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Corona-Intensivstation: "Und dann kippt es plötzlich"

Das Uniklinikum Dresden hat eine Intensivstation für schwere Corona-Fälle. Allen Mühen zum Trotz stirbt die Hälfte der Patienten. Wie verkraftet man das?

Im Dresdner Uniklinikum werden die schweren Corona-Fälle behandelt. Wir haben diese vier Menschen einen Tag lang begleitet, deren Job es ist, Leben zu retten.
Im Dresdner Uniklinikum werden die schweren Corona-Fälle behandelt. Wir haben diese vier Menschen einen Tag lang begleitet, deren Job es ist, Leben zu retten. © Ronald Bonß

Michaela Strätz lässt ihren Rücken an die Wand gleiten, der grüne Kittel knittert, der Kopf mit der fliederfarbenen Haube hängt in ihrem Nacken. Sie atmet. Kein Gerät piepst, kein Kollege ruft. Ein rarer Moment. „Wir wollen heute beim Vietnamesen bestellen“, sagt die Intensivpflegerin. „Wahrscheinlich wird das eh wieder nichts und es wird kalt, weil keiner dazu kommt.“ Der Bildschirm neben dem Patienten blinkt. Die 34-Jährige rennt los.

Michaela Strätz kümmert sich heute um einen Ende-60-Jährigen und eine Mitte-50-Jährige. Kurz vor Beginn der Spätschicht hat Marco Reinhardt ihren Namen auf eine Magnettafel gepinnt, die alle 30 Betten zeigt. „Normalerweise versorgt eine Schwester drei Intensivpatienten“, sagt der 45-Jährige, der auf der Covid-Intensivstation des Dresdner Uniklinikums die Pflege leitet. „Das geht hier nicht. Wir haben Schwestern aus der Anästhesie geholt, damit wir genug sind.“ Täglich kommen neue Patienten, fast täglich sterben welche, einmal gab es acht Tote binnen 36 Stunden.

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An einer langen, weißen Tafel sammelt sich die Spätschicht. „Es zieht wieder an“, sagt Reinhardt. „Viele sind gestern gleich gestorben. Die Innere ist ziemlich voll. Die übernehmen viele Post-Covids, die so schlecht sind, dass sie gar nicht mehr verlegt werden können.“ Post-Covids sind Menschen, die das Virus, nicht aber seine Folgen überstanden haben. „Die, die hier sind, sind schon dolle, muss man sagen.“ Drei freie Betten gebe es derzeit. „Das muss reichen. Viel Erfolg.“ Die Spätschicht strömt auseinander. Viele haben Helme unter die Arme geklemmt, die mit ihren Atemschläuchen an zerlegte Staubsauger erinnern. Sie kommen aus der Industrie, wo sie vor radioaktiven Strahlen schützen.

Michaela Strätz (zweite v.l.) hilft dabei, einen Patienten in Bauchlage zu drehen. Eine der wenigen Therapiemöglichkeiten bei schweren Covid-Verläufen, die für die Pflegekräfte aber sehr anstrengend ist.
Michaela Strätz (zweite v.l.) hilft dabei, einen Patienten in Bauchlage zu drehen. Eine der wenigen Therapiemöglichkeiten bei schweren Covid-Verläufen, die für die Pflegekräfte aber sehr anstrengend ist. © Ronald Bonß

Wie Zugabteile mit Nummern und Fenstern reihen sich die Zimmer aneinander. Michaela Strätz hastet an einem Mann vorbei, der nur zehn Jahre älter ist als sie. Im Nebenzimmer hängen Kabel ziellos von der Decke, eine Lücke klafft neben dem zweiten Bett im Zimmer. Vor ein paar Stunden ist ein Mann gestorben, der hier gelegen hat. Strätz friemelt die Schleife ihres Kittels zusammen, setzt eine Schutzbrille auf, betritt das Zimmer. Nur die Strass-Sterne in ihren Ohren erinnern noch an die Frau mit den schulterlangen, dunklen Haaren, die vorher durch die Schleuse kam.

Zwischen Kabeln und Kathetern liegen zwei nackte Menschen mit offenen Mündern, Tücher decken Schritt und Brüste ab, Kleidung würde ihre hohe Körpertemperatur nur weiter treiben. Geräte und Beutel übernehmen die Arbeit von Organen wie Blase, Darm und Lunge. Die Menschen atmen über einen Schlitz im Hals und ernähren sich über Nase und Venen. Aus der Leiste des Mannes strömt dunkelrotes Blut durch einen zeigefingerdicken Schlauch in einen Kasten, in seinen Hals fließt hellrotes zurück. Die Maschine namens Ecmo übernimmt die Funktion der Lunge, tauscht das Blut aus, versieht es mit Sauerstoff.

