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Wie Corona den Führerschein verteuert

Warten auf Prüfungstermine, steigende Preise, digitales Lernen: Was sich für Sachsens Fahrschüler durch die Pandemie alles ändert.

Sitzen die Vorfahrtsregeln noch? Die 19-jährige Justine Grandke lernt das Autofahren bei Alexander Köbe in Döbeln. Ihr Lehrgang hat sich durch Corona-Zwangspause um drei Monate verlängert.
Sitzen die Vorfahrtsregeln noch? Die 19-jährige Justine Grandke lernt das Autofahren bei Alexander Köbe in Döbeln. Ihr Lehrgang hat sich durch Corona-Zwangspause um drei Monate verlängert. © Thomas Kretschel

Wegen der unter 35 gesunkenen Inzidenzwerte ist vor wenigen Tagen die Testpflicht in den rund 730 sächsischen Fahrschulen weggefallen. Doch die monatelange Corona-Zwangspause wird Schüler, Ausbilder und Prüfer noch über Monate beschäftigen.

Auf welche Veränderungen müssen sich Führerscheinanwärter einstellen?

Laut Landesverband der sächsischen Fahrlehrer hat das rund sechsmonatige Tätigkeitsverbot für einen Stau beim Schulungsbetrieb gesorgt. Der muss nun aufgelöst werden. Er gehe davon aus, dass „wir über die Sommermonate unsere Angebote wieder auf den Stand vor der Pandemie ausrichten können“, sagt der Verbandsvorsitzende Andreas Grünewald. Ein zeitnaher Kursbeginn ist jedoch vielerorts nicht garantiert. In diesem Kalenderjahr könne er keine neuen Schüler mehr annehmen, sagt beispielsweise der Fahrlehrer Alexander Köbe aus Döbeln. „Auch mit Intensivkursen starten wir erst wieder 2022.“

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Wie lange dauern Theorie und Praxis derzeit mindestens?

Als Minimum sollten zwei Monate für die Theorie und weitere anderthalb Monate für die Praxis kalkuliert werden, sagt Köbe. „Schneller geht es nicht.“ Immerhin müssten Kandidaten im Theorieteil eine App mit über 1.000 Fragen durcharbeiten. Andere Fahrschulen in Sachsen berichten davon, die Ausbildung ziehe sich inzwischen auch mal ein halbes bis dreiviertel Jahr hin. Auch seitens der Prüforganisation Dekra heißt es, hiesige Fahrschulen seien teilweise bis Mitte 2022 komplett ausgebucht. Köbe sagt, er würde gern einen weiteren Fahrlehrer einstellen, um das Arbeitspensum besser zur verteilen, finde jedoch seit Monaten niemanden.

Was kostet der Erwerb des Führerscheins?

Mit der Beantwortung dieser Frage tun sich Fahrschulen schwer. „Die Summen variieren regional. Eine verlässliche Angabe können wir nicht machen“, sagt Grünewald. Eine Zahl nennt er dann aber doch: Interessenten sollten im Schnitt 2.500 Euro für den Pkw-Führerschein (Klasse B) einplanen. Werden viele Fahrstunden nötig, könne es deutlich teurer werden. Mehr kostet demnach auch die Motorradausbildung (Klasse A) – was unter anderem am höheren Aufwand liegt. Schließlich müssen die Fahrlehrer ihre Schützlinge mit dem Auto oder auf einem zweiten Motorrad begleiten. Weitere preisliche Orientierung bieten Daten, die das Statistische Landesamt für seinen Verbraucherpreisindex erhebt. Demnach berechneten hiesige Fahrschulen im Mai durchschnittlich 304,75 Euro für die Theorieausbildung und 45,96 Euro pro 45-minütige Praxiseinheit. Ob die Wunschfahrschule weniger pro Fahrstunde oder für den Theorieblock berechnet, verrät ein Blick auf die Preislisten, die viele Anbieter auf ihren Webseiten bereitstellen. Unter 2.000 Euro sei aber heutzutage kein Klasse-B-Schein mehr zu machen, sagt Alexander Köbe.

Steigen die Preise, und falls ja, womit wird das begründet?

Laut Verbraucherpreisindex sind die durchschnittlichen Kosten für die komplette Theorieausbildung binnen zwei Jahren um 85,99 Euro und pro Fahrstunde um 9,11 Euro gestiegen. Die Berechnungen basierten auf einer repräsentativen Stichprobe von 40 Fahrschulen in Sachsen, sagt Arite Deutscher vom Statistischen Landesamt. Ein weiterer Faktor ist die zum Jahreswechsel 2020/2021 eingeführte optimierte praktische Fahrerlaubnisprüfung, kurz OPFEP. Das neue Verfahren erhöhe die Mindestdauer der Prüfungen um einige Minuten, teilweise auch mehr, sagt Dekra-Pressesprecher Wolfgang Sigloch. Im Ergebnis werden höhere Entgelte fällig. Für angehende Autofahrer sind das seit 1. Januar 116,93 statt 89,44 Euro, für Motorradfahrer 146,56 statt 118,32 Euro. Für den Lkw-Schein ist die Gebühr von 147,32 auf 176,31 Euro gestiegen. Auch Hygienekonzepte und Coronamaßnahmen sorgen für Zusatzkosten, die manche Fahrschulen auf ihre Kunden umlegen.

Kann man die Theorie nicht auch online von zuhause absolvieren?

Solche Angebote gibt es, und sie sind über einschlägige Suchmaschinen leicht zu finden. Der Fahrlehrerverband kritisiert sie als „unseriös“. Grundsätzlich sei das in der Pandemie gestattete „elektronisch gestützte Lernen“ eine Notlösung gewesen, sagt Grünewald. „So etwas schafft nur Faktenwissen, kein Anwendungswissen. Das reicht aber fürs Interagieren im Straßenverkehr nicht aus. Schließlich geht es um Sicherheit.“ Komplexe Zusammenhänge, wie sie in manchen Verkehrssituationen auftreten, könne ein elektronisches Lernprogramm nicht vermitteln, sagt Grünewald. „Das haben wir in Corona-Zeiten deutlich bemerkt.“ Sein Fazit: „Am Präsenzunterricht führt kein Weg vorbei.“ Allerdings könne integriertes Lernen – im Fachjargon Blended Learning genannt – eine willkommene Ergänzung sein.

© Tilo Steiner

Wie hoch ist die Durchfallquote bei den Prüfungen in Sachsen?

Im Verhältnis zur Gesamtzahl hat sich der Anteil verpatzter Prüfungen nicht gravierend verändert. Das geht aus Daten des Kraftfahrtbundesamtes hervor. So ist zwischen 2012 und 2017 zwar die Gesamtzahl der theoretischen und praktischen Prüfungen in Sachsen gestiegen, parallel dazu hat sich aber der Anteil der nicht bestandenen Prüfungen weder signifikant erhöht oder verringert. Mit einer Erfolgsquote von knapp 64 Prozent bei den praktischen Prüfungen liegt Sachsen im Mittelfeld aller Bundesländer.

Worauf sollte man bei der Suche nach einer Fahrschule achten?

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