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"Wir brauchen beim Impfen mehr Transparenz"

Dr. David Bannert arbeitet als Arzt im Kamenzer Impfzentrum. Welche Erfahrungen er dort macht und was er zu Vorbehalten gegen das Impfen sagt.

Dr. David Bannert ist neben seiner Arbeit als Allgemeinmediziner in einer Praxis in Bischheim als Impfarzt im Kamenzer Impfzentrum im Einsatz.
Dr. David Bannert ist neben seiner Arbeit als Allgemeinmediziner in einer Praxis in Bischheim als Impfarzt im Kamenzer Impfzentrum im Einsatz. © Matthias Schumann

Kamenz. Dr. David Bannert aus Bischheim hat seit einigen Wochen einen Nebenjob. Meist an den Wochenenden ist er für die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) als Arzt im DRK-Corona-Impfzentrum in Kamenz tätig. Seine Hauptaufgabe dort ist es, Aufklärungsgespräche mit den Patienten zu führen.

Sein Einsatz sei naheliegend, sagt er, da er auch im kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und als Notarzt eingebunden sei, und er wolle neue Erfahrungen sammeln. Ansonsten ist der 36-Jährige als Arzt in Bischheim in einer Praxis für Allgemeinmedizin tätig. Mit Sächsische.de hat er über seine Erfahrungen im Impfzentrum, den schleppenden Fortgang der Impfkampagne und darüber gesprochen, welche Vorbehalte ihm begegnen.

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Sind Sie bereits geimpft? Gab es dabei Komplikationen?

Ja, allen Impfärzten wird am Anfang ein Impfangebot gemacht. Damals stand nur Biontech zur Verfügung. Ich hatte lediglich leichte muskuläre Schmerzen, wie das bei anderen Impfungen auch vorkommen kann.

Der Kreis Bautzen hinkt beim Impfen hinterher. Impfpatienten berichten, dass kaum Betrieb im Impfzentrum gewesen sei, andererseits sind kaum Termine zu bekommen. Das sorgt für Fragen und Unmut. Wo sehen Sie die Ursachen?

Natürlich wird bewusst so getaktet, dass sich möglichst wenig Leute begegnen, um Kontakte zu minimieren. Deshalb sollten die Patienten sehr zeitgenau kommen, das kann ein Grund für den Eindruck sein. Ich sehe aber auch Reibungspunkte in der Planung und Koordinierung der Impftermine. Aktuell, so denke ich, wären mit dem medizinischen Personal, das durch die Kassenärztliche Vereinigung gestellt wird, mehr Impfungen möglich.

Defizite in den Abläufen sorgen für Verunsicherung

Haben Sie dadurch Leerlauf in der medizinischen Mannschaft?

Das haben wir nicht, aber wir hätten noch Kapazitäten. Warum die Situation so ist, dazu müsste sich das DRK als Betreiber des Impfzentrums äußern. Wir haben von fachlicher Seite keinen Einblick, weil die Impfstoff- und Terminkoordination nicht in unserer Hand liegt. Aber wir Impfärzte stellen uns ähnliche Fragen wie die Bürger. Die sind berechtigt und kommen auch in den Arztgesprächen an, ebenso der Unmut.

Es spielen viele Faktoren eine Rolle – Terminangebot, Impfstoffangebot, Personal –, die ineinandergreifen müssen. Das ist nicht einfach. Gerade die Probleme in der Terminvergabe schaffen zusätzliche Verunsicherung. Die Menschen verlieren das Vertrauen. Das ist nicht nur dem Impfstoff geschuldet, sondern auch Defiziten bei anderen Abläufen.

Welche Lösungen sehen Sie?

Es geht nur mit mehr Flexibilität, um schneller auf die Tagessituation zu reagieren, und es muss besser informiert werden. Es ist auch mehr Transparenz in den Abläufen wichtig. Das beginnt schon beim Impfstoff.

Wie meinen Sie das?

