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Wohin mit all den Weihnachtsgänsen?

Ladenhüter oder Verkaufsschlager - der Weihnachtsbraten 2020 steht auf der Kippe. Davon profitieren können Produzenten, die die Krise meistern.

Gertraud und Dietrich aus Grimma verzichten gerne aufs Selberbraten und holen ihre Gans lieber bei der Gänsefarm Eskildsen in Wermsdorf ab. Die "Gans to go" ist dort im Corona-Jahr ein echter Verkaufsschlager.
Gertraud und Dietrich aus Grimma verzichten gerne aufs Selberbraten und holen ihre Gans lieber bei der Gänsefarm Eskildsen in Wermsdorf ab. Die "Gans to go" ist dort im Corona-Jahr ein echter Verkaufsschlager. © Anja Jungnickel

Wermsdorf/Königswartha. Bei der Frage, ob Lorenz Eskildsen seine Weihnachtsgänse im Corona-Jahr nicht los wird, fängt er an zu lachen: "Wenn Sie mal lange Menschenschlangen sehen wollen, dann kommen Sie nach Wermsdorf", antwortet er. Das klingt nach Erfolg, dabei war es ein harter Lern- und Anpassungsprozess. Eskildsen, Geschäftsführer der größten sächsischen Gänsefarm, hatte sich auf die Fahnen geschrieben, in der Vorweihnachtszeit Pionier zu sein - in Sachen Gastronomie, Verkauf und Corona: "Wir hatten den Anspruch an uns, dass unsere Kunden sagen: Mensch, mit diesem Hygienekonzept haben die sich wirklich gut auf dieses Event Gänsemarkt vorbereitet." Das Credo stammt aus der Zeit vor den Einschränkungen im Herbst.

Am 1. November beginnt auf Eskildsens Gänsefarm, die in Sachsen Standorte in Wermsdorf und Königswartha und einen weiteren in Brandenburg betreibt, traditionell das Jahresgeschäft: Verkauf von Frischfleisch, Event-Gastronomie vor und während der Feiertage, das ein oder andere Weihnachtsgeschenk - über all diese Wege profitiert die Gänsefarm Eskildsen in normalen Jahren von der Vorweihnachtszeit. 30.000 Gänse aus eigener Zucht zieht die Gänsefarm in jedem Jahr dafür unter modernsten Bedingungen heran.

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30.000 Gänse wurden in diesem Jahr etwa auf der Gänsefarm in Wermsdorf und Königswartha großgezogen. Vom Corona-Jahr profitieren sie nicht. Stattdessen verschönern sie den Weihnachts-Lockdown.
30.000 Gänse wurden in diesem Jahr etwa auf der Gänsefarm in Wermsdorf und Königswartha großgezogen. Vom Corona-Jahr profitieren sie nicht. Stattdessen verschönern sie den Weihnachts-Lockdown. © Anja Jungnickel

Um das Geschäft mit dem Weihnachtsbraten auch in Anbetracht der Corona-Pandemie nicht aufgeben zu müssen, wappnete man sich bereits im Herbst: Zelte für rund 50.000 Euro wurden angeschafft, um die gastronomische Fläche um 150 Prozent zu erweitern; vertraglich verpflichtetes Security-Personal sollte dafür zu sorgen, dass die Sicherheitsbestimmungen auch im Weihnachtstrubel eingehalten werden. "Am 1. November war der Ansturm groß, am 2. November haben wir wieder zugemacht. Unsere Bemühungen sind einfach verpufft", sagt Geschäftsführer Eskildsen nach Erlass der Allgemeinverfügung, die Gastronomen aller Art zur Schließung zwang. Und trotzdem klingt er noch entspannt: "Wir haben spätestens bei der Geflügelpest gelernt, auch Krisenmanager zu sein."

