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Wie die Lage in den Krankenhäusern ist

Immer mehr Intensivpatienten, Personalnot, jetzt Hilfe durch die Bundeswehr - wie die Kliniken im Landkreis Görlitz gegen Corona kämpfen.

Das Leitungsteam der Coronastation A II im Städtischen Klinikum Görlitz: Oberarzt Dr. Heiko Hildesheim, Dr. Benjamin Küßner, Martina Sander, Norman Balzer (von rechts nach links)
Das Leitungsteam der Coronastation A II im Städtischen Klinikum Görlitz: Oberarzt Dr. Heiko Hildesheim, Dr. Benjamin Küßner, Martina Sander, Norman Balzer (von rechts nach links) © Foto: Städtisches Klinikum Görlitz

Bilder wie in Italien wollte hier keiner sehen - und doch gibt es sie jetzt hier. Bisher nicht in der ganz großen Dramatik wie dort, aber durchaus mit sich immer weiter füllenden Krankenhäusern und Intensivstationen. Stand Sonntag lagen 127 Personen aus dem Landkreis in Krankenhäusern, 24 auf Intensivstationen. Seit Beginn hat die Pandemie im Landkreis Görlitz schon 58 Todesopfer gefordert.

Seit wenigen Tagen verstärkt nun die Bundeswehr die Kliniken im Landkreis - 100 Soldaten des Kommandos Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung helfen kreisweit. Allein das zeigt, wie sich die Lage verschärft hat, wie die beiden Görlitzer Kliniken und das Nieskyer Emmaus-Krankenhaus mit der Corona-Situation umgehen:

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Medizinisches Personal der Bundeswehr vergangene Woche bei der Ankunft in Görlitz.
Medizinisches Personal der Bundeswehr vergangene Woche bei der Ankunft in Görlitz. © Foto: Landratsamt Görlitz

Städtisches Klinikum Görlitz: 25 Covid-Patienten, sieben auf Intensivstation

Wie auch in den anderen Krankenhäusern kamen seit Anfang November fast von einem Tag auf den anderen plötzlich viele Corona-Erkrankte ins Klinikum. Stand Freitag sind es 25, davon sieben auf der Intensivstation, fünf davon müssen beatmet werden. Es sind überwiegend ältere Patienten, sagt Klinikumssprecherin Katja Pietsch auf Nachfrage. Weil es schnell viele wurden, räumte das Krankenhaus dafür eine ganze Etage im Hauptgebäude, die Station A II wurde als Infektionsstation eingerichtet. 24 Betten mit Beatmungsmöglichkeit gibt es. Ärzte und Pflegekräfte aus unterschiedlichen Fachbereichen arbeiten jetzt auf der Corona-Station zusammen. Sie stehen unter Leitung von Oberarzt Dr. Heiko Hildesheim. „Die Patienten stellen sich überwiegend mit Fieber, Husten und Luftnot vor. Verglichen mit den uns bekannten Lungenentzündungen ist die Sterblichkeit bei der Covid-19-Pneumonie insbesondere bei unseren älteren Patienten erhöht“, sagt er. 

Chefarzt Dr. Jörg-Uwe Bleyl, Leiter des Intensivmedizinischen Zentrums, ergänzt: „Bei Corona gelangt das Virus über die Lunge in den gesamten Organismus, und kann dort zu einer allgemeinen Entzündungsreaktion des gesamten Körpers führen. Es entstehen Thrombosen in kleinen Kapillaren und das ist eine der Hauptursache für schwere bis tödliche Verläufe.“ Viele Medikamente stünden für Covid-Patienten nun mal nicht zur Verfügung. Remdesivir sei ein Mittel, das die Viruslast senken kann, aber nur im Anfangsstadium nutze.

Umständliche Schutzkleidung

Die Betreuung von Covid-19 Patienten ist ungleich aufwändiger – allein schon durch die ganzen Hygienemaßnahmen für das Personal. Das Anlegen der Schutzkleidung auf der Intensivstation ist extrem zeitintensiv, dauert etwa zehnmal so lange wie üblich. Auch auf der normalen Corona-Station dauert diese Prozedur etwa fünfmal länger. Bei jedem Betreten und Verlassen des Zimmers steht sie an. Zudem brauchen viele Covid-Patienten mehr pflegerische Hilfe, also ist der Personalschüssel höher. Kümmert sich auf der Normalstation eine Pflegekraft um vier Patienten, ist es auf der Intensivstation eine pro Patient – eine eins-zu-eins-Betreuung also.

Blick in die Intensivstation des Städtischen Klinikums. Allein das Anlegen der Schutzkleidung kostet viel Zeit und muss bei jedem Betreten des Zimmers wiederholt werden. Intensivpatienten brauchen eine eins-zu-eins-Betreuung, es ist also mehr Personal als
Blick in die Intensivstation des Städtischen Klinikums. Allein das Anlegen der Schutzkleidung kostet viel Zeit und muss bei jedem Betreten des Zimmers wiederholt werden. Intensivpatienten brauchen eine eins-zu-eins-Betreuung, es ist also mehr Personal als © Fotos: Städtisches Klinikum

Durchschnittlich 18 Tage bleiben die Covid-19 Patienten auf der Intensivstation. Danach seien die Patienten auch nicht einfach gesund, sondern müssten auf der Normalstation weiter betreut werden. „Es ist nicht mein Ziel, Angst zu verbreiten“, sagt Bleyl. „Doch muss man sich der Schwere der Erkrankung bewusst sein, damit wir hier keine Bilder wie in Bergamo sehen.“ Doch auch das geschieht hier in Görlitz. Der Zustand eines 65-jährigen Mannes, der zuvor mitten im Leben stand und der keine Vorerkrankungen hatte, verschlechterte sich so, dass wir man ihn nach Dresden fliegen mussten.

Wer nicht auf die Intensivstation muss, aber trotzdem wegen Covid-19 ins Krankenhaus muss, liegt auf der Isolierstation. Es sind überwiegend ältere Menschen, aber auch jüngere - der jüngste derzeit ist 26, der älteste 91. Dr. Hildesheim: „Verglichen mit den uns bekannten Lungenentzündungen ist die Sterblichkeit bei der COVID-19-Pneumonie insbesondere bei unseren älteren Patienten erhöht. Wir registrieren zudem, dass es viel häufiger und in gewisser Regelmäßigkeit zu schweren Verläufen kommt.“ Aktuell können die Patienten noch gut versorgt werden, sagt er. Wie es in ein paar Tagen oder Wochen aussieht, weiß niemand. 

Arzt kritisiert Sorglosigkeit der Menschen

Jörg-Uwe Bleyl kritisiert, dass Menschen immer noch achtlos im Umgang mit Corona seien und damit auch medizinisches Personal gefährden. „Mich erschrickt, wie sorglos manche Menschen weiterhin sind. Wir sehen auf der Intensivstation in der Zwischenzeit schwerstkranke Corona-Patienten jeden Alters auch ohne Vorerkrankungen.“ Insgesamt hatte das Klinikum seit Mitte September 82 positive stationäre Patienten, seit Anfang der Pandemie 90. Insgesamt sind acht Patienten mit positivem Testergebnis verstorben.

St. Carolus Görlitz: Neun Covid-Patienten, einer auf der Intensivstation

Im Frühjahr war das Malteser-Krankenhaus St. Carolus Schwerpunktkrankenhaus für den Landkreis. Damals gab es kaum Patienten, doch auch für das Carolus hat sich die Lage geändert. Stand Sonntag gab es hier neun stationäre Corona-Patienten, einer beatmet auf der Intensivstation - alle im Alter zwischen 50 und 95. Dr. Jörg Lubrich, Chefarzt der Station für Innere Medizin sagt, die Patienten bekämen verschiedene Medikamente, die beispielsweise Thrombosen und Lungenembolien verhindern und sich insgesamt positiv auf den Infektionsverlauf auswirken sollen - bei Bedarf auch Sauerstoff. Zurzeit werden mehr Patienten eingeliefert, als schon entlassen werden können. Bei Patienten, die im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung verstorben sind, sei das Virus selten die einzige Todesursache. Sie hätten Begleiterkrankungen und zusätzlich noch weitere Infekte, etwa Lungenentzündung oder Bronchitis gehabt.

