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Corona: Hohe Sterberate bei der Ecmo-Therapie

Den Einsatz der künstlichen Lunge bei Corona haben die meisten Älteren nicht überlebt, zeigt eine Studie. Eine Ursache sei zu wenig Erfahrung damit.

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Sabine Weiß liegt im Krankenhaus - an einem Ecmo-Gerät. Sie hat ihre Corona-Infektion überlebt, viele andere Menschen nicht.
Sabine Weiß liegt im Krankenhaus - an einem Ecmo-Gerät. Sie hat ihre Corona-Infektion überlebt, viele andere Menschen nicht. © dpa/R. Baumer

Durch dicke Kanülen fließt Blut aus dem Körper von Sabine Weiß (Name geändert). Ihre Lunge muss vorübergehend nicht arbeiten, die Funktion übernimmt eine Maschine neben dem Bett. Diese reichert das Blut mit Sauerstoff an, bevor es wieder zurückgeleitet wird. Im Zuge einer Grippe-Infektion musste die damals 50-Jährige an ein sogenanntes Ecmo-Gerät angeschlossen werden – praktisch eine künstliche Lunge, die dem lebensnotwendigen Organ Zeit verschaffen soll, sich zu erholen. Insgesamt rund einen Monat lag Weiß im Koma, davon 16 Tage an der Ecmo. Erinnerungen an die Zeit habe sie kaum, sagt sie.

Die Therapie, die Weiß das Leben gerettet hat – die extrakorporale Membranoxygenierung (Ecmo) –, ist in der Covid-19-Pandemie auch außerhalb von Fachkreisen bekannter geworden. Denn wie viele andere Atemwegserreger kann Sars-CoV-2 schweres akutes Lungenversagen auslösen. Die Bilder von Infizierten, die an Ecmo-Geräten um ihr Leben ringen, waren vielfach zu sehen. Tausende dürften allein in Deutschland betroffen gewesen sein. Endgültige Daten liegen noch nicht vor.

Die Zahlen, die schon bekannt sind, lassen Fachleute jedoch aufschrecken. Denn es ist ein sehr viel höherer Anteil an Ecmo-Patienten im Krankenhaus gestorben als vor der Pandemie üblich. Je nach Art der Ecmo-Therapie überlebten 72 beziehungsweise rund 66 Prozent der Covid-19-Erkrankten nicht. Das geht aus einer Studie einer Gruppe um Facharzt Benjamin Friedrichson vom Uniklinikum Frankfurt hervor, die Ende Februar im "European Journal of Anaesthesiology" erschienen ist. Dafür analysierten sie alle 4.279 Ecmo-Behandlungen bei Covid-19-Patienten an deutschen Krankenhäusern von Januar 2020 bis Ende September 2021. Internationale Publikationen mit den Ergebnissen von meist spezialisierten Zentren wiesen demnach deutlich bessere Raten aus, dort starben je nach Studie nur 37 beziehungsweise 53 Prozent.

77 Prozent haben nicht überlebt

Anders als man wegen der anfangs fehlenden Erfahrung vermuten könnte, wurden die Ergebnisse auch im Pandemieverlauf nicht besser. "Die Ärzte hierzulande machen keine schlechte Medizin, und die Ecmo ist eine wunderbare Therapie, die wir nicht missen wollen", sagt Friedrichson. "Bei jüngeren Menschen sind die Ergebnisse auch sehr gut." In Deutschland seien aber im Vergleich zu anderen Ländern viele Menschen über 60 Jahre an der Ecmo behandelt worden. In dieser älteren Gruppe starben 77 Prozent – "inakzeptabel hoch" laut Studie. Das schlage auf das Gesamtergebnis durch.

In einer vorherigen Studie mit ähnlichem Ergebnis zu den ersten drei Corona-Wellen hieß es, die Daten sollten als Warnung für Kliniker dienen. Mitautor Thomas Bein, früher Intensivmediziner am Uniklinikum Regensburg, sagt: "Die Ecmo ist in der Corona-Pandemie zu unkritisch und unreglementiert eingesetzt worden: als letztes Mittel, wenn nichts mehr half." Er spricht von einem "Qualitätsproblem" und hält stärkere Regulierung für nötig.

In Deutschland bieten relativ viele Kliniken Ecmo bei akutem Lungenversagen an: mehr als 270 nach den aktuellsten Daten von 2020, rund 40 mehr als zwei Jahre zuvor, wie Friedrichson sagt. "Schon die Schweinegrippe-Pandemie 2009 war ein Booster für die Technologie." Die mobilen Geräte von heute ließen sich einfach bedienen wie ein Smartphone. "Vermeintlich erfordert das keine Riesenexpertise." Corona dürfte für Verbreitung gesorgt haben.

