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Hass gegen Impfärzte

Beleidigungen und Bedrohungen erhält der Görlitzer Arzt Henry Hedrich. Sein "Vergehen": Er impft gegen Corona. Kein Einzelfall in Sachsen.

Dr. Hedrich (re.) vor seiner Praxis, in der er nach wie vor impft.
Dr. Hedrich (re.) vor seiner Praxis, in der er nach wie vor impft. © Martin Schneider

Henry Hedrich würde es wieder so machen. "Das Impfthema ist weiter wichtig", sagt er. Vor Kurzem hatte der Görlitzer Arzt zum Impfen aufgerufen, Kritik geübt an Menschen, die Fehlinformationen im Netz kursieren lassen und damit bei anderen für Unsicherheit sorgen und seine Meinung zu Corona-Leugnern öffentlich gemacht. Eine Auswikung: Unbekannte hinterließen ein Grafitto an seiner Praxis, per Mail oder über soziale Netzwerke kamen Beleidungungen, darunter auch Inhalte, die Hedrich seinem Anwalt übergeben hat, weil sie womöglich strafrechtlich relevant sind.

Das Griffito ist inzwschen verschwunden, ermittelt durch die Polizei wird weiter.
Das Griffito ist inzwschen verschwunden, ermittelt durch die Polizei wird weiter. © SZ/sdn

"Auf Beleidigungen antworte ich nicht mehr"

"Es ist eine neue Erfahrung", sagt Hedrich. "Es wühlt einen natürlich auf." Auf SZ-Anfrage führte die Landesärztekammer Sachsen eine Stichproben-Umfrage unter sächsischen Ärzten durch: "Verbale oder tätliche Bedrohungen durch Patienten kommen im ärztlichen Alltag in Praxis und Klinik leider häufiger vor", teilt Sprecher Knut Köhler mit. Etwa in den Notaufnahmen oder bei Notarzt-Einsätzen. Eine Entwicklung, die schon vor der Coronakrise spürbar wurde. Bedrohungen gegen Ärzte durch Impfgegner oder "Querdenker" sei dagegen eher selten - die Fälle gibt es aber eben doch.

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"Ein Arzt erhielt zum Beispiel einen Brief, mit dem Inhalt, wenn er weiterhin noch Corona-Impfungen durchführe und für Impfungen werbe, soll er sich gefasst machen auf Konsequenzen nicht nur für seine Praxis, sondern auch für ihn persönlich. Außerdem sollte er sich auf eine öffentliche Anklage vorbereiten", schildert Köhler einen Fall. Auch sein Chef, Kammer-Präsident Erik Bodendieck, bekomme oft Briefe oder Mails mit bedrohlichem Inhalt.

Häufig in der Öffentlichkeit steht auch Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektions- und Tropenmedizin in Chemnitz und Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission (SIKO). "Ich bekomme recht regelmäßig solche E-Mails oder auch Briefe", teilt er mit. "Die meisten sind nicht so dramatisch. Einige aber durchaus auch mit Drohungen." Auf sachliche Fragestellungen gebe er prinzipiell zumindest einmal eine Antwort. "Bei Beleidigungen oder dem offensichtlichen Versuch der Instrumentalisierung meiner Person antworte ich nicht mehr."

Wenn die Polizei kommen muss

Vereinzelt landen solche Fälle dann auch bei der Polizei, etwa, wenn Anzeige erstattet oder sogar die Polizei hinzugerufen wird. So wie Ende Juni, als die Beamten zu einem Görlitzer Arzt gerufen wurde, schildert Anja Leuschner, Sprecherin der Polizeidirektion Görlitz: Ein Patient hatte den Arzt während der Behandlung bedroht. "Der 72-jährige Beschuldigte wollte offenbar seine Mund-Nasen-Bedeckung nicht ordnungsgemäß tragen und wurde, als der Arzt ihn darauf hinwies, offenbar sehr laut."

Beim Medizinischen Labor Ostsachsen gehen nicht nur Proben ein, sondern manchmal waren es zu Corona-Hochezeiten auch provozierende E-Mails.
Beim Medizinischen Labor Ostsachsen gehen nicht nur Proben ein, sondern manchmal waren es zu Corona-Hochezeiten auch provozierende E-Mails. © freier Fotograf

In Görlitz und Umgebung antworten manche der angefragten Ärzte und Institutionen nicht, andere schon wie Claudia Friedrichs, Leiterin der Görlitzer Stelle des Medizinischen Labors Ostsachsen. Hier werden seit Beginn der Corona-Pandemie die meisten Proben aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz auf das Coronavirus ausgewertet. "Es hat sich inzwischen zum Glück wieder beruhigt", sagt sie. "Zu Hochzeiten wie im Januar haben wir aber manchmal E-Mails und Anrufe erhalten oder Beiträge in sozialen Netzwerken gesehen, in denen uns zum Beispiel unterstellt wurde, unsere Ergebnisse seien falsch", oder der PCR-Nachweis sei nicht zuverlässig.

Ins Impfzentrum kommen die Gegner nicht

Mitglied der Ssächsischen Impfkommission ist Hans-Christian Gottschalk. Der langjährige Görlitzer Kinderarzt arbeitet seit Beginn der Impfungen im Impfzentrum Löbau. "In den sozialen Netzwerken bin ich nicht unterwegs", erzählt er. Was dort manchmal für Kommentare über ihn abegegeben werden, könne er sich trotzdem vorstellen - oder weiß es, weil Bekannte ihn darauf ansprechen. Wie er damit umgeht? "Ich versuche mich lieber über die Reaktionen unserer Patienten im Impfzentrum zu freuen. Viele sind einfach dankbar." Manche bringen sogar kleine Geschenke für das Personal mit.

Dr. Hans-Christian Gottschalk in Impfzentrum Löbau.
Dr. Hans-Christian Gottschalk in Impfzentrum Löbau. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Anfeindungen im Impfzentrum hat er bislang nicht erlebt. "Zu uns ins Impfzentrum kommen ja Menschen, die geimpft werden möchten, nicht die Gegner." Tatsächlich habe es aber am Anfang Bedenken gegeben, dass Impfgegner sich einmogeln könnten. "Soweit ich weiß, kam so etwas nicht vor." Ärger gab es am Anfang trotzdem - allerdings durch Patienten, die unbedingt geimpft werden wollten, aber noch nicht durften.

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Im Juni dagegen blieben die Impfinteressenten zunehmend aus. Nicht nur Henry Hedrich vermutete, dass es bis Herbst nichts wird mit der Herdenimmunität. Knapp 53 Prozent der Sachsen sind vollständig geimpft, die niedrigste Impfquote bundesweit. "Wir haben bessere Behandlungsmöglichkeiten", sagt der Görlitzer Arzt, und die Immunlage sei besser. Durch die Menschen, die geimpft sind - in den Risikogruppen vergleichsweise viele - und durch diejenigen, die eine Corona-Erkrankung durchmachen mussten. Dennoch geht er davon aus, spurlos wird die vierte Welle nicht am Kreis vorbei gehen. Bei seinem Appell bleibt er deshalb.

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