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Antikörpertest: Hatte ich schon Corona?

Eine Leipziger Firma hat einen Antikörpertest für den Hausgebrauch entwickelt. Was sagt er aus? Ein Selbstversuch.

Geschafft: Die Blutprobe ist fertig und wird per Post ans Labor in Leipzig geschickt. Ein bis zwei Tage nach Eingang liegt das Ergebnis vor.
Geschafft: Die Blutprobe ist fertig und wird per Post ans Labor in Leipzig geschickt. Ein bis zwei Tage nach Eingang liegt das Ergebnis vor. © Ronald Bonß

Die Nachricht sorgte für Furore, auch in unserer Redaktion: Apotheken in Sachsen dürfen ab sofort den Coronavirus-Antikörpertest AProof verkaufen. Zuvor hatte es einige Verwirrung um das Produkt einer Leipziger Firma gegeben. Apotheken lehnten den Verkauf unter Hinweis auf die strengen Abgabevorschriften ab. Daraufhin unterzog die Landesdirektion Sachsen den Test einer Bewertung: Können auch medizinische Laien sicher damit umgehen? Das Ergebnis: Ja. Am 24. September gab das Sozialministerium in Dresden grünes Licht.

Antikörper, so ist inzwischen allseits bekannt, bieten einen Schutz vor bestimmten Viren. In diesem Fall geht es um das gefürchtete Coronavirus Sars-CoV-2. Wer die Erkrankung durchgemacht und überlebt hat, darf sich zumindest Hoffnung machen: So schnell kann einem das Coronavirus nicht wieder etwas anhaben. Aber was ist mit all jenen Menschen, die von der Infektion gar nichts mitbekommen haben, weil die Krankheit ohne Symptome verlief? Unter Coronaskeptikern kursiert die Meinung, dass dies bereits auf weit mehr als die Hälfte aller Deutschen zutrifft. Gehöre ich vielleicht auch dazu?

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Praktisch: Das Testset ist so groß wie eine Postkarte. Mithilfe des Codes auf der Abrufkarte erfährt man später das Ergebnis.
Praktisch: Das Testset ist so groß wie eine Postkarte. Mithilfe des Codes auf der Abrufkarte erfährt man später das Ergebnis. © ronaldbonss.com

Am nächsten Tag steuere ich eine größere Apotheke im Dresdner Zentrum an. Der Verkäufer schaut in den Computer, sucht eine Weile und sagt: „Sie können den Test heute, 17 Uhr, abholen.“ Toll, denke ich, zahle 69 Euro und schaue auf den Abholzettel. Von AProof lese ich da allerdings nichts, stattdessen ist ein anderer Antikörpertest vermerkt. Ich interveniere, der Verkäufer schaut noch mal lange in den Computer und teilt mir schließlich mit, dass der von mir gewünschte Test noch nicht im System sei. Ich könnte ihn aber direkt bei der Firma bestellen, rät er und zahlt mir mein Geld zurück.

Den Weg zu anderen Apotheken kann ich mir damit sparen. Noch am gleichen Tag besuche ich die Internetseite der Adversis Pharma GmbH in Leipzig. Mit einem Klick gelange ich auf die Produktseite. „Antikörper sind über einen langen Zeitraum zuverlässig nachweisbar“, steht da. Und: „Mit nachgewiesenen Antikörpern ist eine erneute Ansteckung unwahrscheinlicher.“ Nicht zuletzt könnten Antikörper gegen Sars-CoV-2 „das Erkrankungsrisiko im kritischen Arbeitsumfeld oder mit Risikopersonen senken.“

Prima. Wenn es der Familie und den Kollegen hilft, dann mache ich das doch gern. Gelegentlich werde ich schon mal skeptisch angeschaut, wenn ich von einer Reise oder einem Ausflug zurückkehre. Dabei war das alles kein Risikogebiet, damals jedenfalls: Bayern, Schwarzwald, Elsass, Wallis, Oberösterreich. Außerdem war da noch die mittelgroße Geburtstagsfeier. Nun bin ich 60 und gehöre selbst zur Risikogruppe. Der Nachweis von Antikörpern wäre also auch für mich so etwas wie eine Beruhigungspille.

