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Kirschau: Ein Luxushotel im Lockdown

Anfang 2020 weihte das Vier-Sterne-Haus Bei Schumann einen Anbau ein. Doch der konnte nur kurz öffnen. Die Betreiber haben trotzdem Grund zur Freude.

Seit fünf Monaten dürfen Juniorchef Frederik Nebrich (l.) und Hotelinhaber Rüdiger Schumann in Kirschau keine Gäste mehr empfangen.
Seit fünf Monaten dürfen Juniorchef Frederik Nebrich (l.) und Hotelinhaber Rüdiger Schumann in Kirschau keine Gäste mehr empfangen. © SZ/Uwe Soeder

Schirgiswalde-Kirschau. Eine Situation, die man im Hotel Bei Schumann in Kirschau normalerweise nicht erlebt, ist die: Im Eingangsbereich ist es kühl und ein bisschen duster; die Rezeption ist nicht besetzt; die roten Samtsofas in der Lobby sind mit weißen Tüchern bedeckt. Wer hinein will, muss klingeln. Durch die Seitentür tragen zwei Mitarbeiter Matratzen nach draußen. All das: Ein Kontrast zur eleganten Herzlichkeit, die Gäste und Besucher hier normalerweise empfängt. Die Szenerie, hervorgerufen durch die Lockdown-Wirklichkeit, wirkt vor diesem Hintergrund befremdlich und ungewohnt.

Frederik Nebrich findet noch härtere Worte: "Grausam", nennt der älteste Spross von Hotelinhaberin Petra Schumann das Verharren im Stillstand. Seit Juli vergangenen Jahres ist er als Junior-Chef im Familienunternehmen tätig; wechselte mitten in der Krise vom Angestelltenverhältnis in die Führungsetage. So erlebte er die beiden Phasen der Zwangsschließung aus gänzlich unterschiedlichen Perspektiven. Den ersten Lockdown zu ertragen, sagt er heute, sei ihm leichter gefallen: "Während der ersten Welle musste ich mich damit abfinden, dass ich eine Zeitlang weniger Geld bekomme. Aber in der zweiten Welle habe ich erst die Tragweite der Situation begriffen. Ich hatte plötzlich Verantwortung", sagt Frederik Nebrich. Und die, fährt er fort, sei keinesfalls nur in blanken Zahlen spürbar geworden.

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Juniorchef: Dunkelheit und Stille sind erdrückend

"Damit, nur Anweisungen zu geben, ist es nicht getan. Man muss die Mitarbeiter motivieren, den eigenen Kopf fit halten, die Azubis auf die Prüfung vorbereiten und so weiter. Wir haben einen Haufen Arbeit, aber nichts zu tun", zählt er auf. Besonders bewusst sei ihm das geworden, als er selbst einige nächtliche Wachschichten in dem Luxus-Haus übernommen habe. In diesen Momenten habe er Dunkelheit und Stille um sich herum besonders erdrückend wahrgenommen. "Mir fehlt das Gefühl, durch die Gänge zu laufen und die Gäste um mich herum glücklich zu wissen", sagt er nachdenklich. Jeder in der Familie habe während des zweiten Lockdowns mindestens einen Tag an Corona-Blues gelitten, fügt er hinzu.

Erst Anfang 2020 wurde der neue Seeflügel offiziell eröffnet. Nur im Sommer war der Anbau, zu dem eine Wellness- und Spa-Landschaft gehört, ausgebucht. Inzwischen ist er, wie das gesamte Hotel, seit fünf Monaten geschlossen.
Erst Anfang 2020 wurde der neue Seeflügel offiziell eröffnet. Nur im Sommer war der Anbau, zu dem eine Wellness- und Spa-Landschaft gehört, ausgebucht. Inzwischen ist er, wie das gesamte Hotel, seit fünf Monaten geschlossen. © SZ/Uwe Soeder

Verwunderlich ist das nicht. Ein Blick zurück: Im Januar letzten Jahres hatte das Ehepaar Schumann den neu erbauten Seeflügel offiziell eröffnet - eine Art Krone auf dem gemeinsamen Lebenswerk. 19 moderne Zimmer sind entstanden, außerdem eine exklusive Wellness- und Spa-Landschaft mit Deutschlands erstem Flying-Pool und einzigartiger Schneesauna. "Wir wollen den Kindern ein gut gehendes Haus hinterlassen", sagte Hotel-Chef Rüdiger Schumann damals. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass er heute von Umsatzeinbußen in Millionenhöhe sprechen würde?

