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"Ich streichle ihnen ein letztes Mal über die Hand"

Annika Fried ist Krankenpflegerin in der Corona-Notaufnahme am Dresdner Uniklinikum. Sie versuche, ihre Menschlichkeit nicht zu verlieren, sagt sie.

Ein letztes Mal über die Hand streicheln: Für die Dresdner Krankenschwester Anika Fried ist das ein Ritual, um sich von ihren verstorbenen Corona-Patienten zu verabschieden.
Ein letztes Mal über die Hand streicheln: Für die Dresdner Krankenschwester Anika Fried ist das ein Ritual, um sich von ihren verstorbenen Corona-Patienten zu verabschieden. © dpa

Dresden. Es ist der Montag nach Weihnachten. Dresdens Corona-Stationen sind voll. Patienten ringen um Luft. Anika Fried hat ihre Schicht in der Corona-Notaufnahme des Universitätsklinikums beendet.

Achteinhalb Stunden unter einem Helm, in den fortlaufend gefilterte Luft geblasen wird. Stunden, in denen zwei Menschen den Kampf gegen den Erstickungstod verloren haben.

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Momente, die sie ihr Leben lang begleiten werden. "Die vielen Toten, die ich jetzt sehe – das nimmt mich mit", sagt die 27-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin, die ein Ritual entwickelt hat, um sich von den verstorbenen Patienten zu verabschieden.

Für Rettungswagen ist die Corona-Notaufnahme eine der ersten Adressen in Dresden. Infizierte, die kaum noch Luft bekommen oder hohes Fieber haben, werden dorthin gebracht. Ist ihr Zustand instabil, bekommen sie eines der zehn Betten auf der angeschlossenen Überwachungsstation.

Dabei handelt es sich vor allem um ältere Menschen, deren Atemwege vorgeschädigt sind oder deren Allgemeinzustand sich in den letzten Tagen massiv verschlechtert hat. Sie werden auf der Station mit Sauerstoff versorgt.

Manchmal verschlechtert sich Zustand in wenigen Stunden

Im einfachsten Fall passiert das über eine locker sitzende Nasenbrille. Oft reicht das aber nicht. Dann erhalten die Corona-Patienten eine Maske, über die Sauerstoff mit hohem Druck in die Lunge gepresst wird.

"Die Maske muss fest auf dem Gesicht sitzen", sagt Anika Fried. Nicht wenige Patienten kämpften in dieser Situation mit Angstzuständen. Man sehe die Panik in ihren Augen. "Ich hatte am Montag einen Patienten, der Angst hatte, zu ersticken. Ich habe mir zehn Minuten genommen, bin am Bett geblieben, habe seine Hand gehalten und ihn instruiert, mit dem Gerät zu atmen." Oft seien die Menschen für diese ruhige und doch fordernde Hinwendung dankbar.

Krankenpflegerin Anika Fried versucht, den Mut nicht zu verlieren. Halt geben sich die Kollegen auf der Corona-Überwachungsstation des Dresdner Uniklinikums gegenseitig.
Krankenpflegerin Anika Fried versucht, den Mut nicht zu verlieren. Halt geben sich die Kollegen auf der Corona-Überwachungsstation des Dresdner Uniklinikums gegenseitig. © privat

Menschlichkeit ist auch gefragt, wenn sich der Zustand der Patienten verschlechtert. Das passiert manchmal innerhalb eines Tages, manchmal in nur vier Stunden, sagt die Pflegerin. Intensivstation, Intubation, künstliches Koma: Der Weg ist oft kurz.

"Wir versuchen, den Patienten klar und deutlich zu sagen, dass sie sich von ihren Angehörigen verabschieden sollten. Wir geben ihnen die Zeit, das zu verarbeiten. Wobei viele nicht in der Lage sind, zu fassen, was Intubation und Koma für sie bedeutet."

Inzwischen ist es Angehörigen erlaubt, sich in den letzten Stunden von ihren Liebsten am Krankenbett zu verabschieden. Nur der engste Familienkreis.

"In den meisten Fällen sind es Ehefrau oder Ehemann, Tochter oder Sohn." Anika Fried kleidet sie zunächst ein - mit Maske, Brille und allem, was dazu gehört, um sich nicht anzustecken. Dann bereitet sie sie auf das vor, was sie gleich sehen werden. Einen Menschen, den sie so viel anders in Erinnerung haben.

