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Corona: Händler machen auf(merksam)

In Döbeln und Waldheim haben Händler wegen fehlender Corona-Hilfen protestiert. In Leisnig ist auch die Polizei zum Einsatz gekommen.

Grit Neumann, Vorsitzende des Stadtwerberings, steht mit Döbelner Händlern auf dem Obermarkt und macht auf die Situation der Selbstständigen in der Pandemie aufmerksam.
Grit Neumann, Vorsitzende des Stadtwerberings, steht mit Döbelner Händlern auf dem Obermarkt und macht auf die Situation der Selbstständigen in der Pandemie aufmerksam. © Dietmar Thomas

Von Jens Hoyer, Heike Heisig, Lars Halbauer, Elke Braun

Region Döbeln. Nein, die Döbelner Händler haben ihre Geschäfte am 11. Januar nicht aufgemacht. Aber sie nutzten die deutschlandweite Initiative „Wir machen auf“, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Die ist seit einem Monat wegen der angeordneten Schließung der Läden mehr als bescheiden.

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Auch Mitarbeiter des Ordnungsamtes waren im Zentrum unterwegs – zu routinemäßigen Kontrollen, wie Stadtsprecher Thomas Mettcher sagte. Verstöße gegen die Coronaverordnung seien nicht festgestellt worden.

Um elf Uhr standen Mitglieder des Stadtwerberings mit Plakaten vor ihren Läden, um sich danach vor dem Rathaus zu treffen. "Ich freue mich, dass sich 15 Händler und Mitarbeiter beteiligt haben", sagte Grit Neumann, Chefin des Stadtweberings.

"Wir wollen die Regierung in die Pflicht nehmen. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht, es muss unkompliziert und unbürokratisch Hilfen für die Händler geben. Das ist auch für das Überleben der Innenstädte wichtig. Bisher ist viel zu zögerlich gehandelt worden."

Forderung: "Wenn, dann Hilfe für alle"

Gleiches Recht für alle, meinte Holger Schmidt, Chef des Sportgeschäfts am Obermarkt. Den Gastronomen seien auch Hilfen zugesagt worden, auch wenn mancher noch kein Geld gesehen habe. Selbst die große Modekette Adler habe wegen Corona Insolvenz anmelden müssen. "Und wir kleinen Krauter versuchen noch zu paddeln, um uns über Wasser zu halten. Der Handel stellt in Deutschland jeden zweiten Arbeitsplatz. Für die Autoindustrie wird doch auch alles möglich gemacht", so Schmidt.

"Wenn ich in die Badewanne oben nichts mehr reinlasse, unten aber der Stöpsel gezogen ist, läuft sie irgendwann leer", machte Schuhhändler Jens Jung die Situation der Händler plastisch deutlich. "Seit vier Wochen reden sie, dass man Überbrückungshilfen 3 beantragen kann. Aber bis heute ist das Portal im Internet noch nicht fertiggestellt."

Der erster Lockdown im vergangenen Jahr sei schon mit enormen Einbußen verbunden gewesen, weil Ware nicht abgesetzt werden konnte. "Wenn die Ware erst einmal im Zulauf ist, lässt sich das nicht stoppen. Zwei Lockdowns in einem Jahr sind für uns ein Riesenproblem", sagte Jung. "Wenn wir nichts einnehmen, bekommen auch die Vermieter, die Lieferanten und die Energieversorger kein Geld."

"Wir haben den Glauben an die Politik verloren. Die Maßnahmen gegen die Pandemie entbehren jeglicher Weitsicht", sagte Jung. "Besser wäre ein kurzer Lockdown gewesen, bei dem 14 Tage alles runtergefahren und danach ein besonderer Schutz für Risikogruppen wie etwa ältere Menschen organisiert wird."

Döbelner Henwi-Angestellte kommen aus der Kurzarbeit

Auch Andreas Müller, Leiter des City-Kaufhauses von Henwi, stand vor dem Rathaus. "Vielen Dank an die Angestellten, die gekommen sind, um die Aktion zu unterstützen", sagte Müller. 16 Angestellte des Kaufhauses seien derzeit in Kurzarbeit. "Ich hoffe, dass das bei den richtigen Stellen ankommt. Fürs Kaufhaus müssen wir nun sehen, was die Zukunft bringt."

Im späteren Verlauf stieß auch Oberbürgermeister Sven Liebhauser (CDU) von seiner Dienstberatung zu der Kundgebung vor dem Rathaus. "Ich habe absolutes Verständnis für diese Aktion. Wir fordern auch, dass die Händler Ausgleichszahlungen bekommen", sagte Liebhauser.

Karsten Müller hat am Montagmittag "Besuch" von Vertretern des Leisniger Ordnungsamtes und der Polizei bekommen. Er musste sein bis dahin offenes Handelshaus schließen. Einzig einen Wäschetausch, ein Service für eine Reinigung in der Region, darf es an de
Karsten Müller hat am Montagmittag "Besuch" von Vertretern des Leisniger Ordnungsamtes und der Polizei bekommen. Er musste sein bis dahin offenes Handelshaus schließen. Einzig einen Wäschetausch, ein Service für eine Reinigung in der Region, darf es an de © Lars Halbauer

Geschäftsschließung nach emotionaler Diskussion

In Leisnig hat Karsten Müller sein Geschäft für Berufsbekleidung am Montag aufgesperrt - zumindest bis Vertreter des Leisniger Ordnungsamtes am späten Vormittag zum zweiten Mal vor seiner Tür standen und Beamte der Polizei an ihrer Seite waren. Nach emotionaler Diskussion konnte ein Kompromiss erzielt werden, der sowohl ein Stück dem Geschäftsmann als auch dessen Kunden weiterhelfen dürfte.

Müller darf an der Ladentür Wäsche tauschen. Die nimmt er im Auftrag einer Wäscherei in der Region für Privatpersonen, darunter betagte Rentner, aber auch für Industriebetriebe und Dienstleister entgegen. Nach der Reinigung können die Kleidungsstücke an der Tür wieder abgeholt werden. "Ein Hol- und Bringedienst kann stattfinden", so Uwe Dietrich vom Leisniger Ordnungsamt.

Für Müller ist es existenziell, dass er weiterarbeiten kann. Er muss eine fünfköpfige Familie ernähren. In dieser Situation hat er wenig Verständnis für die Anordnungen der Politik. "Es gibt keine Beweise dafür, dass im Einzelhandel ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht", so der Leisniger Geschäftsmann. Solange ihm niemand das Gegenteil beweise, widerstrebe es ihm, sich an solche Art Regelung wie die Geschäftsschließung zu halten.

Verhülltes Schaufenster in Waldheim

In Waldheim machen die Inhaberin des Geschäftes Jeans-Weller auf dem Obermarkt auf die prekäre Situation der Händler in den Innenstädten aufmerksam. Ein weißes A4-Blatt mit der Aufschrift "Unser Protest für die Zukunft des Einzelhandels (keine Dekoration und kein Licht)" hängt gut sichtbar mitten im Schaufenster.

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Die gesamte Fensterscheibe ist mit Folie verhüllt. Nur mit viel Mühe können Vorbeigehende die Umrisse der Schaufensterpuppen erkennen. Dadurch macht das Schaufenster einen tristen Eindruck.

An der Eingangstür hängt ein Schild, dass das Geschäft bis zum 7. Februar 2021 weiterhin geschlossen bleibt.

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