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Görlitz voll in der Pandemie: Sieben Gründe

Bisher hatte Görlitz vergleichsweise wenige Coronafälle. Seit einigen Tagen steigen die Zahlen aber auch in der Stadt. Ein Arzt und ein Soziologe nennen Gründe.

Im Görlitzer Klinikum und auch in den anderen Krankenhäusern des Kreises sind inzwischen alle Corona-Intensivbetten belegt.
Im Görlitzer Klinikum und auch in den anderen Krankenhäusern des Kreises sind inzwischen alle Corona-Intensivbetten belegt. © Bundeswehr/Anne Weinrich

Im Kreis Görlitz liegen die Fallzahlen bei den Corona-Infektionen nach wie vor auf hohem Niveau. Bei der Entwicklung bilde die Stadt Görlitz keine Ausnahme, teilt der Kreis Görlitz mit. Nach wie vor liege der Schwerpunkt der Infektionen eher im Süden des Kreises. In Görlitz war die Lage lange noch etwas entspannter, nun liegt die Stadt genau im Landkreisschnitt, setzt man etwa die Sieben-Tage-Inzidenz ins Verhältnis. Inzwischen sind auch alle Corona-Intensivbetten der Kliniken in Görlitz wie im Kreis belegt. Welche Gründe die Entwicklung hat.

Dr. Leonhard Großmann ist Allgemeinarzt in Görlitz. Die Abeitsbelastung in den Praxen ist derzeit enorm.
Dr. Leonhard Großmann ist Allgemeinarzt in Görlitz. Die Abeitsbelastung in den Praxen ist derzeit enorm. © Nikolai Schmidt

Grund 1: Kein Gefühl für Risiko

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Görlitz kam im Frühjahr glimpflich durch die Pandemie, kaum jemand kannte einen Covid-19-Patienten. "Dadurch ist das Bewusstsein für die Gefahr jetzt geringer als in Regionen, die im Frühjahr stärker betroffen waren", erklärt Leonhard Großmann, Allgemeinmediziner in Görlitz und Mitglied des Kreistages. "Entsprechend verhält man sich im Arbeitsumfeld und in der Freizeit." Das sei auch nicht immer böser Wille. "Natürlich sind auch Corona-Leugner darunter oder die, die ganz bewusst sagen: 'Die Maßnahmen halte ich für sinnlos und ich führe mein Leben weiter wie bisher", erklärt Großmann. "Aber es gibt auch einen ganz erheblichen Anteil derer, die einfach keine Beziehung zur Gefahr der Coronapandemie haben." Mehrfach täglich führe er in seiner Praxis Gespräche darüber, ob der Besuch bei der Oma oder andere Unternehmungen jetzt wirklich sein müssen. "Die meisten haben dann auch Verständnis." Aber nicht alle.

Raj Kollmorgen ist Professor für Soziologie und Management des sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz Populismus, Protest und der gesellschaftliche Wandel sind seine Themen - die auch in der Coronakrise eine große Rolle spielen.
Raj Kollmorgen ist Professor für Soziologie und Management des sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz Populismus, Protest und der gesellschaftliche Wandel sind seine Themen - die auch in der Coronakrise eine große Rolle spielen. © Foto: Hochschule/Kollmorgen

Grund 2: Diffuses Infektionsgeschehen

Anders als im Frühjahr lassen sich Infektionsketten jetzt oft nicht mehr nachvollziehen. "Wir hatten im Frühjahr ein konzentriertes Infektionsgeschehen", als Herde beispielsweise auf Pflegeheime zurückzuführen waren wie in Niesky. "Das ist in der zweiten Welle anders, diffuser. Aber das macht es auch schwieriger, die Ausbreitung einzudämmern", erklärt Großmann. Auch Raj Kollmorgen, Professor für Soziologie an der Hochschule Zittau-Görlitz, sieht darin einen Grund: "Wenn eine manchmal schlicht zufällige Fügung ein Infektionsgeschehen ausgelöst hat, und es keine hinreichenden Vorkehrungen zum Abbruch solcher Ketten gibt, kann eine unglaubliche Dynamik daraus entstehen."

