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Sind Rathäuser Vorbild beim Homeoffice?

Um Corona zu bekämpfen, ist kontaktloses Arbeiten ein Teil der Strategie. Umgesetzt wird sie aber im Landkreis SOE sehr unterschiedlich.

Das Büro zu Hause am Stubentisch ist für viele Mitarbeiter von Verwaltungen eine Option. Wahrgenommen wird sie oft nicht.
Das Büro zu Hause am Stubentisch ist für viele Mitarbeiter von Verwaltungen eine Option. Wahrgenommen wird sie oft nicht. © dpa

Homeoffice - für die einen der Horror am Wohnzimmertisch, für die anderen grenzenlose Kreativität im heimischen Arbeitszimmer und für ganz viele irgendetwas dazwischen. Während es für die meisten in der freien Wirtschaft Beschäftigten nicht die Frage ist, ob sie wollen oder nicht - weil sie einfach müssen - scheint es, in den öffentlichen Verwaltungen und Behörden hält man am herkömmlichen Arbeiten in Büros fest. Die coronageänderte Arbeitsschutzverordnung schreibt zwar vor, dass Arbeitgeber Homeoffice anbieten müssen, wo immer es möglich ist. Grenzen gibt es trotzdem. Und Mitarbeiter müssen das Angebot auch nicht annehmen.

Wie sieht es aber in den Rathäusern und anderen Ämtern aus? Auf den ersten Blick sind viele Verwaltungs-Tätigkeiten gut geeignet fürs Homeoffice. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gibt es aber große Unterschiede, wie die Ämter mit der Homeoffice-Regelung umgehen.

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Stadt Pirna: Hälfte arbeitet zu Hause

In der Pirnaer Stadtverwaltung arbeitet aktuell etwa die Hälfte der rund 200 Mitarbeiter zuhause. Das geschieht im Einvernehmen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sagt Stadtsprecher Thomas Gockel. Und natürlich dort, wo es möglich ist. Dass es sich bei Feuerwehr, Bauhof, Ortspolizeibehörde und Bürgerbüro ausschließe, verstehe sich von selbst. Das ist auch in anderen Rathäusern so.

Schön und mit einem Anteil von 50 Prozent Heimarbeiter weit vorn liegend: Das Pirnaer Rathaus.
Schön und mit einem Anteil von 50 Prozent Heimarbeiter weit vorn liegend: Das Pirnaer Rathaus. © Marko Förster

In Pirna sei niemand bekannt, der die Homeoffice-Regelung grundsätzlich ablehnt. Die Pirnaer Stadtverwaltung setzt schon seit 2018 auf Homeoffice. So lange gibt es eine entsprechende Regelung. Seit dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr werde sie verstärkt genutzt und umgesetzt.

Das Finanzamt: Papier darf nicht mit nach Hause

Das Finanzamt Pirna liegt mit etwa 48 Prozent Homeoffice-Mitarbeiter im Vergleich relativ gut. Eine generelle Pflicht gäbe es Vorsteher Stephan Flecken zufolge aus zwei Hauptgründen nicht: Erstens, weil sich nicht alle Tätigkeiten eignen, zweitens, weil nach wie vor nicht jeder zu Hause die technischen Voraussetzungen hat, zum Beispiel einen Internetanschluss mit ausreichender Bandbreite.

Wirklich abgelehnt werde Homeoffice von den wenigsten Finanzamts-Mitarbeitern. Gelegentlich werde aber auch die Kommunikation mit den Kollegen vor Ort als einfacher empfunden. Manchmal fehlt zu Hause zudem ein ruhiger Arbeitsplatz.

Nicht infrage kommt Homeoffice für die, die sich um Steuererklärungen und Dokumente in Papierform kümmern. Das sind beispielsweise Post- und Scanstelle. Auch wer Papier-Vorgänge bearbeitet, darf diese aus rechtlichen Gründen nicht mit nach Hause nehmen. Persönlich anwesend sind zudem verantwortliche Leiter sowie die IT-Abteilung, die dafür sorgt, dass die Technik funktioniert, die im Amt und die bei denen, die zu Hause arbeiten.