Gäste schicken Durchhalteparolen

"Wir haben eine riesige Investition getätigt, die nicht ans Netz gehen konnte, weil das Netz plötzlich nicht mehr da war", sagt Rüdiger Schumann. Und auch das Zugeständnis der Bundesregierung an Hoteliers, ihre Häuser trotz des fortdauernden Lockdowns wenigstens für Geschäftsreisende offen zu lassen, verfehlte im Falle des Hotels Bei Schumann sein Ziel: "Wir sind ein Wellness- und Gourmet-Hotel", sagt Schumann. "Was sollen wir mit zwei oder vier Gästen am Tag? Wir müssten Heizungen und Lüftungen hochfahren, Personal stellen, Pools hochheizen. So ein großes Haus offenzuhalten, ist unbezahlbar." Die Rechnung, die er aufmacht, ist einfach: Laufende Kosten hier, keinerlei Einnahmen dort. Sein Fazit: "Das Überbrückungsgeld III reicht vorn und hinten nicht. Außerdem ist die Beantragung sehr kompliziert."

Und dann hört er auf, zu tadeln. Weil das niemanden voranbringt. Stattdessen sagt er: "Mitte Mai war das Haus voll. Der Sommer 2020 war so gut wie noch nie." Für Schumanns birgt das eine Gewissheit: Die Gäste wollen wiederkommen; sie buchen - und buchen im Zweifelsfalle mehrmals um. Solange, bis sie kommen dürfen. Viele Stammgäste, sagt er, schickten außerdem Durchhalteparolen - per Mail oder per Kommentar auf den hoteleigenen Social-Media-Kanälen.

Per Telefon, Mail und vor allem über soziale Medien hält die Hoteliers-Familie zu ihren Stammkunden Kontakt. Die ermutigen sie zum Durchhalten.
Per Telefon, Mail und vor allem über soziale Medien hält die Hoteliers-Familie zu ihren Stammkunden Kontakt. Die ermutigen sie zum Durchhalten. © SZ/Uwe Soeder

Auf deren Aufbau und Pflege legt Geschäftsführerin Petra Schumann seit jeher großen Wert. Eine Mühe, die sich jetzt auszahlt. "Wir versuchen, auf diesem Weg, unsere Gäste weiterhin für uns zu begeistern, und die Begeisterung kommt zu uns zurück", hat Rüdiger Schumann beobachtet. Und natürlich, fährt er fort, sei auch das Telefon ständig besetzt. E-Mails würden schnell beantwortet. Das sei das Mindeste, um den Kontakt zu den Kunden zu halten.

Zwangspause wird für Renovierung genutzt

Der Zuspruch ihrer Gäste scheint für die Hoteliers-Familie heilsam zu wirken. Denn trotz der dominanten Krise im Gastgewerbe vermeldet Familie Schumann Erfolge: Der Leerstand werde für Renovierungs- und Grundreinigungsarbeiten genutzt, sagen sie. 99 Prozent der Mitarbeiter hätten dem Unternehmen bislang die Treue gehalten - auch, weil die Hotelinhaber nach eigener Aussage bei finanziellen Notlagen einsprangen. Das schönste Erlebnis im Lockdown aber: "Wir haben mit unserem Restaurant Juwel 17 von 20 Punkten beim Gault Millau geholt und unseren Stern beim Guide Michelin verteidigt. Das hat das Team wahnsinnig aufgebaut", sagt Frederik Nebrich.

Solcher Auftrieb ermuntert die Hoteliers-Familie trotz ungewisser Aussichten zum Optimus. Frühestens zu Pfingsten, nimmt Rüdiger Schumann an, könne das Vier-Sterne-Haus wieder öffnen. Doch ganz gleich, wann das Bei Schumann wieder Gäste empfangen kann, eines steht für den Juniorchef sicher fest: "Mit dem Tag der Eröffnung werden wir ranklotzen. Jeder von uns wird viel, viel arbeiten", kündigt Frederik Nebrich an.

Geschichte des Hotel Bei Schumann

In den 1920er-Jahren wurde der Fremdenhof "Zum Weber" gebaut und eröffnet.

Bis in die 1980er-Jahre hinein hatte der Fremdenhof "Zum Weber" eine wechselhafte Geschichte, wurde als Hotel, Kinderferienheim und Kindergarten genutzt.

1996 kaufte das Ehepaar Petra und Rüdiger Schumann die Anlage, modernisierte sie grundlegend und eröffnete sie 1998 wieder.

Über 70 Mitarbeiter sind in dem Vier-Sterne-Haus heute beschäftigt, das auch vier Restaurants umfasst. Anfang 2020 wurde der neu gebaute Seeflügel mit Deutschlands erstem Flying Pool eröffnet. Seit Juli verstärkt Frederik Nebrich als Junior-Chef die Geschäftsführung.

Küchenchef im Hotel Bei Schumann ist seit August 2020 Robert Hauptvogel. Unter seiner Führung erkochte das Team des Sterne-Restaurants Juwel 17 von 20 Sternen im Gault Millau 2021 und verteidigte erfolgreich den Stern im Guide Michelin.

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