merken
PLUS Sachsen

„Mit der Kita-Öffnung hätte man warten können“

Vor mehr als einem Monat haben die Kindergärten in Sachsen wieder geöffnet. Kurz danach infizierte sich der Erzieher Falk Richter mit dem Virus.

Kindergärtner Falk Richter infizierte sich kurz nach der Kita-Öffnung mit Corona
Kindergärtner Falk Richter infizierte sich kurz nach der Kita-Öffnung mit Corona © Ronald Bonß

Sechs Tage hohes Fieber. Schüttelfrost. Schmerzen im ganzen Körper. Die Haut gereizt. Beim Aufstehen Schwindelgefühle, wie nach einer langen Achterbahnfahrt. „Ich hab bestimmt mehrere Badewannen vollgeschwitzt. Zweimal musste ich mich jede Nacht umziehen. Vom Bett zur Küche. Dann ins Bad und wieder ins Bett – mehr ging nicht.“ Der Kindergärtner Falk Richter war 17 Tage in Quarantäne – er hatte Corona: „Die Mutante, deshalb konnte ich auch die ganze Zeit riechen und schmecken.“ Geruchs- und Geschmackverlust gehören nicht zu den Symptomen der britischen Mutation.

Seit einer Woche darf Falk wieder raus, genießt die Sonne und kommt zu Kräften. „So ganz fit bin ich noch nicht“, sagt der 34-Jährige Kindergärtner. Er hat nur eine Vermutung, wo er sich angesteckt haben könnte.

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

„Ich glaube, es war im Kindergarten, aber es kann natürlich auch beim Einkaufen gewesen sein. Es ist nur sehr naheliegend.“ Ende Februar durften die Kindertageseinrichtungen in Sachsen wieder öffnen, richtig geschlossen hatten sie eigentlich nie: „So einen richtigen Lockdown hatten wir Erzieher ja nicht. Aber vom Notbetrieb ging es jetzt in den Regelbetrieb mit festen Öffnungszeiten über“, erklärt Falk, der in einem Kindergarten im Dresdner Westen arbeitet.

Nicht nur die Eltern in systemrelevanten Berufen, sondern alle durften ihre Kinder ab Ende Februar wieder in die Einrichtung schicken. Für die Kinder heißt es seitdem: Endlich wieder zusammen draußen Fangen spielen, Lieder singen, gemeinsam Mittagsschlaf machen. Die Gruppen werden in der Kita strikt voneinander getrennt. Im Gang müssen die Erzieher Maske tragen, die Kinder hingegen dürfen ihr Grinsen die ganze Zeit zeigen. Jeden Tag sollen die Eltern bestätigen, dass die Kinder gesund sind.

Erster Corona-Fall im Kindergarten

Nach einer Woche Regelbetrieb wird in Falks Kindergarten der erste Covid19-Fall bekannt. 15 Kinder müssen in Quarantäne. Es vergeht eine Woche, alle werden getestet, auch Falk, der sich an dem Tag etwas matt fühlt. „Es war Freitag, nach einer langen Woche ist das nichts ungewöhnliches.“ Am Wochenende beginnt der Kopf zu glühen, der Hals kratzt, Falk bleibt im Bett. Kurze Zeit später bekommt er den Bescheid vom Testzentrum: Er ist positiv. Falk kuriert sich aus, allein in der eigenen Wohnung, die Freundin mit der drei Monate-alten Tochter war gerade auf Familienbesuch in Berlin und blieb vorsorglich dort. „Ich hab die beiden vermisst“, erinnert sich Falk. Freunde kamen mal am Fenster vorbei, das Ordnungsamt klingelte zur Kontrolle zwischendurch an der Tür. „Das Gesundheitsamt hat sich wirklich gut um mich gekümmert, die haben jeden Tag angerufen und gefragt, wie es mir geht. Das fand ich gut; das mit den Kindergärten eher weniger.“