Stadt Neustadt: Erreichbarkeit hat Priorität

Mit 13 Mitarbeitern im Homeoffice, was 28 Prozent entspricht, liegt Neustadts Stadtverwaltung im Mittel. Ein Grund: Angestellte müssen das Angebot Arbeiten von zu Hause aus nicht annehmen. Das sieht die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung so vor. Ihr zufolge hat der Arbeitgeber die Pflicht anzubieten, wenn dem nichts entgegensteht. Eine Dienstvereinbarung dazu gilt in Neustadt seit Mitte 2020. Man habe mit allen Arbeitnehmern geredet und dabei technische, organisatorische und persönliche Voraussetzungen sowie betrieblichen Gründe geklärt und Festlegungen getroffen, sagt Stadtsprecherin Sarina Mann.

Poststelle, Meldeamt und Servicebereich gelten in Neustadt als fürs Homeoffice absolut ungeeignet, weil hier Anwesenheit unbedingt erforderlich ist. "Die Erreichbarkeit der Stadtverwaltung für die Bürger sowohl telefonisch als auch während der regulären Öffnungszeiten hat Priorität." In den anderen Bereichen werden die Voraussetzungen schrittweise ausgebaut, um mehr Homeoffice zu ermöglichen.

Wer hat aktuell die meisten Mitarbeiter im Homeoffice?

  • 1. Platz: Stadt Pirna - rund 50 Prozent
  • 2. Platz: Finanzamt Pirna - 48 Prozent
  • 3. Platz: Stadt Heidenau - unter 50 Prozent
  • 4. Platz: Stadt Neustadt - 28 Prozent
  • 5. Platz: Landratsamt - 23 Prozent
  • 6. Platz: Stadt Sebnitz - 10 bis 15 Prozent
  • 7. Platz: Bad Schandau - 8 Prozent
  • Stadt Dohna - keine Angabe

(Auswahl der gefragten Kommunen und Verwaltungen)

Stadt Dohna: Großes Problem Internet

Dohnas Bürgermeister Ralf Müller (CDU) tut sich schwer, sich auf Prozente festzulegen. Am vergangenen Donnerstag zum Beispiel waren drei der 28 Mitarbeiter im Rathaus krank, einer im Homeoffice, weil Sprechtag war. An Tagen ohne Sprechtag arbeiten weitere drei bis vier Leute zuhause. In jedem der 18 Büros sitzen maximal zwei Personen. Dabei arbeitet niemand mit seiner Vertretung in einem Büro, so dass im Fall von Ausfall die Arbeitsfähigkeit bestehen bleibt.

Die Entscheidung, wer wo arbeitet, ist das Ergebnis des Abwägens zwischen Aufgabe, Wunsch des Mitarbeiters und technischen Möglichkeiten. Manchmal gehen dabei Wunsch und Möglichkeiten auseinander. Dann nämlich, wenn Mitarbeiter in Gegenden wohnen, wo sie keinen stabilen Internetzugang haben, sagt Bürgermeister Müller. "Keiner lehnt Homeoffice ab, aber wenn es Arbeitsaufgabe oder technischer Zugang nicht erlauben, geht es eben nicht."

Selbst die Internetanbindung des Rathauses hat ihre Grenzen. Sie ist über zwei Kanäle organisiert. "Alles in allem Standard von vor zehn Jahren, dessen Änderung seit zwei Jahren versucht wird", sagt Müller. Es werde erst besser, wenn im vierten Quartal 2021 die Internet-Bandbreite größer wird. Dann soll es, angepasst an die Arbeitsaufgaben, auch in Sachen Homeoffice verschiedene Lösungen geben.

Landratsamt: Weitere 100 gehen ins Homeoffice

Im Landratsamt arbeiten aktuell 258 Beschäftigte im Homeoffice. Das entspricht etwa 23 Prozent der Kernverwaltung. In den nächsten Wochen wird weiteren 100 Mitarbeitern Homeoffice ermöglicht. Von Homeoffice sind kein Amt und kein Fachbereich ausgenommen. Überall, wo es die Aufgaben ermöglichen, kann zu Hause gearbeitet werden. Dafür sei viel in die technische Ausstattung der Beschäftigten investiert worden, heißt es. Kurzfristig werden weitere Mitarbeiter mit Notebooks ausgestattet.

Die Tendenz zur Bereitschaft, in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, wachse, schätzt Kreissprecherin Maria Ehlers ein. Die Akzeptanz sei hoch, eine grundsätzliche Ablehnung nicht bekannt.