Unsere Impflinge kommen inzwischen in der Regel sehr gut informiert zum Impfgespräch. Die Leute haben sich intensiv auseinandergesetzt mit "ihrem" Impfstoff. Den bekommt jeder Bürger mit seinem Termin mitgeteilt. Wenn er nun beim Check-in erfährt, dass genau jenes Vakzin nicht vorrätig ist, beginnt schon dort die Verunsicherung. Das Aufklärungsgespräch wird schwieriger. Die Leute sind nicht auf den Impfstoff eingestellt, haben aber schon viele Bögen ausgefüllt. Wir haben hier vorwiegend ältere Menschen, die schon ewig gebraucht haben, den Termin zu ergattern. Sie haben ein Papier in der Hand und verbinden damit einen Anspruch.

Patienten lassen Frust in drastischen Worten ab

Aus Dresden war jetzt zu hören, dass Ärzte regelrecht beschimpft wurden, weil nur Astrazeneca geimpft wurde. Sie auch?

Beschimpft vielleicht nicht. Aber es waren wirklich viele Patienten, die ihren Frust in drastischen Worten losgelassen haben. Und ich kann sie verstehen. Das muss besser erklärt werden.

Bei wem sollte die Aufklärungsarbeit beginnen?

Für mich fängt sie lokal durch das Impfzentrum an: zu Abläufen und zum Verfahren, warum es zum Wechsel von Impfstoffen kommen kann. So ist Vertrauen zu schaffen. Gerade solche Dinge müssen die Verantwortlichen auf kurzem Weg erklären, Hintergründe kommunizieren, wie die Terminvergabe läuft. Am besten zeitnah auch über lokale Medien. Keiner weiß heute, wie in zwei Wochen die Lieferketten funktionieren und welcher Impfstoff da ist. Ich möchte für mehr Flexibilität werben. Wenn die Menschen bei uns in den Aufklärungsgesprächen sind, ist es zu spät.

Haben Sie Ablehnung des Astrazeneca-Impfstoffs erlebt?

Ja, in Zahlen ist es aber schwer auszudrücken. Ich bekomme ja nicht mit, wenn ein Impfling schon am Einlass umdreht oder gar nicht zum Termin kommt, weil er gehört hat, dass derzeit nur Astrazeneca geimpft wird. Aber ich habe auch im Gespräch Menschen, die sich letztlich dagegen entscheiden. Es sind aber wenige, die nicht durch vernünftige Argumente zu überzeugen sind.

Welche Impfstoffe werden in Kamenz eingesetzt?

Sowohl Biontech als auch Moderna und Astrazeneca im Wechsel und jetzt auch für alle Altersgruppen.

Würden Sie sich auch mit Astrazeneca immunisieren lassen?

Es gibt Unterschiede im Wirkungsmechanismus. Daher sehe ich Biontech und Moderna etwas vorne. Doch deshalb sind Astrazeneca oder Johnson & Johnson nicht schlecht und aus meiner Sicht unbedingt nötig im Gesamtkonzept, will man die Pandemie in einer angemessenen Zeit bekämpfen. Ich würde mich mit allen drei bisher vorrätigen Vakzinen impfen lassen.

Es gibt aber auch Unterschiede in der Effizienz.

Das ist richtig, die liegt bei Biontech und Moderna bei 90 bis 95 Prozent. Bei Astrazeneca bei über 80 Prozent, nach den neusten Studien. Effizienz bezeichnet, wie gut der Schutz vor einer schweren oder tödlich verlaufenden Infektion ist. Zum Vergleich: Sie ist bei allen drei Vakzinen höher als bei den gängigen Grippeimpfstoffen der letzten Jahre. Es gibt für mich keinen Grund, an den Corona-Impfstoffen zu zweifeln.

Risiko, an Corona zu sterben, ist 6.000 mal höher

Und die Komplikationen bei Astrazeneca?

Da hat die Politik auch einiges kaputt gemacht. Zu den Zweifeln an der Wirksamkeit kamen die Komplikationen durch Sinusvenenthrombose, also Blutgerinnsel in einer Hirnvene. Die sind vorhanden, und darüber müssen wir aufklären. Wenn ich Risiko und Nutzen, also den Schutz vor einer gefährlichen Infektionskrankheit, abwäge, würde ich zur Impfung raten. Die Quote der schweren Komplikationen durch Sinusvenenthrombose liegt bei 1:300.000, das Risiko, bei einer Corona-Infektion einen tödlichen Verlauf zu erleiden, bei 1:50, also etwa 6.000 mal höher.

