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Freitals Krampf mit einem Impfzentrum

Zwischen Aktionismus und Zorn: Quer durch alle Parteien wurde über ein Corona-Impfzentrum in Freital diskutiert. Rausgekommen ist am Ende - fast - nichts.

Das Pirnaer Impfzentrum in der Radeberger Straße ist auch für die Freitaler Anlaufpunkt.
Das Pirnaer Impfzentrum in der Radeberger Straße ist auch für die Freitaler Anlaufpunkt. © Norbert Millauer

Dass Freitals Oberbürgermeister Uwe Rumberg in der Stadtratssitzung eine Erklärung verliest, ist selten. Am Donnerstagabend aber gab es so einen Moment und er war gleich vier DIN-A4-Seiten lang. Es war nur der Auftakt zu einer äußerst emotional geführten Diskussion um das Thema Corona-Schutzimpfung.

Da fielen Sätze wie: "Das ist doch Polemik! Das kommt bei den Leuten da draußen beschissen an! Das ist Sache der Landesregierung, die nun endlich mal liefern muss."

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Es ging um die Verteilung der Impfzentren, das Chaos bei der Terminvergabe und vor allem darum, auch in Freital möglichst bald einen größeren Impfstützpunkt zu installieren.

Viele Senioren sind überfordert

Ausgangspunkt war ein gemeinsamer Eilantrag von CDU, der Fraktion Mitte-Links und den Bürgern für Freital. Gefordert wurde, dass "der Oberbürgermeister alle notwendigen Maßnahmen zur Errichtung eines Impfstützpunktes einleitet und den Impfvorgang bestmöglich und eventuell mit Personal unterstützt".

Großen Einfluss auf die Formulierung hatte wohl Heidrun Weigel. Sie ist nicht nur CDU-Stadträtin, sondern auch Seniorenbeauftragte. Und als solche musste sie sich in den vergangenen Wochen viele Klagen zum Thema anhören.

Von Senioren, die keinen Zugang zum Internet haben, dort also keinen Termin buchen können und dann stundenlang in der Telefon-Warteschleife hängen. Von Alten, die nicht wissen, wie sie ins Impfzentrum nach Pirna kommen. Von Menschen, die zuhause sitzen und erwarten, dass ganz altmodisch ein Brief mit der Impfaufforderung kommt.

Nur ein Impfzentrum pro Landkreis

Und nicht nur die Seniorenbeauftragte macht Druck. "Wir wollen mehr!", sagte Klaus Wolframm (SPD) laut und deutlich. Der Fraktionsvorsitzende von Mitte-Links berichtet von einem 81-Jährigen, der im von der Krankenkasse bezahlten Taxi nach Pirna zum Impfen fuhr. Seine 78-jährige Ehefrau begleitete ihn. "Der Mann saß auf der Rückfahrt geimpft im Taxi, seine Frau nicht. Die ist erst in ein paar Wochen dran", erzählt Wolframm und schiebt hinterher, was er von solch bürokratischen Festlegungen hält. "Das ist zu wenig. Das kommt bei den Leuten da draußen beschissen an", lautet der schon eingangs zitierte Kommentar.

Auch der Oberbürgermeister ist mit der Situation nicht glücklich. Er und der Erste Bürgermeister Peter Pfitzenreiter erläuterten, sie hätten sehr wohl im Hintergrund einiges unternommen, um ein Impfzentrum nach Freital zu holen. Zuständig sei jedoch zuerst das Land Sachsen, welches das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit der Durchführung der Impfungen beauftragte.

Das DRK habe dann tatsächlich bei der Stadt nach Räumlichkeiten angefragt. Es ging um ein barrierefreies Objekt mit vielen Parkplätze und viel Platz. "Wir hatten gehofft, dass die Turnhalle des Berufsschulzentrums vom Landkreis zur Verfügung gestellt wird", sagte Rumberg. Das war nicht der Fall. Andere Möglichkeiten sah der Oberbürgermeister nicht. Und Pirna, das müsse man zugeben, liege geografisch betrachtet im Landkreis nun mal zentraler als Freital.

Zwei Impf-Möglichkeiten für Freitaler

Das war der Punkt, den auch Franziska Darmstadt (CDU) betonte. "Die Freitaler können nach Pirna zum Impfen oder auch in die Dresdner Messe, die ja näher dran liegt. Wenn man auf die Landkarte schaut, gibt es Gebiete, die sind im Gegensatz zu Freital tatsächlich weiße Flecken." Darmstadt ist Medizinerin und hat nach eigener Aussage auch Kontakte zum Dresdner Impfzentrum. Und sie erklärte, gegen den Antrag stimmen zu wollen. "Hier wird der Stadt etwas aufgebürdet, wofür sie gar nicht zuständig ist. Der Verteilerschlüssel mit den 13 Impfzentren in Sachsen und der Impfreihenfolge ist nicht perfekt, aber es musste erst einmal losgehen."

Bald schon, so Darmstadt, seien alle Pflegeheime in Sachsen mit den Impfungen durch. "Dann werden die mobilen Teams frei für die Fläche. Und auch das Impfen bei Hausärzten wird kommen." Bereits Ende März könnte es soweit sein, so Darmstadt weiter.

Kritik an Innenminister Wöller

Auch Martin Rülke (Freitals konservative Mitte) äußerte sich. Er kritisierte scharf die Landesregierung und insbesondere einen ganz bestimmten Politiker. "Verantwortlich ist doch unser Innenminister Roland Wöller, der Leiter des Corona-Krisenstabs ist, in Freital lebt und Landtagsabgeordneter für unser Gebiet ist. Wo ist denn außerhalb von Landtagswahlen sein Engagement für die Region?", fragte Rülke.

In die Kerbe schlug auch der Oberbürgermeister. "Ich muss mein Unverständnis äußern, dass vonseiten der Seniorenbeauftragten Frau Weigel gemeinsam mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Herrn Wöller mit dem Finger auf die Stadt und auf mich gezeigt wird", kommentiert Rumberg. Er erwarte von einem Vertreter der Landesregierung, der de facto für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung zuständig ist, mehr.

Rumberg - inzwischen bekanntlich parteilos - bezog sich damit auf eine Forderung des CDU-Stadtverbandes an die Stadtverwaltung, mehr für das Impfen zu tun. Roland Wöller unterstützte diese Forderung ausdrücklich.

Freital bewirbt sich um Impf-Außenstelle

Empört ist Rumberg auch deshalb, weil die Stadt nicht untätig gewesen sei, wie er ausführte. So ist die Verwaltung mit dem DRK und dem Landratsamt im Gespräch, in Freital ein Behelfsimpfzentrum einzurichten. Die Stadt will dafür ein Gebäude und das DRK Freital Personal zur Verfügung stellen.

Allerdings haben sich auch andere Kommunen gemeldet, die gerne eine solche Impf-Außenstelle einrichten wollen. Und nur eine soll es neben dem Impfzentrum Pirna im Landkreis überhaupt geben.

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Es ist also Bewegung drin. Allerdings nicht so viel, wie sich viele Lokalpolitiker wünschen. "Das geht alles viel zu langsam! Das muss man mit aller Deutlichkeit so sagen", monierte SPD-Mann Wolframm. Freitals Oberbürgermeister fasste es am Ende ironisch zusammen. "Es ist mit deutscher Gründlichkeit gelungen, eine Bürokratie aufzubauen, in der am Ende nichts mehr geht."

Der Antrag zum Impfzentrum übrigens wurde nach langer Debatte zurückgezogen.

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