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Hinken Sachsens Firmen beim Homeoffice hinterher?

Gerade ist es für viele Krisenalltag, von zu Hause aus zu arbeiten – auch in Sachsen. Doch das Potenzial dafür ist nicht ausgeschöpft, denn es gibt Hürden.

Corona krempelt die Arbeitswelt um: Eine Frau arbeitet mit Hörschutz im Homeoffice. Das tun auch immer mehr Sachsen.
Corona krempelt die Arbeitswelt um: Eine Frau arbeitet mit Hörschutz im Homeoffice. Das tun auch immer mehr Sachsen. © Sebastian Gollnow/dpa

Uneingeschränktes Homeoffice – was bislang nur in wenigen Unternehmen denkbar war, läuft gerade vielerorts einfach so, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Doch gilt das auch für Sachsen? Die Wahrnehmung ist: Viele Unternehmen lassen ihre Mitarbeiterschaft nach wie vor ins Büro kommen oder „bestellen“ sie sogar ein.

In Berlin oder Hamburg scheint die Homeoffice-Quote erheblich höher zu liegen als in Dresden. Ganz falsch scheint dieser Eindruck nicht zu sein: Sachsens Sozialministerin Petra Köpping und Wirtschaftsminister Martin Dulig appellierten einen Tag vor Silvester an die Arbeitgeber im Freistaat: „Wir bitten Sie, wo immer es möglich ist, Homeoffice zu ermöglichen!“ Jeder trage Verantwortung, Mobilität und Kontakte zu senken. Das gelte nicht nur im privaten Bereich, sondern auch am Arbeitsplatz, so die beiden SPD-Minister. Sie sehen offenbar noch nicht ausgeschöpftes Potenzial, Personal von zu Hause arbeiten zu lassen. Die SZ hat sich umgehört, wie sächsische Arbeitgeber dieses Potenzial nutzen.

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Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden arbeitet niemand der rund 150 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Homeoffice und wird dies „voraussichtlich auch nicht zu Jahresbeginn tun“, teilt IHK-Sprecher Lars Fiehler mit. Wer aus Gründen des Gesundheitsschutzes prophylaktisch daheim bleiben will, müsste Urlaub nehmen, Überstunden abfeiern oder eine unbezahlte Freistellung beantragen. Die Arbeitsbedingungen böten keinen Anlass für eine erhöhte Infektionsgefahr. „Wir haben bisher keine Infektionen unter der Belegschaft zu verzeichnen“, betont der Sprecher.

Als Gründe, die gegen Homeoffice sprechen würden, nennt er die mangelnde Digitalisierung. Aufgrund von Datenschutzregeln dürften dienstliche E-Mails nicht einfach auf private Postfächer umgeleitet werden. Viele Beschäftigte arbeiteten mit lizensierten Spezialsoftware-Programmen, die ausschließlich auf dem Arbeitsplatzrechner zugänglich seien. Exportdokumente und Berufsschul-Zeugnisse müssen mit Stempeln versehen werden. Der geringe Digitalisierungsgrad sei schon im Frühjahr zwischen Geschäftsführung und Personalvertretung „ausgiebig“ diskutiert wurden, betont Fiehler.

Er verweist auf die Vorschriften der Arbeitsplatzverordnung, die genauso wie im Büro auch daheim eingehalten werden müssten. Daraus ergäben sich Fragen der Versicherung von Arbeitnehmern, der Finanzierung technischer Ausstattung bis hin zur verpflichtenden Übernahme anteiliger Miet, Heiz-, Strom- und Wasserkosten durch den Arbeitgeber. Da stellt man sich in der IHK die Frage, „ob einem beitragspflichtigen Mitgliedsunternehmen der entsprechende Investitionsmehraufwand und die laufenden Kosten für die Duplizierung hochwertig ausgestatteter Arbeitsplätze im privaten Umfeld zuzumuten ist“. Offenbar hat die IHK dies für sich mit nein beantwortet.

Sparkasse teilt Teams

Vor dieser Frage stehen alle Unternehmen. Deshalb sprechen viele Arbeitgeber inzwischen nicht mehr von Homeoffice, sondern vom mobilen Arbeiten ihrer Beschäftigten, weil dort die Anforderungen viel geringer sind - so auch bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden (OSD). „Insgesamt nutzt rund ein Drittel unserer 1.600 Beschäftigten die Möglichkeit des mobilen Arbeitens“, sagt Vize-Sprecher Marcus Herrmann. Das ist nicht automatisch mit Homeoffice gleichzusetzen. So wurden bei der OSD in vielen Abteilungen Teams geteilt und die eine Hälfte musste in leer stehende Räume anderer Sparkassen-Objekte ziehen. Das größte öffentlich-rechtliche Kreditinstitut in Ostdeutschland hat sich entschlossen, auch über die Pandemie hinaus die Option des mobilen Arbeitens zu ermöglichen. Eine entsprechende interne Vereinbarung wurde kurz vor Jahresende zwischen Personalrat und Vorstand unterzeichnet. Sie regelt Themen wie Arbeitsschutz, Datensicherheit oder Haftungsfragen.

