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Die tödlichen Folgen des Welpenwahns

In der Pandemie boomt der Haustiermarkt. Das nutzen Schmuggler aus. Sächsische.de hat zwei Hunde von der Grenze bis ins Tierheim begleitet. Und viel Leid gesehen.

In 16 Jahren als Tierarzt hat Thomas Kießling nie so viele junge und kranke Hunde aus dem Ausland erlebt wie jetzt. Wie die beiden Pudel erlebt er viele: Krank, verwahrlost und verstört.
In 16 Jahren als Tierarzt hat Thomas Kießling nie so viele junge und kranke Hunde aus dem Ausland erlebt wie jetzt. Wie die beiden Pudel erlebt er viele: Krank, verwahrlost und verstört. © Ronald Bonß

Tannen beugen ihre weißen Zweige über Läden, die seit Monaten geschlossen sind. „Die besten Preise an der Grenze“ versprechen rote Banner für Alkohol und Zigaretten. Fast könnte die Schwelle zu Tschechien idyllisch wirken, so verlassen und verschneit. Doch auf der deutschen Seite stört ein Winseln die Corona-Stille. Eine Polizistin trägt eine Box aus einem VW Tourag, ein Mann mit Kurzhaarschnitt und Jogginghose steht breitbeinig davor und diskutiert. Zwei Pudelwelpen hat die Bundespolizei in einer Gitterbox gefunden. Er soll sie geschmuggelt haben.

„Es ist nicht schön, das vorzufinden“, sagt die Polizistin mit Wollmütze und Perlenohrringen. „Ich habe selbst Hunde, leide sehr mit.“ Nie hat die Polizei so viele Schmuggelhunde entdeckt, nie war der Anreiz für Täter so groß wie zu Corona-Zeiten.

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Der Lockdown bedeutet oft ein Leben ohne Highlights, dessen Lücken viele mit Tieren füllen. Besonders beliebt sind Minirassen wie Bichon, Mops, Malteser oder Spitz und Moderassen wie Labrador oder Retriever. Anfragen fluten das Netz, von der Familie aus Waldheim, die einen Spitz für 300 Euro sucht, vom Hofbesitzer aus Bad Düben, der einen Berner Sennen auch „ohne Papiere“ nimmt. Züchter rufen teils doppelte Preise auf oder verhängen Anfragestopps.

Diese Welpen hat die Bundespolizei Anfang März auf einem Parkplatz entlang der BAB17 in Richtung Dresden entdeckt. Oft tragen die Welpen Traumata von dem Transport in dunklen, nassen Kisten davon.
Diese Welpen hat die Bundespolizei Anfang März auf einem Parkplatz entlang der BAB17 in Richtung Dresden entdeckt. Oft tragen die Welpen Traumata von dem Transport in dunklen, nassen Kisten davon. © Polizei

Schmuggler reiten die Welle mit, bieten auf Verkaufsportalen oder Facebook Welpen an, verlangen oft weniger als Züchter, stoßen auf willige Kundinnen und Kunden. Auf Ebay Kleinanzeigen erscheinen zwischen regulären Angeboten Werbebanner von mutmaßlichen Betrügern, die auf Webseiten ohne Impressum Labradorwelpen für 800 Euro versprechen, gesendet per Kurier nach vorheriger Bezahlung. Das Geld soll auf das Konto einer Smartphonebank fließen, die nicht nur Kontoführungsgebühren digital gut zu tarnen weiß. Ebay Kleinanzeigen beteuert, „keinen unmittelbaren Einfluss“ auf Werbeanzeigen auszuüben, sich regelmäßig auszutauschen, um unseriöse Anzeigen zu meiden.

Die Bundespolizei, zu deren Hauptaufgaben die Überwachung der Grenzen gehört, registriert immer mehr Fälle. Früher hat die Inspektion Berggießhübel nahe der tschechischen Grenze 25 bis 30 Schmuggelwelpen im Jahr verzeichnet. 2020 waren es 49. Dieses Jahr kamen schon 78 zusammen. Die Dunkelziffer dürfte viel größer sein. Ein weit verbreitetes Phänomen. Erst kürzlich kamen 101 Schmuggelwelpen in ein Nürnberger Tierheim, bei Freilassing greift die Polizei häufig auch Katzen auf.

