merken
PLUS Löbau

Faktencheck: Was wir über die "Stöcker-Impfung" wissen

Ohne Nebenwirkungen, hochwirksam, von Behörden verhindert - so stellt Winfried Stöcker sein Antigen gegen Corona dar. Doch was weiß man wirklich, was nicht?

Winfried Stöcker spaltet nach wie vor mit seinem Antigen die Impfwilligen.
Winfried Stöcker spaltet nach wie vor mit seinem Antigen die Impfwilligen. © freier Fotograf

Winfried Stöcker und seine Impfung polarisieren. Die einen vertrauen dem Unternehmer und Arzt blind und wollen nur sein "Antigen". Die anderen lehnen seine Vorgehensweise vehement ab, weil er und befreundete Ärzte den "Stöcker-Impfstoff" ohne Zulassung - und damit ohne gesicherte und transparente Erkenntnisse - Hunderten Menschen injizieren. Dabei machen immer wieder Thesen und Behauptungen die Runde, die sich um Stöckers Vorgehen und seine Substanz ranken. Wir haben einige davon recherchiert:

These: Behörde bremst Stöcker absichtlich aus

Winfried Stöcker behauptet immer wieder, das für Arzneimittel- und Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) habe ihn absichtlich ausgebremst. In einer Online-Talkshow nennt er das Handeln der Behörde "kriminell". In einem Beitrag des russischen Internetsenders "RT Deutsch" erklärte er, er habe von der Behörde "keine vernünftige Antwort bekommen".

Anzeige
Bist Du bereit für die Arbeit mit Strafgefangenen?
Bist Du bereit für die Arbeit mit Strafgefangenen?

Als Justizvollzugsbeamter/in (m/w/d) hast Du einen spannenden Job mit viel Verantwortung.

Beim PEI wundert man sich über solche Behauptungen - und dementiert Behinderungen oder gar Verbote. Es liege "kein Antrag von Herrn Prof. Stöcker auf Genehmigung einer klinischen Prüfung eines Covid-19-Impfstoffkandidaten vor", teilt die Pressestelle mit. Das sei aber der erste nötige Schritt, den alle Impfstoffentwickler gehen müssten. Zwar habe Stöcker am 2. September 2020 eine Anfrage an eine E-Mail-Adresse des Instituts gerichtet, die für Bürger und medizinisches Personal eingerichtet wurde. Auf das Angebot einer Beratung für seine Entwicklung, die noch am 3. September telefonisch von der zuständigen Abteilung angeboten wurde, sei er aber nicht eingegangen. Bis heute nicht, obwohl das Angebot nach wie vor bestehe - unabhängig von der Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Lübeck, die das Institut wegen Stöckers eigenmächtiger Impf-Tests unter anderem an seiner Familie durchgeführt hat.

Ein solches Zulassungs-Verfahren strebt Stöcker aber offensichtlich gar nicht an. Er scheint der Meinung zu sein, er brauche große Test-Reihen nicht, weil er nach einem bekannten Impfstoff-Verfahren vorgehe und ihm einige wenige erfolgreiche Beispiele als Beweis reichten, um zu sehen, dass es funktioniere, hat er inzwischen mehrfach erklärt.

These: Bekanntes Verfahren garantiert Erfolg

Diese These hält Professor Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Uniklinik Dresden für brandgefährlich: "Nur, weil etwas prinzipiell funktioniert, kann man nicht einfach Schritte und Studien weglassen", sagt er. Dann fehle zum einen die Kontrolle der Wirksamkeit des Serums, als auch der Nachweis der Sicherheit bei der Herstellung. Dr. Hans-Christian Gottschalk, Mitglied der Sächsischen Impfkommission, Impfarzt am Löbauer Impfzentrum und einst langjähriger Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Görlitz, betont: "Es ist völlig egal, ob das ein altes Verfahren ist, es ist ja ein völlig neuer Impfstoff", sagt er. Bei der von Stöcker gewählten Methode wird ein Wirkverstärker, ein Adjuvans, eingesetzt. Hier liegt auch der Knackpunkt bei der Wirksamkeit solcher Impfstoffe: "Je nachdem, welches Adjuvans man einsetzt, kann man steuern, wie die Reaktion ausfällt", betont Alexander Dalpke.