Der Erzieher liebt seine Arbeit, keine Frage. Selbst beim Interview im Park schaut er immer wieder zu den spielenden Kindern auf der Wiese: „Ich will wissen, ob es den Kleinen um mich herum gut geht. Das ist wohl eine Berufskrankheit.“ Da gibt es derzeit nur ein kleines Aber: „Mit der Kindergartenöffnung hätte man doch noch länger warten können. Ich verstehe ja, dass die Kinder ihre Gruppe brauchen, die haben sich alle sehr gefreut, aber vielleicht hätte man auch erstmal so ein Wechselmodell wie in der Schule einführen können. Wir Erzieher sind am Ende dem Risiko ausgesetzt und tragen zur Ausbreitung des Virus bei.“ Er wisse, dass er mit dieser Meinung nicht alle Kindergärtner und Kindergärtnerinnen vertrete, die Positionen würden variieren, je nachdem wen man frage. Und auch Frank ist sich manches mal nicht einig: „Ich kenne mehr Menschen, die gerade psychisch zu kämpfen haben, als dass sie wirklich zur Risikogruppe gehören. Ich bin aber auch ein junger Mensch.“

"Ich glaube, es hat vielen Familien gutgetan.“

Trotzdem ist er für einen harten Lockdown: „Ich hab zwar keinen Einblick in die große Wirtschafts- und Finanzwelt. Ich würde mir aber einen harten Lockdown wünschen, für drei oder vier Wochen. Das hätte man schon im Winter machen sollen, damit die Gesundheitsämter die Kontakte nachvollziehen können.“ Harter Lockdown würde auch bedeuten, dass die Kindergärten wieder in den Notbetrieb gehen, nur noch Eltern in „systemrelevanten“ Berufe dürften die Kinder abgeben. Dass das nicht für alle Familien leicht wäre, sei ihm bewusst. Er denke an Familien in engen Wohnungen mit vielen Kindern. Zwei neue Trennungskinder sind in der Kita vergangenes Jahr hinzugekommen.

„Wir haben trotzdem viele positive Rückmeldungen bekommen. Als die Kinder wiederkamen, hatten wir große Sorge, wie die dann abgehen. Aber die meisten waren ausgeglichen. Viele Familien haben die stressfreie Zeit genutzt, sind enger zusammengerückt. Ich glaube, es hat vielen Familien gutgetan.“

Gestärkt aus der Krise

Weiterführende Artikel

Geimpfte: Mehrheit steht hinter weiteren Lockerungen

Geimpfte: Mehrheit steht hinter weiteren Lockerungen

Zwei Drittel der Deutschen dafür, 1.188 neue Fälle in Sachsen, Polen bald kein Hochinzidenzgebiet mehr, Ansturm auf Impftermine in Sachsen - unser Newsblog.

Neue Kita in Dresden-Neustadt

Neue Kita in Dresden-Neustadt

In der Dresdner Neustadt wird am Montag eine Kita eröffnet. Genug Betreuungsplätze für Kinder gibt es in der Stadt, das Problem ist vielmehr der Fachkräftemangel.

Corona: Die Ausweglosigkeit macht mürbe

Corona: Die Ausweglosigkeit macht mürbe

Eine Freitaler Familie erzählt von ihrem Leben im Lockdown. Es geht um Verantwortung, Verwirrung und Verzweiflung. Und um frische Ideen.

"Wir bekommen keine Chance"

"Wir bekommen keine Chance"

Der Butterberg-Gasthof in Bischofswerda wollte zu Ostern wenigstens draußen Gäste bewirten. Weil das nicht geht, kommt zu bestehenden Problemen ein neues hinzu.

Und was würde ein längerer Notbetrieb für die Erzieher bedeuten? „Wir haben im letzten Notbetrieb die Ruhe genutzt, nicht nur um die Einrichtung neu zu streichen, sondern auch um uns selbst zu überdenken, zu reflektieren. Der Notbetrieb ist ein anderes, ein schöneres Arbeiten mit weniger Kindern. Statt 15 hatten wir 8 Kinder pro Gruppe, das ist qualitativ gesehen echt besser.“ Ein Betreuungsschlüssel mit weniger Kindern pro Erzieher - das sei vielleicht etwas, das man aus der Krise lernen könne. „Ich glaub, das ist meine Hoffnung: Gestärkt aus der Krise kommen – ist mir egal, dass diese Parole von der konservativen CDU kommt, mit der ich oft nicht übereinstimme. Ich möchte, dass wir diese Krise nutzen, um unser Verhältnis zu Arbeit, Familie und Gesellschaft zu überdenken. Ich möchte, dass wir daraus lernen. Und ich möchte noch viele tolle Menschen kennenlernen; es wäre blöd, wenn sie an so einem Virus sterben würden.“

Mehr zum Thema Sachsen