Dem Schmuggler gefallen NPD, Austern und Thai-Frauen

Der Mann mit den Pudeln, der bei Bahratal über die Grenze kam, behauptet, dass er aus Ungarn zu einem Züchter in der Schweiz fahren wolle. „Da haben sofort die Alarmglocken geschellt“, sagt die Polizistin, die ihn kontrolliert hat. 500 Kilometer Umweg über Bahratal. Geschwister-Hunde, die für die Zucht ungeeignet sind. Der Polizei ist der Mann in der Vergangenheit auch neben Welpenschmuggel schon mehrfach aufgefallen. Die Wut, die Eile, die Drohgebärden – tatsächlich war er wohl auf dem Weg zu Käufern. Den Übergang bei Bahratal hat er offenbar gewählt, um die Großkontrolle auf der A17 zu umgehen.

Die Bundespolizistin, die den Fahrer kontrolliert hat, ist selbst Hundebesitzerin: „Ich leide sehr mit.“
Die Bundespolizistin, die den Fahrer kontrolliert hat, ist selbst Hundebesitzerin: „Ich leide sehr mit.“ © Franziska Klemenz

Die Suche nach der Pudel-Rasse, die er bei sich hat, führt zu den Social Media Kanälen des Mannes und seiner Zucht. Vor allem Pitbulls vertreibt der Enddreißiger, der nach Eigenangaben vom Bodensee stammt und in Ungarn lebt. Mit Austern, Zigarren, Frauen oder an Flughäfen wie in Abu Dhabi zeigt er sich öffentlich gern. In den vergangenen drei Monaten will er unter anderem im Dresdner Hotel Suitess, in Mexiko, Moskau und Serbien abgestiegen sein.

Auf seinem Arm prangt ein großflächiges Tattoo der unter Nazis beliebten schwarzen Sonne, ein Symbol aus übereinandergelegten Hakenkreuzen. Sympathien hegt er seinem Facebook-Profil zufolge für die NPD, Putin, den kriminellen Rockerclan United Tribuns oder „Thai Singles“, eine Datingplattform für „westliche Männer“ auf der Suche nach Frauen in Thailand.

2.500 Euro Profit für einen Welpen ohne Impfung

Die zwei Pudel, klein wie Eichhörnchen, starren aus glasigen Augen durchs Gitter. Wo der eine aufhört und der andere beginnt, lässt sich kaum sagen, so eng kauern sie aneinander. Ihre Krallen schwimmen in Küchenpapier, das aufgeschwemmt ist von Urin und Kot. Auf ihren Zungen hat sich ein weißer Belag gebildet, weil sie so lange nichts getrunken haben. 2.500 Euro verlangt der Mann online pro Hund, verspricht, dass „ein sicherer und stressfreier Transport (...) nach aktuellen EU Tierschutzbestimmungen“ gewährleistet sei.

Diese zehn Welpen hat die Bundespolizei Anfang März auf der BAB 17 von Prag in Richtung Dresden ungesichert im Kofferraum gefunden. Die vorgeschriebenen Impfausweise hatten sie nicht dabei.
Diese zehn Welpen hat die Bundespolizei Anfang März auf der BAB 17 von Prag in Richtung Dresden ungesichert im Kofferraum gefunden. Die vorgeschriebenen Impfausweise hatten sie nicht dabei. © Polizei

Bei Abgabe seien „unsere Babys komplett geimpft, mehrfach entwurmt und bekommen einen Stammbaum“. Das Veterinäramt, das entscheidet, ob die Reise mit oder ohne Pudel weitergeht, stellt etwas anderes fest. Eine Mitarbeiterin stülpt Handschuhe über, liest die Chips aus, prüft die EU-Heimtierpässe: keine Tollwutimpfung. „Die müssen wir mitnehmen“, lautet ihr Urteil. Die Polizei filzt den Mann, das Auto. „Es kommt nicht selten vor, dass bei solchen Fällen nebenbei noch ein paar Drogen oder Waffen an Bord sind“, sagt Inspektionssprecher Martin Ebermann. Diesmal rollen nur Bierdosen durch den Kofferraum.

