merken
PLUS Leben und Stil

Fledermäuse - die heimlichen Mitbewohner

Bei Dieter Gabler in Klingenberg haben Fledermäuse ein Zuhause gefunden. Doch die Tiere haben einen schlechten Ruf - nicht erst seit Corona. Zu Recht?

Reimund Francke aus Chemnitz hat dieses Braune Langohr als Fundtier aufgepäppelt. Als er es fotografierte, verspeiste es gerade eine Zimteule.
Reimund Francke aus Chemnitz hat dieses Braune Langohr als Fundtier aufgepäppelt. Als er es fotografierte, verspeiste es gerade eine Zimteule. © Reimund Francke

Dieter Gabler wischt den Winterstaub von seinem Fledermausdetektor und legt neue Batterien hinein. Zwei AA-Zellen braucht das Gerät, damit es die Ultraschallfrequenzen der Fledermäuse so umwandeln kann, dass auch ein Menschenohr sie wahrnimmt. Der Klingenberger richtet das Mikro gen Himmel und dreht an zwei Reglern. Aber der Kasten schweigt. Gabler sucht seine Fledermäuse. In der Woche vor Ostern waren sie zum ersten Mal in diesem Jahr da, schwirrten um die große Kastanie im Hof, flatterten quer durch das Obergeschoss der alten Scheune. Wenige Tage später, als der Nachtfrost sich zurückmeldete, ließen sie sich nicht mehr blicken.

Die fliegenden Säugetiere haben bei vielen Menschen einen schlechten Leumund: Sie tränken Blut, verfingen sich in Haaren, übertrügen Krankheiten, vielleicht sogar Corona. Was ist dran?

TOP Jobs
TOP Jobs
TOP Jobs

Finden Sie bei Top Jobs jetzt Ihren Traumjob in der Region! Attraktive Arbeitgeber Ihrer Region suchen Sie!

„An den Haaren?“, Bianka Schubert vom Naturschutzbund Sachsen lacht. „Aberglaube. Oder eine überlieferte Angst aus der Barockzeit, als künstliche Haartürme in waren.“ Fakt ist, dass die Wildtiere dem Menschen im Normalfall nicht zu nahekommen. Und von Blut ernährt sich keine einzige hier ansässige Art.

„Im Sommer ernten die Fledermäuse die Insekten von unserer Kastanie:“ Dieter Gabler aus Klingenberg mit seinem Fledermaus-Detektor.
„Im Sommer ernten die Fledermäuse die Insekten von unserer Kastanie:“ Dieter Gabler aus Klingenberg mit seinem Fledermaus-Detektor. © kairospress

Weltweit haben Forscher 1.115 Fledermausarten gezählt. In Sachsen kommen 22 vor. Die größte sächsische Art ist das Große Mausohr mit einer Flügelspannweite von bis zu 40 Zentimetern. Die winzigsten, die Mücken- und die Zwergfledermaus, sind streichholzschachtelklein. Bedroht sind sie alle und nach Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Aber es gibt Positives zu berichten, von Zuwanderern, vermutlich klimawandelbedingt. 2018 ist in Dresden erstmals in Sachsen eine Weißrandfledermaus nachgewiesen worden. 2019 wurden Alpenfledermäuse in Leipzig gesichtet. Die mediterranen Arten fühlen sich in Großstädten wohl.

In Klingenberg ist die Sonne hinterm Haus untergegangen. Die Tauben des Nachbarn kehren in ihren Schlag zurück. Aber Fledermäuse? Dieter Gabler blickt zum Himmel, er zieht die Schultern hoch. „Es könnte zu kalt sein“, sagt er. Frostfreiheit ist überlebenswichtig für die kleinen Säuger. Gibt es ab Anfang November keine Insekten mehr, begeben sie sich in den Winterschlaf. Dann dimmen sie ihre Körpertemperatur auf fünf bis drei Grad, verlangsamen Herzschlag und Atmung, im Extremfall um das 40-fache. Sobald im April die ersten wärmenden Sonnenstrahlen locken, kommen Kreislauf und Stoffwechsel wieder in Schwung. Und der Eisprung. Die Fledermaus wird trächtig ohne Begattung, zumindest ohne direkten Verkehr. Den haben die Tiere von September bis Oktober. Die Männchen locken die Weibchen dafür in Balzquartiere, Baumhöhlen entlang der Zugrouten der Damen. Ist der Akt vollzogen, speichern die Weibchen die Spermien im Geschlechtstrakt – ein halbes Jahr, bis die Witterung wieder ausreichend Nahrung für die neue Generation verspricht. Die Männchen können abdanken. „Sie sind nur für die Begattung da. Danach bilden die Weibchen eigene Kolonien und Wochenstuben“, berichtet Marion Lehnert vom Matriarchat der Nachtaktiven. Sie ist Projektleiterin für den Natur- und Artenschutz beim Nabu Sachsen.