Grund 3: Hoher Altersdurchschnitt

Sowohl die Stadt als auch der Kreis Görlitz haben eine hohe Dichte an Pflegeheimen. Zunehmend sind sie betroffen. "In einer Görlitzer Einrichtung sind jetzt 30 Personen positiv getestet worden", erzählt Leonhard Großmann, "dann gehen die Zahlen schnell nach oben." Dazu kommen Einrichtungen, wo Menschen mit Behinderungen oder mit psychischen Erkrankungen wohnen. "Wir haben also einen hohen Anteil vulnerabler Gruppen, bei denen sich Abstandsregelungen, das Maskentragen, Hygienemaßnahmen aufgrund bestimmter Erkrankungen oder Einschränkungen nicht so einfach umsetzen lassen."

Grund 4: Die Nähe zu Polen

Während der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu keinen Zusammenhang mit steigenden Neuinfektionen wegen der Grenznähe sieht, hält das Raj Kollmorgen für durchaus möglich. "Bei dieser Frage lauert schnell politisches Glatteis, wenn nach Schuldigen gesucht wird." Darum gehe es aber nicht. "Fakt ist aber, dass wir eine komplett andere Situation als im Frühjahr haben." Damals hatten Polen und Tschechien kaum Fälle. "Und es gab dort die Angst, dass wir das Virus zu ihnen tragen. Jetzt haben wir eine diametrale Lage. Tschechien und Polen gehören zu den Hotspots in Europa", erklärt Kollmorgen. "Wir wissen auch, dass der Anteil der Grenzpendler bei uns hoch ist. Eigentlich ein schönes Zeichen, wie gut wir bereits verknüpft sind", so Kollmorgen. Nur nicht in der Corona-Pandemie. "Ähnliches lässt sich etwa auch in Ostbayern, also der bayrisch-tschechischen Grenze beobachten."

Grund 5: Skepsis gegen staatliche Maßnahmen

Bundeswehr in Krankenhäusern, auch Jüngere unter den Toten - dennoch gehen montags in Görlitz Menschen auf die Straße gegen die Coronamaßnahmen oder fahren zu Demos nach Berlin. Raj Kollmorgen wundert das nicht. "Der Mensch ist außerordentlich findig in der Reinterpretation von Fakten und der Anpassung an seine Ideologien." In der Oberlausitz gebe es in beachtlichen Bevölkerungskreisen eine Grundskepsis gegen staatliche Maßnahmen und Institutionen, erklärt er. Das habe auch mit Erfahrungen des Strukturwandels in den 1990er-Jahren zu tun. "Politische Milieus mit diesem Denken, das sich auch auf die Pandemiebekämpfung bezieht, sind bei uns stärker verbreitet", erklärt Kollmorgen. Auch das könne tendenziell eine Verbreitung des Virus' befördern.

Grund 6: Ländlicher Raum

Im Frühjahr hatte sich der ländliche Raum als großer Vorteil erwiesen. Mit weniger Geld, weniger Mobilität und einem höheren Altersschnitt war es weniger wahrscheinlich, dass das Virus durch Reisen oder Berufspendeln in Hotspots eingetragen wird. "Dieser einstige Vorteil wird nun zum Nachteil", sagt Kollmorgen. In den Gemeinden wird ein lebendiges Gemeinschaftsleben gepflegt: Jugendweihen, Freiwillige Feuerwehren, große Hochzeiten. "Das ist zwar keine Eigenart der Oberlausitzer. Aber wenn man ein lebendiges Dorfleben hat, sich eher sicher wähnt und dann auch keine Vorkehrungen trifft, wird das jetzt zum Risiko", erklärt Kollmorgen.

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Leonhard Großmann ist kein Befürworter der Restaurantschließungen. "Gerade auf dem Dorf rund um Görlitz treffen sich die Leute nach wie vor", sagt er. "Der Gedanke ist nicht: Die Restaurants sind zu, damit eine Kontaktreduzierung stattfindet. Sondern der Gedanke ist eher: Die Gaststätte ist zu, wo treffen wir uns dann?" Dazu komme, erklärt Raj Kollmorgen: "Wenn man sich unbeobachtet fühlt, keine Kontrollinstanz da ist, die man als solche auch wahrnimmt, wird man automatisch nachlässiger." Deswegen appelliert Großmann, sich trotzdem an die Beschränkungen zu halten. "Die Influenza ist noch gar nicht da. Wir haben noch drei, vier Monate vor uns, die sehr hart werden." Er wolle keine Ausgangsbeschränkung wie im Frühjahr. "Auch deshalb, weil ich annehme, dass es erneut gesellschaftliche Gegenreaktionen geben würde."

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