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Görlitzer Hausarzt behandelt keine Corona-Leugner

Dr. Henry Hedrich erntet Beschimpfungen in sozialen Medien und Kritik bei Kollegen, weil er Corona-Leugner nicht behandelt. Hier fordert er zum Impfen auf.

Der Görlitzer Arzt Henry Hedrich wird in sozialen Medien beschimpft, weil er zu einer drastischen Maßnahme griff.
Der Görlitzer Arzt Henry Hedrich wird in sozialen Medien beschimpft, weil er zu einer drastischen Maßnahme griff. © Nikolai Schmidt

Görlitz. Dr. Henry Hedrich hat den Aufsteller weggenommen, der einige Tage am Eingang seiner Arztpraxis in Görlitz zu finden war. In sozialen Medien sorgte der Inhalt des Schreibens für einen Shitstorm. Als NS-Arzt wird Dr. Hedrich da bezeichnet, er solle seine Approbation zurückgeben, wird verlangt. Aber auch in Kollegenkreisen wird sein Vorgehen zum Teil kritisch beurteilt.

Der Görlitzer Facharzt für Innere Medizin und Hausarzt hatte auf dem Aushang erklärt, dass er aus persönlicher Befangenheit keine Corona-Leugner oder Impfverweigerer behandelt. Er verwies diese Personen an den Görlitzer Hausarzt Dr. Ralf Tinzmann, der im Frühsommer vergangenen Jahres Teil der von Ärzten angeführten Demonstrationen von Corona-Skeptikern auf dem Görlitzer Postplatz war und vielen Patienten Atteste ausgestellt hatte, dass sie keine Masken tragen dürfen. Aus rein medizinischen Gründen, wie Dr. Tinzmann immer versicherte.

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Hedrich verband seine Erklärung aber auch mit dem Angebot, gern Gespräche mit Patienten zu führen, die Zweifel an der Corona-Schutzimpfung hegen oder Fragen hätten.

Die Impfdebatte ist eingeschlafen

Was die Gemüter besonders umtreibt, ist die Ablehnung der Behandlung von Patienten durch Dr. Hedrich, die sich als Corona-Leugner oder Impfverweigerer outen. Der Mann sei Arzt und demzufolge dem hippokratischen Eid verpflichtet, bemerken viele in den Netzwerken, also zum Helfen verpflichtet.

"Ich weiß, dass ich mich mit meiner Äußerung angreifbar mache", sagt Dr. Hedrich.

Tinzmann schickte Anwalt los

Ganz freiwillig hat Hedrich das Schild nicht abgenommen, wie Dr. Ralph Tinzmann auf SZ-Nachfrage erläutert. Seine Anwählte hätten Hedrich zuvor eine Abmahnung geschickt. Überhaupt versteht Tinzmann nicht, warum sein Arztkollege Patienten zu ihm schickt. "Ich habe nichts mit Dr. Hedrich zu tun, habe ihn nicht gesprochen", erklärt er. Er empfindet die Aktion als unverschämt und unkollegial. "Ich hatte am Wochenende Dienst und habe niemanden getroffen, der Verständnis für die Aktion hat", erklärt der Arzt weiter und ergänzt, er sei weder Corona-Leugner noch Impfverweigerer.

Dr. Hedrich versichert, dass in seiner Praxis Patienten in Notfällen behandelt würden, und zwar ungeachtet der Gesinnung, Herkunft oder Sprache des Hilfesuchenden. Wer sich aber beharrlich weigere, seiner ärztlichen Empfehlung zur Coronaschutzimpfung zu folgen, um sich und andere zu schützen, sage ihm mit diesem Verhalten, dass er ihm als Arzt und seiner Empfehlung misstraue. Somit sei das Vertrauensverhältnis tiefgreifend gestört. "Dieses Vertrauensverhältnis ist jedoch die Basis der Arzt-Patienten-Beziehung, ohne dem eine weitere Behandlung keine Grundlage hat", betont er.

Nachfrage nach der Schutzimpfung gerät ins Stocken

Hedrich begründet seinen Schritt mit der sinkenden Impfnachfrage. "Tatsächlich geht es mir darum, die Impfdebatte neu anzustoßen – sie ist leider eingeschlafen", bedauert er. Jetzt, da der Kampf um ausreichend Impfdosen endlich ausgestanden sei, habe die Arztpraxis kaum noch Anmeldungen zu Erstimpfungen. Das führe dazu, dass künftig kaum noch jemand zum Impfen komme, wenn die Zweitimpfungen absolviert seien. "Das berichtet mir so auch Dr. Großmann", sagt Hedrich. Im Impfzentrum Löbau gebe es viele freie Impftermine.

Hedrich sorgt sich sehr, dass die mangelnde Impfbereitschaft zu einer weiteren Coronawelle führen könnte. Deswegen appelliert er, sich impfen zu lassen. "Ich denke, mit dem Text wird klar, wie wichtig mir das Impfthema ist und welche Konsequenzen zu erwarten wären, wenn kein Umdenken stattfindet", erläutert der Arzt.

Bis vor drei Wochen sei die Nachfrage nach einer Corona-Schutzimpfung in der Praxis noch gut gewesen. Jetzt gerate sie ins Stocken. Gleichzeitig stünden aber täglich zehn Menschen in der Praxis mit Erkältungssymptomen. "Im ersten Moment ist nicht zu unterscheiden, ob es sich dabei um Corona oder nur eine Erkältung handelt", erklärt der Arzt. Wenn er im Gespräch bemerkt, dass die Hälfte dieser Patienten nicht gegen Covid-19 geimpft ist und ein Großteil von ihnen das auch nicht vorhat, sei das eine groteske Situation.