"Heimische Fledermäuse spielen keine Rolle bei der Pandemie“

Dieter Gabler mag die Tiere. Vor zwei Jahren hat er zum ersten Mal bemerkt, dass seine Scheune zur Wochenstube wird, in der die Weibchen die Kleinen aufziehen. Er hat sie fotografiert, zusätzliche Versteckmöglichkeiten angebracht. Zwei Fenster sind immer geöffnet. An einem hat er eine Wildkamera installiert. „Die Fledermäuse kriechen hinter die Schalung auf der sonnenabgewandten Seite“, erklärt er und leuchtet verlassene Dachstuhlbretter an. Wenn es ihnen im Hochsommer zu heiß ist, verziehen sie sich in den alten Rübenkeller zwei Stockwerke tiefer. Gabler lässt sie gewähren. Aber das Corona-Virus hat ihn verunsichert. Schließlich sollen in Südchina beheimatete Arten Covid-19 zum ersten Mal auf einen Menschen übertragen haben. „Sollte ich die Scheune in der Dämmerung lieber meiden?“, fragte er in einem Leserbrief.

Klare Aussage des Nabu: Unsere Fledermäuse übertragen das Virus nicht. Das bestätigt auch das Friedrich-Löffler-Institut, zuständig für Tiergesundheit: „Nach jetzigem Kenntnisstand spielen heimische Fledermäuse keine Rolle bei der Pandemie“, teilt Biologin Elke Reinking mit. Sie stehen nicht im Verdacht, das Virus auf den Menschen zu übertragen, im Gegenteil: „Eine Gefährdung besteht eher in die andere Richtung – in einer Übertragung von infizierten Personen auf Fledermäuse.“

Ein Braunes Langohr in der Scheune von Dieter Gabler.
Ein Braunes Langohr in der Scheune von Dieter Gabler. © Thomas Kretschel

Gabler steht in Kontakt mit dem Nabu, hat Fotos seiner Mitbewohner geschickt. „Das sind Langohrfledermäuse, wahrscheinlich braune“, weiß Marion Lehnert. Vermutlich überwintern sie in einem der verlassenen Silberstollen der Gegend und haben sich auch jetzt wieder dorthin zurückgezogen. Langohren haben freundliche Gesichter. Sie sehen aus, als lächelten sie. Glück gehabt. Das Gesicht der Mopsfledermaus ist so flach wie das des gleichnamigen Hundes. „Manche sagen, dass sie aussieht, als wäre sie gegen eine Wand geflogen“, sagt Bianka Schubert. Das ist natürlich Quatsch. Navigieren alle anderen Fledermausarten schon atemberaubend präzise durch die Dunkelheit, setzt die Mopsfledermaus dem noch eins drauf. Sie hat ein zweiteiliges Echoortungs-Signal, Fachleute nennen es Flüsterruf. Mit dem gelingt es ihnen, auch jene Insekten auszutricksen, die sich evolutionär an ihre Jäger angepasst haben und sie in bis zu 30 Metern Entfernung hören können. Die Mopsfledermaus flüstert sich auf drei einhalb Meter heran – der Jagderfolg ist ihr gewiss.

Fledermäuse müssen etwa die Hälfte ihres Körpergewichtes an Futter erlegen, Nacht für Nacht. Die Wasserfledermaus, wiegt bis zu zehn Gramm. Es gibt sie häufig an den Lausitzer Seen, wo sie sich von Mücken ernährt. Aber wie viele Mücken ergeben ein fünf Gramm schweres Ragout? Etwa 4.000, hat der Nabu kalkuliert. Auf dem Speiseplan der nachtaktiven Tiere stehen außerdem Motten, Wickler, Spanner. Größere Arten fressen auch Maikäfer und andere Sechsbeiner. Während eines Sommers kommt pro Tier ungefähr ein Kilogramm Insekten zusammen.

