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Hotspot Hildburghausen: Im lila Landkreis

Keine Region blieb von Corona länger verschont als Hildburghausen. Nun ist der Landkreis Deutschlands größter Hotspot. Ein Besuch.

Kein Weihnachtsstern: Eine Drohne der Polizei fliegt am Montag über den Marktplatz von Hildburghausen, um das Versammlungsverbot zu überwachen.
Kein Weihnachtsstern: Eine Drohne der Polizei fliegt am Montag über den Marktplatz von Hildburghausen, um das Versammlungsverbot zu überwachen. © Martin Schutt/dpa

Von Eike Kellermann

Hildburghausen. Ausgestorben, ja gespenstisch. So irgendwie stellt man sich eine Stadt im Corona-Lockdown vor. Seit voriger Woche ist das 12.000-Einwohner-Städtchen Hildburghausen in Thüringen im Lockdown. Aber gespenstisch wirkt die einstige Residenz der Herzöge von Sachsen-Hildburghausen nicht. Villen zeugen von früherem Glanz, das Alte Rathaus am Markt ist ein Schmuckstück aus der Spätrenaissance.

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Viel los ist allerdings auch nicht. Nur wenige Leute überqueren den Markt, auf dem etwas Schnee liegt. Die Läden sind kaum besucht. Als die Uhr am Alten Rathaus 11 schlägt, steht eine junge Frau vor dem Asia-Restaurant und studiert die Speisekarte. Die heimische Wirtschaft unterstützen? Ja, sagt sie lachend. Sie sei 21, studiere im benachbarten Coburg in Bayern Bioanalytik und sei jetzt zu Hause. Die Hochschule habe den Präsenzunterricht eingestellt. Aber als Einwohnerin des Corona-Hotspots Hildburghausen dürfe sie den Landkreis ja ohnehin nicht verlassen.

Schulen und Kitas sind dicht. Nur aus triftigem Grund, so die Vorgabe für die Einwohner, dürfen sie noch das Haus verlassen, zum Einkaufen, für den Arztbesuch. Demonstrationen und Versammlungen sind verboten. Nachdem nach steilem Anstieg der Infektionszahlen der Lockdown verhängt worden war, zogen am Mittwoch vor einer Woche trotzdem spontan 400 wütende Einwohner durch die Stadt. Und sangen, was auch bei der großen Anti-Corona-Demonstration in Leipzig gesungen wurde: Oh, wie ist das schön.

Am Mittwoch vergangener Woche zogen spontan 400 wütende Einwohner durch die Stadt und protestieren gegen die neuen Infektionsschutzregeln im Kreis.
Am Mittwoch vergangener Woche zogen spontan 400 wütende Einwohner durch die Stadt und protestieren gegen die neuen Infektionsschutzregeln im Kreis. © Steffen Ittig/NEWS5/dpa

Die Studentin war nicht dabei. Sie sagt, sie habe ein gewisses Verständnis. Knall auf Fall wurden Schulen und Kindergärten geschlossen. Die Eltern, die ihren Urlaub womöglich schon bei den Corona-Schließungen im Frühjahr aufgebraucht hatten, mussten buchstäblich über Nacht eine Kinderbetreuung organisieren. Das sorgte für neuen Frust in der durch die Beschränkungen ohnehin aufgeladenen Stimmung. Aber deshalb durch die Straßen ziehen, ohne Abstand, vielfach ohne Maske? Dafür habe sie „absolut kein Verständnis“, sagt die Studentin. Und dann noch Kinder dabei. Und das in einer Situation, da der Landkreis Hildburghausen den bundesweit höchsten Corona-Inzidenzwert aufwies.

