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Impfen in Dresden: "Als Vordrängler abgestempelt"

Ein junger Mann wird trotz Termin im Dresdner Impfzentrum abgewiesen, weil er nicht zur Corona-Priorisierungsgruppe 3 zählt. Das sieht er ganz anders.

Nicht jeder, der einen Impftermin für das Zentrum in der Dresdner Messe bekommt, gehört tatsächlich zu den Priorisierungsgruppen. Das wird oft erst vor Ort festgestellt.
Nicht jeder, der einen Impftermin für das Zentrum in der Dresdner Messe bekommt, gehört tatsächlich zu den Priorisierungsgruppen. Das wird oft erst vor Ort festgestellt. © Robert Michael/dpa

Dresden. Nico Hauschild ist froh, dass er endlich einen Termin für die Corona-Schutzimpfung ergattern konnte. Drei Stunden versucht der junge Mann am 7. Mai, sich im Impfportal zu registrieren, bis es schließlich klappt. Er gibt an, zur Priorisierungsgruppe 3 zu gehören, denn folgender Passus trifft auf ihn zu, findet er: "Sonstige Personen, bei denen aufgrund ihrer Arbeits- oder Lebensumstände ein deutlich erhöhtes Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 besteht." Auf der Homepage des Freistaates wird das als letzter Punkt in der Prioritätenliste der Gruppe 3 angeführt.

Der 23-Jährige arbeitet in einer Autowerkstatt und gehört damit derzeit nicht zu den Impfberechtigten. Anders sieht das mit Blick auf seine Familie aus, sagt Hauschild. "Meine Mutter arbeitet als Altenpflegehelfer im Altenheim, mein Vater gehört zur Risikogruppe aufgrund von einer Erkrankung, die in die Priorisierungsgruppe 3 hineinzählt", so Hauschild, der seinen richtigen Namen öffentlich nicht nennen will. Seine Eltern haben beide die erste Corona-Schutzimpfung bekommen. "Da ich im elterlichen Haushalt lebe, besteht jeden Tag persönlicher Kontakt." Für ihn sind das genug Gründe, dass er eine Impfung bekommen darf. Er will sich und seine Eltern schützen. Im Dresdner Impfzentrum sehen das die Mitarbeiter allerdings anders.

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Ministerium entscheidet zu Einzelfällen

Am vergangenen Dienstag fährt er von seinem Wohnort Weinböhla nach Dresden ins Impfzentrum am Messering. Die zweite Impfung ist bereits für den 15. Juni anberaumt - doch daraus wird nichts. "Nach einigen Minuten Warten an der Anmeldung wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht in die Impfpriorisierung zähle." Nach langem Hin und Her - offenbar besteht auch bei den Mitarbeitern Unsicherheit darüber, ob er impfberechtigt ist oder nicht - darf er sich schließlich doch bei der Impfärztin vorstellen. Im Gespräch mit ihr geht es noch einmal um die Frage, ob er zur Priorisierungsgruppe 3 gehört.

Letztlich erklärt ihm die Ärztin, dass er keine Impfung erhalten könne. "Ich bin sauer und frage mich, ob das Personal nicht richtig geschult wird", sagt der junge Mann. "Am Ausgang wurde mir noch gesagt, dass ich doch bitte den zweiten Termin selber wieder stornieren sollte." Er fühle sich als Vordrängler abstempelt, dabei sei es doch gut, dass auch junge Menschen sich impfen lassen wollen.

Zum Fall von Hauschild selbst will das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das die Impfzentren in Sachsen und auch das in Dresden organisiert, nichts sagen. "Eine Bewertung konkreter Lebenssituationen können wir nicht vornehmen, da wir die konkreten Umstände nicht kennen", so das DRK. Für Fälle, in denen die Berechtigungssituation für die Betroffenen unklar erscheint, empfiehlt das DRK, sich an die Einzelfallentscheidungsstelle zu wenden, die für solche Fälle im Sozialministerium eingerichtet wurde.

DRK: "Impfberechtigte erscheinen ohne Termin"

Doch Nico Hausschild ist nicht der Einzige, der abgewiesen wird. Das DRK erlebt vermehrt Konflikte wie diese in den Impfzentren. "Personen, die zum gebuchten Impftermin erscheinen, müssen am Check In unter Umständen abgewiesen werden, wenn sie sich nicht ausweisen können oder nicht alle Dokumente vorlegen können", so das DRK auf SZ-Anfrage. Doch der Ton werde rauer. Ein anderes Problem ist offenbar die Terminvergabe. "Leider gibt es derzeit immer mehr, insbesondere impfberechtigte Personen der Priorisierungsgruppe 3, die ohne gebuchten Termin am Impfzentrum erscheinen und eine Impfung – teils in sehr massiver und auch aggressiver Form – einfordern."

Diese Menschen müssten mit dem Hinweis, dass eine Impfung im Impfzentrum nur mit einem gebuchten Termin möglich ist, abgewiesen werden. Hier seien die Mitarbeiter der Impfzentren teilweise längere Zeit mit der Deeskalation der Situation beschäftigt. "Solche unsolidarischen Verhaltensweisen beeinträchtigen nicht nur die zeitlich eng getakteten Abläufe im Impfzentrum, sondern belasten auch die beteiligten Mitarbeitenden der Impfzentren ganz persönlich, die sich ja als Helfer im Sinne der Menschlichkeit verstehen", betont das DRK.

Grundsätzlich bringe das DRK den Bürgern einen Vertrauensvorschuss entgegen und gehe davon aus, dass die Regelungen beachtet werden. "Sollte es bei den Unterlagenkontrollen augenscheinliche Unstimmigkeiten geben, dann kann es sein, dass Personen abgewiesen werden. Grobe Verstöße gegen die Corona-Impfverordnung werden selbstverständlich zur Anzeige gebracht", sagt das DRK.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Natürlich ist auch Nico Hauschild sauer, dass er den Weg nach Dresden am Donnerstag umsonst auf sich genommen hat. Letztlich akzeptiert er die Entscheidung - verstehen kann er sie nicht. Offenbar sorgt jenes Kriterium, das auch Hauschild durch seine Eltern bei sich erfüllt sieht, für Unsicherheit selbst bei den Behörden. Hauschild berichtet von seiner Nachfrage bei der DRK-Hotline: "Es wurde mir mitgeteilt, dass diese Aussage undeutlich sei und man diese verschieden auslegen könnte."

Das Sächsische Sozialministerium indes sieht die Zuständigkeit für die unklare Formulierung beim Bund. "Dieser Auffangtatbestand wurde vom Bund eingeführt, um alle Personen zu erfassen, die aufgrund ihrer Wohn- oder Arbeitssituation ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung haben, wie enge Wohnverhältnisse mit vielen Menschen oder viele Kontakte zu verschiedenen potentiell infektiösen Personen auf Arbeit. Die Länder haben hier keinen Einfluss auf die Formulierung."

Laut Sächsischem Sozialministerium liegt der Knackpunkt in der Pflegebedürftigkeit der Angehörigen, die Krankheit allein ist nicht ausschlaggebend. "Wenn eine Person eine Kontaktperson eines alten beziehungsweise kranken Menschen ist, der nicht in einem Heim wohnt, aber pflegebedürftig ist, dann ist diese Person impfberechtigt." Diese Person müsse das Kontaktpersonenformular ausfüllen lassen und die Kopie des Ausweises des alten oder kranken Menschen mitbringen.

Nico Hauschild will es weiter versuchen und hat sich bereits einen neuen Impftermin in Annaberg-Buchholz vereinbart. "Ich hoffe, dass es diese Mal klappt."

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