Das Malteser-Krankenhaus St. Carolus im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde.
Das Malteser-Krankenhaus St. Carolus im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde. © André Schulze

Trotz Besucherstopp können Angehörige - wie auch im Klinikum - persönliche Dinge abgeben. „Für Patienten ohne Handy bieten wir Video-Telefonie an. Dafür nutzen wir Tablets und Skype“, sagt Carolus-Sprecherin Stephanie Hänsch. Diakon Bernd Schmuck, der Seelsorger im Haus, war dabei Hauptansprechperson. „Ihm wurde schon im Frühjahr viel Dankbarkeit entgegengebracht. Einmal hat er sogar eine Aussegnung per Skype begleitet, da die Angehörigen nicht dabei sein konnten. Schwerstkranke, die möglicherweise bald sterben, dürfen besucht werden.

Auch das Carolus-Krankenhaus steht personell vor Herausforderungen. Es gab bereits Fälle von Mitarbeitern, die positiv auf Corona getestet wurden und in Quarantäne mussten. Oder Mitarbeiter, die einen Covid-Fall im unmittelbaren privaten Umfeld hatten und durch das Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt wurden. Zwar wird das medizinische Personal auch getestet, aber nicht grundlos, wie das St. Carolus mitteilt. Wenn der Verdacht besteht, dass eine Ansteckung stattfand, werden Mitarbeiter getestet, die zum engen Kontaktpersonenkreis des Infizierten gehören. Auch bei Symptomen wird getestet. 

Emmaus-Krankenhaus in Niesky

Konkrete Zahlen möchte die Klinik aufgrund der täglichen Dynamik nicht nennen. Rainer Stengel, Leitender Chefarzt des Krankenhauses, sagt aber: „Unsere frei gehaltenen Kapazitäten reichen derzeit aus. Innerhalb des stark betroffenen Landkreises stellt Niesky bisher keinen Hotspot dar, was sich auch in den Zahlen widerspiegelt.“ Wichtigstes Ziel sei weiterhin, den Versorgungsauftrag für die Bevölkerung erfüllen zu können. "Für die derzeitige Pandemiesituation bedeutet das: Wir behandeln Menschen, die so schwer an Covid19 erkranken, dass sie stationär versorgt werden müssen", sagt Stengel. "Als Akutkrankenhaus mit Notaufnahme stehen wir Menschen mit schweren Symptomen, wie zum Beispiel Atemnot, jederzeit zur Verfügung. Gleichzeitig sind wir auch für alle anderen Patienten weiterhin da.“

Chefarzt Rainer Stengel vom Nieskyer Emmaus-Krankenhaus .
Chefarzt Rainer Stengel vom Nieskyer Emmaus-Krankenhaus . © André Schulze

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Doch wer legt eigentlich fest, wohin welche Patient kommt? Das läuft über die Leitstelle Ostsachsen des Universitätsklinikums Dresden. Sie weiß über die genauen Kapazitäten in den Kliniken Bescheid und verteilt, wenn möglich zu gleichen Zahlen. Wie Stephanie Hänsch vom Carolus erklärt, wird bei der Verteilung zudem auf Wohnortnähe der Patienten geachtet. Das funktioniere aber nicht immer. "Aktuell wurden Patienten aus dem Oberland, aus Rothenburg, Niesky oder Weißwasser zu uns verlegt", so Hänsch. Es kann auch vorkommen, dass die Leitstelle landkreisübergreifend verteilt. Es gibt aber auch Patienten, die nicht über die Leitstelle kommen, sondern vom Hausarzt eingewiesen werden.

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