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Hickhack um Lockerungen

Weiter einkaufen mit Termin. Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Erste Selbsttests in Schulen mit hohem Aufwand.

Lotte (10/vorn) und Elsa (11) gehören zu den Schülern der Peter-Apian-Oberschule Leisnig, die sich am Mittwoch zum ersten Mal selbst auf das Coronavirus getestet haben.
Lotte (10/vorn) und Elsa (11) gehören zu den Schülern der Peter-Apian-Oberschule Leisnig, die sich am Mittwoch zum ersten Mal selbst auf das Coronavirus getestet haben. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Heute vorwärts, morgen rückwärts und übermorgen alles von vorn. Den sich ständig ändernden Regelungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zu folgen, fällt zunehmend schwer. Die Vorgaben nachzuvollziehen noch schwerer.

Derzeitige Regelungen bleiben

Hieß es am Dienstag noch, die Rücknahme der Lockerungen ab Freitag sei wahrscheinlich, teilte das Landratsamt am Mittwoch mit: Die derzeitigen Regelungen bleiben bestehen. Hintergrund ist der Inzidenzwert des Landkreises. Der ist unter die Marke von 100 auf 85,2 gefallen. Somit lag der Wert nur an zwei aufeinanderfolgenden Tagen über 100.

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„Nach den Vorgaben der Corona-Schutz-Verordnung müssen deshalb keine Regelungen in Mittelsachsen geändert werden“, teilt André Kaiser, Pressesprecher des Landratsamtes mit. Es besteht weiterhin die Möglichkeit des Termineinkaufens mit „Click & Meet“, die Angebote der körpernahen Dienstleistung vorzuhalten und Individualsport alleine oder zu zweit sowie in Gruppen von bis zu 20 Kindern im Außenbereich durchzuführen.

Die Landkreisverwaltung beobachte weiterhin die Situation, denn am Mittwoch gab es über 100 neue Fälle, weshalb eine Steigerung des Inzidenzwertes zu erwarten sei. „Sollte dieser am Donnerstag, Freitag und Sonnabend über 100 liegen, dann müssten die Regelungen in Mittelsachsen entsprechend der Corona-Schutz-Verordnung zum Dienstag zurückgenommen werden“, so Kaiser.

Zumutung für Händler und Kunden

Die Händler haben für dieses Hin und Her wenig Verständnis. „Wenn alle einen kühlen Kopf bewahren und die Inzidenz nicht für ihre Entscheidungen zugrunde legen würden, wäre die Situation eine andere“, meint Mathias Morgenstern von Euronics in Döbeln. Er kenne kein Beispiel, bei dem der Einzelhandel ein Infektionsherd gewesen ist.

Das Öffnen und Schließen der Läden innerhalb weniger Tage stelle die Händler vor mehr als eine Herausforderung. „Wir können die Mitarbeiter nicht kurzfristig in Kurzarbeit schicken oder wieder aus dieser holen“, nennt Morgenstern ein Beispiel.

Unverhältnismäßig und eine Zumutung nennt er, dass alle Supermärkte ohne Kontrollen geöffnet haben und alle anderen Geschäfte einer Reglementierung unterliegen. Euronics habe eine ähnliche Größe wie ein Supermarkt, dürfe aber nur ganz wenige Kunden einlassen. „Wir müssen versuchen, die Kosten einigermaßen im Griff zu behalten. Dafür sind solche Regelungen nicht praktikabel“, meint der Geschäftsführer.

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Sogenannte Mailings, also Massen-Postwurfsendungen könnten helfen, wieder auf die Geschäfte aufmerksam zu machen. Aber dafür sei ein Vorlauf von zehn Tagen nötig. „Wir wissen jedoch nicht, ob wir dann noch offen haben. Deshalb lohnt sich solch eine Aktion nicht“, sagt Morgenstern. Die derzeitige Situation sei unhaltbar für die Inhaber der Läden und die Kunden.

Click & Meet bezeichnet er als Witz. Zumindest in seinem Geschäft würden die Kunden das Angebot nur zögerlich annehmen. „Zehn Kunden am Tag decken nicht einmal die Kosten für das Lichteinschalten.“

Dazu komme die Ungleichbehandlung. Während der Einzelhandel ausgebremst werde, erweitern die Supermärkte ihre Sortimente mit dem Angebot der kleinen Läden. „Das ist eine Wettbewerbsverzerrung“, so Mathias Morgenstern. Nur durch sein Onlineangebot sei Euronics noch ganz gut aufgestellt. Doch viele kleinere Händler seien im Internet gar nicht vertreten.

Warenvorlauf ist ein Problem

Click & Collect hat bei Jens Jung, Inhaber der gleichnamigen Schuhgeschäfte in Döbeln und Waldheim, nicht funktioniert. „Das Haustürgeschäft ist nicht unser Metier“, sagt er. „Die Übergabe von Schuhen an der Tür ist für uns und die Kunden unakzeptabel. Schuhe müssen anprobiert werden und brauchen Beratung.“

Click & Meet funktioniere besser. Vier Kunden dürfen sich gleichzeitig im Geschäft umsehen. Das sei auch spontan möglich, wenn sich noch nicht so viele Kunden im Geschäft befinden.

Das große Problem für die Schuh- und Modebranche ist der Warenvorlauf von einem halben Jahr. „Im Herbst haben wir die Frühjahrs- und Sommerware geordert, in dem guten Glauben, dass die Geschäfte offen bleiben.