Leiter Marco Reinhardt mustert einen Patienten, dessen Zunge so geschwollen ist, dass sie den Rachen verdeckt. „Das sind die Folgen aggressiver Lagerungstherapie“, sagt Reinhardt. 16 Stunden hat der Patient auf dem Bauch gelegen – eins der wenigen Mittel, die bei schweren Covid-Fällen helfen. Bei der Bauchlage drückt das Herz nicht auf die Lunge, das Sekret gelangt besser aus ihr heraus, es werden mehr Bereiche um die Lunge rum belüftet. Bei kranken Menschen, deren Gewebe sich mit Flüssigkeit gefüllt hat, schwellen Gesicht und andere Körperteile dabei häufig an. Der Mann ist aus einer Klinik im Umland verlegt worden. Auf seinem Kinn prangt eine schwarze Stelle: abgestorbenes Gewebe, wie bei Erfrierungen. „Wir lassen solche Stellen frei, polstern nur die Stirn“, sagt Reinhardt. „Aber wir haben vorher schon Patienten mit schwerem Lungenversagen behandelt. Kleine Häuser zwingt die Pandemie jetzt, das zum ersten Mal zu machen. Da gibt es deutlich mehr Hautschäden.“

Der pflegerische Leiter:

Marco Reinhardt, pflegerischer Leiter, arbeitet seit 20 Jahren als Intensivpfleger am Uniklinikum. Der 45-Jährige kümmert sich um Bettenbelegung und Personal, hält den Laden zusammen.
Marco Reinhardt, pflegerischer Leiter, arbeitet seit 20 Jahren als Intensivpfleger am Uniklinikum. Der 45-Jährige kümmert sich um Bettenbelegung und Personal, hält den Laden zusammen. © Ronald Bonß

Reinhardt arbeitet seit 20 Jahren als Intensivpfleger am Uniklinikum, hat die Covid-Station zur ersten Welle mit aufgebaut. Der Tod, sagt der Hüne mit der tiefen Stimme, begleite Intensivstationen immer. Auch vor Corona gab es schwere Lungenversagen. „Aber so viele Menschen wie jetzt sind hier noch nie gestorben.“ Rund zwei Prozent der Corona-Positiven landen auf Intensivstationen. Der Altersschnitt ist seit der ersten Welle von 80 auf gut 60 Jahre gesunken, der jüngste war 25. Vor der Pandemie waren Lungenkrankheiten ein kleiner Teil, jetzt füllen sie die Betten.

Die Prognose der Patientin von Michaela Strätz ist „nicht so gut“, sagt sie. Der Mann daneben sei „auf einem guten Weg“, die Sauerstoff-Sättigung bessere sich. „Das denken wir aber ganz oft und dann kippt es plötzlich.“ Strätz prüft die Medikamente, Displays verraten die Dosierung. Beide Patienten sind betäubt und sediert, beide hat man nach der Ankunft auf den Bauch gedreht. Die Bauchlage kann Leben retten oder rauben. Obwohl die Ecmo-Schläuche an den Patienten angenäht sind, können sie hinausfallen. In weniger als einer Minute wäre der Mensch dann leer geblutet.

Außerdem schließt sich mit den Augen ein Fenster, in das die Pflegerin über Monitore am Bett nicht blicken kann. „Es ist nicht schön, jemanden nach 16 Stunden aus der Bauchlage zurückzudrehen und zu sehen, dass die Pupillen weit sind“, sagt Strätz und zieht die dünnen Augenbrauen hoch. Damit der Ecmo-Blutaustausch funktioniert, sind Blutverdünner nötig, die oft zu Blutungen führen. In der Niere, der Blase, dem Kopf. Wenn die Pupillen starr und weit sind, auf Licht nicht reagieren, gab es meist eine große Hirnblutung. Dann wird mit Angehörigen gesprochen, die Maschine abgestellt – der Patient ist tot.

