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Arbeiten wir heute mehr oder weniger als vor Corona?

Der Feierabend fehlt, Sozialkontakte fallen weg – eine Stress-Psychologin erklärt, wie sich das Arbeitsleben jetzt geändert hat und was das bedeutet.

Die Arbeit hat für alle, die im Homeoffice sind, keine Grenzen mehr.
Die Arbeit hat für alle, die im Homeoffice sind, keine Grenzen mehr. © www.imago-images.de

Frau Schürmann, die Art zu arbeiten, hat sich in der Pandemie geändert. Jeder dritte Beschäftigte arbeitet wenigstens zeitweise zu Hause. Arbeiten wir heute mehr oder weniger als vor Corona?

Der definitive Feierabend fehlt. Die Arbeit hat für alle, die im Homeoffice sind, keine Grenzen mehr. Wer abends um zehn noch E-Mails rausschickt, bekommt fünf Minuten später eine Antwort. Auch der Takt ist dichter geworden. Nach einer Videokonferenz kommt sofort die nächste, jeder lose Sozialkontakt fällt weg, der Smalltalk, das belanglose Gespräch auf dem Flur oder in der Kantine. Das heißt aber nicht, dass wir mehr für den Job arbeiten. Viele organisieren ihren Arbeitsalltag nur um Kinderbetreuung und -beschulung herum.

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Wie stark leidet die Produktivität?

Die einen arbeiten im Homeoffice konzentrierter und fokussierter. Für manche ist es auch entlastend, wenn die Tochter neben ihnen sitzt und sie wissen, dass sie sich kümmern können. Für andere gilt das alles nicht. Manche fühlen sich auch allein, ihnen fehlt die Struktur. Dann leidet die Produktivität. Das ist es aber nicht allein. Wir sind alle ein wenig „over the top“, drüber.

Die Gesellschaft wird dünnhäutiger?

Die ganze Lage stresst. Oft gab es sicher schon vorher Stress im Job, ein großer Leistungsdruck, ein schlechtes Betriebsklima. Aber jetzt kommt noch ein Menge oben drauf: die Sorge um den Arbeitsplatz, die Furcht vor einer Ansteckung, die Angst um kranke Angehörige, die Enge in der Familie. Die Zeit, sich zu erholen, gibt es nicht. Der Kontrollverlust ist groß, wir können selbst da wenig tun. Alles ist wie gelähmt...

...und der Nacken verspannt.

Oder der Kiefer. Man wird träger. Es kann alles Mögliche sein.

Berühmt ist die Szene, wie der einstige Bundesumweltminister Jürgen Trittin vor der heimischen Bücherwand sitzt, entnervt auf den Tisch haut, nachdem er dreimal zu seiner Botschaft angesetzt hat, die Technik aber nicht funktioniert. Das war beim digitalen Parteitag der Grünen im November. An welchem Punkt sind wir jetzt?

Die Belastungen werden größer. Niemand weiß, wie sich die Corona-Krise lösen lässt. Dass die Stimmung kippt, wie es einige unterstellen, sehe ich aber nicht. In Wien können Schüler und Studenten, die es im Homeoffice nicht mehr aushalten, trotz Lockdown in Cafés für zwei Stunden einen Platz buchen, damit sie in Ruhe und mit stabiler Internetverbindung lernen können. Solche Ideen, kleinen Lösungen könnten uns jetzt helfen.

Was muss der Chef tun?

Es gibt immer noch Leute, die denken, man legt im Homeoffice die Füße hoch, nur weil man mal zehn Minuten lang nicht erreichbar war. Mitarbeitende müssen zum Beispiel den ganzen Tag eine Videokonferenz mitlaufen lassen, damit der Chef sie im Blick behalten kann. Das gibt es alles. Wer schon immer misstrauisch war, wird sich eben kaum ändern. Und wer schon vor Corona nicht mit seinen Mitarbeitenden geredet und ihnen zugehört hat, wird das auch jetzt nicht tun. Besser machen es aber jene, die eine Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle finden – und den Kontakt halten.

Die Chefin der Outdoor-Firma Vaude erzählte, dass sie alle Mitarbeiter regelmäßig per Videokonferenz zum digitalen „Lagerfeuer“ einlade.

Es lassen sich mittlerweile sehr einfach virtuelle Pausenräume einrichten, in denen man sich ähnlich wie bei einem kurzen Gespräch vor dem Kaffeeautomaten austauschen kann. Das Telefon ist in der Corona-Krise aber unterschätzt. Ein Anruf ist sehr direkt, stellt sehr viel Nähe her. Man kann einfach mal zum Hörer greifen.

Jenen, die raus müssen in die Pflegeheime oder an die Supermarktkasse, mögen die Leute im Homeoffice mimosenhaft vorkommen.

Vielleicht. Für alle, die nicht zu Hause bleiben können, ist es zum Beispiel immer wieder ein Thema, dass sich Kolleginnen und Kollegen nicht an Hygieneregeln halten. Da müssen Führungskräfte ran, wenn die Maske halb unter der Nase hängt. Aber jeder hat seinen eigenen Stress und das Recht, sich zu beklagen. Das heißt nicht, dass man die Not der anderen nicht sehen sollte. Sicherer Job, Haus abbezahlt – dann geht es einem sicher besser als anderen. Ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr – darf trotzdem jeder sagen. In der Familie, in der Firma. Führungsleute sollten klar machen, dass das okay ist.

Katrin Schürmann (47) ist Diplompsychologin, Expertin für Stress am Arbeitsplatz. Sie berät bundesweit Unternehmen.
Katrin Schürmann (47) ist Diplompsychologin, Expertin für Stress am Arbeitsplatz. Sie berät bundesweit Unternehmen. © privat

Die meisten schaffen es nicht, Stopp zu sagen. Der Rat „Du musst auf dich selbst achten“ hat seine Grenzen. Was soll die oder der Einzelne machen, die oder der in Schichten arbeitet oder eine Deadline für ein Projekt hat? Soll sie oder er sagen, ich mache da nicht mehr mit? Man würde die Kündigung riskieren.

Wer kann gegensteuern?

Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Sie sind diejenigen, die eine Deadline verschieben, die Ansprüche runter fahren können, zumindest für die Zeit der Corona-Krise. Das sollten wir übrigens alle machen und wohlwollender mit anderen sein.

Nach Corona holen wir alles nach?

Das wäre so, wie zu sagen: Das mache ich dann alles mal im Ruhestand. Und dann kommt doch wieder alles anders. Nein, ich rate allen, sich für den Tag X nicht zu viel vorzunehmen, sondern eher zu gucken, wie sich jetzt der Alltag so gestalten lässt, dass er gut ist und nicht nur frustriert.

Das Gespräch führte Hanna Gersmann.

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