Die Sorge ist aber da, und das macht auch Angst.

Die Komplikationen lassen sich natürlich nicht weg reden, das macht Angst. Es ist ein Abwägungsprozess aus ärztlicher Sicht, wie er bei jeder OP passiert, wo es zu Komplikationen kommen kann, und am Ende die Entscheidung des Impflings. Die kann ihm keiner abnehmen. Wir können nur sicherstellen, dass wir alle nötigen Informationen gegeben haben. Solche Akzeptanz-Probleme haben wir in der Hausarztpraxis nicht.

Es gibt ja noch weitere Nebenwirkungen. Wie sollte man sich da verhalten?

Klassisch sind es Fieber, Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schmerzen an der Einstichstelle – grippeähnliche Symptome. Die kann man gegebenenfalls mit Mitteln aus der Hausapotheke, mit frei verkäuflichen Medikamenten wie Ibuprofen oder Paracetamol behandeln. Sie sollten nach maximal zwei Tagen weg sein. Bei anhaltenden Symptomen oder anderen Symptomen sollte sofort der Hausarzt aufgesucht oder der Bereitschaftsdienst kontaktiert werden.

Wie sehen Sie oft geäußerte Vorbehalte, wonach der Impfstoff ins Erbgut eingreife und bei Frauen negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit habe?

Solche Vorbehalte spielen kaum noch eine Rolle, weil die Menschen gut informiert sind. Das sind wirklich Hirngespinste von Verschwörungstheoretikern und wurde durch Studien zigfach widerlegt.

"Beim Corona-Vakzin war Geld kein Problem"

Sehen Sie eine Alternative zum Impfen, um der Pandemie beizukommen?

Nein, ich sehe definitiv keine andere Lösung. Weil es sonst mehr schwere und tödliche Verläufe geben würde. Die gesundheitspolitischen Probleme würden sich zusehends verschärfen. Die Krankenhaus-Kapazitäten würden an ihre Grenzen kommen.

Kritiker sagen, die Corona-Impfstoffe seien viel zu wenig getestet und deshalb gefährlich. Die Studienlage sei schlechter. Stimmt das?

Nein. Es wurde in einem kürzeren Zeitraum viel intensiver gearbeitet. Es ist in der Regel eine finanzielle Frage, bis ein Impfstoff in den Markt eingeführt werden kann. Beim Corona-Vakzin war Geld kein Problem. Was fehlt, sind Langzeiterfahrungen, das ist aber bei jedem neuen Impfstoff so.

Der Görlitzer Landrat fordert, Landkreise mit einem höheren Anteil Älterer mit mehr Impfstoff zu versorgen. Bautzen würde auch dazu gehören. Halten Sie das für einen Weg?

Eher nicht. Solange der Impfstoff knapp ist, ist es vernünftig, solche Brennpunkte wie im Vogtland in den Fokus zu nehmen. Ich hoffe, dass die Impfstoffmengen bald steigen.

Sie sprachen schon die Hausarztpraxen an. Wann sollen die nun starten, und wie wollen Sie dann vorgehen?

Avisiert ist derzeit der 7. April. Wir beziehen den Impfstoff über eine Apotheke und haben Patienten-Listen auf der Grundlage der Priorisierung erarbeitet. Wir werden die Patienten selbst kontaktieren und abhängig vom Impfstoff Termine vergeben, sonst ist das nicht zu beherrschen und zu stemmen.

Sind die Impfzentren dann ein Auslaufmodell?

Ich denke nicht. Beide Systeme sollten parallel laufen. Der Hausarzt müsste sich zuerst auf Patientengruppen konzentrieren, die das Impfzentrum nicht erreicht. Dazu gehören die Hausbesuchs-Patienten, die weder in die Praxis noch ins Impfzentrum kommen können. Das sind allein bei uns um die 100. Auch alte, hilflose, einsame Menschen, die damit überfordert sind, einen Termin mit dem Impfzentrum zu vereinbaren. Oder die in der Hotline resigniert haben, die nicht durchkommen. Ich denke, das ist insgesamt schon sehr viel Arbeit für die Praxen. Das Impfzentrum müsste schon wegen der größeren Kapazität Anlaufpunkt für die mobile, arbeitende Bevölkerung bleiben.

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