Die Intensivpflegerin:

Michaela Strätz betreut pro Schicht zwei Patienten. Als Intensivpflegerin wird die 35-Jährige gerade täglich mit dem Tod konfrontiert. Nach Feierabend guckt sie gern die Serie „Charité“.
Michaela Strätz betreut pro Schicht zwei Patienten. Als Intensivpflegerin wird die 35-Jährige gerade täglich mit dem Tod konfrontiert. Nach Feierabend guckt sie gern die Serie „Charité“. © Ronald Bonß

Ein Kuschelhund und eine Mickymaus bewachen Betten entlang des Korridors, Familienfotos erinnern auf dem Fenstersims an Leben, die vergangen sind. In einem Doppelzimmer ziehen sich blutige Striemen über das Gesicht einer Frau mit geflochtenen Haaren. Ein Pflaster hat die oberen Schichten ihrer porösen Haut abgerissen. Nebenan ragt ein weißer Schopf aus einer Decke, die sich bläht. Ein Rohr bläst warme Luft hinein, die den Körper wärmt. „Die meisten kriegen bei Entzündungen Fieber“, sagt Pflegeleiter Reinhardt. „Bei manchen sinkt die Körpertemperatur aber auch auf 34 Grad.“

Durch Corona drängt sich die Arbeit ins Private. Schon vorher habe er zu Hause oft darüber nachgedacht, ob auf Station alles funktioniert, sagt Reinhardt. Jetzt sei die Frage, wie viele Betten bleiben, die erste und letzte an seinem Tag. „Ich hatte von Anfang an Angst, dass Intensivpersonal ausfällt. Das ist immer Mangelware.“ Bislang seien die Infektionsraten auf Station geringer als in der Bevölkerung. „Die Mitarbeiter meiden Kontakte, weil jeder weiß, worum es hier geht. Wir sind die Station, die nie Nein sagen kann. Wir sind die letzte Option für Häuser irgendwo im Wald an der Grenze zu Polen. Wenn die nicht mehr können, übernehmen wir.“ Mit zwölf Ecmo-Geräten und dafür ausgebildetem Fachpersonal ist Dresden das Zentrum für Lungenkrankheiten in der Region.

Eine Art Tetris-Spiel sei die Vergabe von Intensivbetten schon vor Corona gewesen: Den Bedarf mit Blick auf den Operationsplan bestimmen, identifizieren, wer nicht mehr unbedingt Intensivpflege braucht, auf andere Stationen verlegen. „Wir machen dieses Spiel jeden Tag.“ Gestiegen sei die Belastung durch den Pflegeaufwand und die vielen Toten. Etwa jeder zweite Covid-Patient auf der Intensivstation stirbt. Ein Klinik-Psychologe hilft dem Personal. „Aber was machen wir, wenn sie die Station oder, noch schlimmer, den Beruf aufgeben wollen? Gespräche darüber sind in so einem Riesentanker schwierig. Wir können uns nicht einmal am Tag treffen und reden. Der Laden läuft ja weiter.“

Die Physiotherapeutin:

Eva Krumbiegel ist eine von drei Physiotherapeutinnen der Intensivstation. Die 26-Jährige hält auch komatöse Patienten beweglich, verhindert, dass sie sich wund liegen, macht Atemübungen.
Eva Krumbiegel ist eine von drei Physiotherapeutinnen der Intensivstation. Die 26-Jährige hält auch komatöse Patienten beweglich, verhindert, dass sie sich wund liegen, macht Atemübungen. © Ronald Bonß

Ihm selbst, sagt Reinhardt, bereiten die Toten keine schlaflosen Nächte mehr. „Für Berufseinsteiger, die blutjung und voller Euphorie sind, ist das härter.“ Das Ankommen laufe anders als auf normalen Stationen. „Man duzt sich schnell, erlebt Situationen, die zusammenschweißen. Alles muss sehr schnell gehen. Das funktioniert nur mit Vertrauen und auf Zuruf.“

Grüne und blaue Kittel hetzen wie bunte Schatten vorbei, hastige Worte gehen im Zischen der Geräte unter. Eva Krumbiegel streicht über ein Pflaster auf ihrem Arm. Die Physiotherapeutin ist gerade geimpft worden. „Unser Beruf ist still geworden“, sagt die 26-Jährige. „Normalerweise helfen wir Menschen in die Senkrechte, jetzt betreuen wir vor allem passive Patienten.“ Man verhindert, dass sie sich wund liegen, hält Gelenke beweglich, macht Atemtherapie. „Ich bin auf Monitore angewiesen, um Feedback zu bekommen.“ Viele Erwachte hätten ähnliche Symptome wie nach einem Schlaganfall, wüssten nicht mehr, wie man sich streckt, verwechseln die Körperhälften. „Jeder glaubt, Covid ist eine Lungenerkrankung, aber es ist so viel mehr.“

