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Ich Mensch, du Tier!

Die Pandemie zeigt es: Wir sind eng mit dem Schicksal der Tierwelt verbunden. Zeit zum Umdenken, fordert die Theologin Julia Enxing.

Sind Mensch und Tier so unterschiedlich? Eine Frage, die Julia Enxing interessiert, hier mit ihrer Hündin Lucy.
Sind Mensch und Tier so unterschiedlich? Eine Frage, die Julia Enxing interessiert, hier mit ihrer Hündin Lucy. © Amac Garbe

Professorin Enxing, in der Bibel steht: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ Das mit der Unterwerfung hat der Mensch ja gut hingekriegt, oder?

Ein befreundeter Theologe sagt immer, das ist das einzige Gebot, das wir wirklich erfüllt haben. Natürlich werde ich als katholische Theologin oft mit dieser Bibelstelle konfrontiert. In den vergangenen 20 Jahren wird sie immer kritischer gesehen. Einige interpretieren sie so, dass der Mensch die Verantwortung für das gemeinsame Haus Erde hat. Wir sollen also aufeinander achtgeben. Viele sagen aber auch einfach: Strapaziert diesen einen Vers nicht zu sehr. Er bringt uns nicht weiter.

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Also wird die Schöpfungsgeschichte auch missverstanden?

Interessant ist, dass sie Raum für Interpretationen lässt. Ein Beispiel: Da steht auch, dass alle anderen Lebewesen den Auftrag zum Vermehren vor dem Menschen bekamen. Heute leben wir allerdings so, dass immer mehr Arten aussterben. Außerdem regulieren wir die Fruchtbarkeit vieler Tiere, weil wir entscheiden, welche von ihnen wir gern essen wollen und welche nicht. Wir sagen also, was gutes Leben ist und was nicht. Mich interessiert in meiner Forschung die Frage: Warum hält sich der Mensch für etwas Besonderes und entscheidet über anderes Leben?

Haben Sie darauf schon eine Antwort gefunden?

Ich bin noch dabei. Was ich sehe: Uns Menschen ist es wichtig, dass wir Privilegien haben, die andere nicht haben. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist, steht aber gar nicht in der Bibel. Diese Sicht passt auch auf die aktuelle Dresdner Zoo-Debatte. Warum meinen wir, dass wir das Recht haben, Tiere einzusperren? Sind sie wirklich so anders als wir? Tiere sind sprachfähig. Sie sorgen sich um andere – das hat die Wissenschaft bewiesen. Warum können wir nicht die Gemeinsamkeiten betonen? Uns eint das Recht auf Leben. Wir sollten andere Lebewesen deshalb nicht abwerten. Das produziert nur unnötiges Leid.

Das Thema Zoo scheint problematisch für Sie zu sein?

Ich erlaube mir hier kein Urteil über die Motive, warum Menschen den Zoo besuchen. Ich kann verstehen, dass der Zoo Kinder fasziniert. Aber warum plant die Stadt Dresden, 17 Millionen Euro für ein neues Affenhaus auszugeben? Das Geld sollte besser darin investiert werden, die Affen des Dresdner Zoos an einen Ort zu bringen, der ihrer Würde gerechter wird – und dies ist kein Zoo. Begründet werden Zoos gern damit, dass man Forschung betreiben will, dass man die Tiere besser schützen kann, wenn wir sie kennen. Das ist absurd. Das Argument, dass wir im Zoo Tiere sehen, die wir sonst nie sehen könnten, lasse ich auch nicht gelten. Beim Menschen sind wir hier zum Glück schon weitergekommen: Heutzutage würde keiner mehr auf die Idee kommen, Menschen aus Papua-Neuguinea in Käfigen zu präsentieren, damit wir mal jemanden von dort sehen.

Sie hatten ursprünglich begonnen, Tiermedizin zu studieren. Später entschieden Sie sich für Katholische Theologie. Beschäftigen Sie sich deshalb besonders mit dieser Thematik?

Ja, das ist sicherlich ein Grund dafür. Mich interessiert unser Verhältnis zur Umwelt, zur Natur – also auch zu den Tieren. Ich bin froh, dass auch Papst Franziskus das Thema Ökologie auf die Agenda gesetzt hat. Das ist absolut richtig. Wir müssen dringend darüber nachdenken, wie wir mit dieser Erde und mit anderen Lebewesen besser umgehen und wie wir das gemeinsam schaffen.

Fragen, die gerade in der Corona-Krise immer wieder gestellt werden. Was zeigt uns die Pandemie?

