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Görlitzer Landrat rebelliert gegen Kretschmer

Die Inzidenz liegt hoch. Landrat Bernd Lange will Läden nicht schließen, wird aber müssen. Der Konflikt mit der Landespolitik spitzt sich zu.

Landrat Bernd Lange setzt auf eine andere Öffnungsstrategie als Ministerpräsident Michael Kretschmer.
Landrat Bernd Lange setzt auf eine andere Öffnungsstrategie als Ministerpräsident Michael Kretschmer. © Nikolai Schmidt

Schon am Mittwoch war für die Görlitzer Filiale von H & M kein Einkaufstermin für diesen Sonnabend zu bekommen. Es wird der letzte Einkaufssonnabend vor Ostern sein.

Denn seit drei Tagen liegt der 7-Tage-Inzidenzwert für den Kreis Görlitz beim Robert-Koch-Institut über 100. Damit müssen die Geschäfte ab Dienstag wieder schließen. Kosmetik-, Tattoo- oder Nagelstudios ebenso. Auch Tierparks und Museen. Frisöre, Buch- und Blumenläden sowie Garten- und Baumärkte bleiben offen.

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Der Görlitzer Landrat Bernd Lange hat diese Woche deutlich gemacht, was er davon hält. Nicht viel. Es sei den Menschen nicht mehr zu erklären, sagte er vor Journalisten. Während Tierpark und Läden funktionierende Hygienekonzepte haben und nur wenige Kunden einlassen, müssen sie geschlossen werden - währenddessen die Corona-Pandemie in Schulen und Kitas um sich greift. Sie aber bleiben mindestens bis 26. März geöffnet. Handel, Gastronomie und Hotels waren schon in der zweiten Welle geschlossen worden, schon damals machte die Rede eines Sonderopfers die Runde. Nun scheint das nächste zu drohen.

Viele Widersprüche in der Corona-Politik

Es ist einer der Widersprüche in der Corona-Politik. Der Görlitzer Epidemiologe Roger Hillert nannte es absurd, dass zwar die Hotelburgen in Mallorca öffnen, Deutsche hinreisen können und sich bei der Rückkehr noch nicht einmal einem Test unterziehen müssen - die Pension an der Ostseeküste aber weiterhin geschlossen ist. Diese Widersprüche gab es schon immer, und jeder kann einen zum Besten geben. Je länger aber die Einschränkungen und Unsicherheiten andauern, umso mehr reizen sie die Menschen.

Landrat Lange hat aber zugleich auch keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass er sich an die Corona-Verordnung und die Rücknahme der Lockerungen halten wird. Er habe da keinen Spielraum, die Verordnung ist in diesen Punkten ganz klar.

Sachsen hält sich strikt an die Vereinbarungen mit der Bundeskanzlerin von Anfang März. Schon in der Verordnung kommt das klar zum Ausdruck. Andere Länder sehen das lockerer. Auch in Brandenburger Kreisen oder in manchen Großstädten in Nordrhein-Westfalen liegt die Inzidenz deutlich über 100 seit mehreren Tagen, und doch werden dort keine Lockerungen zurückgenommen.

Kretschmer und Lange einig und doch verschieden

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat erst diese Woche gesagt, dass die Lockerungen zu viele Neuinfektionen ermöglicht hätten.

Es ist nicht so, dass Kretschmer und der Görlitzer Landrat einen völlig anderen Blick auf die Corona-Pandemie haben. Sachsens Regierungschef und der Görlitzer Landrat teilen vielmehr die Einsicht: Die seit 8. März geltenden Lockerungspläne funktionieren nicht.

Bernd Lange hat für sich aber den Schluss daraus gezogen, dass der Inzidenzwert in der dritten Welle nicht mehr allein ausschlaggebend sein kann. Der Görlitzer Landrat kann zudem für sich verbuchen, das bereits gesagt zu haben, als andere noch schwiegen.

Und er kann es mit Zahlen belegen. Sein Kreis-Gesundheitsamt hat sich angeschaut, wie die zweite Welle von Ende Oktober bis Anfang Februar verlief und daraus die Lehre gezogen, dass die Reißleine zu ziehen ist, wenn 60 Prozent der Krankenhaus-Kapazitäten für Covid-19-Patienten belegt sind. Das wären 144 Normalbetten und 18 Intensivbetten. Sachsen ist vorsichtiger.

Der Medizinische Vorstand des Dresdner Universitätsklinikums, Professor Dr. Michael Albrecht, hält in einem SZ-Interview landesweit die Grenze bereits erreicht, wenn 1.300 der Krankenhausbetten mit Corona-Patienten belegt wären. Auf dem Höhepunkt der Pandemie im Januar mussten 3.600 Covid-19-Patienten stationär behandelt werden. Auf den Landkreis berechnet wären das etwa rund 100 Betten. Lange könnte womöglich auch damit leben und zeigte sich zu Gesprächen bereit.