Krumbiegel knetet die Hand eines Mannes, der kaum älter ist als 50. „Jetzt hebe ich Ihr Bein“, sagt sie. Seine Züge bleiben schlaff, die Augen fest verschlossen. Ob er träumt – und wenn ja, wovon? Was bewegt sein Leben, was sind seine Leidenschaften? In der Schwebe zwischen Leben und Tod zeichnen andere Eigenschaften Menschen aus: Zahlen und Graphen, ein Wimmelbild auf einem Monitor. In Erinnerung, sagt Eva Krumbiegel, werde ihr der Stress der Patienten bleiben. „Obwohl sie im Koma sind, haben sie so einen Lufthunger und kommen nicht zur Ruhe, versuchen, alle Atemmuskeln einzusetzen. Vor Corona waren die Patienten entspannter.“

Der Leiter der Intensivstation:

Peter Spieth, stellvertretender Klinikdirektor und Leiter der Intensivstation, hat viele Aufgaben. Gerade holt der 43-Jährige sehr oft Intensivpatienten aus anderen Kliniken nach Dresden.
Peter Spieth, stellvertretender Klinikdirektor und Leiter der Intensivstation, hat viele Aufgaben. Gerade holt der 43-Jährige sehr oft Intensivpatienten aus anderen Kliniken nach Dresden. © Ronald Bonß

Die Stille, der Tod, sie folgen Krumbiegel nach Hause. Lust, „die Welt heute noch abzureißen“ habe sie nach der Arbeit kaum noch, zu ausgelaugt verlasse sie die Klinik. „Frühs wird man oft von Leichensäcken begrüßt. Das geht an die Substanz.“

An einen Patienten aus Italien, der in der ersten Welle zu sterben drohte, erinnert sie sich gern. „Der hätte mein Papa sein können vom Alter. Die Familie war schon da, um vielleicht Abschied zu nehmen. Wie der sich dann gemacht hat, das war grandios.“ Vor Kurzem habe er einen Brief geschrieben. Arbeiten kann er noch nicht. „Aber er ist zu Hause.“ Krumbiegels wache, blaue Augen mit den langen Wimpern färben sich rot. „In der zweiten Welle ist es anders. Es sind einfach zu viele, die durchlaufen. Es schaffen ja auch nur ganz wenige noch.“ Ihre Stimme bricht.

Jede Warnung hat ihren eigenen Ton

Pflegerin Michaela Strätz hat ihre Patienten auf die Seite gedreht. Die beiden sind einander zugewandt, ohne sich wirklich zu sehen. Eine Reihe von Medikamenten hat die Pflegerin verabreicht, Röntgenbilder entgegengenommen, Flüssigkeit aus der Lunge gesaugt. Ihre Gänge zwischen den Bildschirmen, dem Medikamentenschrank im Flur, den Nachbarzimmern, sie wirken so routiniert wie Choreografien auf einer Bühne. Würden ihre Schritte Linien hinterlassen, es zeichneten sich die immer gleichen Stränge ab. Ein Gerät heult auf und blinkt in einem schrillen Rot. Jede Warnung hat ihren eigenen Ton. „Damit ich weiß, wann ich wirklich rennen muss, wann es lebenswichtig ist“, sagt Strätz.

Zwei Kollegen rollen einen neuen Patienten auf einer Bahre durch den Flur, im Nachbarzimmer hört ein Arzt mit grauem Schopf einen Patienten ab. „Die Lunge ist voller Blut“, sagt eine Pflegerin. Es zischt, man saugt das Blut aus seiner Lunge. Der Arzt verlässt den Raum, streift seinen Kittel ab. Den Vormittag hat Peter Spieth, stellvertretender Klinikdirektor und Leiter der Intensivstation, damit verbracht, einen Patienten aus einer anderen Klinik zu holen. „Wir fahren fast jeden Tag in ein peripheres Krankenhaus in Sachsen oder anderswo, um Intensivpatienten lebend herzubringen, das ist schon sehr anstrengend.“ Manchmal komme nachts um 3 Uhr ein Anruf, dann muss er zum Beispiel nach Görlitz fahren. „Ich komme seit sehr vielen Jahren im Schnitt mit fünf Stunden Schlaf aus, das passt schon“, sagt der 43-Jährige. „Nur die Intensität ist gerade eben anders.“