Darüber, dass Stöcker dazu Untersuchungen gemacht hat, ist nichts bekannt. Er benutzt nach eigenen Angaben Aluminiumhydroxid, ein bekanntes und gängiges Adjuvans. Inwiefern dies optimal die Wirkung verstärkt, dazu gibt es keine Angaben.

These: Stöcker hat als Erster bekanntes Vorgehen genutzt

Im Online-Talk "Tichys Ausblick" erklärt Stöcker, er sei wahrscheinlich der erste gewesen, der diesen Ansatz verfolgt habe. Das stimmt nicht. Bereits in der Stern-TV-Sendung von Mitte März, in der neben Stöcker auch SPD-Politiker und Arzt Karl Lauterbach sowie der Hallenser Virologe Alexander Kekulé dabei waren, betonten beide, dass mehrere große Impfstoff-Hersteller an einem solchen protein-basierten Serum arbeiten. Kekulé und Lauterbach zählten sowohl Beispiele solcher Präparate auf, die - in China - schon zugelassen sind, als auch andere Fälle, in denen auf diese Weise eben nicht die nötige Wirksamkeit erzielt und die Versuche eingestellt wurden. Derzeit befinden sich in Europa laut Paul-Ehrlich-Institut drei Impfstoffe ähnlicher Machart in der Endphase der Zulassung für Europa - darunter auch Novavax. Insgesamt arbeiten Entwickler derzeit laut Weltgesundheitsorganisation an 114 Covid-19-Impfstoffen - ein reichliches Drittel davon sind solche protein-basierte Varianten wie sie Stöcker nutzt.

These: "Stöcker-Impfung" ist ohne Nebenwirkungen

Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle, sagte in der Sendung Stern TV zu Winfried Stöcker: "Wenn es nur um Nebenwirkungen ginge, dann würde ich so einen Impfstoff am liebsten haben, weil er höchstwahrscheinlich kaum Nebenwirkungen hat - möglicherweise aber auch nicht wirkt." Das schätzt auch Hans-Christian Gottschalk von der Sächsischen Impfkommission so ein, betont aber zudem: "Es gibt keinen Impfstoff ohne Nebenwirkungen." Erst großangelegte Studien mit Zehntausenden Probanden zeigten auf, ob die gewünschte Wirkung eintrete und ob es bisher unbekannte seltene Nebenwirkungen gebe. Die aber fehlt.

These: Gute Wirksamkeit bei Stöcker nachgewiesen

Bekannt ist, dass solche Protein-basierte Impfstoffe das Immunsystem aktivieren können. Allerdings wird die wichtige, zelluläre Immunabwehr meist nicht so stark aktiviert, betont Alexander Dalpke vom Uniklinikum Dresden. Das heißt, es bilden sich zwar viele Antikörper, die "Eindringlinge" erkennen und markieren. Aber die T-Zellen, die dann befallene Zellen - auch körpereigene - vernichten, werden nicht so umfangreich gebildet. Für einen wirksamen Schutz ist aber beides nötig.

Stöcker spricht in der Regel davon, dass man bei den mit seinem Stoff immunisierten Menschen bei etwa 95 Prozent Antikörper nachweise, genaue Zahlen zu neutralisierenden Antikörpern oder T-Zellen nennt oder belegt er nicht. Ohnehin kritisieren Experten einhellig, dass die Fallzahlen von einigen Hundert behandelten Personen viel zu gering seien, um eine sichere Wirkung zu belegen. Außerdem - das betont auch das Paul-Ehrlich-Institut - muss sicher sein, dass der Impfstoff bei Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Vorbelastungen gut wirkt. Dazu gibt es bislang keine gesicherten Informationen.

