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Tschechien trauert um Corona-Opfer

Am Montag hat Tschechien innegehalten und der Opfer der Pandemie gedacht. Doch auch ein Jahr nach dem Beginn der Krise ist die Lage im Land angespannt.

Auf dem Altstädter Ring in Prag tauchten am Montag Tausende Kreidekreuze auf, die an die Toten erinnern sollten. Hinter der Aktion stand die regierungskritische Bürgerinitiative "Eine Million Augenblicke für Demokratie".
Auf dem Altstädter Ring in Prag tauchten am Montag Tausende Kreidekreuze auf, die an die Toten erinnern sollten. Hinter der Aktion stand die regierungskritische Bürgerinitiative "Eine Million Augenblicke für Demokratie". © Petr David Josek/AP/dpa

Es ist ein ergreifender Augenblick am Montagmittag, wie ihn unser Nachbarland in der Zeit seiner Eigenstaatlichkeit noch nie erlebt hat: In allen Ecken Tschechiens läuten Punkt 12 Uhr die Kirchenglocken als Sterbeglocken. Live von Hörfunk und Fernsehen übertragen, in zahlreichen Schaltungen quer durch das Land.

Die wenigen Menschen, die zu diesem Zeitpunkt unterwegs sind, bleiben während einer Schweigeminute stehen. Manche haben Tränen in den Augen. Tschechien gedenkt in dieser Minute des Schweigens und des Geläuts der Glocken seiner Covid-Toten. Das Land beweint momentan weltweit die meisten Toten pro 100.000 Einwohner.

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Was das Virus in einem Jahr seit dem ersten tschechischen Toten angerichtet hat, ist beeindruckend auf einem Fernsehbild zu sehen, das den Altstädter Ring in Prag von oben zeigt. Die Hälfte des großen, von schönen Patrizierhäusern gesäumten Platzes, der in normalen Zeiten vor allem von Touristen aus aller Herren Länder bevölkert wird, ist mit Totenkreuzen bemalt. Dicht an dicht. Freiwillige haben das Pflaster am Vormittag in einer mehrstündigen Aktion auf diese Art gekennzeichnet. Fast 25.000 weiße Kreuze. Jedes Kreuz für einen Toten. Der Anblick verschlägt einem den Atem, denkt man an die Schicksale, die hinter jedem Verstorbenen stehen.

Immer jüngere Patienten

Die Hälfte der Toten muss seit Anfang dieses Jahres beklagt werden. In dieser Zeit starb alle sieben Minuten und neun Sekunden ein Mensch im Zusammenhang mit der Pandemie. Ausgerechnet hat das der Initiator der Schweigeminute, der einstige Dissident, spätere Diplomat und jetzige Publizist Petr Pospíchal. In einem Beitrag für die Montag-Ausgabe der Zeitung Mladá fronta Dnes schrieb er darüber, dass seine Frau seit geraumer Zeit als Freiwillige auf der Covid-Station eines Kreiskrankenhauses arbeitet und sich nach wie vor schwer tut, Patienten im immer jünger werdenden Alter sterben zu sehen.

„Abends ruft sie mich an und erzählt mir, wie den Sterbenden die Augen verlöschen“, schrieb Pospíchal. Menschen, die man teilweise kurz vorher erst auf die Intensivstation verlegt habe, die sich noch bemüht hätten, um ihr Leben zu kämpfen, die verzweifelt nach Luft gerungen hätten und denen dann doch die Kraft ausgegangen sei. „Menschen, die allein hätten gehen müssen. Ohne Angehörige, die ihnen mit einem Halten der Hand vielleicht noch etwas von der erforderlichen Kraft fürs Überleben hätten geben können.“

Womöglich hätte Tschechen nicht so viele Opfer beklagen müssen. Das Land verfügte schon zu sozialistischen Zeiten über ein vergleichbar sehr robustes Gesundheitswesen. Auch heute noch hält es mit Blick auf die Einwohnerzahl mehr Intensivbetten vor als der sehr viel größere Nachbar Deutschland.

Kritik am Krisenmanagement der Regierung

Doch in der derzeitigen Pandemie hat man nach einer Studie, die ebenfalls zum Jahrestag des ersten Covid-Toten veröffentlicht wurde, offenkundig mehrere Fehler gemacht. Laut der Behörde für gesundheitliche Information und Statistik, die die Studie anfertigte, hat man zu lange gewartet, ehe man die Menschen in den Kliniken aufnahm. Schon fünf Prozent seien noch am Tag ihrer Einlieferung verstorben. Ein Drittel starb nach bis zu nur vier Tagen des Klinikaufenthalts.

Riefen Menschen mit Anzeichen einer Infektion in einem Krankenhaus an, seien sie zu häufig damit abgespeist worden, dass sie sich in ihrem eher unbedenklichen Zustand zuerst mit Hausmitteln behelfen sollten. Als die nichts brachten, seien sie dann zu spät in die Hände der Ärzte gelangt. Das habe besonders Patienten mit der britischen oder südafrikanischen Mutation des Virus betroffen. Diese Mutationen seien überaus aggressiv und verschlechterten den Zustand der Betroffenen binnen weniger Stunden.

Auch könnten etwa Menschen mit einer Lungenentzündung nicht selbst einschätzen, wie konkret gefährdet sie seien. Die Anzeichen für eine wirklich schwere Erkrankung würden subjektiv häufig von den Patienten nicht so wahrgenommen. Laien könnten aber den Sauerstoffgehalt der Atemluft nicht messen und ahnten nicht, dass sie sofortige Hilfe brauchen, heißt es in der Studie. Sie empfiehlt in der Folge, dass Lungenpatienten sehr viel früher ambulant untersucht werden.

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Dass die Studie der Regierung wiederholte Fehler bei der zu frühen Öffnung von Ausnahmezuständen vorwirft, war allgemein erwartet worden. Solche Fehler hat inzwischen auch Regierungschef Andrej Babiš im Parlament eingestanden. Solche Fehler möchte die Regierung in der Zukunft gern vermeiden. Von Lockerungen vor Ostern ist derzeit jedenfalls nicht die Rede. Aber die Zahlen geben das auch nicht her - selbst wenn sie leicht rückläufig sind. Die Zahl der schweren Verläufe sinkt nicht. Auch darauf übrigens wollte das Montags-Gendenken für die Toten in Tschechien hinweisen.

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