Die Gänge der Pflegerinnen zwischen den Bildschirmen, dem Medikamentenschrank im Flur, den Nachbarzimmern, sie wirken routiniert wie Choreografien auf einer Bühne.
Die Gänge der Pflegerinnen zwischen den Bildschirmen, dem Medikamentenschrank im Flur, den Nachbarzimmern, sie wirken routiniert wie Choreografien auf einer Bühne. © Ronald Bonß

Der positive Effekt sei, dass man sich besser vernetzt habe. „Kollegen, die man sonst zwei Mal im Jahr getroffen hat, spricht man jetzt teilweise täglich, um sich auszutauschen.“ Um 7.30 Uhr beginnen Spieths Tage. Mit Oberärztinnen und -ärzten sprechen, Operations-Pläne prüfen, fast täglich ein Krisenstab, dann Arbeit auf Station. „Ich habe eine Libero-Funktion. Da, wo es am engsten ist, ziehe ich mit.“

Wenn nichts Schlimmes passiert, endet sein Tag gegen 19 Uhr. „Wenn was Schlimmes passiert, bleibt man so lange, bis es nicht mehr schlimm ist.“ Spieth verzieht die müden Augen zu einem Lachen, klickt sich am Computer durch eine Patientenakte mit bunten Graphen für alle Organe. Drei Ärzte pro Schicht verordnen auf der Covid-Intensivstation Medikamente und Untersuchungen, legen Zugänge und helfen, Menschen auf den Bauch zu drehen.

"Hierarchien bilden sich zurück“

Zehn Hände in Gummihandschuhen verschwinden unter dem Mann, aus dessen Lunge Blut gesogen wurde. Wie ein erheblicher Teil der Covid-Intensivpatienten ist er übergewichtig. Ihn zu drehen ist ein Kraftakt, der Schweiß treibt. Michaela Strätz schiebt ihre schmalen Arme unter seine Hüfte, Peter Spieth bewacht die Kabel und Schläuche am Kopf. Die Hände greifen ineinander, als gehörten sie zum selben Körper, wuchten desinfizierte Polster unter den nackten Bauch, ziehen die Schläuche zu seinen Kathetern zurecht. „Das geht nur mit Teamarbeit, Hierarchien bilden sich zurück“, sagt Spieth und keucht. Michaela Strätz pflichtet ihm bei: „Es gibt nichts Positives an der Pandemie, aber diese Teamleistung, das ist was Besonderes.“

Zwei Zimmer weiter bereiten zwei Pfleger die nächste Bauchlage vor. Das Gesicht der Frau mit den blutigen Striemen erinnert an das Antlitz einer sandfarbenen Mumie. Klebestreifen bedecken Augen, Kinn und Brustwarzen, Knie und Bauch. Ein Pfleger streicht das Laken glatt. Jede Falte würde in 16 Stunden eine Wunde in ihre rissige Haut graben. Ein Pfleger hält den Kopf der Frau, die bäuchlings auf den Polstern hängt, ordnet das feingliedrige Geflecht aus Medikament-Zugängen. Aus der Nase der Ohnmächtigen rutscht ein Blutschwall auf das Kissen. „Solche Situationen für Angehörige begreifbar zu machen, ist schlimm“, sagt Spieth. Dass die Frau es schaffen wird, ist unwahrscheinlich.

„Es gibt nichts Positives an der Pandemie, aber diese Teamleistung, das ist was Besonderes.“
„Es gibt nichts Positives an der Pandemie, aber diese Teamleistung, das ist was Besonderes.“ © Ronald Bonß

Wenn weder Tod noch Heilung über das Ende einer Therapie entscheiden, liegt es am Team, den Menschen zu erlösen. „Es ist nicht so, dass einer hier der Entscheider ist, wir machen das im Konsens.“ Spieth ist Michaela Strätz zu ihrem Patienten gefolgt. Sie hat den Verband von dem Zugang gelöst, aus dem das Blut den Mann verlässt, wischt dunkelrote Krusten von der Haut.