Auch bei der Krankenkasse IKK Classic wurde eine solche Vereinbarung kürzlich geschlossen. Rund 2.000 der bundesweit 7.500 aktiven Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wählen sich derzeit täglich von zu Hause ins System ein. Nach Angaben der Sprecherin, wurde schon im Frühjahr mehr als die Hälfte der Beschäftigten „binnen zwei Wochen durch das Ausrollen entsprechender Technik zum mobilen Arbeiten befähigt“. In Sachsen können 1.000 von 1.650 IKK Classic-Beschäftigte dies nutzen.

Freiwillige Schichtplanung oder freiwillige Samstagsarbeit

Bei der Krankenkasse Barmer sind in Sachsen rund 400 Personen technisch so ausgestattet, dass sie mobil arbeiten könnten. Ob sie es auch tun, das lässt die Sprecherin offen. „Wir ermöglichen so viel Homeoffice wie möglich, ohne die Versorgung unserer Versicherten zu gefährden“, sagt sie und verweist auf Maßnahmen wie „freiwillige Schichtplanung oder freiwillige Samstagsarbeit“, um die Personalsituation zu entzerren.

Leichter durchzusetzen ist mobiles Arbeiten bei Unternehmen, die von der Digitalisierung leben wie etwa der Robotron Datenbank-Software GmbH. Nach eigenen Angaben nutzen dort 85 Prozent der Mitarbeitenden „schon seit längerem“ das Homeoffice – ob dauerhaft oder nur hin und wieder, bleibt offen. Bei der Telekom-Tochter T-Systems Multimedia Solutions, die ihren Sitz in Dresden hat, liegt die Quote sogar noch höher. Dort erfüllen 95 Prozent der deutschlandweit 1.900 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihre Aufgaben von zu Hause aus, inklusive der Auszubildenden, Studierenden und Praktikanten.

In der Industrie geht Homeoffice dagegen nur bedingt

Bis zum 15. Januar gilt eine „dringende Empfehlung“ der Konzernleitung zur Arbeit von daheim, betont Stefan Mendelsohn, bei T-Systems MMS für die Compliance des Unternehmens verantwortlich. „Schon im Frühjahr haben wir unsere Arbeitsweise und Zusammenarbeit nahezu vollständig auf digital umgestellt“, so Mendelsohn. Dafür wurde in die mobile IT-Ausstattung der Mitarbeitenden investiert, die Bandbreite und Leistung des Firmen-Netzwerkes verbessert und die Sicherheitsstandards für das Arbeiten von zu Hause erhöht.

In der Industrie geht Homeoffice dagegen nur bedingt. Ein Montage-Werker, der zum Beispiel bei Volkswagen (VW) in Zwickau den ID.3 oder ID.4 montiert, kann nicht mobil arbeiten. Auch der Qualitätssicherer muss vor Ort in der Fabrik die gelieferten Teil auf die vorgegebenen Standards prüfen. Doch für alle Mitarbeitenden im Vertrieb, Marketing und der Verwaltung von VW Sachsen gilt vorerst bis 16. März 2021 die Sonderregelung, dass sie mobil und von Zuhause arbeiten können, wenn ihre Anwesenheit im Betrieb nicht zwingend erforderlich ist. Aktuell nutzt laut VW Sachsen jeder vierte Büro-Mitarbeitende diese Möglichkeit. Das müssen sie sogar. Es darf höchstens die Hälfte des Personals in den Büros anwesend sein, die andere Hälfte muss mobil arbeiten – solange, bis sich das Infektionsgeschehen beruhigt hat.

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Es gibt keine Statistik, die belegt, dass Sachsen beim mobilen Arbeiten infolge der Pandemie im Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands hinterherhinkt. Im sächsischen Wirtschaftsministerium verweist man auf Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, nach denen derzeit nur 42 Prozent der deutschen Betriebe ihren Beschäftigten anbieten, ganz oder teilweise im Homeoffice zu arbeiten. „Wir können nicht verlässlich einschätzen, ob sächsische Unternehmen alles Mögliche tun, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mobil arbeiten zu lassen“, sagt der Ministeriumssprecher. Im SMWA selbst sind aktuell 88 Prozent des Personals dazu in der Lage, in Kürze sollen es 92 Prozent sein.

Auf dem Schreibtisch oder eher im digitalen Postfach des Wirtschaftsministers liegt der vom Bundesarbeitsministerium übermittelte Gesetzentwurf zur mobilen Arbeit. „Darüber spricht Martin Dulig sehr intensiv mit Hubertus Heil“, heißt es.

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