Jetzt müsste schon wieder die Ware für Herbst und Winter gekauft werden. „Aber vielen Firmen fehlt das Geld dafür“, so Jung. Zudem bestehe das Risiko, dass auch zum Ende des Jahres wieder Ware übrig bleibt. „Wenn das weiter so geht, werden einige Firmen den Sommer nicht überleben.“

Neueröffnung trotz Lockdown

Jens Jung eröffnete dagegen in dieser Woche eine neue Filiale in Grimma. Die Entscheidung sei bereits im Spätsommer 2020 gefallen. „Damals hat Herr Spahn gesagt, dass es nie wieder einen Lockdown geben wird“, so Jung.

Deshalb habe er ein bestehendes Geschäft übernommen, renoviert und wiedereröffnet. „Die Kunden sind dankbar, dass es weitergeht.“ Sie seien inzwischen auch sensibilisiert für den lokalen Einzelhandel und wollen intakte Innenstädte.

Dass die Inzidenz bei mehr Tests nach oben schießt, begreife jedes Schulkind. „Das ist eine Gesetzmäßigkeit.“ Besser wäre es, die tatsächlichen Erkrankungen – mit Abstufungen – zugrunde zu legen. „Dann wäre die Akzeptanz für die Entscheidungen der Politik in der Bevölkerung auch größer“, meint Jung.

Schulen bleiben offen – Tests sind da

Die Schulen in Mittelsachsen bleiben bis zu den Osterferien geöffnet. Grund dafür sind die Regelungen der Corona-Schutzverordnung und dass der Inzidenzwert am Mittwoch unter 100 gesunken ist. „Der Inzidenzwert zeigt, wie viele Personen sich pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen infiziert haben“, so Kaiser. Erst wenn der Wert an fünf Werktagen hintereinander über 100 liegt, könnte eine Schließung am Montag in der darauffolgenden Woche folgen. „Dies ist bis zu den Osterferien rechnerisch nicht mehr möglich“, sagt der Landkreissprecher.

In den Oberschulen und Gymnasien sind am Mittwoch die bereits für Montag zugesagten Schnelltests erfolgt. Diese haben den Schulen einigen Aufwand beschert. Denn die Bildungseinrichtungen mussten die Tests beim Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) in Chemnitz selbst abholen. „Am Montag um 17 Uhr haben wir erfahren, dass es dafür am Dienstag ein Zeitfenster geben wird“, erklärt Kristin Dorias-Thomas, Leiterin der Peter-Apian-Oberschule Leisnig.

Schulen holen Tests selbst in Chemnitz

Am Dienstag um 9 Uhr sei die Schule dann informiert worden, dass das Zeitfenster bis 12 Uhr gehe. „Wir hatten Glück. Die Fahrt hat ein Mitarbeiter der Stadt übernommen“, sagt sie. Katrin Wagner, Leiterin der Oberschule Am Holländer in Döbeln hat die Fahrt gemeinsam mit einer Sozialpädagogin selbst auf sich genommen und gleich die Tests für die Geschwister-Scholl-Oberschule in Roßwein mitgebracht. Für das Martin-Luther-Gymnasium in Hartha war eine Lehrerin unterwegs.

Dann begann das große Eintüten. Die Döbelner haben die nötigen Utensilien für den Test für jeden einzelnen Schüler verpackt , die anderen haben sie klassenweise aufgeteilt und an die Lehrer übergeben. Getestet haben sich Lehrer und Schüler.

Bis auf eine Person am Harthaer Gymnasium waren alle negativ. An der Oberschule Am Holländer haben sich ein Siebt- und zwei Neuntklässler nicht an dem Test beteiligt. Sie dürfen deshalb nicht am Präsenzunterricht teilnehmen und erhalten Aufgaben, die sie Zuhause lösen müssen.

Am Sonntag gehen die Leiter aller Schularten wieder auf Tour und holen beim Lasub die Tests für die kommende Woche ab. Denn ab kommenden Montag ist der Selbsttest auch für die Lehrer der Grundschulen Pflicht. Die Schüler müssen sich nicht testen. Nach Ostern, so hoffen alle, werden die Utensilien für die Selbsttests dann angeliefert.

Inzidenzwert auf 82,5 gefallen

Das Gesundheitsamt meldet am Mittwoch 105 neue Fälle. Damit steigt die Gesamtzahl auf 16.392. Davon entfallen 6.812 (+46) Fälle auf den Altkreis Freiberg, 3.277 (+26) auf den Altkreis Döbeln und 6.303 (+33) auf den Altkreis Mittweida. Der aktuelle Inzidenzwert für Mittelsachsen liegt laut RKI bei 82,5. In den Krankenhäusern werden 35 (+3) Covid-Patienten behandelt, davon acht beatmet. Die Zahl der Verstorbenen bleibt bei 586.

In die Statistik des Landkreises fließen auch die positiv gemeldeten Schnelltests mit ein. Damit ist die Zahl der ausgewiesenen Fälle für Mittelsachsen immer im Vergleich zum Freistaat und dem Robert Koch-Institut höher. Dort werden nur die positiven PCR-Tests registriert.

„Grundsätzlich sind in der am 5. März 2021 in Kraft getretenen Corona-Schutz-Verordnung die Inzidenzwerte des Robert Koch-Instituts für die Lockerung oder Verschärfung von Maßnahmen maßgebend. Neben den Inzidenzwerten findet in Sachsen jedoch auch die Bettenbelegung in den Krankenhäusern an durch mit Covid-19 Erkrankten in der Normalstation als Kriterium Beachtung“, erklärt Dr. Kirstin Wappler, Referentin des RKI, auf Nachfrage. Die Grenze liege sachsenweit bei 1.300 belegten Betten.

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