse sind aber komplizierter als gedacht. Da gehe ich jetzt wieder von meinem Landkreis aus. Wir haben anders als im Frühjahr eine Durchseuchung in der Mitarbeiterschaft. Das ist nicht immer leicht. Und keiner ist so einfach und sofort zu ersetzen. Da wünschte ich mir etwas mehr Mut und Unterstützung, beispielsweise von Ärzten oder medizinischem Personal im Ruhestand. Sie könnten uns wirksam helfen, denn sie haben das Fachwissen, um beispielsweise aus der Bewertung der aus der Kontaktermittlung gewonnenen Erkenntnisse richtige Schlussfolgerungen zu ziehen oder die Arbeit der Teams, die Testungen vornehmen, zu unterstützen.

Haben Sie noch Ruhe, wenn Sie sehen, wie rasant die Infektionen steigen?

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Der Landkreis hat den Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten. Die Bürger müssen neue Einschränkungen hinnehmen.

Es beunruhigt mich. Auf der anderen Seite sage ich mir auch, wir können nur bedingt darauf Einfluss nehmen. Wir werden jetzt erstmal bis März damit leben müssen. Dann dürfte es im Sommer wieder ruhiger werden. Aber dann wird es weiter gehen. Corona verschwindet nicht einfach.

Das Gespräch führte Annette Binninger.

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