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Hype um Asthmaspray: Hilft es gegen Corona?

Mit Asthmaspray könnten Corona-Infektionen weniger schwer verlaufen, verspricht eine britische Studie. Seitdem werden die Medikamente knapp.

Können Asthmamedikamente die Aufnahme von Coronaviren über den Mund verringern?
Können Asthmamedikamente die Aufnahme von Coronaviren über den Mund verringern? © dpa

Asthmakranke gehören nicht mehr zur Corona-Risikogruppe, denn sie erkranken meist weniger schwer an dieser Infektion. Auch Corona-Tote gebe es unter Asthmatikern weniger, erklärt Professor Marek Lommatzsch, Lungenfacharzt der Uniklinik Rostock, auf einer Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Die Patienten verfügten sogar über einen gewissen Schutz vor schweren Coronaverläufen. Dieses Phänomen beobachteten Ärzte bereits seit einem Jahr, wie Lommatzsch sagt. Das habe das Interesse der Forschung geweckt.

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Die Wissenschaft ging davon aus, dass es die Asthmamedikamente seien, insbesondere Sprays mit dem Wirkstoff Budesonid, die die Aufnahme von Coronaviren über die Mund- und Rachenschleimhaut verringern könnten. Für Aufsehen sorgte deshalb die Veröffentlichung einer britische Studie im Februar dieses Jahres, die diesen Zusammenhang belegte. So verkürzte sich bei frisch mit Corona Infizierten die Symptomdauer um einen Tag. Auch die Häufigkeit der Arztbesuche nahm ab, sofern eine hohe Dosis des Budesonid-Sprays zweimal täglich eingenommen wurde. Doch die Studie ist umstritten, denn sie habe erhebliche Mängel, informiert der Pneumologenverband.

Asthmaspray "wird gehamstert"

Die Fachgesellschaft kritisiert aber vor allem, dass die Ergebnisse sofort der Öffentlichkeit präsentiert wurden, ohne genau überprüft worden zu sein, sagt Professor Michael Pfeifer, Präsident der Pneumologengesellschaft. „Seitdem wird Budesonid gehamstert. Asthma-Patienten haben Probleme, ihre dringend benötigten Medikamente zu bekommen.“ Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vermeldet bereits einen Lieferengpass, der voraussichtlich noch bis Dezember 2021 anhält.

„Für die Studie wurden die Probanden mit der höchsten Dosis des Asthma-Sprays behandelt, einer Menge, die sonst nur schwer Asthmaerkrankten gegeben wird“, sagt Marek Lommatzsch. Das habe Nebenwirkungen wie Pilzinfektionen im Mund-Rachenraum, Husten, Heiserkeit und Nasenbluten. Aus Sicht der Lungenfachärzte sei die Studie nicht geeignet, um daraus Therapieempfehlungen abzuleiten. „Zum einen war die Teilnehmerzahl viel zu gering: Gerade 146 Probanden, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden, nahmen daran teil“, kritisiert Lommatzsch.

Zum anderen sei die Studie nicht verblindet gewesen, wie es in der Fachsprache heißt. Gemeint ist, dass sowohl Ärzte als auch Probanden wussten, wer das Medikament bekommt. „Wenn ich einem Patienten sage, er bekommt von mir jetzt ein Mittel, das ihm bestimmt gut helfen wird, dann hilft es auch. Das ist der Placeboeffekt.“ Die Ergebnisse in der Medikamentengruppe überraschten also nicht.

Zudem seien in dieser Gruppe 60 Prozent Asthmatiker gewesen, sagt Professor Marco Idzko, Pulmologe an der Uniklinik Wien. „Sie waren damit einfach besser eingestellt und hatten weniger Beschwerden. Das hatte aber nichts mit ihrer Coronainfektion zu tun.“ In Österreich sei das Medikament nach der Studie häufig gegen Corona verordnet worden, obwohl es dafür gar nicht zugelassen ist. Der Engpass an Asthmaspray ist in der Alpenrepublik nun besonders hoch.

In Österreich wurde das Asthmamedikament schon häufig gegen Corona verordnet.
In Österreich wurde das Asthmamedikament schon häufig gegen Corona verordnet. © dpa

Bundesweiter Engpass lässt Trend erahnen

In Sachsen ist das noch nicht der Fall, sagt Göran Donner, Vizepräsident der Sächsischen Landesapothekerkammer. „Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dass unsere Hausärzte ein Medikament verordnen, das für Corona gar nicht zugelassen ist.“ Doch der bundesweite Engpass lasse den Trend schon erahnen.

Ob Budesonid wirklich positive Wirkungen gegen Covid 19 habe, müssten größere und vor allem verblindete Studien mit unterschiedlichen Wirkstoffkonzentrationen nachweisen. Hersteller, wie der namhafte Impfstoffproduzent Astra Zeneca, hätten solche bereits in Auftrag gegeben, so Marco Idzko.

Denn an der Theorie sei durchaus etwas dran, wie Lommatzsch sagt. So führe Asthma und möglicherweise auch eine Allergie dazu, dass der Rezeptor in der Rachenschleimhaut, der für die Aufnahme der Viren verantwortlich ist, weniger stark ausgebildet ist. Viren könnten damit nicht so tief in die Atemwege eindringen. „Also nicht nur das Medikament, auch die Krankheit selbst hat möglicherweise eine Schutzwirkung vor schweren Coronaverläufen.“

Cortison-Präparate zur Corona-Behandlung

Cortisonhaltige Präparate, zu denen auch Budesonid gehört, finden in der Corona-Behandlung bereits Anwendung, sagt Dr. Timo Wolf vom Arbeitskreis für Krankheiten durch hochpathogene Erreger am Robert-Koch-Institut. So werde Dexamethason bei schwer Erkrankten zur Linderung der Entzündungen eingesetzt. Hinzu kämen Antibiotika, um bakterielle Infektionen zu verhindern. Da Coronainfektionen auch zur Verklumpung des Blutes geführt haben, erhielten Patienten zusätzlich Blutverdünner. Das sei neben der Sauerstoffgabe bereits Standard.

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Risikopatienten mit schweren Stoffwechsel oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekämen auch Antikörper gegen die Coronaviren. Diese Antikörper seien bundesweit gut verfügbar, würden aber noch viel zu selten eingesetzt. Weltweit seien rund 300 verschiedene Wirkstoffe gegen Corona in der Erforschung. „Doch keines konnte bisher überzeugen“, so Wolf. Deshalb hofften alle auf den großen Durchbruch. Vielleicht können Asthma-Medikamente ein solcher sein.

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