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Der Tag der heißen Schere

Die Friseure sind wieder da. Aber die Termine sind weg, wenigstens bis Ostern. Ein Besuch in Janas Salon in Kleinnaundorf bei Freital.

"Ein Stück Wellness." Friseurmeisterin Jana Sparmann winkt ihrer Kundin Annett Plewan-Lüdecke, die frisch frisiert den Salon in Freital-Kleinnaundorf verlässt.
"Ein Stück Wellness." Friseurmeisterin Jana Sparmann winkt ihrer Kundin Annett Plewan-Lüdecke, die frisch frisiert den Salon in Freital-Kleinnaundorf verlässt. © Egbert Kamprath

Die Haare sind bei Annett Plewan-Lüdecke schon immer das große Thema, ihr "spezieller Vogel", wie sie lachend zugibt. "Alles ist egal, Hauptsache die Haare liegen." Heute ist der 1. März. Es ist der Tag, an dem die Friseure wieder öffnen, nach zehneinhalb Wochen Corona-Pause. Und Annett Plewan-Lüdecke sitzt mit färbender Tinktur auf dem Haupt im Frisierstuhl. Sie hat heute Geburtstag, den vierundvierzigsten. Kann es ein schöneres Geschenk geben?

Der Termin ist ein Geschenk, den Jana Sparmann ihrer Stammkundin gemacht hat. Die Friseurmeisterin führt den haarigen Teil des Salons Jana & Carina, der auch ein Kosmetikstudio enthält. Der Laden, einer von rund 260 Friseurbetrieben im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, steht im ruhigen Freitaler Stadtteil Kleinnaundorf. Mit der Ruhe im Salon ist es seit 7 Uhr vorbei. Der Tag der heißen Schere ist angebrochen.

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Magisches Datum: Die Mädels von Janas Friseursalon sind glücklich, wieder Scheren, Kämme und Föhne in Betrieb nehmen zu können.
Magisches Datum: Die Mädels von Janas Friseursalon sind glücklich, wieder Scheren, Kämme und Föhne in Betrieb nehmen zu können. © Egbert Kamprath

Dass die Chefin, abgesehen von ihrer feuerroten Mähne, ganz in Schwarz geht, hat nichts zu bedeuten. Dieser Tag ist ein Tag der Freude, für sie und ihre Mädels. Heute Morgen, auf der Autofahrt hierher, da hatte sie sogar ein paar Tränen in den Augen. Das hat sie irgendwie überrumpelt, sagt sie. Und dann, als der erste Kunde den Salon betrat… „Es war ein sehr schönes Gefühl.“

Vollbremsung von zweihundert auf null

Ein Gefühl, so ganz anders als kurz vor Weihnachten 2020. Es war der 16. Dezember, als die Friseure alle Scheren weglegen mussten, mitten in der Hochsaison. Auch in Janas Salon wurde damals emsig gearbeitet. Der Lockdown kam wie eine Vollbremsung, von Tempo 200 auf null, sagt sie. Auch wenn es schon die zweite Zwangsschließung war - diesmal war sie irgendwie schwerer zu verdauen. "Da war eine große Leere."

"Ein sehr schönes Gefühl." Chefin Jana Sparmann musste vor Eröffnung des Landens sogar ein paar Freudentränen verdrücken.
"Ein sehr schönes Gefühl." Chefin Jana Sparmann musste vor Eröffnung des Landens sogar ein paar Freudentränen verdrücken. © Egbert Kamprath

Fast schon dreißig Jahre macht die quirlige Jana Sparmann den Leuten die Haare schick. 2008 übernahm sie das Geschäft nahe dem verträumten Kleinnaundorfer Dorfplatz, wurde Meisterin. Es schmerzte, das Handwerkszeug ruhen zu lassen. Es kam das Grübeln: Wie weiter? Und wann? Schließlich schickte sie sich in die Lage, die sie nicht ändern konnte, ging viel raus in die Natur, war mit dem Hund unterwegs, tat das, was bisher kaum ging: entspannen ohne Gewissensbisse.

Friseure sind Schickmacher und Psychologen

Doch nun schnippeln die Scheren wieder, die Trimmer brummen, das Telefon dudelt ohne Unterlass. Carola May hat den Posten am Bestellbuch übernommen, obwohl sie heute eigentlich frei hätte. "Ich muss doch die Mädels unterstützen." Der Stress, das Pendeln zwischen Telefonhörer und Kunden, ist noch etwas ungewohnt nach der langen Pause, sagt sie. "Noch zwei, drei Tage, dann sind wir wieder im Rhythmus."

Fast pausenlos am Hörer: Carola May vergibt Termine. Neukunden werden sich wohl bis nach Ostern gedulden müssen.
Fast pausenlos am Hörer: Carola May vergibt Termine. Neukunden werden sich wohl bis nach Ostern gedulden müssen. © Egbert Kamprath

Carola May ist die dienstälteste Friseurin im Laden. Sie weiß, was der Haarschnitt den Menschen bedeutet. Er gibt ihnen Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Wo schaut man denn hin, wenn man jemanden auf der Straße trifft? "Natürlich ins Gesicht, und auf die Haare." Doch Friseure kümmern sich auch ein bisschen um die Seele, besonders jetzt, in diesen schweren Zeiten. Mancher schüttet auf dem Frisiersessel sein Herz aus. "Da versucht man dann auch zu trösten."

