merken
PLUS Freital

Corona: Die Ausweglosigkeit macht mürbe

Eine Freitaler Familie erzählt von ihrem Leben im Lockdown. Es geht um Verantwortung, Verwirrung und Verzweiflung. Und um frische Ideen.

Susann und Daniel Gliemann mit den Kindern Fiona und Benjamin auf der Terrasse ihres Hauses in Freital-Burgk.
Susann und Daniel Gliemann mit den Kindern Fiona und Benjamin auf der Terrasse ihres Hauses in Freital-Burgk. © Egbert Kamprath

Das ist hart. Keine Frage. Und doch: "Wir machen das Beste draus", sagen die Gliemanns. Auch wenn der Lockdown jetzt langsam wirklich an den Nerven zerrt und zieht, aus der Ruhe bringen lässt sich die Familie nicht. Auf der Terrasse ihres Hauses in Freital-Burgk, an der Seite des Windbergs, genießen sie die Frühlingsluft. Da sind die Gedanken frei. Da lässt es sich aushalten.

Das sind die guten Momente. Feierabend mit Familienglück. Doch der Alltag sieht anders aus. Susann Gliemann, 37, arbeitet als Tagesmutter. "Ich habe die meiste Zeit während des Lockdowns Kinder in der Betreuung gehabt", sagt sie. Das sei nicht einfach, wenn man wisse, dass die eigenen alleine zu Hause sind und ihre Schularbeiten machen müssen. Denn ihr Mann, Daniel, 40, ist als Klempner auch jeden Tag zur Arbeit gegangen.

Teppich Schmidt
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft

Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

"Verstehen Sie das nicht falsch", sagt er. "Wir empfinden es als Privileg, dass wir auch in dieser Zeit arbeiten dürfen, wo viele andere in Kurzarbeit oder als Selbstständige zum Nichtstun verurteilt sind." Doch nicht zu Hause sein zu können, obwohl die Kinder dort ihre Hilfe brauchten für vieles, was über den Tag zu tun ist, nicht nur mit den Schulaufgaben, das sei schon schwer zu verkraften. "Da fühle ich mich als Vater schlecht, obwohl mich keine Schuld trifft."

Corona-Maßnahmen sind widersprüchlich

Die Gliemanns sind keine Corona-Leugner, keine Ignoranten. "Wir sind eine ganz normale Familie. Wir nehmen die Pandemie ernst. Aber wir haben Fragen", sagt
Susann. Vieles, was die Politik entscheidet in diesen Tagen, Wochen und inzwischen langen Monaten, empfinde sie als Stückwerk. Nicht immer nachvollziehbar, widersprüchlich. "Warum ist Click und Meet jetzt wieder verboten, aber Frisöre dürfen weiter öffnen? Ein Massagesalon wiederum nicht."

Genauso sei es mit der Kinderbetreuung. "Ich bin froh, dass Tagesmütter weiter ganz normal alle ihre Kinder betreuen dürfen", sagt sie. "Aber dass nun die Kindergärten wieder schließen mussten?" Kopfschütteln. "Langsam kommen wir an eine Grenze."

Klar, für die Entscheidungsträger in der Regierung sei das eine sehr schwierige Situation. "Da möchte ich nicht tauschen", sagt Susann. Und Daniel fügt hinzu: "Es liegt auch nicht in unserem Ermessen, zu urteilen, ob die Maßnahmen alle richtig sind." Aber wenn der Sinn nicht mehr zu erkennen sei, werde es schwierig. Und wenn man sich kritisch äußert, werde man gleich abgeurteilt. "Das ist ein schmaler Grat. Da wird man schnell in eine Ecke gestellt, wo ich nicht hingehören will."

