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"Uns gehen schon die Pipetten aus"

Im Görlitzer Labor, wo die meisten Corona-Tests landen, verschärft sich die Lage. Epidemiologe Roger Hillert im SZ-Gespräch.

Roger Hillert vom Medizinischen Labor Ostsachsen ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie.
Roger Hillert vom Medizinischen Labor Ostsachsen ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. © Nikolai Schmidt

Zum Donnerstag ist die Zahl der Neuinfektionen im Kreis Görlitz erneut deutlich gestiegen. Die meisten Proben werden im Medizinischen Labor Ostsachsen in Görlitz untersucht. Dort arbeiten Infektionsepidemiologe Roger Hillert und seine Mitarbeiter -  manchmal sogar bis Mitternacht. Wie er die Lage in Labor und Landkreis sieht. 

Herr Dr. Hillert, wie viele Tests bearbeiten Sie im Görlitzer Labor derzeit? 

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Derzeit untersuchen wir rund 3.000 Proben pro Woche. Unsere Kapazität sind eigentlich 2.000. Wir arbeiten also über der Grenze. 

Hat das auch Auswirkungen darauf, wann getestete Personen ihr Ergebnis erhalten? 

Eine Garantie will ich nicht abgeben. Bisher haben wir es immer in der 48-Stunden-Frist geschafft. Die Regel ist: Proben, die - außer am Sonntag - bis 14 Uhr da sind, werden noch am selben Tag bearbeitet, und wenn es kurz vor Mitternacht ist. Was danach kommt, wird am nächsten Tag bearbeitet. Bislang konnten wir die 48-Stunden-Regel aufrecht erhalten. 

Woher kommen die Proben?

Wir arbeiten für die meisten Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte in den Landkreisen Görlitz und Bautzen. Es gibt verschiedene Proben-Kategorien: Zum einen sind es Proben von Menschen mit Symptomen. Die zweite Kategorie sind Kontaktpersonen, die vom Gesundheitsamt ermittelt werden. Und die dritte Kategorie sind die prophylaktischen Testungen, zum Beispiel von Lehrern, die sich in Sachsen einmal pro Woche testen lassen können. Oder Urlauber, die ein negatives Testergebnis in ihrer Unterkunft vorlegen müssen. Was in Mecklenburg-Vorpommern zum Glück gekippt wurde.

Sie sprechen sich gegen das Beherbergungsverbot ohne Negativtest, wie es in Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt noch gilt, aus?

Das ist medizinischer und ökonomischer Unsinn. Auch die prophylaktische Lehrertestung sehe ich kritisch. Wir haben mehrere tausend Lehrer getestet und hatten, soweit ich weiß, keinen einzigen positiven – zumindest bei diesen prophylaktischen Testungen. Aber wir verstopfen damit die Kapazitäten.

Wer muss aus Ihrer Sicht getestet werden?

In erster Linie die Menschen mit Symptomen. Die zweite Gruppe sind Personen, die in Krankenhäuser oder Pflegeheime aufgenommen werden sollen, das halte ich für eine sinnvolle prophylaktische Testung. Die dritte wichtige Gruppe sind Kontaktpersonen der Kategorie 1. Dann gibt es noch einige, für die ich auch Verständnis habe. Wenn ein Berufspendler nach Litauen muss und zur Einreise einen Test braucht – das macht auch nicht unbedingt Sinn, ist aber nicht anders zu machen. Aber warum eine Nicht-Risiko-Gruppe prophylaktisch testen? Natürlich gibt es Lehrer, die zur Risikogruppe zählen, aber Lehrer sind erstmal nicht per se Risikopatienten. Wir merken inzwischen auch, Schulen sind keine Hotspots, sie tragen nicht das Infektionsgeschehen.

Es gab aber Fälle an Schulen im Kreis, bei denen dann auch weitere Lehrer oder Schüler angesteckt wurden.

Die sind aber nicht durch die prophylaktischen Testungen aufgefallen, sondern wurden im Rahmen des Ausbruchsgeschehens getestet. Es stimmt, es gab Ausbruchsgeschehen in Schulen. Die Kinder haben ja Kontakt, auch außerhalb. Meistens waren bei den bisherigen Fällen die betroffenen Kinder eng befreundet. Es kommt auch vor, dass sich Kinder oder Lehrer in der Schule anstecken. Aber die Schulen tragen nicht massiv die Pandemie voran. Eine gewisse Zahl der Infektionen kommt aus den Schulen – aber die werden wir nicht verhindern, indem wir die Lehrer einmal pro Woche testen.

Bekommen Sie auch, wie Gesundheitsämter oder Pflegeheime, Personal von außen zur Unterstützung?