Gänse werden häufiger selbst gebraten

Während man ihm zuhört, könnte man auf die Idee kommen, die Corona-Krise sei für die hiesige Weihnachtsbratenindustrie gar nicht so schlimm. Vom Einbruch der Absätze durch die Schließung der Gastronomien sei die Gänsefarm Eskildsen jedenfalls kaum betroffen: "Zu 85 Prozent werden die Gänse für gastronomische Einrichtungen aus Polen und Ungarn importiert", sagt Eskildsen gelassen. Dort seien die Märkte zusammengebrochen. Sein Unternehmen hingegen profitiere vielleicht sogar: "In der ersten Welle haben wir gesehen: Die Leute beginnen zu kochen und zu backen. Jetzt braten sie. Im Hinblick auf den Absatz konnten wir unser Geschäft nahezu halten." Eskildsens kaufmännischer Leiter Jürg Krönert klingt da verhaltener: "Klar holt sich jetzt jeder die Gans nach Hause. Aber die weggefallene Gastronomie muss man trotzdem erst einmal kompensieren", sagt er mit Blick auf die Bewirtungsmöglichkeiten im eigenen Haus.

'Kompensation' schreit im Hause Eskildsen, das sich mit der Vermarktung von Gänsen bestens auskennt, nach einem eigenen Produkt. Das heißt "Gans to go" und ist täglich warm für die Mittagspause oder gut verpackt für später erhältlich. Und es scheint Lücken in Magen und Bedürfnissen gleichermaßen zu füllen: "Die Leute können sich momentan zwischen Döner und Pizza entscheiden, wenn sie nicht selbst kochen wollen. Das wird auf Dauer langweilig. Wir bieten da eine Alternative", hat Lorenz Eskildsen beobachtet.

Lange Schlangen bilden sich täglich vor dem Gänsemarkt im Eskildsschen Hauptstandort in Wermsdorf. Die Hygieneregeln werden hier auch von den Kunden penibel eingehalten, doch manches zartbesaitete Gemüt muss auch besänftigt werden.
Lange Schlangen bilden sich täglich vor dem Gänsemarkt im Eskildsschen Hauptstandort in Wermsdorf. Die Hygieneregeln werden hier auch von den Kunden penibel eingehalten, doch manches zartbesaitete Gemüt muss auch besänftigt werden. © Anja Jungnickel

Und die ist gefragt. Einige hundert Portionen von Gans mit Soße und Rotkohl gehen in der Wermsdorfer Gänsefarm täglich über die Ladentheke. Der Ansturm ist groß, manches Gemüt beim langen Warten zunehmend zart besaitet: "Man muss schon sagen, der ein oder andere hat in diesen Tagen ein - ich will mal sagen - sanftes Nervenkleid", hat Jürg Krönert beobachtet. Der Anspannung der Vorweihnachtszeit - auch ihr will man auf Eskildsens Gänsefarm einen Kontrapunkt entgegensetzen. So locken Strohballen, detailverliebte Deko und angenehme Beleuchtung im Inneren der Eskildsenschen Gänsemärkte mit Momenten der Heimelichkeit. Und sogar ein bisschen Zeit darf man sich bei der Begutachtung der Angebote von Frischfleisch, Daunenfederbett und Gans to go lassen.

Denn trotz aller Unsicherheiten der Corona-Zeit ist sich Lorenz Eskildsen sicher, dass ein Mangel an Weihnachtsgänsen auch in diesem Jahr nicht zu befürchten ist. "Wir dürfen Weihnachtsgänse verkaufen - so, wie man Tannenbäume verkaufen darf", macht Sachsens Gänsefarmer Nummer eins klar.

Gänsebrust mit Soße und Rotkohl zum Mitnehmen - viele Menschen nehmen die Alternative zu Pizza und Döner dankbar an.
Gänsebrust mit Soße und Rotkohl zum Mitnehmen - viele Menschen nehmen die Alternative zu Pizza und Döner dankbar an. © Anja Jungnickel

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