Es ist eigentlich eine unglaubliche Geschichte. Kein anderer Landkreis in Deutschland blieb vom Coronavirus länger verschont als Hildburghausen. Erst am 20. März gab es den ersten Positiv-Test. Auch danach war der Landkreis ein „weißer Fleck“ auf der Corona-Landkarte, sagt Hildburghausens Bürgermeister Tilo Kummer (Linke). „Bei uns kannte keiner einen, der erkrankt war.“

Doch die zweite Welle überrollt derzeit die verschlafen wirkende Region auf der Südseite des Thüringer Waldes. Landrat Thomas Müller (CDU) rekapituliert: Noch Mitte Oktober gab es nur 100 Infizierte unter den rund 63.000 Einwohnern des Landkreises. „Dann ging schlagartig die Post ab.“ Am 9. November lag die 7-Tage-Inzidenz über 200. In der Spitze kletterte sie auf 630. Hildburghausen wurde so zum ersten Landkreis in Deutschland, den das Robert-Koch-Institut auf der Karte nicht mehr nur in alarmierendem Dunkelrot einfärben konnte. Für Hildburghausen musste erstmals Lila verwendet werden, als Farbe für eine Region mit einer 7-Tage-Inzidenz von mehr als 500.

Der Inzidenzwert sinkt

Nun scheint der Lockdown zu wirken. Bei einem Besuch von Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) am Mittwoch in Hildburghausen nannte der Landrat einen aktuellen Inzidenzwert von 459. „Das ist weit weg von dem, was man vertreten kann. Aber die Richtung stimmt“, sagt Müller. Trotzdem nennt er die Lage weiterhin „hochgefährlich“. Das Virus kommt nun bei alten Menschen und anderen Risikogruppen an. Allein von Dienstag auf Mittwoch erhöhte sich die Zahl der Gestorbenen um acht auf 18. In einem städtischen Pflegeheim, sagt Bürgermeister Kummer, sei die Hälfte der Bewohner und Mitarbeiter positiv getestet worden. „Das zeigt, wie schwierig die Lage ist.“

Auf den ersten Blick sieht man Hildburghausen den Lockdown zwar weniger an, als man vielleicht erwartet. Aber je genauer der Blick wird, desto deutlicher werden die Folgen. Bürgermeister Kummer berichtet von freiwilligen Feuerwehren, die nicht mehr einsatzfähig sind. In Schleusingen habe sich die Rettungsstelle abgemeldet, weil die Mitarbeiter in Quarantäne mussten. Bauhöfe könnten nicht mehr zum Winterdienst ausrücken. In Hildburghausens Maßregelvollzug, einer von drei derartigen Einrichtungen in Thüringen, sind rund 130 psychisch kranke und suchtkranke Straftäter untergebracht. Mehrere Bedienstete im geschlossenen Vollzug sollen wegen einer Corona-Infektion nicht mehr einsatzfähig sein. Das wirft Sicherheitsfragen auf.

Die Einwohner fragen sich aber auch, wie es zu dem Corona-Ausbruch kommen konnte. War das einfach nur Pech oder stimmte das Krisenmanagement nicht? Thüringens Gesundheitsministerin Werner verweist auf viele Berufspendler und vergleichsweise hohe Infektionszahlen in den benachbarten bayerischen Landkreisen.

Ein Helfer nimmt bei Berufsschülerin Michelle Walther am Dienstag eine Probe für einen Corona-Schnelltest im Staatlichen Berufsbildenden Schulzentrum Hildburghausen.
Ein Helfer nimmt bei Berufsschülerin Michelle Walther am Dienstag eine Probe für einen Corona-Schnelltest im Staatlichen Berufsbildenden Schulzentrum Hildburghausen. © Martin Schutt/dpa (Symbolbild)

Sie sagt aber auch: „Es gab eine gewisse Sorglosigkeit nach dem Sommer.“ Zwei mit Hygienekonzept genehmigte Hochzeiten sollen sich im Nachhinein als Corona-Schleudern erwiesen haben. Auf der einen hat angeblich ein Gast aus Bayern 30 weitere Gäste angesteckt. Nach den Hochzeiten soll es weitere „Garagenpartys“ gegeben haben, so die Ministerin.

