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"Hinterher ist man immer schlauer"

Prof. Christian Brauweiler aus Zittau kritisiert die statistischen Thesen von Prof. Peter Dierich zu den Corona-Maßnahmen scharf. Ein Gastbeitrag.

Prof. Dr. Dr. Christian Brauweiler.
Prof. Dr. Dr. Christian Brauweiler. © privat

Die SZ hatte Prof. Dierichs Thesen im Artikel "Mathematik gegen Corona-Maßnahmen?" am 8. Oktober online veröffentlicht.

Von Prof. Christian Brauweiler

Klinik Bavaria Kreischa
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Ich kann mich nicht erwehren, die wiederum haltlosen Positionen (wie schon in seinem ersten Aufsatz zu statistischen Untersuchungen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Pandemie, der trefflich von Kollegen der TU Dresden kritisiert wurde) des ansonsten geschätzten Kollegen Dierich mal an einigen exemplarischen Punkten zu hinterfragen beziehungsweise gerade zu rücken, da er von zum Teil falschen Annahmen, die er leider als Fakten darstellt, ausgeht.

Lockdown kam eher

1. „Der Lockdown wurde am 23. März eingeleitet, er könne demnach seine Wirkung erst ab dem 30. März entfaltet haben. Die Zahl der tatsächlich registrierten Neuerkrankungen habe dagegen bereits am 21. März ihren Höhepunkt erreicht.“

Am Beispiel des Bildungssystems werden hier die korrekten Daten aufgezeigt: Fakt ist, dass zum Beispiel die sächsischen Hochschulen den eigentlich per 16. März geplanten Vorlesungsbeginn schon am Freitag, 13. März um 14 Tage verschoben haben – später kam es dann zur kompletten physischen Schließung der Hochschulen, die Lehre wurde online durchgeführt.

Auch ist Fakt, dass die sächsischen Schüler und Schülerinnen am Montag, 16. und Dienstag, 17. März nur „freiwillig“ zu einer Notbetreuung in die Schulen gehen durften, ab Mittwoch, 18. März waren die Schulen bereits geschlossen. Für einen Großteil der Schüler*innen war somit am Freitag, 13.3. letzter Schultag.

Auch in anderen Einrichtungen in Sachsen, aber desgleichen in anderen Bundesländern begann das „Herunterfahren“ des gesellschaftlichen Lebens schrittweise, aber bereits lange vor dem 23. März. So zeugt zum Beispiel eine Verordnung des Landes Baden-Württemberg vom 16. März davon: Einstellung des Schulbetriebs ab 19. März, Hochschulen wurden ab 17. März geschlossen, am 17. März wurde die Schulschließung sogar mit einer neuen Verordnung um einen Tag auf den 18. März vorgezogen.

In Bayern – einem bevölkerungsstarken und auch sehr betroffenem Bundesland – wurden ab 14. März schon Besuchsverbote in Alten-, Kranken- und Pflegehäusern in Kraft gesetzt, am 16. März bereits viele weitere Maßnahmen, in Kraft tretend ab 17. März, beschlossen und verkündet: Verbot von Veranstaltungen und Versammlungen, Schließung von Kinos, Theatern, Sportstätten, Museen usw. usf. sowie ab 18. März Restaurants, Einzelhandel außer Lebensmittel, Apotheken und ähnliche.

Damit sind bis zur Trendwende vom 21. auf den 22. März (21. = Höchststand) ein Zeitraum von 8 – 9 Tagen (z.B. sächs. Schüler und Studierende), oder 3 – 4 Tagen für Schüler und Studierende in Baden-Württemberg zu verzeichnen, in Bayern 4 – 5 Tage für die gesamte Bevölkerung. Mithin ist sehr wohl von einer Wirkung der Einschränkungen auszugehen.

Inkubationszeit noch unklar

2. Herr Dierich spricht von sieben Tagen Inkubationszeit und baut darauf auch seine Berechnungen zu oben genannten Abläufen des Rückgangs der Infektionen auf.

Nach meinem Kenntnisstand sind trotz intensiver Forschung von Experten, die sich mit der Familie der „Corona-Viren“ langjährig auskennen, noch keine verlässlichen Zahlen zur Inkubationszeit des neuartigen SARS-CoVid 19-Virus vorhanden. Die Virologen gehen von fünf bis zehn Tagen aus. Da schon sehr viele Personengruppen innerhalb dieses Zeitraumes vor der Trendwende 21. März zu Hause bleiben mussten, erklärt sich die Trendwende gerade mit den eingeleiteten Einschränkungs-Maßnahmen.

