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Das Carolus plant etwas ganz Neues

Es war ein turbulentes Jahr für die kleinere der beiden Görlitzer Kliniken. Doch nun schaut die Klinikleitung schon voraus. Unter anderem auf den Besuch der schwedischen Königin.

Sven Heise, Geschäftsführer der Malteser Sachsen-Brandenburg gGmbH und Daniela Kleeberg, die Standortleiterin des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Görlitz.
Sven Heise, Geschäftsführer der Malteser Sachsen-Brandenburg gGmbH und Daniela Kleeberg, die Standortleiterin des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Görlitz. © privat

Das hätte Anfang des Jahres wohl auch hier keiner für möglich gehalten: Dass die Bundeswehr am Eingang des St.-Carolus-Krankenhauses Besucher empfängt, fragt, wo man hin möchte, auf die Besucherlisten hinweist. Aber so sieht er inzwischen aus, der Corona-Alltag in den Krankenhäusern des Landkreises. Das Malteser-Krankenhaus St. Carolus hat mit der Pandemie genauso zu kämpfen wie jedes andere Krankenhaus. Doch hier passiert aktuell auch hinter den Kulissen vieles - Dinge, die Patienten nicht sehen. Darüber sprechen Sven Heise, Geschäftsführer der Malteser Sachsen-Brandenburg gGmbH und Daniela Kleeberg, die Standortleiterin des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Görlitz im SZ-Interview.

Herr Heise, Frau Kleeberg, wie bewältigen Sie aktuell den täglichen Kampf gegen Corona?

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Daniela Kleeberg: Die Lage im St. Carolus ist sehr angespannt. 23 Prozent des Hauses ist mit Corona-Patienten belegt. Und trotzdem sind wir in dieser Hinsicht im Prinzip voll. Es gäbe zwar noch räumliche Kapazitäten, um noch mehr Corona-Patienten aufzunehmen. Aber mehr Personal haben wir dafür nicht. Da sind wir absolut am Limit, auch durch Ausfälle in den eigenen Reihen, sei es durch Quarantäne oder eigene Krankheit. Die 30 Bundeswehrsoldaten sind eine große Hilfe, sie haben sich schnell eingearbeitet und unterstützen beim Desinfizieren, Essen austeilen, Patiententransport. Nicht so sehr in der Behandlungspflege, da von den 30 nur drei eine entsprechende Ausbildung als Pflegekraft haben. Das heißt für unser Pflegepersonal im Moment: viele Überstunden.

Sven Heise: Die Kreise Görlitz und Bautzen in denen unsere sächsischen Malteser- Krankenhäuser liegen sind derzeit deutschlandweit mit am härtesten betroffen und ein Ende ist nicht in Sicht - im Gegenteil: Wir haben immer noch weiteren Zuwachs an Patienten. Unser Hauptproblem ist ja, dass die Pflege von Corona-Patienten doppelt so viel Mitarbeiter bindet wie die von anderen Patienten. Allein die Schutzmaßnahmen, die nötig sind, bevor ein Patient behandelt werden kann, sind sehr aufwendig. Da reicht ein falscher Handgriff und das Virus kann sich verbreiten, solche Fehler können wir uns nicht leisten. Und dabei sind auch die anderen Patienten zu versorgen. Mehrmals wöchentlich tagen unsere Pandemiestäbe um die Lage zu beurteilen und notwendige Entscheidungen zu treffen. Wir haben teilweise geplante OPs verschoben, Stationen geschlossen und Personal umgesetzt aber das geht nicht ewig. Die Leiden der Menschen verschlimmern sich, wenn sie unbehandelt bleiben. Und wenn ich dann im Netz lese, es sei ja alles nicht so schlimm, habe ich dafür keinerlei Verständnis.

Der Haupteingang des Görlitzer Carolus-Krankenhauses.
Der Haupteingang des Görlitzer Carolus-Krankenhauses. © privat

Herr Heise, Sie sind vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit gegangen, weil Sie mit dem angekündigten, neuen Corona-Rettungsschirm für die Krankenhäuser nicht einverstanden sind, was fordern Sie da?

