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Freiheiten für Geimpfte ebnen den Wartenden den Weg

Die Rückgabe der Rechte für Geimpfte ist die einzige echte Öffnungsperspektive. Dafür braucht es einen neuen Solidarpakt. Ein Kommentar.

Gesundheitsminister Jens Spahn kündigte an, Geimpfte sollten nur die gleichen Rechte haben wie jemand, der negativ getestet wurde.
Gesundheitsminister Jens Spahn kündigte an, Geimpfte sollten nur die gleichen Rechte haben wie jemand, der negativ getestet wurde. © dpa

Von Sidney Gennies

Manchmal braucht es einen Piks, um sich daran zu erinnern, dass der Alltag, in dem wir seit einem Jahr leben, ein Ausnahmezustand ist – und nicht die Regel. Oder im Falle von Deutschland: mehr als zehn Millionen Pikse. So viele Impfdosen immerhin wurden bereits verabreicht.

Jede und jeder Geimpfte ist eine Erinnerung daran, dass Freizügigkeit, Reisen, Einkaufen, sich zu versammeln oder einen Geburtstag zu feiern, keine Privilegien sind. Es sind Rechte, die aus gutem Grund eingeschränkt wurden. Zum Wohle der Gemeinschaft. Aus dem gleichen Grund müssen die Einschränkungen, für jene, die geimpft sind, nun auch wieder fallen. Davon profitiert – anders als es zunächst scheint – die gesamte Gesellschaft. Denn die Rückkehr Weniger zur alten Normalität ebnet auch den vielen Wartenden den Weg aus der Krise.

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Die Kehrtwende des Jens Spahn

Die Frage, ob und wie das organisiert wird, stellt sich dieser Tage neu, seit wissenschaftlich gesichert ist, dass zweifach Geimpfte nicht nur sich selbst schützen, sondern auch niemanden mehr infizieren können. Für Berlin hat Wirtschaftssenatorin Ramona Pop die Debatte eröffnet. Alle müssten „mit der zweiten Impfung ihre vollen Freiheiten leben können“. Am Donnerstag will der Senat darüber beraten.

Gesundheitsminister Jens Spahn war für den Bund zurückhaltender, kündigte an, Geimpfte sollten nur die gleichen Rechte haben wie jemand, der negativ getestet wurde. Also zum Beispiel zum Friseur gehen können. Das wäre zu wenig, denn ein neuer, härterer Lockdown, der das auch für Getestete wieder unmöglich macht, kündigt sich bereits an. Dennoch ist es eine bemerkenswerte Kehrtwende.

Hinter dem Wort "Solidarität" lauert das Wort "Neid"

Noch Ende Dezember hatte Spahn gesagt: „Viele warten solidarisch, damit einige als Erste geimpft werden können. Und die Noch-nicht-Geimpften erwarten umgekehrt, dass sich die Geimpften solidarisch gedulden.“ Die Vorsicht ist nachvollziehbar, denn hinter dem Wort Solidarität lauert ein anderes, spaltendes: Neid.

Die Neiddebatte ist menschlich verständlich. Dennoch trübt sie den Blick auf eine Chance, einen neuen ungeschriebenen Solidarpakt. Und – da vor allem zuerst ältere Menschen geimpft werden – auch einen neuen Generationenvertrag.
Es ist wohl kein Zufall, dass es die Wirtschaftssenatorin war, die den Vorstoß machte, nicht die Gesundheitssenatorin. Der notwendige Lockdown in seinen verschiedenen Härtegraden schränkt nicht nur den Alltag heute ein, er bedroht all das, worauf sich Menschen nach dem Ausnahmezustand freuen: Theater, Bars, Restaurants, das Hotel am geliebten Ferienort – für viele: den Arbeitsplatz.

Die Verlockung der alten Rechte

Die Freiheit der Geimpften, ihr Geld, kann helfen, diese Dinge zu sichern, für jene, die sich jetzt noch gedulden müssen. Das ist jedenfalls für alle besser, als nur mit Milliarden Steuergeldern Unternehmen am Leben zu halten, deren Betreiber nichts lieber würden, als zu arbeiten. Nach dem gescheiterten Tübinger-Modell, das durch Tests Lockerungen ermöglichen wollte, ist die Rückgabe der Rechte für Geimpfte die einzige echte Öffnungsperspektive, die nicht gleichzeitig die Erfolge der bisherigen Anstrengungen aufs Spiel setzt.

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Mag sein, dass sich das im Moment für viele Branchen noch nicht rechnet. Doch mit jedem Geimpften rechnet es sich mehr. Und die Verheißung, wieder die alten Rechte zu genießen, wird die Impfbereitschaft erhöhen. Es ist eine sich selbst beschleunigende Rückkehr ins Leben.

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