Die untere Körperhälfte in Plastiktüten eingewickelt

Aus dem Mannschaftswagen der Polizei heult und fleht es. Die Polizistin hat die Welpen ins Warme gebracht und ihnen Wasser gegeben, sie hocken zitternd in der Ecke. Für die anschließende Versorgung zahlt das Veterinäramt pro Welpe 1.000 bis 3.000 Euro, heißt es vom Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, in dessen Zuständigkeit die Pudel fallen. Kein anderer Kreis in Sachsen ist den Zahlen nach so betroffen. 2019 hatte er 48 Welpen zu versorgen, vergangenes Jahr 72, 2021 waren es in den ersten drei Monaten 94. „Zurzeit ist es Alltag für uns“, sagt die Mitarbeiterin vor Ort. „Man ist nur noch am Kopfschütteln. Am erschütterndsten ist, dass die Täter überhaupt nicht einsichtig sind.“

Im Gegenteil: Die Bundespolizei beobachtet, dass sie immer einfallsreicher werden. Hunde fahren in Bananenkisten mit, eingekesselt von Gepäck, Geröll und Decken in der Dunkelheit. Sie stecken in Wärmebehältern, sind auf dem Schoß von Beifahrerinnen in Jacken gewickelt oder tragen ab der unteren Körperhälfte Plastiktüten, damit sie nur sich selbst beschmutzen.

Fieber, ein Röcheln in der Lunge und keine Lust auf Essen: Vor allem dem Pudelmädchen ging es sehr schlecht.
Fieber, ein Röcheln in der Lunge und keine Lust auf Essen: Vor allem dem Pudelmädchen ging es sehr schlecht. © Ronald Bonß

Die mit Abstand meisten Schmuggler kommen aus Rumänien und Bulgarien, führen die verpflichtenden Papiere oft in Blankoform mit, tragen Besitzer später ein. Die Hunde stammen oft aus Massenfabriken, in denen einer umgerechnet 10, meist 30 bis 50 Euro kostet. In Deutschland bringen sie mindestens 800, bei aktueller Nachfrage bis zu 4.000 Euro. „Für einen bulgarischen Bauarbeiter, der unter der Woche hier arbeitet, ist es ein gutes Zubrot für sich und seine Familie, ein paar Hunde mitzunehmen“, sagt Bundespolizist Ebermann.

In Massenfabriken zum Paaren gezwungen

Die Schattenseite des schnellen Geldes beginnt mit der traumatischen Existenz, die Welpeneltern ihr Leben lang fristen. Mütterhündinnen würden „oft über Jahre hinweg als Gebärmaschinen missbraucht, den Rüden werden Hormone gespritzt, damit sie immer wieder decken können“, kritisiert der Deutsche Tierschutzbund. Die Hunde vegetierten ohne Tageslicht, Kontakt zu anderen Tieren, Umwelteindrücke oder menschliche Zuneigung auf Beton vor sich hin, lernen nie Wiesen oder Wälder kennen.

Nach Schönheit und nicht nach Gesundheit würden sie ausgewählt, so lange ausgebeutet, bis sie nicht mehr können. Mit Gewalt, Tritten, Stromschlägen würden Rüden zum Decken gezwungen. Während seriöse Züchtungen Hündinnen höchstens einmal im Jahr decken lassen, ihr Pausen und Zeit mit ihren Jungen gönnen, müssen diese Mütter einen Wurf nach dem nächsten gebären, auf dem Beton, ehe die Jungen viel zu früh entrissen werden.

Eigentlich sind Pudel neugierige Tiere, die in diesem Alter schon spielen würden. Diese Geschwister spielen nicht.
Eigentlich sind Pudel neugierige Tiere, die in diesem Alter schon spielen würden. Diese Geschwister spielen nicht. © Franziska Klemenz

Martin Ebermann blättert durch Fotos von Hunden, die seine Kollegen dieses Jahr gegriffen haben. Im Fußraum von Autos wuseln teils ganze Rudel in ihren Exkrementen herum. Sie wurden auf der Autobahn und an kleineren Grenzübergängen gefunden, „es gab auch schon eine Schleusung über die grüne Grenze.“ Zwei Männer mit zwei Hunden, die angeblich von Dresden nach Oelsen gefahren sind, um Gassi zu gehen. „Es war ein sehr regnerischer Tag, trotzdem waren die Hunde reinweiß, die Schuhe der Männer auffallend sauber.“ Jemand rief die Polizei. Die Hunde waren nur einen Monat alt, weder gechipt noch geimpft. „Über Bürgerhinweise sind wir immer sehr dankbar“, sagt Ebermann.

