merken
PLUS Döbeln

Im täglichen Überlebenskampf

Nach einem Jahr Corona-Pandemie sind Pfleger der Leisniger Helios-Klinik noch enger zusammengewachsen. Matthias Cyrnik wünscht sich mehr Solidarität.

Intensivmediziner Matthias Cyrnik hat mit seinen Kollegen in der Leisniger Helios-Klinik viel zu tun.
Intensivmediziner Matthias Cyrnik hat mit seinen Kollegen in der Leisniger Helios-Klinik viel zu tun. © Dietmar Thomas

Leisnig. Matthias Cyrnik ist in Eile. Der Pflegeleiter auf der Intensivstation der Leisniger Helios-Klinik muss noch nach den Patienten schauen. Auch nach über einem Jahr ist das für den Fachpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin keine Routine. „Jeder Krankheitsverlauf ist individuell und verlangt besondere Aufmerksamkeit“, sagt er.

Der 54-Jährige führt in den grünen Bereich der Station. Das sei der, in dem keine ansteckenden Corona-Patienten liegen, also andere Intensivpflegefälle wie nach Schlaganfall oder Herzinfarkt, aber auch Menschen, die Covid 19 überstanden haben und nicht mehr ansteckend sind. Deshalb dürfen der 54-Jährige und seine Kollegen hier ohne Schutzanzug ein- und ausgehen.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Ein Segen in Tagen, an denen die Temperaturen schon mal Sommerwerte erreichen. Allerdings, so Cyrnik nachdenklich, seien das keine Genesenden im eigentlichen Sinn. Denn sie müssten weiter behandelt werden, hätten absehbare bleibende Schäden, oft auch neurologische. Wie ein älterer Mann, der nach mehr als 40 Tagen noch immer beatmet werden muss und im Koma liegt. Die Nieren arbeiten nicht mehr so, wie sie sollten.

„Jeder, der stirbt, ist einer zu viel“

Cyrnik schaut auf das Beatmungsgerät und kann die Nöte der Menschen in den Ländern verstehen, in denen es nicht genügend Sauerstoffflaschen gibt. Schwer an Covid 19 Erkrankte bräuchten sechs Liter Sauerstoff und mehr in der Minute. In Ländern mit einem stabilen Gesundheitssystem wie Deutschland sei das zum Glück kein Problem, auch nicht für seine Patienten.

Die letzten Monate hätten aber deutlich gemacht, wie wichtig eine Patientenverfügung ist. Die erleichtere Entscheidungen für Ärzte, Pfleger und Angehörige. Täglich sieht der Pflegeleiter den Überlebenskampf der Corona-Patienten, leidet mit ihnen und ihren Familien. Im vergangenen Jahr hat er viele seiner Patienten diesen Kampf verlieren sehen.

Etwa jeder fünfte, der in der Leisniger Klinik wegen Covid 19 behandelt wurde, ist verstorben. Inzwischen seien das nicht mehr nur über 80-Jährige, sondern weitaus Jüngere. Das Durchschnittsalter der Corona-Patienten liege jetzt zwischen 60 und 80. Der Jüngste seiner Patienten, der das Virus nicht überlebt hat, war gerade 40 Jahre alt.

Jederzeit ausreichend Pfleger während Corona-Pandemie

„Jeder, der stirbt, ist einer zu viel. Das beschäftigt mich über den Arbeitstag hinaus. Ich kann es nicht einfach hinter mir lassen, wenn ich das Klinikgelände verlasse“, sagt Cyrnik und schluckt. Dabei versuche er in seiner freien Zeit trotzdem so gut wie möglich zu entspannen, um für die nächste Schicht fit zu sein. Die ging und geht gerade in Hoch-Zeiten der Pandemie durchaus mal länger.

Für ihn war es selbstverständlich, Weihnachten und Silvester in der Klinik für die Patienten da zu sein. Trotz Ausfällen wegen Quarantäne von Kollegen sei die nötige Anzahl von Pflegern immer da gewesen, jeweils fünf in Früh- und Spätschicht, vier in der Nachtschicht. Zeitweise hätte der Sozialdienst der Klinik die Notbetreuung von Kindern der Mitarbeiter übernommen, damit sie ihren Dienst antreten konnten.

Was die Pflege von Covid-Patienten bedeutet, könne jemand von außerhalb kaum nachvollziehen, so Cyrnik. Die Patienten mit schweren Verläufen müssten auf den Bauch gedreht und immer wieder in die richtige Position gebracht werden, damit sich die Lunge entfalten kann. Vor allem bei Übergewichtigen ein Problem.

In Hochzeiten mehr als 45 Corona-Patienten

Angeschlossene Geräte und Werte müssten permanent überprüft werden. Dazu komme das mehrmalige An- und Ausziehen der Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger. Essen und Trinken sei auf der Intensivstation selbst nicht möglich, nur in den Pausen. Selbst Austreten werde unter Vollschutz zum Problem. Und ruhige Phasen gab es in den vergangenen Monaten auf der Intensivstation nicht.

Nachdem am 24. März 2020 der erste Corona-Patient in die Klinik kam, sind laut Kliniksprecherin Juliane Dylus bisher fast 500 Frauen und Männer, die sich mit dem Virus infiziert haben, behandelt worden: „In den Hoch-Zeiten Ende 2020 lagen 39 Covid-Patienten auf der Normalstation und neun auf der Intensivstation.“

Eine hohe Belastung für Ärzte, Pfleger und Schwestern. Trotzdem sei die Bereitschaft der Mitarbeiter groß und dafür gebühre allen Respekt, sagt Matthias Cyrnik, der das Lob an ihn gern weitergibt. Längst sei die Belastungsgrenze überschritten und Erholung dringend nötig.

