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Wenn in den Restaurants das Licht ausgeht

Der zweite Lockdown ist für die Gastronomie eine harte Probe. Wie sehen Gastwirte ihre Chancen?

Sieht immer einen Ausweg und macht deshalb auch bei den Kulinarischen Wochen mit: Felix Mikulla von der Felsenbirne Pirna.
Sieht immer einen Ausweg und macht deshalb auch bei den Kulinarischen Wochen mit: Felix Mikulla von der Felsenbirne Pirna. © Marko Förster

Beim ersten Lockdown im Frühjahr bewiesen die meisten Wirte und Hoteliers in der Sächsischen Schweiz, dass sie trotz Corona-Einschränkungen flexibel sind. In vielen Restaurants wurde weiter gekocht: Statt im Gastraum serviert, gab es das Essen zum Abholen. Nun trifft es die Branche erneut. Ab 2. November müssen Hotels, Kneipen, Gaststätten und Restaurants wieder dicht machen. Viele Gastronomen kochen weiter, zum Abholen bzw. liefern das Essen aus. Doch es gibt auch Unternehmer, die nichts mehr dazu sagen wollen. Denn das Unverständnis für diesen zweiten Lockdown und die Angst vor der Zukunft wachsen. Ein Blick in die Gefühls- und Gedankenwelt von Gastwirten und Hoteliers.

Dass Andreas Hensel das Parkhotel in Neustadt wieder schließen muss, befürchtete er fast. Doch er hätte sich gewünscht, dass sich die Regierung keinen zweiten Lockdown leisten würde. "Wir im Hotel- und Gaststättengewerbe sind doch die, die die besten Hygienekonzepte haben. Dafür haben wir im Frühjahr viel investiert. Dass unsere Branche jetzt so sehr bestraft wird, darüber sind wie sehr enttäuscht", sagt Hensel. Die Monate Juli bis Oktober seien sehr gut gelaufen. Hensel habe immer mit Furcht auf einen Anruf  gewartet, dass einer seiner Gäste infiziert sei. Es kam kein Anruf. Für ihn die Bestätigung: Alles richtig gemacht mit dem Hygienekonzept. Für Geschäftsreisende dürfen Hotels zwar weiter öffnen. Doch auch da sieht Hensel keine großen Chancen. Dienstreisende werden ausbleiben, weil Firmen ihre Mitarbeiter angesichts steigenden Corona-Infektionen nicht mehr quer durchs Land schicken. Ebenso cancelten Partnerfirmen Seminarpläne. Dennoch bleibt das Parkhotel vorerst für Geschäftsreisende offen. Auch, wenn es unwirtschaftlich ist.

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Finanzielles Hilfsangebot gegen Umsatzausfall "eine Frechheit"

Bei Heiko Hesse in der Kräuterbaude Am Wald in Saupsdorf wäre der November durch die vielen in heimischen Gefilden Urlaubenden komplett ausgebucht gewesen. Zudem standen viele Feiern im Kalender. Das Hilfsangebot vom Bund, 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 zu zahlen, sieht Hesse als Frechheit an. "In Nicht-Corona-Zeiten ist der November bei den meisten Gaststätten der umsatzschwächste im Jahr. Wir sind hier alle Saisonunternehmen. Da gehörte der November bislang nicht dazu", sagt er. Allerdings: So hat er auch einen kleineren Schaden als es etwa bei einem Lockdown im August der Fall gewesen wäre. Bei dem Angebot würde nur an die großen Kneipen in den Städten gedacht, nicht aber an die Gasthöfe in ländlichen Regionen. Bei funktionierenden Hygienemaßnahmen eine Schließung anzuordnen, ist für den Kräuterbaudenwirt unverständlich. Man könne nur hoffen, dass das viele Häuser die Schließzeit überstehen, sagt Hesse.