Gewusst wie: Der Gebrauch der Lanzette ist für Laien nicht ganz einfach. Den Piks spürt man kaum.
Gewusst wie: Der Gebrauch der Lanzette ist für Laien nicht ganz einfach. Den Piks spürt man kaum. © Ronald Bonß

Die Bestellung geht fix. Ich überweise 49 Euro, und prompt kommt die Bestätigung. Von nun an heißt es warten. Ich nutze die Zeit, um mich etwas näher mit der Materie vertraut zu machen. Antikörper, so lese ich, sind kleine Eiweißpartikel im Blut. Sie entstehen als Reaktion auf Krankheitserreger – also zum Beispiel das Coronavirus. Indem sie sich an den Eindringling andocken, wird er für das Immunsystem sichtbar. Es kann den Feind nun gezielt vernichten.

Diesen Umstand macht sich die Medizin schon lange zunutze, etwa beim Schwangerschafts- und beim Drogentest, aber auch bei Therapien gegen Krebs oder Migräne. Entsprechend groß war die Hoffnung, als sich Corona zu einer Pandemie ausweitete. Könnte man die Erkrankung mit einer Antikörper-Therapie heilen? Professor Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Virologie an der TU Dresden, dämpfte bereits Anfang April die Erwartungen. Eine Behandlung mit Antikörpern sei nur in einem frühen Stadium von Covid-19 wirksam, äußerte er. Außerdem sei unklar, wie man die Antikörper dosieren müsse, damit sie tatsächlich wirken. Danach las oder hörte man kaum noch etwas über eine Antikörper-Therapie – bis ausgerechnet US-Präsident Trump in dieser Woche neue Hoffnungen schürte und es als „Heilmittel“ pries. In Deutschland ist der experimentelle Antikörper-Cocktail der Firma Regeneron noch nicht klinisch geprüft.

Eine Woche lang warte ich vergeblich auf Post aus Leipzig. Nach knapp zwei Wochen rufe ich bei der Firma an. Eine nette Frauenstimme fragt nach der Bestellnummer und bittet um einen Moment Geduld. Irgendwann bricht die Verbindung ab. Ich beschließe, mich weiter in Geduld zu üben. Es war die richtige Entscheidung: Am nächsten Tag liegt der Brief mit dem Test im Postkasten. Eine kleine Pappschachtel mit aufgedruckter Bedienungsanleitung, zwei Lanzetten, einer Filterkarte, Sterilisationstuch, Tupfer und zwei Pflastern, dazu eine Abrufkarte mit Code. Damit kann ich später das Testergebnis erfragen.

Mit dem frisch gestochenen Finger tupft man etwas Blut auf die vier vorgezeichneten Kreise und klebt ein Pflaster drüber.
Mit dem frisch gestochenen Finger tupft man etwas Blut auf die vier vorgezeichneten Kreise und klebt ein Pflaster drüber. © Ronald Bonß

Ich lege alle Utensilien bereit. Ein kleiner Piks, und schon schießt das Blut hervor. Vorschriftsmäßig tropfe ich es auf die vier vorgezeichneten Kreise, tupfe den Finger sauber und klebe ein Pflaster drüber. Das war’s schon. Eine Stunde später, so die Anweisung, lege ich die Filterkarte in den kleinen Plastikbeutel und diesen ins vorbereitete Kuvert. Das Porto übernimmt der Empfänger, ebenso die Laborkosten. Also ab damit in den Briefkasten. Und wieder heißt es warten.

Der Test wurde von Forschern der Universität Leipzig gemeinsam mit Adversis entwickelt und Ende August der Presse vorgestellt. Er gehört zu einem Forschungsprojekt, das mit über 320.000 Euro von EU und Freistaat gefördert wird. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer äußerte bei der Präsentation, der Freistaat wolle den Test künftig dort einsetzen, „wo es sinnvoll ist.“ Bei dieser Ankündigung ist es bisher geblieben. Die Staatsregierung verwende den Test nicht, teilte das Sozialministerium auf Anfrage mit. Es gebe derzeit auch keine derartigen Pläne.