Nicht nur seine unmittelbaren Mitarbeiter, sondern das gesamte Team der Klinik würden in diesen Zeiten über sich hinauswachsen. Jeder der 400 Mitarbeiter sei gefordert. Nach über einem Jahr wünscht sich Cyrnik für alle Betroffenen und für die Pfleger aber endlich etwas mehr Normalität, Zeit zum Durchatmen und weniger Leid für die Familien.

Während Cyrnik noch einmal Anschlüsse am Beatmungsgerät eines Patienten überprüft, leuchtet weiter entfernt auf dem Gang die rote Lampe. Gerade werden wieder sechs Infizierte intensivmedizinisch betreut. Menschen, um die sich auch Cyrnik Sorgen macht. Das größte Dankeschön für seine Arbeit? Beifall vom Balkon sei das nicht. Der Pflegechef hält einen Brief hoch: „Das hier ist mir viel mehr wert.“ Es sind einfühlsame Worte von Angehörigen, die sich für die Pflege des Vaters bedanken.

Cyrnik nennt aber noch einen anderen Aspekt. Nein, nicht das Geld, da sei man in der Klinik gut bedient. Für ihn wäre es Anerkennung, wenn die Menschen weiter Schutzmaßnahmen beachten, Hygieneregeln einhalten, Maske tragen und sich so viele wie möglich impfen lassen. Das schaffe Luft auf den Intensivstationen.

„Aufgeben ist nicht meine Sache“

Natürlich wisse noch keiner, ob und wie Covid 19 das Leben weiter begleiten wird. „Auch Geimpfte können Virus-Mutanten in sich tragen und andere infizieren“, sagt Cyrnik und hofft auf weitere Studienergebnisse. Betten schließlich würden auch für andere schwere Krankheiten gebraucht.

Mehr Vorteile für Geimpfte, das hält Cyrnik, der selbst dazu gehört, zu diesem Zeitpunkt aber nicht für klug: „Das spaltet die Gesellschaft in einer Zeit, in der noch nicht alle ein Impfangebot erhalten haben.“

Und was hat sich für Matthias Cyrnik nach über einem Jahr Corona verändert? Seine Arbeit mache er weiter wie bisher. Aufgeben sei nicht seine Sache. Juliane Dylus ergänzt: „Es wird zweimal in der Woche getestet, Mitarbeiter und Patienten, Risikobereiche werden strikt von den Stationen getrennt, auf dem gesamten Gelände ist Mund- und Nasenschutz zu tragen, es gibt Aufklärungsarbeit und Impfangebote.“

Momentan sorge die Klinikleitung für klimatisierte Zimmer, damit ständige Frischluftzufuhr gewährleistet ist. So viel wie in diesem Jahr habe er noch nie dazu gelernt, weil immer wieder neue Methoden oder Medikamente mehr Erfolg versprechen, sagt Cyrnik.

Corona verschwindet nicht einfach

Pfleger wie er werden aber in diesen Wochen auch immer mehr zu Tröstern, Psychologen, die Eltern, Kindern und Enkeln erklären müssen, warum sie gerade nicht ins Krankenhaus dürfen. „Wir müssen die Infektionsgefahr so gering wie möglich halten und nicht noch mehr gefährden, selbst wenn es für alle schmerzlich ist.“

Auch das Abschiednehmen ist anders als sonst. Wenn die Corona-Patienten im Sterben liegen, dürfen die Angehörigen nur in Schutzausrüstung ins Zimmer. Eine letzte Berührung, Blickkontakt, das alles ist nicht möglich. Besonders bitter sei es für ihn gewesen, als er einen positiv Getesteten abweisen musste, der in den letzten Stunden zu seiner Frau wollte.

Ein intensives Jahr für Matthias Cyrnik – in jeder Hinsicht. Aber auch wenn Impfen, wärmere Temperaturen, neueste Erkenntnisse und Behandlungsmethoden Besserung versprechen, so weiß er, dass Corona nicht einfach verschwindet. „Keiner kann vorhersagen, welche Virusvarianten mit welchen Auswirkungen noch kommen.“ Nach den ersten Erfahrungen sei die Wissenschaft allerdings besser gewappnet.

Weiterführende Artikel

Die Corona-Lage in der Region Döbeln

Die Corona-Lage in der Region Döbeln

Es gibt keine weiteren Todesfälle gemeldet worden. Der Inzidenzwert ist stabil unter 25.

Ein Jahr mit dem Coronavirus

Ein Jahr mit dem Coronavirus

Vor zwölf Monaten traten die ersten Fälle auf. Im Dezember 2020 war die Pandemie in Mittelsachsen auf dem Höhepunkt.

Cyrnik hofft aber auch, dass gerade angesichts der jüngsten Erfahrungen endlich der Pflegeberuf für die Jüngeren attraktiver wird. Denn Nachwuchs werde mit und ohne Corona dringend gebraucht. Ehe er für heute den Kittel auszieht, eilt der Chef noch einmal zu seinen Mitarbeitern auf der Intensivstation. Nein, ein Coronaheld sei er wirklich nicht. „Ich mache doch nur meinen Job wie jeder andere.“

Mehr lokale Nachrichten aus Döbeln und Mittelsachsen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Döbeln