Das wird am ehesten denen gelingen, die im Sommer zum Teil mehr als sonst gearbeitet und ein gutes Geschäft gemacht haben. "Übernachtungen und vor allem das Tagesgeschäft waren in den zurückliegenden Monaten bedeutend stärker als in Vorjahren", sagt Dominik Enke vom Ulbersdorfer Erbgericht. Seit der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown war es jeden Tag voll und er musste täglich Leute abweisen. Wenn der Lockdown nur einen Monat anhalte, würde es gehen. Im November nehme zumindest in Ulbersdorf die Zahl der Übernachtungen und das À- la-Carte-Geschäft erfahrungsgemäß stärker ab. Dennoch waren mehrere größere Feiern geplant, deren finanzieller Beitrag natürlich extrem wichtig ist. Dominik Enke weiß, dass für andere Gastronomen die erneute Zwangsschließung existenzbedrohend ist. Mit seiner Hoffnung, alle Berufskollegen mögen diese schwere Zeit überstehen, ist er nicht allein. 

Im Frühjahr erprobt, wird er nun wieder praktiziert: Familie Enke vom Erbgericht in Ulbersdorf stellt erneut auf Lieferservice um.
Im Frühjahr erprobt, wird er nun wieder praktiziert: Familie Enke vom Erbgericht in Ulbersdorf stellt erneut auf Lieferservice um. © Steffen Unger

Mario Lucia gehört mit seinem Wehlener Manufaktur-Hotel zu denen, die das Jahr bisher mit plus minus Null überstanden haben. Das klingt in Zeiten eines zweiten Lockdowns gut. Es hat jedoch auch seine andere Seite. Es bedeutet, nichts  investieren  zu können und das kann man sich auch nicht ewig leisten. Vom Sommer-Hoch in der Sächsischen Schweiz haben nicht in erster Linie die größeren und bekannten Häuser, die ohnehin schon immer gut ausgelastet waren, profitiert, sondern die kleineren und die Region insgesamt, sagt Lucia. Er gehört zu den Ersteren. Sein Problem im Sommer war das fehlende Personal. Jetzt kommt das Stornieren dazu. Lucia ist kein Pessimist, sondern Realist: "Ich denke, es hat sich für dieses Jahr erledigt." Er hofft und wünscht, dass alle durchhalten. Dafür aber bedarf es einer "brauchbaren Unterstützung vom Staat." Ob es die 75 Prozent-Ausfallhilfe sein kann oder eine Klage gegen den Lockdown, wird jeder Betrieb für sich entscheiden müssen. 

Tourismusverband Sächsische Schweiz kritisiert Lockdown

Die Schließung von Gastronomie und Hotellerie ist eine für eine ländliche Region wie die Sächsische Schweiz überzogene Maßnahme, sagt der Tourismusverband Sächsische Schweiz. Er fordert statt der Stilllegung der gesamten Branche ein differenziertes Vorgehen und mehr Bemühungen bei der Durchsetzung bestehender Regeln.

„Wir verstehen, dass angesichts der Lage wirkungsvolle und manchmal schmerzliche Maßnahmen geboten sind“, sagt Landrat Michael Geisler. „Die undifferenzierte Schließung von Hotels und Restaurants halten wir jedoch für nicht verhältnismäßig. In der Branche wurden in den letzten Monaten erfolgreiche Anstrengungen unternommen, wirksame Hygienekonzepte umzusetzen.“ Die Gastronomen der Sächsischen Schweiz hätten viel in diese Hygienekonzepte investiert, der Verband in die bevorstehende Wintersaison. „Jetzt den ganzen November und vielleicht weitere Wochen komplett abzuschreiben, möchten wir nicht hinnehmen“, sagt der Geschäftsführer des Tourismusverbandes, Tino Richter.

Gastronomen und Touristiker wollten am 14./15. November mit verschiedenen Aktionen und der Eröffnung des Wintersdorfs Schmilka in die Wintersaison starten. Das soll nun im Dezember nachgeholt werden. 

Viele Fragen um Vorbestellungen zu Weihnachten und Silvester

Ob es die Drogenmühle Heidenau auch künftig gibt? "Ich weiß es nicht", sagt Inhaber Burkhard Hammermann. Genauso wenig, wie Weihnachten und Silvester sein werden. "Die vielen Anrufer erwarten von mir eine Antwort zu ihrer Vorbestellung." Genau wie seine zwölf Mitarbeiter. Aber Hammermann hat selbst unzählige Fragen und keine Antworten. "Wir können hier im Moment nur von einem Tag auf den anderen planen, mehr geht nicht. Wir werden die Zeit herankommen lassen müssen, um zu sehen, wie sich die Lage entwickelt." 