Personelle Unterstützung müssen wir uns selber schaffen. Wir haben Mitarbeiter umgesetzt, eine Rentnerin haben wir zurückgeholt, Studenten angestellt. Wir können bei unserer Arbeit keine fachfremden Leute einsetzen. Auch die Studenten mussten geschult werden und beispielsweise in den Datenschutz eingewiesen werden. Wir versuchen, uns irgendwie zu helfen, aber die Leute machen massiv Überstunden. Wir haben gestern Nacht Viertel eins das Labor abgeschlossen, seit 6.30 Uhr bin ich wieder da. Irgendwie kommen wir klar, aber die Stimmung ist sehr angespannt.

Sie haben kürzlich gesagt, dass es mit dem Material schwierig aussieht. Wie ist die Lage jetzt?

Es herrscht Mangelwirtschaft. Irgendwas fehlt immer. Im Moment nicht an Tests, aber an Pipettenspitzen. In der Molekularbiologie brauchen wir eine besondere Form, und die gibt es nicht. Wenn keine Lieferung kommt, gehen die uns Ende nächster Woche aus. Die Gefahr hatten wir seit Monaten Woche für Woche. Durch Ersatzbestellungen und andere Wege haben wir immer wieder welche ranbekommen. Aber es gibt die reale Gefahr, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem wir sagen müssen: Es geht nicht mehr. Wir tauschen uns auch mit der Uni Dresden aus. Und andersrum bekommen wir Anfragen von anderen Laboren, ob wir für sie mittesten können, weil es allen so geht. 

Immer wieder liest man - besonders in sozialen Netzwerken - die Coronatests hätten eine hohe Fehlerquote. Was ist da dran?

Ein sachgerecht ausgeführter PCR-Test hat eine sehr kleine Fehlerquote, die sollte weit unter einem Prozent liegen. Die Teste sind hoch sensitiv und sehr spezifisch, außerdem bestätigen wir jeden positiven Test mit einem zweiten. Ein sogenannter Schnelltest hat eine größere Fehlerquote, wobei es von Firma zu Firma offenbar große Unterschiede gibt. Mit diesen Schnelltests wird man auf jeden Fall nicht alle Infektionen finden, mit einigen vielleicht 80 Prozent, mit anderen vielleicht weniger. Für kranke Patienten sind diese Schnelltests also ungeeignet.

Im Sachsen gilt ab Sonnabend eine neue Schutzverordnung. Welche Maßnahme sehen Sie jetzt als wichtigste?

Das Wichtigste ist, dass sich nicht viele Menschen in engen, unbelüfteten Räumen aufhalten. Das ist das höchste Risiko. Je älter die Menschen, desto höher. Ich kann mich im Moment überhaupt nicht über Hochzeiten, Jugendweihen, Geburtstagsfeiern freuen. Denn das ist das Problem, was diese Pandemie jetzt treibt.

Auch der Landkreis sagt, die meisten Fälle jetzt kommen aus dem privaten Bereich.

Man kann viele Infektionen nicht mehr auf die Quelle zurückführen, deshalb ist das ein bisschen Spekulation. Aber auch unserem Eindruck nach ist ein großer Teil der Infektionen tatsächlich auf den privaten Bereich zurückzuführen, auf Zusammenkünfte im Familien- und Bekanntenkreis. Diese Fälle gab es wirklich, dass im unbelüfteten Kellerraum eine Feier stattgefunden hat. Klar, wenn keiner Corona hat, dann geht auch niemand mit Corona nach Hause. Aber wenn jemand bei einer solchen Feier dabei ist, der unbemerkt infiziert ist, dann sind es danach vielleicht 10 oder 20 mehr, die es dann weitertragen. Und irgendwann schlägt es um.

Es wird immer wieder behauptet, wir haben nur so viele Fälle, weil so viel getestet wird. Was ist da dran?

Es ist richtig, es wird viel mehr getestet als im Frühjahr. Und wir hatten im Frühjahr wahrscheinlich eine sehr hohe Dunkelziffer. Jetzt ist die Dunkelziffer viel kleiner. Aber nur das Testen ist nicht der Grund für die steigenden Zahlen, es gibt tatsächlich auch mehr Fälle. Wir hatten im Sommer – auch da haben wir durch die Reiserückkehrer schon deutlich mehr getestet – eine Positivrate von unter einem Prozent. Ganz aktuell liegt sie bei 8,2 Prozent, Tendenz steigend. Das ist sehr viel.

Aber ist es dann nicht doch richtig, möglichst viel zu testen, wenn die Trefferquote so hoch ist?

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Ja, aber nicht Ostsee-Urlauber. Wir müssen viel testen, natürlich. Dort, wo die Menschen krank sind, die Kontaktpersonen, die Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Wenn Sie zur Kur fahren, dann kann es fatal sein, würden Sie das Virus in die Einrichtung tragen. Das ist etwas anderes, als wenn sie an die Ostsee in ein Ferienhaus fahren. Die Frage ist: Ist es notwendig zu testen, und wenn ja – dann müssen wir es natürlich tun.

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