These: Winfried Stöcker hat Erfahrung auf dem Gebiet

Winfried Stöcker hat Medizin studiert und erhielt 1983 die Anerkennung als Facharzt für Laboratoriumsmedizin. 1987 gründete er die Firma Euroimmun, die er 2017/18 an das US-Unternehmen PerkinElmer verkaufte. Stöcker entwickelte mit Euroimmun Testsysteme, mit denen im Serum von Patienten Antikörper bestimmt und dadurch Autoimmun- und Infektionskrankheiten - auch das Coronavirus - sowie Allergien diagnostiziert werden können. Er hält mehrere Patente. Mit dem Immunsystem ist Stöcker also bestens vertraut, über besondere Erfahrungen in der Impfstoffentwicklung oder im Bereich der Virologie und Epidemiologie ist nichts bekannt.

These: Stöckers Stoff lässt sich viel schneller herstellen

Stöcker selbst nährt diese These, wenn er sagt, er habe das Gefühl, die nach den neuen Verfahren hergestellten Vector- und mRNA-Impfstoffe seien offenbar protegiert und bevorzugt behandelt worden, obwohl doch sein Ansatz so viel schneller und einfacher umzusetzen sei.

Dem widerspricht Professor Alexander Dalpke vom Uniklinikum Dresden: "Als man einen Impfstoff gegen Covid-19 suchte, sind alle möglichen Ansätze zeitgleich gestartet", sagt er. Anders als bei den protein-basierten Impfstoffen müsse man bei den mRNA-Impfstoffen aber eben nicht erst Proteine herstellen oder das Virus anzüchten - man stellt die RNA synthetisch her. Die Technik sei auch nicht absolut neu, sondern komme eigentlich aus der Krebsbehandlung. Produziert werden individuelle Impfstoffe zur Bekämpfung von Tumoren, da sie das Immunsystem umfassend ansprechen und somit hohe Wirkungsgrade erzielen. "Man kann solche Impfstoffe aber auch sehr schnell in großem Rahmen herstellen", betont Dalpke.

These: Impfungen illegal

Winfried Stöcker behauptet, sein Antigen zu verabreichen, sei legitim, das dürfe jeder Arzt. Niemand habe sich da einzumischen. Das sehen viele anders, deshalb laufen bei der Lübecker Staatsanwaltschaft Verfahren gegen Stöcker. Auch die Staatsanwaltschaft Görlitz ermittelt - allerdings noch immer gegen Unbekannt: "Dass es sich um einen nicht zugelassenen Impfstoff handelt, ist unstrittig", bestätigt Pressestaatsanwalt Christopher Gerhardi. Allerdings sei noch zu klären, ob und was strafrechtlich relevant ist. "Dazu brauchen wir Beweise, müssen Material sicherstellen und genau wissen, was da verimpft wird", erklärt er. Aktuell habe man die Akten aus Lübeck kommen lassen. Sie müssten aber noch ausgewertet werden.

Auf der anderen Seite wird immer wieder kolportiert, die bereits zugelassenen Impfstoffe hätten lediglich eine Notzulassung. Das ist falsch. Notfallzulassungen sind nur auf nationaler Ebene möglich - aber das hat Gesundheitsminister Jens Spahn von Anfang an abgelehnt, weil eine europäische Zulassung angestrebt wurde. Um schneller impfen zu können, hat man aber dem Impfstoff Biontech/Pfizer eine bedingte Marktzulassung erteilt. Dabei ist die Zulassung zunächst auf ein Jahr befristet, fehlende Unterlagen werden nachgefordert. Sind alle Auflagen erfüllt, geht alles in eine reguläre Zulassung über. Dass auch die normalerweise nötigen Studien rasch beigebracht wurden, liegt am Verfahren "Rolling Review", bei dem sofort alle Zwischenergebnisse eingereicht und parallel geprüft werden, anstatt wie sonst üblich, erst am Ende aller Schritte.

  • Im Podcast: Winfried Stöckers heimliche Impfaktion - die Fakten, die Folgen:

Mehr zum Thema Löbau