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Deutschland & Welt

Corona: Massenimpfung in Großbritannien

Der Impfstoff von Biontech und Pfizer hat in Großbritannien alle Hürden genommen. Eine 90-Jährige hat am Dienstag die erste Corona-Impfung erhalten.

Die 90-jährige Margaret Keenan bekommt im Universitätskrankenhaus Coventry von der Krankenschwester May Parsons den Pfizer/BioNtech-Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus.
Die 90-jährige Margaret Keenan bekommt im Universitätskrankenhaus Coventry von der Krankenschwester May Parsons den Pfizer/BioNtech-Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. © PA Wire

Coventry. Eine 90 Jahre alte Frau hat die erste Corona-Impfung in Großbritannien erhalten. Margaret Keenan wurde am Dienstag im Universitätskrankenhaus in Coventry geimpft, wie der britische Gesundheitsdienst NHS mitteilte.

Großbritannien hatte vergangene Woche als erstes Land der Welt dem Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech und seinem US-Partner Pfizer eine Notfallzulassung für deren Corona-Impfstoff erteilt. Noch in diesem Jahr sollen vier Millionen Impfdosen in dem Land eintreffen - insgesamt hat London 40 Millionen Impfdosen bestellt.

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Bewohner von Pflegeheimen, medizinisches Personal, alte und gesundheitlich gefährdete Menschen sollen als erste geimpft werden. Es handelt sich nach Regierungsangaben um die größte Impfkampagne in der Geschichte Großbritanniens.
"Ich fühle mich so privilegiert, die erste Person zu sein, die gegen Covid-19 geimpft wird", sagte Keenan der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge. Sie freue sich darauf, im neuen Jahr Zeit mit ihrer Familie und Freunden zu verbringen, nachdem sie im laufenden Jahr meistens alleine gewesen sei. Ihre Landsleute rief Keenan dazu auf, sich ebenfalls impfen zu lassen: "Wenn ich sie mit 90 bekommen kann, können Sie es auch."

Boris Johnson lobte vergangene Woche den Einsatz der beteiligten Wissenschaftler. Diese seien dem Virus mit "biologischem Jiu Jitsu" zu Leibe gerückt, schwärmte der britische Regierungschef. Wie bei der sanften asiatischen Kampfkunst hätten sie die Kraft des Virus gegen sich selbst gelenkt.

"Die erste Notfallzulassung für einen Covid-19-Impfstoff ist ein bahnbrechender wissenschaftlicher Meilenstein", hieß es von den Unternehmen. Ihr Impfstoff wurde auf Basis von Daten aus einer großen klinischen Studie mit Zehntausenden Probanden zugelassen.

Für die EU will die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema noch im Dezember über eine Zulassungsempfehlung für den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer entscheiden. Bis 29. Dezember soll ein Ergebnis der Prüfung vorliegen, hieß es von der Agentur. "Aber diese Zeitpläne könnten sich im Laufe des Bewertungsverfahrens ändern", sagte Ema-Chefin Emer Cooke. Deutschland und die EU haben bereits einen Rahmenvertrag über den Kauf von bis zu 300 Millionen Dosen des Impfstoffs abgeschlossen.

"Da die derzeit geprüften Covid-Impfstoffe Millionen von Menschen in der EU verabreicht werden, sind wir uns der riesigen Verantwortung nur allzu bewusst, unsere Beurteilung und Empfehlungen korrekt zu erstellen, damit wir die europäische Bevölkerung schützen können", sagte Cooke. Die wissenschaftliche Bewertung werde unabhängig erfolgen und allein von Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit der Impfstoffe abhängen - "nichts sonst".

Brexit beschleunigte die Entscheidung

Die schnellere Zulassung in Großbritannien sei durch den Brexit möglich gewesen, betonte Gesundheitsminister Hancock. "Wir waren in der Lage, eine Entscheidung zu treffen dank der britischen Aufsichtsbehörde, einer Weltklasse-Behörde, und mussten nicht das Tempo der Europäer gehen, die sich ein bisschen langsamer bewegen", sagte er dem Sender Times Radio. Die Sicherheitschecks seien alle durchgeführt und die gleichen Prozesse durchlaufen worden. "Aber wir waren wegen des Brexits in der Lage, den Ablauf zu beschleunigen." Die britische Zulassungsbehörde wies jedoch darauf hin, die Zulassung sei nach EU-Bestimmungen getroffen worden, nach denen sich London bis zum Ende der Brexit-Übergangsphase weiter richten müsse.

Auch der deutsche Botschafter in London, Andreas Michaelis, erinnerte die Briten daran, dass der nun zugelassene Impfstoff keine Erfindung aus Großbritannien war. "Warum ist es so schwer, diesen Schritt nach vorne als großartige internationale Anstrengung und Erfolg anzuerkennen?", schrieb der Diplomat auf Twitter.

Obwohl die deutsche Firma Biontech einen entscheidenden Beitrag geleistet habe, sei das keine nationale Geschichte, sondern "europäisch und transatlantisch". Johnson äußerste sich ähnlich. Es handle sich um eine "globale Anstrengung" und eine "wirklich internationale Sache". In den meisten Ländern der Welt steht noch kein Impfstoff für die breite Anwendung zur Verfügung. Unter anderem China und Russland impfen aber schon seit einiger Zeit bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte nach einer Konferenz mit seinen EU-Kollegen, es gehe bei den Impfstoffen nicht darum, "irgendwie Erster zu sein". Entscheidend sei, sichere und wirksame Impfstoffe zu bekommen, was für das Vertrauen wichtig sei. Er bekräftigte, dass die EU bewusst eine gemeinsame Beschaffung von Impfstoffen für alle 27 Mitgliedstaaten vorbereite. Dies sei im Sinne europäischer Solidarität wichtig. Zudem setze man nicht nur "auf ein Pferd", sondern parallel auf mehrere Impfstoffkandidaten.

Wirksamkeit von 95 Prozent

Der sogenannte mRNA-Impfstoff von Pfizer/Biontech hat nach umfangreichen Testreihen eine Wirksamkeit von rund 95 Prozent, wie die Hersteller mitgeteilt hatten. Das Vakzin funktioniere über alle Altersgruppen und andere demografische Unterschiede hinweg ähnlich gut und zeige praktisch keine ernsten Nebenwirkungen. Die Tests hatten den Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung untersucht.

Großbritannien ist stark von der Pandemie getroffen und viele Kliniken haben ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Für den Impfstart stehen 50 Krankenhäuser sowie Impfzentren bereit. Den Transport und die Lagerung des Vakzins ist eine Herausforderung, denn das Mittel muss bei minus 70 Grad gelagert werden. Dass es durch das drohende Brexit-Chaos zu Verzögerungen kommen könnte, wies Biontech zurück.

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Mit den 40 Millionen bestellten Impfstoffdosen können 20 Millionen Menschen geschützt werden, da das Mittel zweimal verabreicht werden muss. Großbritannien hat knapp 67 Millionen Einwohner. Auch für die aussichtsreichen Impfstoffkandidaten des US-Konzerns Moderna sowie der Universität Oxford und des Pharmakonzerns Astrazeneca werden derzeit die Zulassungen geprüft. (dpa)

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