18 Monate lange habe man sich mit aller Kraft gegen die Pandemie gestemmt. Man habe Patienten getestet und behandelt, mehr als 2.000 Menschen geimpft. "Wir hatten Lockdown, Homeschooling, Millionen Erkrankte, zig-Tausend Todesopfer, und da kommen plötzlich Menschen in meine Praxis, die behaupten, sie hätten sich nicht informiert und das Thema Impfen sei für sie nicht relevant", entrüstet sich der Arzt. Vor allem in der Gruppe der 20- bis 50-Jährigen sieht Hedrich die Impfverweigerer.

Jetzt schenke die epidemische Situation Hoffnung, dass die Pandemie ihren Schrecken verliert. Vor allem, weil jetzt ausreichend wirksame Impfstoffe zur Verfügung stehen, die vor schweren Krankheitsverläufen schützen, falls es doch zu einer Covid-19-Infektion kommt. "Wir haben die Mittel in der Hand, die Pandemie zu beenden, aber dafür müssen fast alle mitmachen", sagt Henry Hedrich.

Ein Weckruf: Lassen Sie sich gegen Corona impfen!

Auch Hygienemaßnahmen sind weiter sehr wichtig, sonst droht die vierte Corona-Welle. Ein Gastbeitrag von Dr. Henry Hedrich:

Wir sind nun im 18. Monat der Coronapandemie. Mittlerweile ist jeder Tausendste in unserem Land an dem Virus verstorben. Ohne Lockdown-Maßnahmen wäre die Sterberate bei kompletter Durchseuchung der Bevölkerung um ein Vielfaches höher. In früheren Zeiten hätte man sich vielleicht für die Durchseuchung entschieden und die Todesfälle in Kauf genommen. Heute gibt es einen klaren ethischen und gesellschaftlichen Konsens, das menschliche Leben zu schützen. Erst durch die harten Lockdown-Maßnahmen konnte die Inzidenz auf einen sehr geringen einstelligen Wert deutschlandweit gesenkt werden.

Auch die erreichte Impfquote von circa 50 Prozent trägt dazu maßgeblich bei. Wir waren also auf einem guten Weg. Allein in unserer Praxis haben wir seit April über 2.000 Impfungen verabreicht und symptomatische als auch asymptomatische Corona-Erkrankte durch umfangreiches Testen identifizieren und isolieren können.

Die Bundesregierung hat einen Milliardenbetrag ausgegeben, um die Unternehmen, Selbstständige und Künstler über die schwere Zeit des Lockdowns zu retten. Nun findet das Leben wieder in gewohnten Bahnen nahezu ohne Einschränkungen statt. Leider sind wir gerade jetzt dabei, diese komfortable Situation in dieser schrecklichen Pandemie aufzugeben: Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln werden nicht mehr eingehalten – Fußballstadien werden ohne Mindestabstände gefüllt – Mundschutz Fehlanzeige! Bei Massenveranstaltungen ohne Hygienemaßnahmen werden wieder Masseninfektionen registriert, so wie in den Niederlanden mit 1.000 Infizierten nach einem Musikfestival vor wenigen Tagen passiert.

Die Inzidenzen sind zwar aktuell noch niedrig, steigen jedoch erneut im rasanten Tempo an. Die erreichte Impfquote scheint derzeit repräsentativ zu sein, für den Teil der Bevölkerung, der die Pandemie verstanden hat, das Virus ernst nimmt. Viele Impfwillige haben mittlerweile mindestens eine Impfung erhalten. Die andere Hälfte der Bevölkerung setzt sich zusammen aus Kindern aber auch aus Coronaleugnern, Impfgegnern und den Unsicheren. Bezüglich der Kinder wird die Ständige Impfkommission abschließend noch eine Impfempfehlung für Kinder ab 12 Jahren erarbeiten. Coronaleugner und Impfgegner wird man nach all der Zeit nicht mehr erreichen können. Dafür sind sie mit ihren Verschwörungsgedanken zu beschäftigt.

Bleibt die Gruppe der Unsicheren. Warum ist sie überhaupt entstanden? Einerseits sind es die sozialen Medien, die auf anonymer Basis Unwahrheiten verbreiten dürfen – ein eklatanter Missstand unserer Gesellschaft! Auch hätte die wissenschaftliche Diskussion zum Virus und zur Impfstoffentwicklung nicht derart intensiv in die Öffentlichkeit getragen werden sollen, denn damit hat man einen Großteil der Bevölkerung verunsichert. Andererseits sehe ich klar meinen Berufsstand in der Pflicht! Das Hausarztwesen ist eine Institution. Gerade in der Pandemie haben wir Hausärzte eine Schlüsselrolle, Menschen von den Coronaschutzmaßnahmen zu überzeugen.

Auf keinen Fall darf jedoch der Zweifel bezüglich des Umganges mit dem Virus und dem Impfthema gesät werden. Leider scheint gerade das bei einigen Kollegen der Fall zu sein, teilweise untermauert durch öffentliche Auftritte. Das ist ein völlig unverantwortliches Verhalten, denn es sät den Zweifel und der Zweifel führt zur Impfverweigerung! Eins muss klar sein – wer sich nicht impfen lässt, wird die Infektion früher oder später durchleben – mit der bekannten Komplikationsrate! Er gefährdet das eigene Leben und das Leben anderer. Wenn wir die Menschen nicht mehr erreichen und die Impfquote bei 50 Prozent stehen bleibt, laufen wir sehenden Auges in die vierte Welle und wahrscheinlich in den nächsten Lockdown. Vielleicht haben wir jetzt noch zwei Monate, um eine ausreichende Impfquote zu erreichen. Auf keinen Fall darf diese Zeit ungenutzt bleiben.

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