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Fake-News können tödlich sein

Corona bringt Lügner in Bedrängnis: Es wird offenkundig, wie gefährlich Falschnachrichten sind. Ein Gastbeitrag aus unserer Reihe "Perspektiven".

Hat Donald Trumps Corona-Politik Leben gekostet?
Hat Donald Trumps Corona-Politik Leben gekostet? © Evan Vucci/AP/dpa

Von Bernhard Pörksen

Anything goes, alles geht. Das war und ist bis zum heutigen Tag die Kommunikations-Maxime eines Donald Trump, der in seiner Amtszeit bis zum Juni diesen Jahres mehr als 20.000 Mal die Unwahrheit gesagt hat, wie die Washington Post in mühevoller Kleinarbeit dokumentierte.

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Das Grundprinzip seiner auf allen Kanälen verbreiteten Meinungs- und Propagandashow lautet: Realitätszensur durch Rauschen, Ermüdung durch Verwirrung, Zerstörung der Maßstäbe durch die Produktion von Chaos und den Ausstoß von Nonsens-Meldungen. Bis niemand mehr so genau sagen kann, was eigentlich stimmt. Bis Faktum und Meinung ununterscheidbar geworden sind. Bis Menschen erschöpft und verstört im Gestöber der Halbwahrheiten und im frei umherwirbelnden Informationskonfetti auf das zurückgreifen, was sie ohnehin glauben oder doch glauben wollen.

Aber funktioniert diese Methode permanenter Bullshit-Produktion noch in Zeiten einer Pandemie? Ist das enthemmte Meinen und das öffentlich zelebrierte Delirium der freidrehenden Mutmaßungen noch überzeugend, wenn Menschen sterben? Donald Trump ließ am 10. Februar verlauten: „Es sieht so aus, als würde das Virus schon im April, wenn es etwas wärmer wird, auf wundersame Weise verschwinden.“ Und am 26. Februar verkündete er, die Fallzahlen würden beständig sinken und seien alsbald bei Null. Innerhalb der nächsten beiden Monate infizierten sich mindestens eine Million Amerikaner mit dem Virus. Heute gibt es mehr als 191.000 Tote und über 6,3 Millionen Corona-Infizierte in den USA.

Malariamedikamente als Wundermittel empfohlen

Donald Trump hat auf dem Weg zu diesem Desaster das Tragen von Schutzmasken lächerlich gemacht und nach Kräften politisiert, frei nach dem Motto: Wer sich solche Lappen ins Gesicht hängt, zeigt nur seinen Untertanengeist. Er hat Malariamedikamente als Wundermittel empfohlen und öffentlich darüber räsoniert, ob es sinnvoll sein könnte, sich Desinfektionsmittel zu spritzen. Und ansonsten die Autorität seiner eigenen wissenschaftlichen Berater unterminiert und – quer zu dem tatsächlichen Infektionsgeschehen – jede Menge Jubelnachrichten verbreitet, die auf die Diagnose zulaufen: Kein Staatenlenker im Universum habe die Krise derart und effektiv perfekt gemanagt und unter Kontrolle gebracht, wie er, der Mann im Weißen Haus. In diesen Tagen wurde nun bekannt, dass der Präsident spätestens seit Anfang Februar die Gefahren wissentlich herunterspielte, wie er dem Enthüllungsjournalisten Bob Woodward auf Band diktierte, der jetzt mit den Originalaufnahmen herumzieht, um für sein aktuelles Buch („Rage“) zu werben. Man mag Woodwards Selbstmarketing anrüchig finden, weil hier das ökonomische Kalkül (und nicht das öffentliche Interesse) über den Publikationszeitpunkt entscheidet. Aber natürlich sind die Aufnahmen außerordentlich brisant. Denn schon am 7. Februar ließ der Präsident den Journalisten wissen: „This is deadly stuff“ – das ist tödliches Zeug.