Sven Heise: Durch die Pandemie haben alle Krankenhäuser erheblichen Mehraufwand und gleichzeitig erhebliche Erlösausfälle. Um die Vorhaltekosten dennoch zu finanzieren, hat die Bundesregierung auch einen Rettungsschirm gespannt. Dabei werden zurzeit die Krankenhäuser der Basisversorgung ausgelassen und nur Krankenhäuser der erweiterten Notfallversorgung unterstützt. Dem Coronavirus ist es jedoch egal welcher Versorgungsstufe ein Krankenhaus angehört. Damit werden die Häuser der Basisversorgung in den Corona-Hotspots in Bedrängnis gebracht. Das betrifft mehr als die Hälfte der Krankenhäuser, insbesondere die regionalen Versorger im ländlichen Raum mit 300 bis 600 Mitarbeitern. Eine öffentliche Diskussion darüber findet aber kaum statt. Dabei haben die Basis-Krankenhäuser im Kreis und insbesondere das St. Carolus bisher mehr Patienten von der Corona-Leitstelle aufgenommen als die benachbarten Schwerpunktversorger und damit unterstützt, dass die Schwerpunktversorgung aufrechterhalten werden konnte. Nun brauchen wir selbst Hilfe.

Das klingt, als wären Sie wirtschaftlich bereits in Schwierigkeiten?

Sven Heise: Wir sind gut aufgestellt, wir wollen aber auch künftig unsere Versorgungsaufträge erfüllen können.

Wie geht das Carolus-Krankenhaus denn ins nächste Jahr und überhaupt in die Zukunft - jetzt, nachdem klar ist, dass es bei den Maltesern bleibt?

Daniela Kleeberg: Zuversichtlich und sehr erleichtert, dass die zwei ungewissen Jahre nun vorbei sind. Es hat schon sehr an den Mitarbeitern genagt, dass wir verkauft werden sollten, dass lange nicht klar war, an wen und wie es dann weitergeht. Das war eine große Belastungsprobe für alle. Wir haben in dieser Zeit auch Mitarbeiter verloren. Dass vier Chirurgen nach Niesky gegangen sind, ist bekannt. Wir konnten das aber durch neue Ärzte kompensieren.

Sven Heise: Der Weiterbetrieb des St. Carolus stand ja nie infrage. Die Menschen hier, ihre Werte und das was sie tun, machen das St. Carolus aus. Die Mitarbeiter haben insbesondere in den letzten Monaten Großartiges geleistet und sich trotz der Unsicherheit und der Pandemie für ihr Krankenhaus und ihre Patienten eingesetzt. Insbesondere haben sie in der ersten Pandemie Welle, als keiner wusste was auf uns zukommt, im St. Carolus als Corona-Schwerpunkt-Krankenhaus die meisten Corona-Fälle behandelt. Das verdient Hochachtung. Nun geht es darum in Görlitz kooperative Versorgungslösungen zu finden, bei dem wir den Vorteil, den zwei Krankenhäuser in einer Stadt bieten zur Verbesserung der Versorgung nutzen.

Warum haben die Malteser denn vom Verkauf Abstand genommen?

Sven Heise: Ursprünglich war geplant sechs Standorte zu verkaufen. Priorität war es, eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau für die Patienten zu gewährleisten. Dabei wurde für jedes Haus die beste Lösung angestrebt. Letztlich war dies für vier Standorte der Verkauf. Für die sächsischen Häuser war der Weiterbetrieb unter Malteser-Trägerschaft die beste Lösung.

Dennoch bleibt der Status des kleineren von zwei Krankenhäusern in einer Stadt. Wie wollen Sie sich langfristig gegen das Städtische Klinikum behaupten?