Die Polizei hat keine Möglichkeit, die Hunde unterzubringen, höchstens nach nächtlichen Funden für ein paar Stunden. „Der ein oder andere Kollege hat dann auch Mitleid und teilt sein Brot mit dem Hund.“

Mit drei Wochen auf ewig von der Mutter getrennt

Wohin das Amt die Tiere bringt, hängt von ihrem Zustand ab. Den schwarzen Pudeln geht es schlecht. Tierarzt Thomas Kießling, der eine Praxis in Bannewitz betreibt, kümmert sich noch Tage nach dem Aufgriff um sie, vor allem um das Weibchen. „Sie hat geröchelt, hatte Fieber, hörte am zweiten Tag auf zu essen“, sagt der 44-Jährige. Er zieht sich einen Plastik-Kittel über. Weil Impfungen fehlen, müssen die Hunde drei Monate in Quarantäne. Eine Assistentin hebt die Welpen mit dem schwarzen Kräuselhaar auf den Behandlungstisch, sie blicken kulleräugig, quetschen sich aneinander.

„Auch wenn es ihm stets besser ging, haben wir entschieden, sie zusammen zu lassen, damit sie wenigstens einander haben.“ Tagelang musste die Hündin Infusionen bekommen, um nicht zu sterben. Eine kahle Stelle an ihrer Pfote erinnert daran. Das Thermometer piepst, Kießling murmelt: „38,5 – beide okay.“ So viele junge, kranke Hunde wie jetzt habe er in seinen 16 Jahren als Tierarzt nie gesehen.

Frühestens ab acht Wochen sollte ein Hund von der Mutter getrennt werden. Anhand der Zähne bestimmt Kießling das Alter. Er hebt die Hündin, biegt ihr Mäulchen auf, sie schüttelt widerwillig ihren Kopf. Ihr Bruder steht wackelig daneben, wie auf Stelzen. Die Pudel sind etwa zehn Wochen alt. Die meisten Welpen, die Kießling untersucht, sind zu jung für den Transport. „Manche sind ganz ohne Zähne. In dem Alter trinkt ein Welpe alle drei Stunden von der Mutter. Den Rhythmus kriegen die auf der Fahrt nicht hin.“

In einer Gitterbox hat die Polizei diese zehn Welpen mitten in der Nacht gefunden. Nur für die Hälfte gab es Impfausweise. Sie waren vermutlich noch viel zu jung, um von der Mutter getrennt zu werden.
In einer Gitterbox hat die Polizei diese zehn Welpen mitten in der Nacht gefunden. Nur für die Hälfte gab es Impfausweise. Sie waren vermutlich noch viel zu jung, um von der Mutter getrennt zu werden. © Polizei

Zähne werden frühestens in der vierten Woche sichtbar. „Da müssten sie wirklich noch bei der Mutter sein.“ Eine Mutter geht beim Spiel der Welpen dazwischen, „gibt ihnen auch mal ein paar auf die Pfötchen“, sorge für Recht und Ordnung. „Welpen, die zu früh allein sind, spielen brutaler, mobben die Kleinsten und Zartesten im Wurf. Soziale Prägung ist das Stichwort. Man kann wie beim Menschen von einer Bindungsstörung sprechen.“

Viele Schmuggelwelpen leiden an Parvovirose, weil sie umgeimpft sind: Fieber, unstillbarer Durchfall, starkes Erbrechen. Ohne Infusion sterben rund 70 Prozent an dem Virusinfekt. Viele Welpen hätten schon Flöhe und Bandwürmer, ein Zeichen von Verwahrlosung. Beim Transport ist es laut, dunkel, es schüttelt im Kofferraum. Viele seien nass, dürr, angeschlagen.

Die Pudel sind halbwegs stabil, dürfen ins Tierheim. Kießling lehnt sich gegen einen Schubladenschrank. „Genau jetzt bräuchten sie statt Quarantäne Leute, auf die sie sich beziehen können“, sagt er. Bei Hunden sei es wie bei Lebensmitteln: „Man sollte auf regional und auf Qualität setzen“ – nicht nur auf Optik und Preis, sollte die Hunde vorher ansehen. „Es liegt an den Abnehmern, den Schmuggel zu beenden.“ Kießling marschiert aus der Praxis, lädt die Pudel in den Kofferraum. Namen haben sie nicht. Das sei bezeichnend, sagt er: „Es sind so viele, dass sie nur noch Gruppen sind: Die Ungarn, die Zehnlinge, die Püppies.“ Größere Gruppen markiere er mit Stiften, die eigentlich für Kühe gedacht sind.

