merken
PLUS Pirna

Aus der Rente an die Corona-Front

Heidrun Ryback hatte ihren Ruhestand lange vorbereitet und sich darauf gefreut. Dann erwischte Corona ihre Familie, und nun arbeitet sie freiwillig wieder.

Heidrun Ryback ist sein Januar Rentnerin und hat nun doch in ihrem Kalender wieder "Arbeit" stehen.
Heidrun Ryback ist sein Januar Rentnerin und hat nun doch in ihrem Kalender wieder "Arbeit" stehen. © Daniel Schäfer

Heidrun Ryback wollte ab diesem Jahr in ihren Kalender nur noch Kosmetik, Augenarzt und Oma eintragen. Bis vor einem Jahr standen da ihre Hausbesuche drin. Im Januar übergab sie ihre Gohrischer Hausarztpraxis ihrem Nachfolger. Und nun steht in ihrem Kalender wieder zwei Mal pro Woche "Arbeit". Heidrun Ryback hilft freiwillig im Landratsamt. Sie ist eine von derzeit drei Ärzten im Ruhestand. Als die Landesärztekammer fragte, wer helfen könnte, meldete sie sich. Die Kammer gab die Liste der Freiwilligen an die Landratsämter. Als das Pirnaer sich Anfang November erkundigte, was sie denn machen würde, entschied sich die 67-Jährige für die Kontaktverfolgung, also Telefonarbeit.

Selbstquarantäne vor Weihnachten

Sie hätte auch testen oder in der mobilen Abteilung in Einrichtungen wie Pflegeheime fahren können. Doch die Erfahrung der Corona-Erkrankung ihres Mannes im Frühjahr hat sie vorsichtig werden lassen. Ja, sogar etwas ängstlich, gibt sie zu. Ihr Mann kämpfte sehr mit den Symptomen und einer doppelseitigen Lungenentzündung, bis heute ist er noch nicht wieder ganz auf den Beinen. "Das will ich mir ersparen", sagt sie. Und ihrer Familie. Deshalb war der 17. Dezember auch ihrer in diesem Jahr letzter Einsatztag im Landratsamt. Sie wird sich bis Weihnachten in Selbstquarantäne begeben, um im kleinsten Kreis der Familie feiern zu können.

Autohaus Dresden
Eines der besten Autohäuser in Deutschland
Eines der besten Autohäuser in Deutschland

Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Zeit für Schicksale

Telefonarbeit, das klingt wie Callcenter. Die Aufgabe von Heidrun Ryback und den anderen Helfern ist es, Kontakte von positiv Getesteten abzutelefonieren und mit ihnen die Quarantäne zu besprechen. Der offizielle Bescheid kommt dann per Post vom Landratsamt. Für die Fragen hat sie eine Vorlage, damit sie nichts vergisst. Zeitpunkt des Kontaktes, Symptome, häusliches Umfeld. Nicht selten hört sie dabei Schicksale, bei denen sie dann nicht einfach so zum nächsten Punkt auf ihrer Liste übergehen kann. Eine Frau, deren Mutter an bzw. mit Corona im Heim gestorben war und die nun selbst in Quarantäne muss, zum Beispiel.

Oder die Frau eines Mannes, der morgens mit dem Rettungsfahrzeug in die Klinik gebracht wurde, wo sie ihn nun nicht besuchen kann, weil sie eben selbst in Quarantäne muss. Dann ist Heidrun Ryback immer auch ein bisschen Seelsorge. "Oft fragen die Leute dann so viel, was ihnen unklar ist", sagt Heidrun Ryback. Sie nimmt sich die Zeit, zu erklären. Dabei kommt ihre ihr langjährige Erfahrung als Allgemeinmedizinerin und damit verbunden ihre Menschenkenntnis zugute. "Am Ende ist mir am Telefon noch niemand unfreundlich gekommen." Ihre eigene Erfahrung mit der Krankheit und ihre ärztliche Kompetenz schaffen Vertrauen.

Eine von derzeit knapp 80 Helfern

Wenn dann noch medizinische Fragen kommen, weiß Heidrun Ryback: "Ich bin hier am richtigen Platz." Derzeit sind 78 Helfer im Landratsamt tätig. Die Zahl der benötigten Hilfskräfte schwankt von Tag zu Tag abhängig von der aktuellen Situation, sagt die Behörde. Derzeit sei man mit den externen Unterstützern gut aufgestellt. Der Einsatz erfolgt zum Beispiel neben der Kontaktaufnahme zu Infektionsfällen bei der Betreuung von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern in medizinischen Fragen sowie der Unterstützung des Teams Hygiene und der Planungsgruppe Pflege.

Derzeit helfen im Landratsamt 78 Personen. Darunter sind:

  • Drei Ärzte im Ruhestand.
  • Ein Mitarbeiter der AOK.
  • 24 Bundeswehrsoldaten.
  • Acht Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen.
  • Neun Studenten der Fachhochschule Meißen.
  • Acht Mitarbeiter des Sachsenforstes.
  • Eine Studentin.
  • Ein Mitarbeiter der Robert-Koch-Institutes.
  • Sechs Mitarbeiter der Landestalsperrenverwaltung.
  • Zwei Mitarbeiter des Staatsministeriums für Regionalentwicklung
  • Fünf Bundesfreiwilligendienstleistende des Technischen Hilfswerkes.
  • Außerdem wurden im Landratsamt zehn Mitarbeiter Infektionsschutz befristet eingestellt.

Dienstags und donnerstags arbeitet Heidrun Ryback laut ihrem befristeten Arbeitsvertrag jeweils neun Stunden im Landratsamt. Sie sitzt allein in einem Zimmer, das war aus Vorsicht ihr Wunsch. Im Schnitt schafft sie um die 30 Fälle am Tag. Trotz aller Zeit, die sie sich nimmt, ist sie ehrgeizig. "Wenn sie sehen, wie der Stapel der neuen Fälle immer weiter wächst, können sie nicht anders."

Einmal, da suchte sie anderthalb Stunden nach einer Telefonnummer. Da halfen ihr ihre Kontakte unter den Hausärzten. Offenbar hatte beim Erstkontakt jemand vergessen, die Telefonnummer abzufragen. Aber das sei kein Vorwurf, sagt Heidrun Ryback. Was derzeit im Landratsamt geleistet werde, sei unvorstellbar. Jeden Tag hunderte neue Fälle. Ohne Helfer wie Heidrun Ryback wäre das System schon längst kollabiert.

"Wenn das Volk vernünftig ist"

Trotzdem sieht sich Heidrun Ryback nur als kleines Sandkorn. Doch es ist wie mit dem Tropfen, viele machen das Meer. Wie lange ihr Tropfen noch gebraucht wird, weiß Heidrun Ryback nicht. Wenn es im Januar noch der Fall ist, wird sie wieder zur Stelle sein. "Es ist meine Entscheidung, wie lange ich helfe", sagt sie. Sie hat Zeit und Freude daran, einen kleinen Beitrag leisten zu können. Das wird sie so lange machen, wie es notwendig ist. "Wenn das Volk vernünftig ist, kann das hoffentlich bald sein."

Mehr Nachrichten aus Pirna und Gohrisch lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna