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Freital: Corona-Tests im Akkord

Negativ sein ist Pflicht, auf Arbeit und im Bus. Für Zertifikate stehen die Menschen auch sonntags Schlange, wie in Freitals Oskarshausen.

Von Jörg Stock
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"Nase oder Rachen?" Vivian Lorenz (l.) und Ben Hofmann bei der Testprozedur im Freitaler Oskarshausen. Das Corona-Testzentrum bringt wenigstens ein bisschen Leben in den geschlossenen Freizeitpark.
"Nase oder Rachen?" Vivian Lorenz (l.) und Ben Hofmann bei der Testprozedur im Freitaler Oskarshausen. Das Corona-Testzentrum bringt wenigstens ein bisschen Leben in den geschlossenen Freizeitpark. © Karl-Ludwig Oberthür

Die Menschenschlange ist beachtlich. Vom Kopf her, wo es heißt "Nase oder Rachen", windet sie sich durch den Vorraum und dann zur Türe hinaus, um draußen noch einmal ein gutes Stück nach links abzubiegen. Sonntag ist ein starker Tag, sagt Theresa Tamme. Als Marketingchefin ist sie froh über den Andrang. Zugleich ist sie traurig, dass er nicht den Attraktionen des Freizeitparks Oskarshausen gilt. "Testzentrum gut und schön", sagt sie. "Aber wenn ich daran denke, was hier los sein könnte, blutet mir das Herz."

Der Landkreis erlebt einen Corona-Test-Boom. Seit Mitte November die kostenlosen Bürgertests reaktiviert und etwa zeitgleich 3G-Regeln für Arbeitsplatz und öffentlichen Nahverkehr eingeführt wurden, ist die Frequenz in den Testzentren rasant gestiegen. Wer weder geimpft noch genesen ist, braucht einen Nachweis, dass er coronafrei ist. Und das praktisch täglich, denn ein Antigen-Schnelltest gilt nur 24 Stunden.

Zweieinhalb Tausend Corona-Tests pro Tag

Laut Landratsamt sind aktuell etwa 60 Teststationen im Landkreis aktiv. Allein in den letzten drei Wochen seien 24 neue Testmöglichkeiten hinzu gekommen. Ziel sei eine möglichst flächendeckende Ausstattung, sagt Thomas Kunz, Sprecher der Behörde, "um den Bürgern die Möglichkeit des Tests in der Nähe anbieten zu können".

Rettungsdienste führen derzeit sieben Teststellen im Landkreis. Bei 53 weiteren handelt es sich um Dienstleister, die das Gesundheitsamt mit dem Testen beauftragt hat. Darunter sind Physiotherapeuten und Frisöre, Hotels, Logopäden, Fitnessstudios und auch der Pirnaer Filmpalast. Die Zahl der von den Beauftragten durchgeführten Tests liegt laut Amt bei durchschnittlich 2.500 pro Tag. Zwei Prozent davon fallen positiv aus.

Nicht alle Testzentren aus der vorigen Corona-Welle sind erneut am Start. Oskarshausen, das Erlebnisgelände im Freitaler Stadtteil Burgk, war bereits im März dieses Jahres mit dem Testen betraut worden. Nachdem der Testbetrieb zwischenzeitlich ruhte, wurde er nun wieder hochgefahren. Wochentags kann man schon morgens halb sieben zum Test kommen. Sonntags werden ab zwei Uhr nachmittags Abstriche genommen.

Oskarshausens Marketingchefin Theresa Tamme und ihr Weihnachtmann Bernd Birkner. Am 4. Adventswochenende ist zumindest der Verkauf wieder stundenweise geöffnet.
Oskarshausens Marketingchefin Theresa Tamme und ihr Weihnachtmann Bernd Birkner. Am 4. Adventswochenende ist zumindest der Verkauf wieder stundenweise geöffnet. © Karl-Ludwig Oberthür

Heute ist 3. Advent. Warum stellen sich so viele an, statt am Kaffeetisch zu sitzen? Weil sie keine Lust haben auf Teststress am Montagmorgen, vermutet Theresa Tamme. "Deshalb kommen sie jetzt." Im Schnitt holen sich täglich 150 Menschen ihren Test in Oskarshausen ab. Heute werden es beinahe zweihundert sein. Fünf werden beim Schnelltest eine böse, weil positive Überraschung erleben.

Ein groß gewachsener junger Mann mit Strickmütze hat seinen Abstrich gerade hinter sich gebracht und wartet nun auf das Ergebnis. Er arbeitet als Kfz-Mechatroniker. Tests vom Chef gibt es, erzählt er, "aber nicht direkt früh am Morgen." Einer der Kollegen werde auf Posten sein, die Negativbescheide der Eintrudelnden zu überprüfen. Also muss er heute hierher kommen, um sich einen zu besorgen.