Bernhard Pörksen (50) ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ (Hanser-V
Bernhard Pörksen (50) ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ (Hanser-V © Bildstelle

Jetzt ist die Empörung groß, zu Recht. Und man sieht: Die gesamte Propagandashow des Donald Trump im Umgang mit der Corona-Gefahr lässt sich als ein ziemlich furchtbares Experiment interpretieren. Es handelt von der Frage, wie weit man gehen kann im Prozess des endlosen Behauptens und in der Verachtung der Tatsachenwelt. Denn deutlich wird eben auch: Es gibt ihn noch, den dritten Punkt, der Meinung und Wissen voneinander unterscheidbar macht. Und diesen dritten Punkt nennt man für gewöhnlich die Realität. Menschen infizieren sich wirklich. Sie leiden wirklich. Sie sterben wirklich. Und man erkennt jetzt eben auch: Es ist ganz und gar nicht gleichgültig, wer gerade das Land führt. Denn man kann in der Bekämpfung einer Pandemie furchtbare Fehler machen. Der Tod ist – so gesehen – eine entsetzliche Form finaler Falsifikation, ein furchtbares Absolutes, das sich beim Besten Willen nicht mehr leugnen lässt.

Kein Fake, sondern brutale Realität

Was hat dieses krisentypische Zeit- und Welterleben für Folgen für die Rezeption von Desinformation? Zum einen wird die Gefährlichkeit von Falschnachrichten zur allgemeinen Erfahrung. Denn wenn man aus den Einfällen der Abwiegler, der Bullshitter und der Corona-Leugner eine persönliche Handlungsstrategie formt, wenn man meint, alles sei nur Hype und Hysterie und sich und andere nicht schützt, dann kann dies im Extremfall tödlich sein. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass in den USA insbesondere die Geschichten von denjenigen Trump-Anhängern für Aufsehen sorgen, die nun selbst erkrankt sind. Gerade noch waren sie sich sicher: Das Corona-Krisengerede ist nur ein neuer Schwindel, den die Demokraten in die Welt gesetzt haben, um dem Präsidenten zu schaden und den Wahlerfolg von Joe Biden abzusichern. Und nun morsen sie, teilweise noch aus dem Krankenhaus und manchmal auch nach dem Tod von Angehörigen und Partnern, über Facebook und andere Kanäle in die Welt: Vorsicht, das Virus ist kein Fake, sondern brutale Realität!

Zum anderen, auch das gehört zu den pandemiebedingten Wahrnehmungsveränderungen, lassen sich Regierungseffizienz und Regierungsversagen, publizistische Qualität und haltlose Fehleinschätzungen in der gegenwärtigen Situation ganz unmittelbar vergleichen – und zwar auf der Weltbühne der Zivilisation und in globalem Maßstab, orientiert an der Frage: Was hat funktioniert, was nicht? Und das bedeutet eben auch: Das Meinen und Behaupten findet unter neuartigen Überprüfungsbedingungen statt, die gleichzeitig subjektiv-persönlicher und objektiv wssenschaftlicher Natur sind. Ja, man kann jede Menge Quatsch über Covid-19 fabrizieren, Verschwörungstheorien in die Welt pusten und die Pandemie zur Erfindung umdeuten. Aber man tut dies vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die Millionen von Menschen aktuell mit dem Virus machen. Und man tut dies vor dem Horizont gigantischer Forschungsanstrengungen und direkt erlebbarer Erfolge und Misserfolge bei der Pandemiebekämpfung.

Das Gute im Schlechten

Aktuelle Studien in den USA dokumentieren inzwischen im Detail (und manchmal sogar im Blick auf einzelne Talkshows), dass diejenigen, die sich primär auf ultrakonservative Sender wie Fox News und die Stars des Talkradios (wie Rush Limbaugh) verließen, deutlich schlechter informiert waren. Und systematisch dazu neigten, die Gefahr einer Infektion zu ignorieren. Und man sieht: Die schlichte Negation der Realität ist keine gute Strategie.

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Ob der amerikanische Präsident, der sich trotz allem weiter für sein Krisenmanagement selbst lobt, deshalb die Wahl verliert? Das ist offen, zumal viele seiner Anhänger unverbrüchlich zu ihm halten. Aber Faktum und Meinung, Information und Ideologie werden in Zeiten der Pandemie wieder deutlicher unterscheidbar, denn es steht für alle einfach zu viel auf dem Spiel. Das ist das Gute im Schlechten.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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