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Waldheimer Fitnesstrainer stemmt Balken

Zwei Unternehmer praktizieren in Waldheim eine besondere Art der Hilfe. Die hätte es ohne Corona sicher nicht gegeben.

Waldheimer hilft Waldheimer: Bauunternehmer Roman Petters (l.) ist froh über Unterstützung auf den Baustellen und Fitnesstrainer Steffen Ulbricht erleichtert darüber, dass er Geld verdienen kann, während sein Studio geschlossen bleiben muss.
Waldheimer hilft Waldheimer: Bauunternehmer Roman Petters (l.) ist froh über Unterstützung auf den Baustellen und Fitnesstrainer Steffen Ulbricht erleichtert darüber, dass er Geld verdienen kann, während sein Studio geschlossen bleiben muss. © Dietmar Thomas

Waldheim. Die Arbeitskleidung von Steffen Ulbricht sieht seit Jahresbeginn anders aus. Statt in Sportsachen und Turnschuhe steigt er in eine robuste Arbeitshose und Schutzschuhe, die für den Job auf dem Bau unerlässlich sind. Montags bis mittwochs arbeitet der 49-Jährige auf den Baustellen der Roman Petters Bau GmbH, unter anderem auch am Erweiterungsbau der Waldheimer Oberschule.

„Er schalt mit uns und packt auch sonst fast überall mit an“, sagt Unternehmer Roman Petters. Gelernt hat Steffen Ulbricht das nicht. Aber er sei sozusagen auf einer Baustelle groß geworden: In dem Haus, in das er mit seinen Eltern als Kind zog, sei mehr als zehn Jahre um- und ausgebaut worden – und er mittendrin.

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Im Prinzip sei er handwerklich nicht ungeschickt, so schätzt sich der 49-Jährige ein. Nicht zuletzt deshalb lässt ihm Petters offen, auch nach der Wiedereröffnung des Fitness-Studios noch ab und an als Bauhelfer tätig zu sein. Für eine kleine Auszeit sei er als Helfer auf seinen Baustellen jederzeit willkommen, bietet Petters an.

Existenzängste durch Corona sind keine Ausnahme

Was sich beinahe wie ein großer Gaudi anhört, hat einen mehr als ernsten Hintergrund. Anfang November musste Steffen Ulbricht sein Fitness-Studio „Vitalis“ aufgrund der Pandemie erneut schließen. Seitdem lebe die vierköpfige Familie von einem Einkommen, dem seiner Frau. Dass ihm das Kopfzerbrechen bereitet, hatte der ausgebildete Fitnessfachwirt dem Bauunternehmer im schon schwierigen Corona-Sommer 2020 nicht verschwiegen.

„Ich kenne diese Art Existenzängste“, gibt Roman Petters zu. Dabei erinnert er sich an die Zeit der Bankenkrise, in der es weniger Investitionen gab – und somit auch für Baubetriebe weniger zu tun. „Das ist auch ein psychisches Ding“, so seine Erfahrungen.

Nicht zuletzt deshalb und, weil es für Handwerker im Moment gerade unheimlich viel zu tun gibt, hat der Bauunternehmer „seinem“ Fitnesstrainer eine Chance gegeben. Die beiden kennen sich seit Jahren auch durch den Sport. Seit 2017 steigt Petters im Vitalis auf die Geräte.

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„Vor einem Jahr habe ich ihn dafür bewundert, dass er trotz der Krise noch mit großem Elan die Sanitärräume hier im Studio renoviert hat“, so Petters. „Sein Optimismus ist klasse. Auch bei uns auf der Baustelle ist er immer voll konzentriert angetreten und hat sich nicht anmerken lassen, dass er vielleicht eine schlaflose Nacht hinter sich hatte“, sagt der Bauunternehmer.

Seit 2007 Betreiber von Fitness-Studio in Waldheim

Obwohl er als Chef des Waldheimer Gewerbevereins durch die Corona-Einschränkungen gerade wenig Kontakt zu den Mitgliedern hat, kann er sich vorstellen, dass Ulbricht bei weitem nicht der einzige Geschäftsmann ist, der unter der Situation zu leiden hat. „Bis April konnte ich hier noch alle Außenstände fürs Fitness-Studio begleichen“, erzählt der Chef von vier Festangestellten und drei Honorarkräften.

Jeden Euro, den er auch auf der Baustelle verdient hat, steckte er ins Geschäft. Für November und Dezember sind inzwischen staatliche Hilfen eingetroffen. Zum richtigen Zeitpunkt, denn bis dahin waren sämtliche Rücklagen verbraucht.

Roman Petters (links) will seinem Fitnesstrainer nicht mehr nur über die Schulter schauen, sondern möglichst rasch selbst wieder auf den Crosstrainer.
Roman Petters (links) will seinem Fitnesstrainer nicht mehr nur über die Schulter schauen, sondern möglichst rasch selbst wieder auf den Crosstrainer. © Dietmar Thomas

Mittlerweile hat sich Steffen Ulbricht gerührt, sich ans Landratsamt und eine Reihe Politiker gewandt, damit auch die Anschlussunterstützung baldmöglichst bei ihm ankommt. Denn mit Schulden will er nicht leben, das hat ihm die aktuelle Situation gezeigt.

Seit 2007 betreibt er das Fitness-Studio in der Andreas-Hecht-Galerie in Waldheim – jetzt musste er dem Vermieter erstmals die Miete schuldig bleiben. „Vorher konnten wir immer noch alles zahlen“, so der Inhaber. Außer der Miete gehörten dazu auch die Nebenkosten oder die Raten für die zeitgemäße Ausstattung des Studios mit Fitnessgeräten.

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Ulbricht hofft, dass die Mitglieder bald wieder an diese Geräte zurückkehren können. Petters juckt es beim Anblick von Hantelbank und Laufband schon in den Fingern. Er wünscht sich ein Stück Normalität zurück – für Familien, Wirtschaftsbetriebe, Gastronomen und Handwerker.

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