Der Test aus Leipzig ist nicht der Einzige für den Hausgebrauch. Göran Donner, Sprecher der Sächsischen Apothekerkammer und Chef einer Apotheke in Dippoldiswalde, schätzt, dass etwa ein halbes Dutzend freiverkäuflicher Tests verfügbar sind. „Die Nachfrage war bei mir bisher gleich Null“, sagt er. Wegen mehrerer Bedenken empfehle er den Test auch nicht aktiv.

Aussagekraft des Tests ist relativ gering

Zahlreiche Ärzte sehen das offenbar weniger kritisch. Der Medizinische Dienst der Sozialversicherung hatte bereits im Juli festgestellt, dass 26 von 50 zufällig ausgewählten Hausarztpraxen einen Antikörpertest als Selbstzahlerleistung anboten. Bei einer Umfrage unter knapp 7.000 Versicherten gaben drei Prozent an, dass ihnen schon mal ein solcher Test offeriert worden sei; weitere drei Prozent hatten selbst danach gefragt.

Mediziner wie Professor Dalpke nutzen die Tests vor allem für epidemiologische Studien. Sein Dresdner Labor verwende drei verschiedene Tests, die sich in ihrer Sensitivität und Spezifität unterscheiden. „Alle positiven Proben werden noch mal mit einem anderen Test geprüft“, sagt er. Ob jemand inzwischen immun gegen Corona ist, könne man damit aber nicht klären. „Dazu bräuchte man einen Test auf neutralisierende Antikörper, die die Erreger binden.“ Dieser Test sei aber sehr aufwendig und dürfe nur in einem Labor der Sicherheitsstufe drei durchgeführt werden. Sein Institut arbeite jedoch an einem Test, der auch unter weniger strikten Bedingungen Hinweise auf eine Immunität liefert.

Dann ist womöglich auch mein Test für die Katz? „Die Aussagekraft für den Einzelnen ist relativ gering“, sagt der Forscher. Aus einem positiven Ergebnis könne ich allenfalls ablesen, dass ich Kontakt mit dem Erreger hatte und also schon infiziert war. Doch auch das heiße nicht, dass ich nicht noch mal Corona bekommen könnte. „Die Wissenschaft vermutet, dass die Antikörper zumindest einige Monate lang schützen.“ Es gebe aber auch einzelne Hinweise, dass Antikörper relativ schnell ihre Wirkung verlieren – und dass sich Menschen sogar ein zweites Mal infiziert haben.

Auch ein negatives Ergebnis ist nicht wertlos

Drei Tage später kann ich per Internet mein Testergebnis abrufen. Es ist negativ. „In Ihrer Probe waren mit der oben genannten Analysemethode keine IgG-Antikörper gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 nachweisbar“, steht da. Und: „Das Ergebnis gibt keinen Hinweis auf eine überstandene Sars-CoV-2-Infektion.“ Außerdem ist für Rückfragen noch die Telefonnummer des Leipziger Hausarztes Dr. Thomas Lipp vermerkt. Ich wähle die angegebene Nummer, lande aber bei Adversis. Man teilt mir mit, ich möge meine Frage per E-Mail senden.

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Dann also auf dem Dienstweg. Ich erreiche Dr. Lipp im Urlaub. Er ist überzeugt, dass Antikörpertests künftig eine wichtige Rolle spielen, etwa als Nachweis für die Arbeitsfähigkeit. Und bis es soweit ist? Lipp berichtet, dass er tagtäglich neue Befunde erhält. Zwei bis drei Prozent davon seien positiv. „In Berlin ist die Quote sicher höher“, sagt er. Aber auch ein negatives Ergebnis sei nicht wertlos: „Die Leute wollen Sicherheit haben.“ Und wenn jemand wisse, dass er sich noch nicht angesteckt hat, halte er sich künftig vielleicht noch genauer an die Hygieneregeln. Da will ich ihm nicht widersprechen.

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