Ausbreitung war noch nicht gestoppt

3. Herr Dierich sagt, dass „die große Gefahr einer Epidemie … eine exponentielle Ausbreitung (ist). Aber die war zurzeit der Einleitung des Lockdowns schon gestoppt.“

Unnötig zu erwähnen, dass oben unter Punkt 1 nachgewiesen wurde, dass die exponentielle Ausbreitung eben nicht „schon zurzeit der Einleitung des Lockdowns gestoppt“ war. Außerdem ist Deutschland in viele internationale Ströme und Kontakte eingebunden. Hier allein auf die Wachstumszahlen in Deutschland zu schauen, ist zu kurz gedacht. Wir wissen, dass viele Infektionen über Urlaubsreisen nach Deutschland gekommen sind und weiter gekommen wären, ohne auch an den Grenzen bestimmte Schutzmaßnahmen umzusetzen. Das (angeblich nicht mehr vorhandene) exponentielle Wachstum kann also nicht nur für Deutschland betrachtet werden, sondern muss durchaus auf internationalem Niveau gesehen werden. In vielen gerade auch klassischen Reiseländern oder wirtschaftlich eng verbundenen Ländern, stiegen die Zahlen immer noch rasant.

In Deutschland gab es keinen vollständigen Lockdown

4. Herr Dierich spricht von einem Lockdown.

Ein Lockdown ist (wörtlich) ein kompletter Verschluss eines Gebäudes, im übertragenen Sinne eine vollständige Ausgangssperre. Ich habe Freunde und Bekannte in anderen Ländern und kenne deren Berichte. Dort gab es Ausgangssperren, das heißt, es durfte die Wohnung nicht verlassen werden beziehungsweise nur kurz, um zu zugewiesenen Einkaufsmöglichkeiten (in sehr geringem Umkreis) zu bestimmten Zeiten gehen zu können. Wir in Deutschland und erst recht in Sachsen hatten durch das Augenmaß, welches unsere Politiker angewendet haben, nur Einschränkungen, die zwar erhebliche Einschnitte in unsere gewohnten Freiheiten waren, aber in meinen Augen angemessen, sinnvoll und vor allem wirksam. So konnte jeder zu seinem „Lieblings-Supermarkt“ beziehungsweise auch anderen Einkaufsstätten gehen. Spazierengehen, wandern im Zittauer Gebirge – alles (natürlich mit Einschränkungen coronakonform) möglich. Kollegen aus Almaty durften beispielsweise nicht mal auf ihre Datsche fahren, sie mussten in der Stadtwohnung wochenlang ausharren.

Freilich bleibt trotz allem zu diskutieren, ob und wie die Einschränkungen (insbesondere ohne regionale Differenzierung) angemessen sind oder waren beziehungsweise künftig sein müssen, insbesondere bei der sich gerade entwickelnden „zweiten Welle“, aber hinterher ist man immer schlauer. Vor allem haben die Politiker leider ganz schlechte Karten: Sind die Maßnahmen zu streng, werden sie ob der unnötigen „Freiheitsberaubung“ angeklagt, sind die Maßnahmen zu seicht (oder werden ähnlich wie Herr Dierich es verlangt, keine erlassen), dann müssen sich die Politiker zu Recht den Vorwurf der Untätigkeit oder gar Gefährdung von Menschenleben machen lassen (Beispiele: Brasilien, USA).

Rückblickend weiß man auch immer, ob man gestern einen Regenschirm gebraucht hätte, wenn man ausgegangen ist. Das Problem ist immer die Prognose. Und aus den Lerneffekten der ersten Welle ziehen die Politiker jetzt ihre Schlüsse und nehmen angepasste Maßnahmen vor.

Mehrere Kennzahlen nötig

5. Herr Dierich stellt sehr stark auf die Streberate ab.

Diese Argumentation ist in meinen Augen makaber, da die Toten nicht zurückgeholt werden können. Bevor es zu Sterbefällen kommen kann, müssen die Personen aber erst mal infiziert werden. Man muss also zunächst am Anfang der Kette beginnen und die Epidemie durch Einschränkung der Infektionsrate bekämpfen, dort kann man ansetzen, dort kann man helfen.

Auch der Einsatz nur einer Kennzahl als Indikator ist schwierig. Bei einer so komplexen Lage wie die Pandemie eine ist, sind mehrere Kennzahlen, die zusammengenommen ein (möglichst genaues) Abbild der Lage geben, wichtig. Infektionszahlen (Inzidenz) und R-Zahl werden gerade nur als Maßstab herangezogen. Die Sterberate in Verbindung mit Auslastungszahlen der Krankenhäuser respektive Intensivstationen sollten meiner Meinung nach mindestens auch mit betrachtet werden. Vorrangig sind aber sogenannte „vorlaufende Indikatoren“ wie eben Infektionsgeschehen den sogenannten „nachlaufenden Indikatoren“ wie Intensivbetten-Auslastung und Sterberate vorzuziehen. Und wichtig ist die Betrachtung relativer Kennzahlen. Deutschland, Polen und Tschechien hatten zum Beispiel vor einiger Zeit sehr ähnliche tägliche Infektionsraten (von seinerzeit 2.500 Neuinfizierten). Es macht aber einen erheblichen Unterschied, ob ich 80, 40 oder 10 Millionen Einwohner als Grundgesamtheit habe.