Dass die Pandemie nun am „Schwarzen Schaf Gastronomie“ ausgetragen werde, sei schon etwas bedenklich. Auch wenn sie nicht die einzige Branche ist, die wieder schließen muss. Ob die festgelegten Maßnahmen angemessen und gerechtfertigt sind, bleibt für Hammermann fraglich. "Da haben wir ein halbes Jahr mit Einschränkungen und Maßnahmen gelebt und gearbeitet, damit wir diese zweite Welle verhindern. Wir haben es nicht geschafft." Einen Abholservice will die Drogenmühle wieder versuchen, auch wenn schon das Frühjahr zeigte, der Aufwand sei viel zu hoch. "Meine Frau und ich werden es wieder ausprobieren und sehen, was passiert. Natürlich müssen wir weiterleben, und natürlich muss es nach Corona auch wieder weitergehen."

Hier gibt es Essen zum Abholen

Der Landschlachthof Struppen bietet das Frühstücks- und Mittagsangebot in den Filialen nur noch zum Mitnehmen an. Montag von 9 bis 13.30 Uhr und Dienstag bis Sonnabend von 11.30 bis 13.30 Uhr können Kunden kommen.

Alle Filialen der Dürrröhrsdorfer Fleisch- und Wurstwaren im Landkreis sind geöffnet. Die Imbisse bieten das Essen jedoch nur zum Mitnehmen an.

Tür zu, Verkaufsfenster auf: Auf das Prinzip setzt auch "Der Grieche" in Königstein. Das im Frühjahr eröffnete Restaurant am Bahnhof bietet wie schon im Frühsommer einen  Außer-Haus-Service angeboten. Bestellungen unter 035021949990.

Das Erbgericht Maxen macht ab 8. November jeden Sonntag im November und am Buß- und Bettag einen Außer-Haus-Verkauf mit drei verschiedenen Gerichten, darunter Gänsebraten. 

Bis zur Wiedereröffnung bietet das Erbgericht in Ulbersdorf freitags bis sonntags einen Liefer- und Abhol-Service an.

Der Gasthof Hillig in Bad Gottleuba bietet freitags bis sonntags von 11.30 Uhr bis 19.30 Uhr seinen Abholservice für vorher telefonisch unter 03502362257 bestellte Speisen an.

Im Rahmen der vom 30. Oktober bis 22. November stattfindenden Kulinarischen Wochen bieten ebenfalls fast alle Gaststätten einen Abholservice an. 

Auswahl

Hoffnung auf Appetit und einen Weg

Felix Mikulla ist 33 Jahre und seit anderthalb Jahren der Pirnaer Felsenbirnen-Wirt. Er schließt nicht aus, gegen die Schließungs-Verordnung zu klagen. Das sei in einem Rechtsstaat ein gutes Recht und abzuwägen. Dennoch ist er frei von Existenzängsten. Er glaubt, dass sich immer ein Weg findet, wenn man als Selbstständiger ein Problem löst und nicht wegrennt. Er wird deshalb nicht die Rollläden runterlassen, auch wenn das Licht in seiner Gaststätte aus bleibt. Seine Stammgäste haben ihm schon versichert, wieder zu bestellen. Und es werden mehr werden, überall, sagt er. Denn irgendwann haben die meisten nach Pizza und Döner mal wieder Appetit auf was "Richtiges". 

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Dieser Appetit wurde am Wochenende vielerorts noch einmal kräftig gestillt. Das Maxener Erbgericht war beide Tage ausgebucht. Die anstehende einmonatige Zwangspause lässt bei Wirt Gert Richter Frust und Wut wachsen. Nicht nur wegen der vielen Martinsgänse, die er bestellt hat und nun nur noch außer Haus verkaufen kann. "Wir hoffen, dass der Monat schnell vergeht und uns wenigstens das Weihnachtsgeschäft halbwegs erhalten bleibt." 

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