Kinder vermissen ihre Freunde

Die Kinder sind da weniger zurückhaltend und schon gar nicht diplomatisch. Fiona, mit ihren fast dreizehn Jahren ein aufgewecktes Mädchen, sagt: "Wir haben so viele Schulaufgaben, das ist alleine oft gar nicht zu schaffen." Deshalb ist sie inzwischen der Meinung: "Lieber testen, als Schule zu Hause." Ihre Freundinnen fehlen ihr sehr. Und Kontakt nur per WhatsApp, das sei nicht dasselbe. "Als mein Hase gestorben ist", erzählt sie, "da war ich wirklich traurig. Da hätte ich meine beste Freundin echt gebraucht."

Manchmal sei sie schon sehr an der Grenze und breche einfach so in Tränen aus, sagt sie selbst. "Da fällt mir hier echt die Decke auf den Kopf." Ihre Mutter hat dafür Verständnis und kann es doch nicht ändern. "Was willst du noch machen mit den Kindern die ganze Zeit zu Hause?" Da ist die Verzweiflung zu greifen. Das beschreibt das Gefühl, das viele Eltern jetzt haben - Ausweglosigkeit. Und das macht mürbe.

Der zehnjährige Benjamin sagt es konkret: "Ich will mal wieder ins Schwimmbad, in den Freizeitpark, ins Kino, ins Stadion zu Dynamo." Auch er ist im letzten Jahr schneller noch selbstständiger geworden, als es seinem Alter vielleicht entspricht. Da hat er viel dazu gelernt, sagen die Eltern und können dem Ganzen sogar noch etwas Positives abgewinnen.

Wie geht es weiter? Es fehlt eine Perspektive

"Was aber ganz klar fehlt, ist die Perspektive", sagt Susann. "Diese Ungewissheit, jeden Tag neue Regelungen, man weiß schon gar nicht mehr, was gerade erlaubt ist und was nicht, das macht es alles unnötig anstrengend." Der Politik gelinge es nicht mehr, die Maßnahmen vernünftig zu begründen, sagt ihr Mann.

Daniel Gliemann meckert aber nicht nur. Er engagiert sich bei den Freien Wählern in Freital. "Der Politik muss es gelingen, den Menschen Hoffnung zu geben und nicht immer nur Einsicht in weitere Einschränkungen abzuverlangen." Er habe sich gemeinsam mit der Akteursrunde "Windburgker" ein kleines Projekt vorgenommen in seinem Stadtteil.

Weiterführende Artikel

„Mit der Kita-Öffnung hätte man warten können“

„Mit der Kita-Öffnung hätte man warten können“

Vor mehr als einem Monat haben die Kindergärten in Sachsen wieder geöffnet. Kurz danach infizierte sich der Erzieher Falk Richter mit dem Virus.

Gedanken einer Kassiererin zu Corona

Gedanken einer Kassiererin zu Corona

Im ersten Lockdown gehörten Menschen wie die Radeberger Verkäuferin Maren Merz zu den Helden des Alltags. Die 54-Jährige blickt auf das Coronajahr zurück.

"Dieses Durcheinander frustriert"

"Dieses Durcheinander frustriert"

Katrin Hollube leitet das Regenbogen-Haus in Freital. Wie funktioniert ein Ort, der vom Miteinander lebt, in der Pandemie?

Stadtrat Freital streitet über Corona-Politik

Stadtrat Freital streitet über Corona-Politik

Elternprotest, Eilantrag, extreme Aussagen: Die Debatte lebt auf, doch bei manchen Stadträten bleibt der gute Ton auf der Strecke.

"Wir wollen am alten Förderturm in Burgk ein paar Blumen mit einer besonderen Symbolik pflanzen, um etwas Freude in die Stadt zu bringen." Natürlich müsse man auch bei dieser Aktion wieder genau gucken, was in der Corona-Zeit möglich ist und was nicht. Aber davon dürfe man sich nicht abhalten lassen. "Wir müssen etwas tun."

Mehr Nachrichten aus Freital und Umgebung lesen Sie hier.

Täglichen kostenlosen Newsletter bestellen.

Mehr zum Thema Freital