Unseriöse Betrachtung

6. Herr Dierich zieht die angeblichen Selbstmordversuche in Berlin heran. Dabei nutzt er auf makabre Weise plakativ Zahlen, die ihm (vermutlich) gut in seine Argumentationskette passen, die aber absolut keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. So schreibt er von 181 „Todessprüngen“ in Berlin im März und April 2020 im Vergleich zu 45 im Jahr 2019.

Fakt ist, dass es bedauerlicherweise viele Formen des Suizids gibt. Allein hier schon auf eine spezifische Variante abzustellen, ist höchst makaber. Die von ihm vorgetragene Zahl basiert offensichtlich auf einer Anfrage eines Berliner Abgeordneten an die Feuerwehr, die in diversen Medien teilweise und damit entstellend publiziert wurden.

Im Jahr 2018 wurden laut der Daten, die der Berliner FDP-Politiker Marcel Luthe bei der Landesregierung angefragt hatte, zwölf Einsätze wegen des Codes 17D01J (der Sprung aus größerer Höhe bedeutet) gefahren. Die Zahl hat sich von 2018 (12) auf 2019 (7) also fast halbiert. Vergleicht man März 2019 (1) und März 2020 (0) miteinander, ist die Zahl der Einsätze um 100 Prozent gesunken – von eins auf null. Somit kommt beim (singulären) Vergleich des Monats März das genaue Gegenteil heraus von dem was Herr Dierich suggestiv behauptet.

Außerdem hätte Prof. Dierich als Mathematiker und Statistiker wissen müssen, dass man Bewertungen nicht aufgrund einer singulären (zufälligen) Zahl vornehmen kann. Er gibt zwar vor, das zu wissen und nicht zu tun, letztendlich macht er aber genau solche Ausführungen zum angeblich höheren Suizidgeschehen.

Aus willkürlich herausgepickten Zahlen kann man weder einen Trend ablesen noch auf eine viel größere Grundgesamtheit schließen. Man muss Zahlen, Daten, vorgebliche Fakten mit mehreren (seriösen!) Quellen überprüfen, falsifizieren beziehungsweise rückbestätigen. Auch das wird nicht gemacht, eine einfache Google-Suche mit den Stichworten „Suizid“, „Berlin“ und „Corona“ hat gleich viele unterschiedliche Quellen erbracht, die man vergleichen und analysieren kann. Die undifferenzierte Vorgehensweise von Herrn Dierich ist unwissenschaftlich, unseriös und tendenziös beziehungsweise populistisch.

Nur um ein paar (auch singuläre) Zahlen zu nennen, die dann schon eher ein objektives Bild abgeben, da breiter basiert:

Für Berlin, über alle Suizidarten: „Gingen von Januar bis Ende April 2019 noch 3.348 Notrufe ein, die von der Leitstelle einen Einsatzcode mit Bezug zu selbstverletzendem Verhalten bekamen, waren es von Januar bis Ende April 2020 nur 3.172. Das entspricht einem Rückgang von 5,3 Prozent.“ 

Oder für Bayern: „Einer Statistik des Bayerischen Landeskriminalamts zufolge haben sich vom 1. bis zum 23. April 2020 insgesamt 104 Menschen das Leben genommen. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es 100 Menschen. Im März ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein leichter Rückgang festzustellen – von 144 auf 135 vollendete Suizide.“ 

Beziehungsweise im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW für die Zeit bis Anfang Mai: „In Nordrhein-Westfalen etwa waren "vollendete Suizide" seit Beginn des Lockdown im Vergleich zum Vorjahr sogar um 20 Prozent zurückgegangen.“ 

Anmerkung der Redaktion: Professor Dierich hatte in seinem "Fakten"-Papier durchaus mehrere Suizid-Arten genannt und nebeneinander gestellt. Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit des Gesamttextes hatte die Redaktion nur eine dieser Suizid-Kategorien herausgegriffen. Das konnte Professor Brauweiler beim Verfassen dieses Gastbeitrags nicht wissen.

Unzutreffend ist, dass Herr Professor Dierichs von 45 , beziehungsweise 181 Suiziden durch "Todessprünge" in Berlin im Vergleichszeitraum geredet hatte. Es handelte sich dabei um Zahlen, die Professor Dierichs aufgrund der tatsächlichen Einsätze der Berliner Feuerwehr auf die gesamte Bundesrepublik hochgerechnet hat. SZ hat das auch genauso kommuniziert.

Herr Dierich mag (laut SZ) „einer der renommiertesten Corona-Kritiker der Region“ sein, ich wünsche ihm aber, dass er „hinterher auch schlauer ist“ und seine Zahlenspielereien auf wissenschaftlichem Fundament künftig besser, wissenschaftlicher und objektiver aufbaut.

Der Autor ist Zittauer, Professor, Doppel-Dr. und lehrt an der Westsächsischen Hochschule Zwickau Business Administration, Management Accounting & Internal Auditing.

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