Spieth fährt fort: „Die Angehörigen entscheiden es auch nicht allein. Damit zu leben, kann man ihnen nicht zumuten. Wir befragen sie, um herauszufinden, was der Wille des Patienten gewesen wäre. Hätte er es ok gefunden, mit starken Einschränkungen zu leben? Hätte er kämpfen wollen? Wir treffen ihn in der Regel erst, wenn er selber nicht mehr reden kann.“ Solange einer im Team noch Hoffnung auf Heilung habe, setze man Therapien in der Regel fort. „Das Schlimmste, was sie einem Pfleger antun können, der einen Patienten wochenlang gepflegt hat, ist, dass er auf die Arbeit kommt und hört: Wir haben heute Morgen die Therapie beendet.“ Wenn das Ende beschlossen ist, dürfen die Angehörigen entscheiden, ob sie den Sterbenden bis in den Tod begleiten, ob sie vorher Abschied nehmen wollen. Wenn Angehörige den Patienten nicht mit den Schläuchen und Blessuren, sondern als gesunden Menschen in Erinnerung behalten möchten, stehen Michaela Strätz, steht das Team am Bett, bis das Herz aufhört, zu schlagen. „Dass Patienten wegen des Besuchsverbots alleine sterben müssen, stimmt nicht“, sagt sie. „Kein Mensch stirbt allein. Wir Krankenschwestern kochen eben nicht nur Kaffee und wischen den Po ab. Wir sind es, die am Ende am Bett stehen. Wir sind bei allem dabei. Immer.“

"Die Patienten kommen und gehen so schnell"

Was die vielen Toten in ihr hinterlassen, kann Michaela Strätz nicht abschätzen. „Aus der ersten Welle habe ich einige Menschen in Erinnerung, aber in der zweiten kommen und gehen die Patienten so schnell.“ Manchmal sei nach zwei freien Tagen die halbe Station ausgetauscht. „Man kann in der aktuellen Lage nicht über jedes Schicksal nachdenken, dafür sterben zu viele. Es gibt kaum einen Dienst, wo man nicht mit dem Tod konfrontiert wird.“

Der Weg ist kurz geworden. Oft liegen nur Stunden zwischen dem ankommenden Patienten, den man retten wollte, und dem toten Körper, den man in weiße Plastiksäcke packen muss. „Das ist menschenunwürdig. Und dann hat man immer im Hinterkopf: Es gibt da draußen die Corona-Leugner, die uns als Schauspieler, Lügner, gut bezahlte Pausenclowns bezeichnen. Man ist wütend darüber. Das ist verletzend und kratzt manchmal auch an der Motivation. Aus Bürgersicht kotzt mich dieser Lockdown genauso an. Ich gehe gerne essen, treffe gerne Freunde. Aus Sicht der Krankenschwester ist der Lockdown das Einzige, was uns ein bisschen entlastet.“

Der Altersdurchschnitt der Pfleger auf Intensivstationen liegt deutlich unter dem von anderen Stationen, weil die Arbeit so belastend ist. Zu Corona-Zeiten ist er noch weiter gesunken.
Der Altersdurchschnitt der Pfleger auf Intensivstationen liegt deutlich unter dem von anderen Stationen, weil die Arbeit so belastend ist. Zu Corona-Zeiten ist er noch weiter gesunken. © Ronald Bonß

Seit 13 Jahren arbeitet Michaela Strätz als Intensivpflegerin am Uniklinikum, „dabei dachte meine Mutti, dass ich zu zart sei für den Job“. Eines Tages würde sie am liebsten nur noch in Teilzeit pflegen und in der anderen Hälfte Pflege unterrichten, dafür studiert sie gerade Pädagogik. „Gleichzeitig könnte ich mir nicht vorstellen, einen anderen Job zu machen – selbst jetzt nicht. Es ist mein Alltag, ich habe mich vor Jahren dazu entschieden. Interessant wird es, wenn das Adrenalin abfällt und man alles Revue passieren lassen kann.“

Oft braucht es großen Optimismus. Manchmal lohnt er sich. Wenige Zimmer weiter hat der Mitte-40-Jährige, der zuvor schlief, die Augen geöffnet. Glasig blickt der Mann in die Ferne. „Er ist unser Superstar“, sagt Peter Spieht. Infiziert hat der Mann sich bei seiner Mutter, die inzwischen tot ist. „Er hat ganz schön durchgehangen, man dachte, er würde sterben.“ Nun soll er in Reha kommen. Mehrere Monate wird er dort verbringen, das selbstständige Atmen erst wieder lernen. Bis er ganz genesen ist, wird ein Jahr vergehen, vielleicht mehr. Aber er wird wahrscheinlich überleben. „Solche Patienten sind für das Team ganz wichtig“, sagt Spieht. „Damit man nicht das Gefühl hat: ‚Die sterben hier alle.‘ Damit man noch weiß, wofür man arbeitet.“

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