"Ich sage: Erschrecken Sie nicht vor dem Anblick und den vielen Geräten. Ich erkläre, ob ihr Angehöriger sie sieht oder wahrnimmt." Die meisten sind trotzdem überwältigt. "Aber, sie können Abschied nehmen."

"Sie haben Angst"

Für die Dresdnerin ist es das Schlimmste, was sie sich vorstellen kann: Angehörige, die es nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen, um Tschüss zu sagen. Aber es passiert immer wieder.

"Das geht mir sehr nahe." Diese Menschen würden in einem isolierten Raum von dieser Welt gehen, umgeben von Ärzten und Pflegekräften, die Handschuhe tragen. "Sie spüren keine körperliche Nähe."

Es sei wichtig, in solchen Fällen für den Sterbenden da zu sein. "Sie haben Angst. Ich versuche, meinen Funken Menschlichkeit unter diesen Umständen nicht zu verlieren." Es wäre schön, sagt die Pflegerin, wenn die sterbenden Patienten noch einmal in die Sonne schauen könnten oder die Chance hätten, draußen frische Luft zu atmen.

Was in Hospizen und in Nicht-Corona-Zeiten möglich wäre, sei auf der Isolierstation nicht erlaubt. "Das nimmt viele mit."

Auch Anika Fried. Insbesondere wenn mehrere Patienten in einer Schicht sterben. An manchen Tagen sind es sechs. Seit 2011 pflegt die junge Frau kranke Menschen.

Ein Beruf, zu dem auch der Tod gehört. Soetwas wie die Corona-Pandemie habe sie aber noch nicht erlebt. "Darauf ist man nicht vorbereitet."

Die Pflegerin hat ein Ritual, das sie erst am Montag wieder zelebriert hat. Wenn ein Patient gestorben ist, öffnet sie die Fenster weit. "Um die Seele der Verstorbenen freizulassen."

Sie deckt die Patienten ordentlich zu, schließt ihre Augen, streichelt ihnen ein letztes Mal über die Hand und verabschiedet sich mit lieben Worten. "Es sei dahin gestellt, ob derjenige das noch hören kann. Für mich ist es ein Ritual, von diesem Patienten und diesem Menschenleben Abschied zu nehmen."

Niedrige Impfbereitschaft stimmt traurig

Es werde trotzdem immer schwieriger, das Erlebte zu verarbeiten, erzählt sie. "Es ist nicht schön anzusehen, den Verstorbenen in einen Plastiksack einzuwickeln. Das lässt man nicht einfach im Krankenhaus."

Eine große Stütze sei ihr Freund, mit dem sie zu Hause über die Anblicke sprechen könne. Das Uniklinikum bietet außerdem psychologische Beratung an. Ein Angebot, das Anika Fried bislang nicht in Anspruch nahm.

"Bis jetzt kann ich es noch gut regeln, indem ich mit meinem Freund oder meinen Kollegen rede. Die Fälle einfach noch einmal Revue passieren lasse." Das Team auf der Station halte kurz inne, motiviere sich dann aber schnell. "Wir sagen uns: Wir müssen jetzt für die Patienten da sein, die leben, um sie zu retten."

Blut nehmen, Sauerstoffsättigung messen, Essen reichen, sich nach Schmerzen erkundigen, Laufen üben, wenn das möglich ist: Fried und ihre Kollegen arbeiten am Limit.

Die Tage, an denen sie dehydriert und ausgehungert aus dem Krankenhaus kommt, häuften sich, sagt sie. Und die freien Tage reichten kaum noch, um sich zu erholen. "Ich bin unterschwellig sehr unruhig, es arbeitet in mir. Ich weiß im Moment nicht, wie lange das für mich noch funktioniert, wenn die Zahlen so hoch bleiben."

Manchmal habe sie das Gefühl, dass viele Menschen außerhalb der Klinikmauern das gar nicht so wahrnehmen. "Ich denke, es fehlen die Eindrücke."

Die Gesundheits- und Krankenpflegerin hofft, dass die Impfungen alles besser machen. Dass sie das Leid in den Kliniken lindern. Doch die Impfbereitschaft, die aus aktuellen Umfragen hervorgeht, stimmt sie traurig.

Derzeit ziehen lediglich 49 Prozent eine Immunisierung in Betracht. "Ich habe mich am Montag impfen lassen und den Impfstoff gut vertragen. Ich hoffe, dass ich ein Vorbild bin."

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