Wieder unter die Leute trauen

Für die Friseure sind die Zeiten jetzt ein bisschen weniger schwer geworden. Sie dürfen wieder arbeiten. Aber Carola May tut es leid für die anderen Gewerbe, die weiter im Lockdown feststecken. Ihre Tochter ist Köchin in einem nun geschlossenen Gasthaus. Kellner sind nur wenige Augenblicke an ihren Kunden dran, die Friseure manchmal Stunden. Da plagt sie schon ein wenig das schlechte Gewissen, sagt sie.

Zehneinhalb Wochen hatten die Scheren und Klemmen Pause. Jetzt dürfen die 260 Friseurbetriebe im Landkreis wieder loslegen.
Zehneinhalb Wochen hatten die Scheren und Klemmen Pause. Jetzt dürfen die 260 Friseurbetriebe im Landkreis wieder loslegen. © Egbert Kamprath

Bei Jana Sparmann steht ein Herr frisch frisiert aus dem Stuhl auf. Es fühlt sich wieder luftig und leicht an am Kopf, sagt er. Sein ursprünglicher Termin war wegen des Lockdowns ausgefallen. Telefonisch hatte er sich um einen neuen beworben und es hat geklappt. "So kann ich mich wieder unter die Leute trauen."

Stammkunden werden zuerst versorgt

Um den Haarschnittstau abzubauen, haben einige Salons ihre Kunden von sich aus angerufen und Termine verteilt. Jana Sparmann hat das abgewählt. Wen ruft man zuerst an? Wen später? Das wäre nicht fair gewesen, findet sie. Stattdessen hat sie an fünf Tagen Zeitfenster für telefonische Anfragen angeboten. Von zehn bis 14 Uhr. Dass das Handy schon ab morgens um acht Spektakel machte, war abzusehen. "Es dudelte die ganze Zeit."

Frisur in Arbeit: Annett Plewan-Lüdecke hat einen der ersten Termine erhascht. Es ist ausgerechnet ihr Geburtstag.
Frisur in Arbeit: Annett Plewan-Lüdecke hat einen der ersten Termine erhascht. Es ist ausgerechnet ihr Geburtstag. © Egbert Kamprath

Und es dudelt noch immer. Ein Auge auf dem Scheitel des Kunden, das andere im Bestellbuch, so sieht man Jana Sparmann arbeiten. Jetzt geht es vor allem darum, die Stammkunden unterzubringen, sagt sie. Wer als Neuling anruft, muss sich gedulden. Freie Termine wird es vermutlich erst nach Ostern wieder geben.

Die Wartezone auf der Fensterbank

Auch wenn die Abläufe noch nicht alle wieder in Fleisch und Blut stecken - der Laden läuft, sagt die Chefin. Aber er läuft anders, wegen der Corona-Regeln. Es gibt einen Arbeitsplatz weniger, und ein paar Plexiglaswände mehr, die Kinderecke ist ausgeräumt, der Wartebereich auch. Wer robust ist, kann sich draußen mit einem Kissen auf die Fensterbank setzen.

Der Wartebereich ist coronabedingt im Freien. Wer will, kann sich mit einem Kissen auf die Fensterbank setzen.
Der Wartebereich ist coronabedingt im Freien. Wer will, kann sich mit einem Kissen auf die Fensterbank setzen. © Egbert Kamprath

Es wird geputzt, gewischt, desinfiziert, und gelüftet, gelüftet, gelüftet. Und es wird getestet. Beim Deutschen Roten Kreuz hat Jana Sparmann extra ein Seminar besucht, damit sie die nun vorgeschriebenen Corona-Schnelltests an ihren Mitarbeiterinnen selbst durchführen kann. Jede Woche ist ein neuer fällig.

Renovierung muss verschoben werden

Die Tests kosten Geld, außer man fährt extra in eins der neuen Testcenter. Geld kostet auch all die zusätzliche Hygiene. Lieferanten erhöhen die Preise. Jana Sparmann hat lange mit sich gerungen, ob sie ihre Preise auch anheben sollte. Sie hat es schließlich getan. Ein Schnitt kostet jetzt etwa fünf Prozent mehr.

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Eigentlich wollte die Friseurmeisterin in ganz andere Sachen investieren als in Teststäbchen, Schutzmasken und Desinfektionslösung. Sie wollte ihren Laden renovieren, alles schicker machen, moderner. Gut, dass sie die Baumaßnahme noch vor Corona abblasen konnte. Das Geld dafür ist nun nicht mehr da. Aber der Salon ist noch da. Und er bleibt da, das ist für Jana Sparmann ausgemacht. "Wenn die Kunden uns treu sind, schaffen wir das."

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