In dieser Box hat die Bundespolizei die Pudelgeschwister gefunden, mit aufgeweichtem Küchenpapier unter den Pfoten.
In dieser Box hat die Bundespolizei die Pudelgeschwister gefunden, mit aufgeweichtem Küchenpapier unter den Pfoten. © Franziska Klemenz

Die Hinterwand des Zwingers ist den zwei Pudeln auch im Tierheim der liebste Ort. Rund zwei Wochen ist es her, dass sie die Rückbank des SUV verlassen haben, als die Vorsitzende eines Tierschutzvereins sagt: „So wie sie zu uns kamen, das war schlimm. Jetzt werden sie ganz viel gepäppelt, entwickeln langsam Vertrauen.“ Der Verein betreibt ein Tierheim nahe der A17, dessen Standort zur Sicherheit geheim bleibt. Immer wieder tauchen Schmuggler auf, fordern aggressiv die Hunde zurück.

Die Pastellfarbe der Quarantänestation ist noch ein einheitlicher Block ohne Verfärbungen, erst kürzlich hat das Tierheim die meisten Räume zu Quarantäne-Zwingern umgebaut, weil es so viele Schmuggelwelpen gibt. „Wir haben uns den Kampf um die kleinen Seelchen auf die Fahne geschrieben“, sagt die Vorsitzende. Pfoten und Hundegesichter zieren ihre taubenblaue Maske, darüber ragen schwarz geschminkte Augen hervor. „Momentan haben wir alle keine Nerven mehr“, sagt sie. „Seit Jahren hat es bei uns nicht so viele Tränen gegeben wie jetzt. Man kann das alles nicht mehr hier lassen, sondern nimmt es mit nach Hause.“ Drei Labradore blicken mit gesenkten Köpfen zu Boden, die Rücken gekrümmt, die Pfoten zu groß für ihre Körper. Ein paar Plätze weiter haben asphaltgraue Hunde mit gequetschten Schnauzen und geschnittenen Ohren ihren Zwinger in eine Decken-Landschaft verwandelt.

Mindestens 60 Prozent „zum Tode verurteilt“

Drei Zwergspitze, deren glänzende Augen aus einer sandfarbenen Flausch-Mähne hervorblinzeln, tippeln mit wedelnden Schwänzen am Gatter entlang. In einigen Kabinen verraten nur verstreute Futterstücke und Kot, dass sie bewohnt sind. Nach Einschätzung der Vorsitzenden sind mindestens 60 Prozent „zum Tode verurteilt“, wenn sie den Fahrern nicht genommen werden. Ein Rudel Malteser bleibe besonders im Kopf. 14 Hunde, die vergangenes Jahr geborgen wurden. „Wir haben um alle gekämpft, aber haben nur vier durchbekommen“, sagt die Vereinsvorsitzende, wischt eine Träne beiseite. Alle hatten sich mit Parvovirose infiziert. „Du stehst daneben und kannst nichts tun. Da ist bei uns nicht nur Halbmast. Es ist gar kein Mast mehr da.“

Die Vorsitzende und die Heimleiterin führen vorbei an Vogelkäfigen in ein Hinterzimmer, in dem sich leere Boxen stapeln. Auf dem Pullover der Heimleiterin glitzert ein Paillettenherz mit Leopardenmuster. Ihre Augen wandern rastlos zwischen Gespräch und Flur umher, aus dem es piepst und krächzt. Für jeden Quarantäne-Zwinger müssen Mitarbeiter Kleidung und Werkzeug wechseln, um keine Viren zu verschleppen. „Ein wahnsinniger Zeitaufwand, bei vielen müssen wir auch noch Mutti-Ersatz spielen“, sagt die Leiterin. Nebenbei brauchen die Bestandshunde weiterhin Aufmerksamkeit, damit sie „vermittelbarer“ werden, wollen spazieren, spielen, fressen, saubere Zwinger.