Sven Heise: Wir sehen die Krankenhäuser als Teil eines Versorgungsnetzwerkes für Görlitz, nicht als Gegner. Als Teil dieses Netzwerkes werden wir natürlich an unseren Angeboten arbeiten und Neues anbieten. Die Chirurgie ist wieder exzellent besetzt. Unter anderem wird auch die Abteilung für Innere Medizin ausgebaut werden, damit wir künftig komplexere Fälle diagnostizieren und behandeln können. Außerdem planen wir voraussichtlich ab nächstem Jahr noch einen weiteren neuen Schwerpunkt, über den wir heute aber noch nicht sprechen möchten. Nur so viel: Das wird dazu beitragen, dass die entsprechenden Patienten dafür nicht mehr 60 Kilometer und weiter in andere Häuser fahren müssen. Denn so etwas gibt es im Landkreis Görlitz noch nicht.

Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer beim Besuch des St.-Carolus-Krankenhauses im August 2019. Sie überbrachten damals den Fördermittelbescheid über 600.000 Euro für das demenzsensible Krankenhaus.
Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer beim Besuch des St.-Carolus-Krankenhauses im August 2019. Sie überbrachten damals den Fördermittelbescheid über 600.000 Euro für das demenzsensible Krankenhaus. © Nikolai Schmidt

Als Alleinstellungsmerkmal haben Sie in den letzten Monaten das demenzsensible Krankenhaus beworben, das jetzt an den Start geht. Was machen Sie da anders als andere Krankenhäuser, wo Demenz ja auch Thema ist?

Daniela Kleeberg: Der große Unterschied ist, dass bei uns vom Arzt bis zum Empfang alle Mitarbeiter geschult wurden im Umgang mit Demenzpatienten. Dass das gesamte Haus in den vergangenen Monaten dafür ausgelegt wurde. Das heißt, wir haben unsere komplette Beschilderung verändert, zur Orientierung dienen jetzt Namen, Zahlen, Bilder. Wir haben Tagesräume für Beschäftigungen eingerichtet, die Fußböden erneuert, damit keiner stürzt, Lichtschalter verändert, Sanitärbereiche umgebaut. Und wir haben Klinikbegleiter eingestellt, die sich in der Früh- und Spätschicht parallel zur medizinischen Betreuung um die Patienten kümmern. Für all das haben wir vom Freistaat 600.000 Euro Förderung bekommen, über die wir sehr froh sind.

Sven Heise: Das ist bundesweit einzigartig, bislang hat das kein weiteres Krankenhaus. Aber das kann beispielgebend für andere Häuser sein. Immer mehr ältere Patienten leiden an Demenz, kommen aber wegen anderer Leiden ins Krankenhaus. Wir sind bewusst kein Demenzkrankenhaus, sondern ein demenzsensibles, das auf die Probleme und speziellen Bedürfnisse dieser Patienten eingeht.

Und weil das so besonders ist, wird der Startschuss am Montag auch ein ganz besonderer sein - mit königlichem Besuch.

Daniela Kleeberg: Genau. Wenn auch nur virtuell. Es wird eine Videoschaltung geben, in der wir die Zertifizierung bekommen und an der auch die schwedische Königin Silvia teilnimmt. Sie hat die Silviahemmet-Stiftung 1996 ins Leben gerufen, die sich für die Unterstützung von Familien mit Demenzpatienten, Ausbildung von Pflegern und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Demenz einsetzt. Außerdem sind Ministerpräsident Michael Kretschmer, Oberbürgermeister Octavian Ursu und einige Malteser-Vertreter dabei. Wir haben im Vorfeld dazu extra einen Film drehen lassen, der zeigt, wie sich das Krankenhaus verändert und auf die Demenzpatienten eingestellt hat.

Per Live-Stream kann die knapp einstündige Zeremonie (Beginn 13 Uhr) im Internet verfolgt werden. Später steht die Aufzeichnung der Veranstaltung zur Verfügung:

www.malteser.de

www.youtube.com/mymalteser

www.facebook.com/malteser.de

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