Sie macht uns deutlich: So autark, wie wir glauben, sind wir nicht. Wir haben das Leben nicht so sehr im Griff, wie wir hofften. Wir sind nicht isoliert von unserer Umwelt. Solch ein kleines Virus schafft es, unsere Grundfesten zu erschüttern. Wir müssen uns fragen: Wer ist verantwortlich für ein gutes Zusammenleben von Menschen und Tieren? Das sind wir alle, denn wir teilen uns einen Lebensraum mit den Tieren.

Das ist ein Knackpunkt. Der Lebensraum für Tiere wird kleiner – die Wälder sind weg, da stehen jetzt Städte. Das lässt sich nicht einfach rückgängig machen, oder?

Auf jeden Fall ist das eine der schwierigsten Fragen für unsere Gesellschaft, die auch nicht nur eine Disziplin allein lösen kann. Wir leben im Überfluss, doch wir erkennen langsam, dass es eben nicht nur unsere Erde ist. Mancher will das nicht wahrhaben, aber wir alle ahnen, dass etwas schiefläuft. An vielen Orten hat auch die Zeit des Lockdowns gezeigt, wie schnell sich nicht menschliches Leben wieder seinen Lebensraum zurückerobert, wenn wir es nicht permanent an den Rand drängen. Vieles lässt sich nicht rückgängig machen, aber wir können aufhören, so weiterzumachen. Ich habe die Hoffnung, dass das gelingt. Gerade bei der Städteplanung gibt es aktuell Ansätze, die das berücksichtigen. Wir sollten überlegen, wie wir nicht nur uns gut behandeln, sondern auch andere.

Ein hehrer Ansatz. Aber wer soll da mitmachen?

Ich habe das Gefühl, dass diese Debatte schon geführt wird. Die meisten Menschen wollen nicht ausbeuterisch sein, und sie wollen keine Tiere quälen. Warum ist das Fleisch im Supermarkt sauber abgepackt? Weil wir eben nicht sehen wollen, wo es herkommt. Kinder essen keinen Fisch mit Augen, aber Fischstäbchen. Das ist doch schon der erste Hinweis darauf, dass wir das Leben schützen und achten möchten. Aber natürlich hat das mit viel Bequemlichkeit und Gewohnheit zu tun. Davon müssten wir uns lösen, das ist ein Kraftakt. Ganz klar.

Haben wir die Chance, noch etwas zu verändern?

Das Zeitalter, in dem wir leben, ist nach uns benannt: das Anthropozän. Lange Zeit trug es das Etikett Fortschritt. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir merken, dass nicht alles gut ist und dass vieles nicht unumkehrbar ist. Wir sind zum gravierendsten Einflussfaktor für das Leben auf der Erde geworden. Also haben wir auch das Potenzial, umzudenken. Wie ein verantwortungsvolles Miteinander aussehen kann, wird das Thema der Zukunft sein.

Also müssen die jungen Menschen in Zukunft ran?

Ich beobachte auch bei meinen Studierenden, dass viele sehr sensibel für diese Thematik sind. Sie fragen sich, wie unser Leben im Zusammenhang mit anderem Leben aussehen kann, wie ein Leben aussehen kann, das weniger auf Kosten anderer gelebt wird. Aber das ist natürlich auch schwierig für sie, da sie in ihrem Umfeld oft auf Unverständnis stoßen. Aber solche unbequemen Debatten werden wir führen müssen.

Werden wir aus den Erfahrungen der Pandemie etwas für diese Diskussionen mitnehmen?

Manchmal habe ich Zweifel, dass die Pandemie einen großen Lerneffekt haben wird. Obwohl das Ausmaß derzeit erschreckend ist. Ich hoffe, wir begreifen, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind, dass wir näher an den Tieren sind, als wir denken. Aber was ist, wenn das Virus von einem Gürteltier übertragen wurde? Das ist exotisch. Da heißt es vielleicht: Klar, dass so etwas Fremdes das Virus einschleppt. Wir teilen aber Freud und auch Krankheit mit allen Tieren auf der Welt. Das wird so bleiben, und es wird nicht die letzte Pandemie sein. Wir alle haben ein Recht auf Leben, und jedes Leben ist verwundbar.

Das Interview führte Jana Mundus.

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Zur Person: Julia Enxing, Jahrgang 1983, ist seit April 2020 Professorin für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden.
Veterinärmedizin studierte sie von 2002 bis 2004 an der Universität Leipzig, wechselte dann für ein Studium der katholischen Theologie, Pädagogik und Philosophie an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Themen „Mensch und Tier“, „Schuld und Kirche“ sowie Gender Studies.

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