Fünf Gründe, die für Homeoffice sprechen:

  • 1. Der Arbeitsweg entfällt, was in der Corona-Zeit auch weniger (riskante) Kontakte zur Folge hat.
  • 2. Man kann sich auf seinen Rhythmus und seine Kreativität konzentrieren.
  • 3. Beratungen per Video- oder Telefonkonferenz ufern in der Regel weniger aus.
  • 4. Mehr Platz für die in den Büros Verbliebenen, was gut ist für Abstandsregeln etc.
  • 5. Freieres Telefonieren mit Gesprächspartnern als vor allem in Großraumbüros.

Stadt Sebnitz: Dienstanweisungen verändert

Im Sebnitzer Rathaus nutzen aktuell nur zwischen 10 und 15 Prozent der Mitarbeiter die Option Homeoffice. Die Gründe für die Anwesenheit im Rathaus sind ähnlich wie anderswo: Einwohnermeldeamt, Standesamt, Finanzverwaltung und andere funktionieren nicht ohne Mitarbeiter vor Ort, sagt die Stadt. Nicht zuletzt wegen des Datenschutzes. Eine Homeoffice-Pflicht gibt es auch in Sebnitz nicht, wohl aber das Angebot, sagt Stadtsprecherin Kerstin Nicklisch. Grundsätzlich lehne das niemand ab, im Vergleich zu anderen Kommunen nehmen es aber wenig Mitarbeiter wahr.

Damit es mehr werden können, wurden Dienstanweisungen zum Beispiel zur Mitnahme von Unterlagen aus der Verwaltung angepasst. Darüber hinaus kann jeder Mitarbeiter seine dienstlichen Mails von mobilen Endgeräten abzurufen.

Bad Schandau: Homeoffice kostet viel Geld

Fünf von 25 Arbeitsplätzen in der Schandauer Stadtverwaltung sind Homeoffice geeignet. In der Regel nutzen ein bis zwei Mitarbeiter diese Möglichkeit. Das heißt, maximal acht Prozent aller. Damit hat Schandau einen sehr geringen Anteil.

Die Entscheidung Homeoffice ja oder nein kann in Schandau im Prinzip jeder selbst treffen, sagt Verwaltungskoordinatorin Andrea Wötzel. Abhängig ist die Entscheidung von der Aufgabe und „Papierlastigkeit“ der jeweiligen Stelle. "Insbesondere im Finanzbereich ist Homeoffice noch sehr schlecht möglich. In allen anderen Bereichen ist es punktuell möglich."

Viel Platz, wenig Mitarbeiter im Homeoffice: Das Schandauer Rathaus.
Viel Platz, wenig Mitarbeiter im Homeoffice: Das Schandauer Rathaus. © Oberthuer

Dieses Jahr wird in der Schandauer Stadtverwaltung das Dokumentenmanagement mit einem elektronischen Rechnungslauf eingeführt. Damit werden - für viel Geld - weitere Voraussetzungen geschaffen, um einen sicheren Datenfluss umzusetzen, sagt Andrea Wötzel. "Das ermöglicht weiteren Mitarbeitern das Arbeiten im Homeoffice."

Das Schandauer Rathaus ist räumlich sehr gut ausgestattet, so dass in den Büros, mit wenigen Ausnahmen, nur ein Mitarbeiter sitzt.

Fünf Gründe, die gegen Homeoffice sprechen:

  • 1. Die Arbeitsaufgaben erlauben es nicht.
  • 2. Es mangelt an den technischen Voraussetzungen, an denen, die der Arbeitgeber zur Verfügung stellen muss, und an ordentlichem Internet.
  • 3. Die Bedingungen zu Hause erlauben es nicht. Es fehlt zum Beispiel ein ruhiger Arbeitsplatz.
  • 4. Zu viele Ablenkungsmöglichkeiten.
  • 5. Man verliert die Verbindung zu den Kollegen, die Kommunikation leidet.

Heidenau: Anteil ändert sich täglich

Corona führt zum Umdenken in Sachen Homeoffice und stößt doch auch an Grenzen. Das ist die Heidenauer Erfahrung. Das Rathaus liegt bei unter 50 Prozent Homeoffice, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Marion Franz. Der Anteil ändert sich von Tag zu Tag und Bereich zu Bereich. Während im Bürgerbüro aktuell mehr Termine vergeben werden, weil die Nachfrage nach neuen Pässen groß ist, sind andere Bereiche nicht so publikumswirksam. Trotzdem gehen die nicht automatisch öfter nach Hause arbeiten.

Heidenau setzt auf individuelle Lösungen - wie in anderen Rathäusern müssen Wünsche und Möglichkeiten abgewägt werden.

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