Eine Vergleichszahl nennt Steffen Weber-Carstens, Intensivmediziner an der Charité: "In ganz Großbritannien machen derzeit acht Kliniken Ecmo. Patienten werden dorthin verlegt." Wenige Häuser haben also jeweils viele Patienten. Anders in Deutschland: Eine Studie im Journal "Plos One" blickte auf knapp 30.000 Ecmo-Behandlungen aus der Vor-Pandemie-Zeit – mit dem Ergebnis, dass gut 60 Prozent der Kliniken, die Ecmo anboten, nur einen Fall jährlich versorgten. Als erfahren gelten Zentren ab 20, 30 Patienten pro Jahr.

"Ecmo gehört in sehr erfahrene Hände, es gibt ein hohes Komplikations- und Nebenwirkungspotenzial. Sehr viele, vor allem kleinere Krankenhäuser haben die Expertise aber nicht", sagt Bein. Dabei sei auch in anderen Medizinbereichen gezeigt worden, dass Routine zu besseren Ergebnissen führe. Eine Gruppe um Bein und Weber-Carstens hat kürzlich im Deutschen Ärzteblatt zudem die Hypothese geäußert, dass finanzielle Fehlanreize im Gesundheitssystem kleinere Kliniken verleiteten, solche Behandlungen vorzunehmen. Die Kosten für das Gesamtpaket der Behandlung belaufen sich laut Fachleuten auf eine hohe fünfstellige Zahl. Wenn Patienten 100 oder 120 Tage versorgt werden müssen, kann es noch mehr sein.

Andere Fachleute sehen eher geringe bis keine derartigen Anreize. "Ärzte wollen maximal helfen", sagt etwa Friedrichson. Da häufig Leihgeräte genutzt würden, sei es auch nicht so, dass sich die Anschaffungskosten amortisieren müssten. Facharzt Oliver Milbradt vom Clemenshospital in Münster, wo die Zahl der jährlichen Ecmo-Behandlungen seit 2014 von ein bis zwei auf sechs bis sieben gestiegen ist, berichtet zudem, in der Hochphase der Pandemie von überlasteten Ecmo-Zentren angefleht worden zu sein, Patienten zu übernehmen. Trotz toller Ergebnisse setze man eine Ecmo nie leichtfertig ein: "Wir sind froh, wenn das Gerät nicht läuft."

Für die Versorgung hierzulande würden aus Sicht Friedrichsons 100 oder weniger statt über 270 Ecmo-Anbieter völlig ausreichen. Denn es sei nicht damit getan, Patienten an das Hightech-Gerät anzuschließen. Vielmehr sei dies ein Puzzlestein in einem Behandlungskonzept. Dazu gehören zum Beispiel die richtigen Medikamente gegen Covid-19, aber auch gegen andere Infektionen und oft auch Dialyse, zudem sollten für den Fall von Komplikationen Gefäßchirurgen verfügbar sein. Als optimal gilt, Patienten auf dem Bauch zu lagern, auch wenn das die Pflege aufwendiger macht. "Es spielt auch eine Rolle, ob es gelingt, Patienten mit Unterstützung spontan atmen zu lassen, ob man sie begleitend trainiert, ob man sie ab und an aufrecht hinsetzt für die Durchblutung oder über den Flur laufen lässt", sagte Weber-Carstens.

Das Beispiel zeigt: Als dauerhaft regungslosen Tiefschlaf sollte man sich eine Ecmo-Behandlung heutzutage nicht mehr vorstellen. Nach der Akutphase versetze man Patienten nicht mehr so tief in Narkose wie früher. Zwar gilt es Stress und Schmerzen zu unterbinden, auf Ansprache sollen sie aber etwa die Augen öffnen können. Auch all das bedeutet mehr Pflegeaufwand. Die Erkrankten profitierten, sagte Bein: So habe das veränderte Sedieren wesentlich zu höheren Überlebensraten seit der Jahrtausendwende beigetragen.

All das heißt für Thomas Bein aber nicht, dass jeder Patient eine realistische Chance hat, es zu schaffen. Vielmehr müssten Ärzte auch darauf achten, kein unnötiges Leid zu verursachen. Selbst wer das Krankenhaus lebend verlasse, sei oft nicht mehr der gleiche Mensch wie zuvor. Viele ehemalige Ecmo-Patienten stürben im Jahr nach der Entlassung. Da dürfe man Angehörigen keine falschen Hoffnungen machen. "Ich plädiere für mehr Zurückhaltung im hohen Alter. Drastisch ausgedrückt zögert man sonst nur den Tod hinaus."

Sabine Weiß ist dankbar, dass es die Therapie gibt. Ein halbes Jahr habe sie gebraucht, um körperlich wieder fit zu werden. Damit schätze sie sich aber glücklich im Vergleich zu manch anderen ehemaligen Ecmo-Patienten, die mit Ängsten, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen haben. Wenn Weiß von der Kritik an einem zu großzügigen Einsatz der Ecmo hört, wird sie nachdenklich. Sie sagt: "Wir haben doch alle ein Recht auf Leben." (dpa)