Womöglich war in dem kleinen Landkreis die Verwaltung von so einem Ausbruch auch überfordert. Laut Bürgermeister Kummer klappte die Kontakt-Nachverfolgung nicht richtig. Zudem habe es gedauert, bis Test-Ergebnisse geliefert wurden, in Einzelfällen bis zu einer Woche. Kummer spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Dazu kommt, dass es das erklärte Ziel der Thüringer Landesregierung war, erneute massive Beschränkungen zu vermeiden. „Einen allgemeinen Lockdown wird es nicht geben“, hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) schon im Juli gesagt.

Deshalb wehrte sich sein Bildungsminister lange dagegen, die Schulen und Kindergärten in Hildburghausen zu schließen, obwohl der Landrat das forderte. Nun können sich alle 9.000 Kindergartenkinder, Schüler, Erzieher, Lehrer und sonstige Mitarbeiter freiwillig auf das Virus testen lassen. Wer negativ ist, darf zurück in Kita und Schule. Am Montag, dem ersten Tag des Massentests, gab es unter rund 900 Getesteten nur sechs Positiv-Fälle. Das spricht für die These der Landesregierung, dass Kindergärten und Schulen nicht die Treiber der Infektion sind.

Empörung über Schulschließungen

Aber deren Schließung sorgte für Empörung in Hildburghausen. In Ostdeutschland sind mehr Eltern als in westdeutschen Bundesländern auf die Kinderbetreuung angewiesen. Bürgermeister Kummer, selbst Vater eines Kindergartenkindes, ärgert sich deshalb auch über die fehlende Vorwarnzeit. „Die Proteste haben Zulauf, weil es Fehler gab“, sagt er. Und fordert in Richtung Landratsamt, dass besser kommuniziert werden müsse.

Nicht zuletzt deshalb, weil der Unmut in den sozialen Netzwerken weiter gärt. Da wurde eine „Stadtwette“ lanciert, wonach es der Landrat nicht schaffen werde, eine erneute Demonstration an diesem Montag zu verhindern. Doch der Staat zeigte Härte, auch hier, im einstigen Residenzstädtchen, das man nicht als Hort der Aufmüpfigen erwarten würde. In dem es allerdings – wie vielerorts in Ostdeutschland – eine Zustimmung von um die 25 Prozent für die AfD gibt. Die Partei versteht sich in Thüringen unter ihrem Rechtsaußen Björn Höcke als Speerspitze der Anti-Corona-Proteste.

„Die Leute haben die Schnauze voll“

Polizeifahrzeuge umkurven nun beständig die kleine Innenstadt. Der örtliche Polizeichef Uwe Gerth nennt die Lage ruhig. Er sagt, durch die Präsenz der Polizei habe es trotz der Aufrufe im Internet bisher keine weiteren Störungen gegeben. Allerdings gehen auch die Aufrufe weiter. Eine Ladeninhaberin berichtet, dass am Montag der Markt voller Polizeifahrzeuge war. An der Feuerwehr hätten sogar zwei Wasserwerfer bereitgestanden. „Hildburghausen ist im Ausnahmezustand“, sagt sie. „Die Leute haben die Schnauze voll.“ Die Stimmung bei vielen sei auf null.

„Die Stimmung ist schlechter als die Situation“, sagt dagegen die Berufsschullehrerin Ilona Hartenstein. In der Turnhalle des Berufsbildenden Schulzentrums wurde bei ihr gerade ein Nasenabstrich vorgenommen. Nun wartet sie auf das Ergebnis. Wie bei einem Schwangerschaftstest liegt es innerhalb weniger Minuten vor.

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Hartenstein wohnt in Suhl und hat, wie sie sagt, keine Angst, in den Hotspot-Landkreis zur Arbeit zu fahren. Sorgen macht sie sich aber um ihre hier lebende Mutter, die wegen der Kontaktbeschränkungen vereinsamt. „Ich denke, wir müssen da alle durch“, sagt die Lehrerin. Es klingt, als wolle sie sich in erster Linie selbst bestärken. Man kann es auch so ausdrücken, wie der Mann, der mit seiner Frau aus einem Geschäft auf den weitgehend verwaisten Marktplatz tritt: „Maske auf und durch!“

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