Nicht mal im Wald haben sie ihre Ruhe

Dieter Gablers Langohren, egal, ob es die braunen oder die grauen sind, gehören zu den gefährdetsten Arten Sachsens. Sie schlafen bevorzugt in großen, hohen Räumen. „Das sind typische Kirchfledermäuse“, sagt Marion Lehnert. Aber in vielen Kirchen werden aus Unkenntnis über die Anwesenheit der Untermieter Dachluken geschlossen, andere Gotteshäuser werden nachts hell angestrahlt. Licht in der Nacht irritiert die eifrigen Insektenvernichter. So ist in der Dresdner Frauenkirche nach dem Wiederaufbau ein Quartier geschaffen worden, ähnlich dem, in dem vor der Zerstörung eine große Fledermauskolonie lebte. „Es ist bis heute nicht angenommen worden“, weiß Marion Lehnert. Sie erzählt von riesigen Fledermauskolonien, die in den Waschbetonfugen unsanierter WBS-70-Wohnblöcke lebten – weitgehend unbemerkt von den Menschen hinter den Platten. „Fledermäuse haben eine heimliche Lebensweise“, sagt sie. Mit der Sanierung sind viele Quartiere zerstört worden.

Nicht mal im Wald haben sie ihre Ruhe. „Waldfledermäuse wie die Nymphenfledermaus wechseln wöchentlich bis täglich aus Flucht vor Fressfeinden ihr Quartier in den Bäumen“, erklärt Bianka Schubert. Durch das massive Baumsterben der letzten Dürresommer mangelt es ihnen auch hier an Wohnraum. Quartiernot und Lichtverschmutzung sind nicht die einzigen Probleme. Was soll man fressen, wenn sich in versiegelten Ex-Brachen, in verschotterten Ex-Gärten oder über insektizid-behandelten Feldkulturen kaum noch Insekten tummeln? Der Mensch hat Ökosysteme zerstört, der Mensch muss helfen.

Dresden profitiert vom Fledermausschutz

Manche tun das. Zum Beispiel durch Ausgleichsquartiere für sanierte oder abgerissene Häuser. Das können Kästen in Bäumen oder an Gebäuden sein. Es reicht, eine Luke im Dach zu öffnen oder eine Abschlussleiste an der Holzvertäfelung des Hauses wegzulassen. Ein Spalt als Zugang ist genug. In Dresden sind so rund 25.000 Quartiere entstanden „Deutschlandweit ist das Spitze“, sagt Marion Lehnert. Die Stadt profitiert vom Fledermausschutz schon allein durch das Tempolimit auf der Waldschlösschenbrücke, das zum Schutz der Kleinen Hufeisennase in den Sommermonaten gilt. Es spült ihr jährlich sechsstellige Bußgeldbeträge in die Kassen. „Die Elbwiesen sind das Jagdhabitat der Art. Sie fliegen unter der Brücke durch und orientieren sich an den Büschen und Sträuchern“, so Bianka Schubert. Am Wasser und auf den Wiesen gibt es genug zu jagen. Man kann nachhelfen. Mit Fledermausbeeten, auf denen Leimkraut, Seifenkraut, Wegwarte, Nachtkerze wachsen. Die Pflanzen locken Nachtfalter an – Proteinbomben für die nächtlichen Segler.

Weiterführende Artikel

Corona: Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland sinkt weiter

Corona: Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland sinkt weiter

Knapp 2.000 Neuinfektionen weniger als vor einer Woche, Ärzte fordern Freiheiten für Astrazeneca-Erstgeimpfte, Impf-Priorisierung endet - unser Newsblog.

In Klingenberg singt ein Amselmann dem Tag ein Schlaflied. Nachbars Schafe blöken. Dieter Gabler hat den Detektor ausgeschaltet. Da, urplötzlich, huscht ein Schatten vorbei an der Kastanie hinein ins obere Scheunenfenster. Der Zoom auf das Foto, das kurz darauf entsteht, zeigt ein lächelndes Langohrengesicht.

www.fledermausschutz-sachsen.de

Fledermäuse in Zahlen:

25 verschiedene Fledermausarten leben in Deutschland. 22 davon sind in Sachsens Wäldern, an Seen, in Dörfern und Städten nachgewiesen worden.

Rund 1.000 Gramm Insekten wie Mücken, Motten, Spinner, Wickler und Käfer vertilgt jede Fledermaus in den sieben Monaten, in denen sie aktiv ist.

2.000 Kilometer weit ist eine Rauhautfledermaus von ihrem Sommer- bis zum Winterquartier geflogen. Auch Abendsegler und Zweifarbfledermaus sind Zugarten.

1 / 3

Mehr zum Thema Leben und Stil