Der Görlitzer Landrat steht mit seiner Meinung, den Inzidenzwert durch einen Risikowert abzulösen, der die Lage in den Kliniken und die Schwere der Erkrankungen mit einbezieht, nicht allein. Zahlreiche Politiker äußerten diese Ansicht diese Woche.

Prognosen der Experten besser als die momentane Lage

Michael Kretschmer Ende November zu Besuch auf der Intensivstation des Städtischen Klinikums Görlitz.
Michael Kretschmer Ende November zu Besuch auf der Intensivstation des Städtischen Klinikums Görlitz. © Klinikum Görlitz

Michael Kretschmer hat das noch nicht zu erkennen gegeben. Er sah das Leid auf den Intensivstationen vor Weihnachten. Seit Ende November war er durch Sachsen gereist und hatte sich in den Krankenhäusern umgeschaut. Das Elend dort wirkt bei ihm genauso nach wie Prognosen von Experten wie dem Physiker Michael Meyer-Hermann, der die Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig leitet und eine Professur an der TU Braunschweig hat. Viele kennen ihn auch aus dem Fernsehen, wo er regelmäßig befragt wird.

Dessen Prognose erfüllte sich bis Anfang März - dann wurde die wirkliche Lage schlechter als die Prognose, die erst in der zweiten Hälfte des Monats März einen sprunghaften Anstieg der Neuinfektionen wegen der britischen Mutante erwartete. Die neue Variante des Virus kam früher und setzte sich schneller durch. Jetzt zeigen Politiker wie Kretschmer auf die Situation in Großbritannien vor Weihnachten, als auch zu schnell geöffnet wurde und anschließend alles wieder dicht gemacht wurde. Und er sorgt sich, dass alles Erreichte aufs Spiel gesetzt wird.

Anders als Lange fürchtet Kretschmer, dass es nicht möglich ist, die Pandemie im Griff zu halten, wenn die derzeit bestehenden Lockerungen erhalten bleiben. Ein bisschen Corona gehe nicht, steht hinter diesen Überlegungen. "Wir haben es im Herbst gesehen, dass es kein Halten mehr gab, als die Inzidenz die 50 überschritten hatte", sagte Kretschmer jüngst im Dialog mit Görlitzern. Zumindest die Inzidenzwerte dieser Woche geben ihm recht.

Verläuft die dritte Welle anders als die zweite?

Aber genau da liegt der Unterschied zu Lange. Er hält den Vergleich zwischen zweiter und dritter Welle für falsch. Damals grassierte das Virus in Altenheimen, jetzt in Schulen. Seinerzeit erkrankten vor allem die über 70-Jährigen, jetzt die Jüngeren. Damals starben viele Senioren an den schweren Verläufen, die sehen die Ärzte (noch nicht) bei den Jüngeren. Nur: Ist das stabil oder kippt diese Entwicklung, wenn der Inzidenzwert erst einmal wieder über 200 oder 300 liegt? Und wann ist das?

Dass die Zahlen in dieser Woche so hochgingen im Kreis Görlitz führen alle Experten auf die britische Mutation zurück. Sie könnte bereits 80 Prozent aller Infektionen ausmachen. Aber verläuft eine Ansteckung mit der Mutante auch schwerer? Das beobachten die Gesundheitspolitiker im Augenblick nicht. "Wir können nicht sagen, dass sie bösartiger verläuft", sagt Landrat Bernd Lange. "Die Kinder zeigen, von Einzelfällen abgesehen, kaum Symptome." Erwachsene wie Erzieher könnten nach einer Infektion durchaus ans Bett gefesselt sein, aber die Todeszahlen sind deutlich nach unten gegangen. Und noch ist die Lage in den Krankenhäusern stabil.

Was die Diskussion erschwert, sind die fehlenden Sicherheiten. Vom Impfen können sie noch nicht kommen, auch wenn sich die Lage jeden Tag ein wenig verbessert. Erst wenn im zweiten Quartal mehr Impfstoff zur Verfügung steht.

Das systematische Testen als Alternative ist umstritten. Zwar wird in Firmen oder Schulen viel getestet. Bis Anfang dieser Woche wurden dem Landkreis 384 positive Schnelltests übermittelt, die 227 mal von einem positiven PCR-Test bestätigt wurden. Waren es im Januar erst 97 positive Schnelltests, so waren es allein in den ersten 14 Tagen des März bereits 121. Doch die Corona-Zahlen steigen weniger des Testens wegen, sondern weil das Virus einfach wieder mehr übertragen wird.

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So bleibt es eine schwierige Abwägung für die Politiker. Das braucht auch Zeit. Der Handel im Landkreis Görlitz hat sie nicht. In weiten Teilen muss er ab Dienstag wieder schließen. Oder reagiert Sachsen doch noch in der Zwischenzeit?

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