Skeptiker warten auf den "Totimpfstoff"

Wie es ihm mit diesem Zustand geht, will der Mann nicht weiter kommentieren. "Es muss halt gehen", sagt er. Wäre impfen für ihn eine Option? Im Augenblick nicht. In die bisher entwickelten Impfmethoden hat er kein Vertrauen. "Wenn die Totimpfstoffe da sind, dann sicherlich." Dann hält er sein Zertifikat in der Hand. Für ihn kann die neue Arbeitswoche losgehen.

Die Mitarbeiter von Oskarshausen hingegen dürfen an reguläre Arbeit kaum denken. Ihr Freizeitpark ist geschlossen, per Corona-Notfallverordnung. Das Team zählt beinahe hundert Köpfe, ein Großteil Pauschalkräfte, aber auch dreißig Festangestellte. Fast alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, sagt Marketingchefin Tamme. Ein bisschen was gebe es zwar noch zu tun, in der Wartung und Instandhaltung, und natürlich im Testzentrum. "Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein."

Franziska Wagner an der Corona-Teststation von Oskarshausen. Normalerweise arbeitet sie am Empfang des Freizeitparks.
Franziska Wagner an der Corona-Teststation von Oskarshausen. Normalerweise arbeitet sie am Empfang des Freizeitparks. © Karl-Ludwig Oberthür

Pro Schnelltest können Dienstleister wie Oskarshausen 3,50 Euro Sachkosten und noch einmal acht Euro für die eigentliche Arbeit bei der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen. Doch geht es um mehr, als eine Einnahmequelle, sagt Theresa Tamme. Es geht darum, den Mitarbeitern eine Aufgabe zu geben, sie zu halten, für die Zeit nach Corona, die möglichst schnell kommen soll. "Wir wollen helfen, die Pandemie in den Griff zu kriegen."

Das Revival der Teststationen ist ein sachsenweites Phänomen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung mitteilt, gab es zum Stand 9. Dezember 1.075 Teststandorte im Freistaat. Noch Mitte September waren es rund 870 gewesen. Wie hoch die Kosten sind, die bisher dieses Jahr für Testungen abgerechnet wurden, darüber gibt es bei der Vereinigung keine Auskunft. Die Ausgaben werden letztlich vom Bundesamt für Soziale Sicherung übernommen.

Omi bringt Äpfel als Dankeschön

Bei Oskarshausen haben sich 15 Mitarbeiter für das Testen ausbilden lassen. So auch Franziska Wagner. Normalerweise ist sie an der Info-Theke von Oskarshausen zu finden. "Ich heiße die Gäste willkommen, die bei uns Spaß haben wollen", erzählt sie. Jetzt steht sie im Testzentrum am Computer, steckt Krankenversicherungskarten ins Lesegerät, druckt Bescheinigungen aus.

Auch wenn es hier nicht mehr um Spaß geht, der Stau beträchtlich ist und auch mal ein Kunde nörgelt - Franziska Wagner sieht das Gute in der Situation: "Es gibt ganz viele nette Menschen, die uns Danke sagen, dass wir das machen." Neulich hat eine Omi sogar eine Ladung Äpfel zur Aufmunterung vorbeigebracht.

Neue Ideen trotz Pandemiefrust: Oskars Backfabrik hat den Probebetrieb aufgenommen. Hier reicht Heike Sieg frischen Kuchen über die Theke zu Kundin Barbara Seifert.
Neue Ideen trotz Pandemiefrust: Oskars Backfabrik hat den Probebetrieb aufgenommen. Hier reicht Heike Sieg frischen Kuchen über die Theke zu Kundin Barbara Seifert. © Karl-Ludwig Oberthür

Aufmunterung können die Oskarshausener gut gebrauchen. Aber vor allem brauchen sie eine Perspektive, sagt Theresa Tamme. In der vorigen Corona-Welle war das Haus sieben Monate dicht. Monate des Wartens und der enttäuschten Hoffnungen. Wer in der Freizeit- und Eventbranche sein Geld verdiene, tue das mit viel Herzblut. "Für die Mitarbeiter ist es sehr schwer, nicht zu wissen, wann es weiter geht."

Theresa Tamme ist studierte Tourismuswirtin. Gerade war sie in Amerika, hat Anregungen für neue Attraktionen gesammelt. Darüber redet sie viel lieber als über das Testzentrum, redet auch lieber über die neue Backfabrik, über Brot und Brötchen, die im Holzofen, geheizt von Brennstoff aus heimischen Wäldern, ihre spezielle Note kriegen. "Ich hoffe und glaube, dass wir alle stärker und mit noch mehr Ideen zurückkommen", sagt sie. "Wir sind startklar."