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Corona: "Die drei schlimmsten Wochen meines Lebens"

Uwe Fanselow aus Gersdorf erkrankt im Januar schwer an Covid-19. Der 53-Jährige erzählt, wie er die Zeit im Krankenhaus erlebt hat - und wie es ihm heute geht.

Uwe Fanselow aus dem Haselbachtal lag zwei Wochen lang mit einer schweren Covid-19-Erkrankung auf der Intensivstation der Dresdner Uni-Klinik. Seine Überlebenschance lag bei unter 30 Prozent.
Uwe Fanselow aus dem Haselbachtal lag zwei Wochen lang mit einer schweren Covid-19-Erkrankung auf der Intensivstation der Dresdner Uni-Klinik. Seine Überlebenschance lag bei unter 30 Prozent. © Privat: Fanselow

Dresden/Kamenz. Wie beginnt man so eine Geschichte? Eine Geschichte zwischen Todesangst und Lebensbejahung, Verzweiflung und Hoffnung. In welcher der Protagonist zurückblickt auf Stunden, die er aus seiner Erinnerung streichen würde. Sie handelt von Drähten und Schläuchen, Beatmungsmasken und zerstochenen Venen. Von Tränen, ganz vielen. Von Fieberträumen und fragilen Momenten des Glücks.

Uwe Fanselow möchte sie trotzdem erzählen. Der 53-Jährige aus Gersdorf bei Kamenz erkrankte Mitte Januar schwer an Covid-19. Drei Wochen lag er in der Dresdner Uni-Klinik, zwei davon auf der Intensivstation. Davor im Kamenzer Malteser Krankenhaus.

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Bereits nach den ersten Tagen macht er ein Foto von sich. Für ihn steht fest: Das Ganze ist so surreal, dass er es festhalten muss, um es später verstehen zu können. Und die Fotos sind auch für seine Familie, die nicht bei ihm sein darf in den schlimmsten Wochen seines Lebens. "Für mich ist das Erzählen darüber ein heilsamer Prozess", sagt Uwe Fanselow.

Zwei Tests sind zuerst negativ

Doch zurück zum Anfang. Alles beginnt am 11. Januar mit einem Unwohlsein, das schnell Fahrt aufnimmt. "Ich hatte alle Krankheitssymptome, von denen man immer hört. Fieber, Schüttelfrost, leichte Probleme beim Luftholen", erzählt Uwe Fanselow. Doch zwei Corona-Tests sind negativ. "Man hofft noch, dass es vorbeigeht."

Uwe Fanselow hat keine bekannten Vorerkrankungen. Alles scheint sicher zu diesem Zeitpunkt. Sein Herz ist stark. Er soll sich ausruhen. Keine Belastungen, schön im Bett bleiben. Trotzdem verschlechtert sich sein Zustand rasant. Am 18. Januar sucht er erneut seine Hausärztin in Kamenz auf. "Ich musste mich fahren lassen, bin gekrochen wie ein alter Mann", sagt er. Als die Ärztin ihn so sieht, steht schnell fest: Ab ins Kamenzer Krankenhaus.

Am Wochenende bekommt er immer schlechter Luft. Eine Lungenentzündung wird diagnostiziert. Sie ist atypisch, also nicht durch Bakterien verursacht. Mittlerweile ist das Fieber auf 40 Grad gestiegen. Uwe Fanselow braucht Sauerstoff. Und Infusionen. Die Hilfslosigkeit wächst. Der dritte Test ist positiv. "Es war endlich klar, dass ich Corona habe. Es beruhigt einen nicht, aber man kennt seinen Feind", sagt der 53-Jährige.

Weiße Flecken auf der Lunge

Zwei Tage später hat sich sein Gesundheitszustand so verschlechtert, dass er schnellstens nach Dresden ins Uni-Klinikum verlegt werden muss. Seine Lunge zeigt viele weiße Flecken in der Computertomographie (CT). "Die Farbe Weiß ist eine ganz schlechte Farbe, wenn es um die Lunge geht", hat er gelernt.

Viel gegoogelt habe er damals. Auch wenn ihm Ärzte und Freunde gesagt hätten: Lass das! Doch so habe er bisher alles geregelt - nachhaken, Wissen horten, Lösungen suchen. Als Unternehmensberater bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft tut Uwe Fanselow genau das jeden Tag. Doch was im Arbeitsalltag funktioniert, misslingt hier. "Corona treibt seine ganz eigenen Blüten", sagt der Familienvater.

Uwe Fanselow wurde nicht-invasiv beatmet. Hier ist er bereits wieder aufrecht im Bett zu sehen. Das Schlimmste sei die Krauler-Position in Bauchlage in den ersten Tagen auf der ITS gewesen.
Uwe Fanselow wurde nicht-invasiv beatmet. Hier ist er bereits wieder aufrecht im Bett zu sehen. Das Schlimmste sei die Krauler-Position in Bauchlage in den ersten Tagen auf der ITS gewesen. © Privat: Fanselow

Am 20. Januar wird er im Rettungswagen nach Dresden gebracht. "Ich habe meiner Frau und meiner Tochter fest versprochen, dass ich wieder heim komme", erzählt er. Noch immer sitzt der Schock tief. Während er zurückdenkt, sieht er sofort wieder alles bildlich vor sich. "Das ist nicht leicht, aber wahrscheinlich nötig, um besser damit klar zu kommen."