Anhand des Gebisses lässt sich feststellen, wie alt ein Hund ist. Häufig machen Schmuggler sie in den Papieren älter.
Anhand des Gebisses lässt sich feststellen, wie alt ein Hund ist. Häufig machen Schmuggler sie in den Papieren älter. © Ronald Bonß

Auch dieses Jahr sind zwei Schmuggelwelpen gestorben. „Um wesentlich mehr haben wir gekämpft und gewonnen, aber das geht locker bis nachts halb drei, weil du in der Klinik sitzt, zwangsfüttern musst.“ Neben den erlaubten zehn Arbeitsstunden verbringen viele auch ihre Freizeit im Heim. Mit dem Amt hat man sich auf 13,50 Euro am Tag pro Hund geeinigt. „Wir zahlen drauf, aber der Landkreis hat auch nur begrenzte Mittel.“ Geldspenden würden fehlen. Ehrenamtliche Hilfe sei nett gemeint, „aber grade überhaupt nicht hilfreich“, wegen des Corona-Risikos.

Dass so viele Leute Hunde holen, sei beängstigend. „Die sind jetzt Zuhause, haben Zeit. Wenn Corona vorbei ist, gehen die wieder arbeiten. Davor graut jedem Tierschutzverein.“ Auch vergangenes Jahr habe es eine Welle ins Heim gegeben. „Die waren alle versaut. Die Leute haben nicht geübt, dass sie auch mal allein bleiben müssen. Wenn du immer da bist und plötzlich gehst du arbeiten, weint er eben oder dekoriert die Wohnung um.“ Auch jetzt riefen viele an, fragten nach Welpen, forderten oft spezielle Rassen, gute Erziehung. Während Hunde aus heiler Herkunft mit 16 Wochen stubenrein sind, müssen Schmuggelwelpen das nach der Quarantäne lernen.

Steht den Pudeln ein glückliches Ende bevor?

Rund einer von zehn Welpen kommt doch zum Fahrer zurück, wenn gewerblicher Handel nicht nachweisbar ist, er die Kosten beim Amt begleicht. Im schlimmsten Fall hat das Tierheim Hunde aufgerichtet für einen Mann, der sie vorher in Lebensgefahr gebracht hat. „Der Kerl fragt dann noch arrogant: Wie sehen die denn aus? Die kommen hier gespritzt, gedoped an, dann fallen sie zusammen, wir päppeln die wieder hoch, und die Typen stehen hier“, sagt die Leiterin, hebt die Stimme. „Was ich schon Tränen in den Augen hatte. Da könnte man straffällig werden. Ich muss dann gehen, weil ich’s nicht ertrage.“

Der abschreckende Effekt ist für Täter gering. Solange ihnen die Verkaufsabsicht nicht nachgewiesen wird, begehen sie nicht die Straftat Betrug, sondern eine Ordnungswidrigkeit, weil sie Hunde zu jung oder ungeimpft über die Grenze brachten. Dass die Verfahren meist mit milden Strafen enden, sei „mehr als frustrierend“, sagt die Vorsitzende. Auch jetzt liegen Hunde im Heim, die sterben könnten. „Es ist ähnlich wie mit Corona: Wenn die so klein sind und einen schweren Verlauf haben, haben sie eine ganze Weile damit zu kämpfen.“

Die beiden Welpen der Rasse Akita Inu hat die Polizei im Februar gefunden. Sie wurden angeblich in Ungarn gekauft.
Die beiden Welpen der Rasse Akita Inu hat die Polizei im Februar gefunden. Sie wurden angeblich in Ungarn gekauft. © Polizei

Verzweiflung und Leid, manchmal verfliegen sie doch. „Wenn wir die Welpen vermitteln dürfen, die neuen Besitzer zu Besuch kommen, die Hunde uns erkennen und sich wie Bolle freuen, das ist das Non-plus-ultra. Dafür hat es sich alles gelohnt.“

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Wie das Leben der Pudel aussehen wird, kann niemand sagen. Ob der Fahrer sie zurückbekommt und wann die Entscheidung fällt, beantwortet das Landratsamt nicht. Auch wenn drei Wochen nach der Grenzkontrolle noch ungewiss ist, ob sie ein glückliches Ende erwartet: Für das Heim sind die Pudel längst keine Nummern mehr. Sie heißen jetzt Rudi und Rosemarie.

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