Uwe Fanselow kommt auf die Intensivstation (ITS). 28 Betten sind zu dieser Zeit voll belegt. Er wird sofort beatmet. Die so genannte nicht-invasive Beatmung unterstützt seine eigene Atmung. Sie stellt einen Überdruck her, der das Einatmen erleichtert und für den richtigen Druck beim Ausatmen sorgt. Praktisch sieht das so aus, dass Uwe Fanselow nun eine riesige Sauerstoffmaske trägt. Bei fortschreitender Besserung wird sie kleiner.

Luftnot fühlt sich an wie Ertrinken

Und er wird in die so genannte "Krauler-Position" gebettet. "Damit begannen die schlimmsten Tage meines Lebens", sagt er. In dieser speziellen Bauchlage wird die Lunge entlastet. Was einfach und einleuchtend klingt, ist für einen Patienten bei vollem Bewusstsein schwer zu meistern.

Fünf Tage und Nächte habe er fast kein Auge zugemacht. "Einfach aus Angst, nicht mehr aufzuwachen", sagt Fanselow. Das schwere Atmen und die Luftnot hätten sich manchmal wie Ertrinken angefühlt. Todesangst begleitet ihn. "Auf so einer Station ist Aufgeben ein großes Thema. Viele der Erkrankten um dich herum sind verzweifelt. Das geht in die Richtung: Spielt mir einfach noch ein Lied und lasst mich dann sterben", sagt Uwe Fanselow. Und dieses Sterben ist allgegenwärtig. Jeden Tag kommen sich Familienmitglieder von Mitpatienten, die es nicht geschafft haben, verabschieden.

Unzählige Nächte voller Angst

Er habe so oft es ging geredet - mit Pflegepersonal und Ärzten, erzählt Fanselow. Das habe gut getan, aber auch deren Leid fühlbar gemacht. Per "Facetime" auf seinem Smartphone kann er mit seiner Frau und der 23-jährigen Tochter sprechen. Er klammert sich an das Prinzip Hoffnung. Doch dieses Gefühl "Was kommt noch alles?" bleibt. Und die vielen Fragen zermürben: Wie geht's der Familie daheim? Weiß sie wirklich, wie es ihm geht? Uwe Fanselow zumindest weiß nicht, wohin mit seinen vielen Fragen.

Es gibt Tage, da geht es aufwärts. Dann wieder steil bergab. Eine Blutvergiftung, multiresistente Krankenhauskeime und unzählige Nächte voller Angst später wird er nach drei Wochen am 8. Februar nach Hause entlassen. Davor verbringt er einige Tage auf der Normalstation. "Man schraubt alles auf einen einzigen, festen Wunsch herunter: Hier durchkommen, koste es, was es wolle", sagt er.

Leistung der Lunge nur bei 54 Prozent

Geblieben sind Angst-Attacken und ein enormer Erschöpfungszustand. Zwölf Kilo hat er abgenommen. Und das Heimkommen kostet Kraft. Auch emotional. "Man ist total empfindsam, will niemandem auf den Keks gehen. Meine Familie hat es schließlich auch nicht leicht gehabt in der ganzen Zeit. Am Anfang schafft man es gerade einmal vom Bett ins Bad", sagt der 53-Jährige. Alles muss neu erlernt werden.

Das Warten auf die Anschlussheilbehandlung in einer Reha-Klinik dauert drei Wochen. Viel zu lange, findet Uwe Fanselow. Die Kommunikation mit Behörden sei teilweise eine Zumutung gewesen. "In einer solchen Extremsituation hat man kein Verständnis dafür."

Die Kur in Bad Salzungen tut Uwe Fanselow gut. Mittlerweile ist er zwei Wochen dort, hat täglich ein volles Programm zu bewältigen. Schon jetzt wurde auf fünf bis sechs Wochen verlängert .
Die Kur in Bad Salzungen tut Uwe Fanselow gut. Mittlerweile ist er zwei Wochen dort, hat täglich ein volles Programm zu bewältigen. Schon jetzt wurde auf fünf bis sechs Wochen verlängert . © Privat: Fanselow

Seit fast zwei Wochen ist er nun in Bad Salzungen. Seine Lunge hat immer noch eine Leistung von nur 54 Prozent. Erschöpft ist er, sein Herz muss mehr pumpen. In der rechten Kniekehle hat sich eine Thrombose gebildet. Alles geht langsamer als sonst. Aber er lebt und macht täglich neue Fortschritte.

Zwischen Fitnessstudio, Atemtherapie, Rückenschule und Solebehandlung gibt es bei der Kur psychologische Gesprächsrunden. Jeder habe sein individuelles Corona-Drama erlebt. "Keine Krankheitsgeschichte ähnelt der anderen", sagt Uwe Fanselow.

Auch deshalb nimmt er an einem Forschungsprojekt samt Langzeittests teil. Mehrere Unikliniken sind dafür eng mit der Reha verzahnt. "Ich möchte etwas zurückgeben. Nur dank der Ärzte, der Pfleger und Krankenschwestern in Kamenz und Dresden bin ich noch hier. Die Krankheit hat mich zu einem anderen Menschen gemacht. Niemand von uns hat gelernt, wie man mit solchen Ängsten umgehen muss", sagt er. Aber sie seien da und man "müsse einmal mittendurch", weiß er nun.

Die Arbeit muss warten, doch die Firma zeige Verständnis. Seine Freunde müssen auch warten. Und seine Familie wird da sein, wenn er nach Hause kommt. "Es klingt wie ein kitschiges Lied, aber ich weiß jetzt, wie wertvoll Leben ist." Auch wenn es richtig heftig wird und der Weg lang ist: Aufgeben ist für Uwe Fanselow keine Option. "Dafür liebe ich das Leben und meine Familie viel zu sehr!"

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