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Verwirrung um Öffnung von Bau- und Gartenmärkten

Wer darf rein und bis wohin? Die Bundesnotbremse macht es Kunden und Händlern schwer – und Sachsen nicht leichter.

Abgestelltes Geschäft: Baumärkte dürfen in Sachsen doch nicht für private Heimwerker öffnen – reine Gartenmärkte schon.
Abgestelltes Geschäft: Baumärkte dürfen in Sachsen doch nicht für private Heimwerker öffnen – reine Gartenmärkte schon. © dpa

Der Obi-Markt in Dresden-Weißig am frühen Dienstagnachmittag: Weiß auf Orange und in großen Lettern prangt „Herzlich willkommen“ über dem Eingang der Heimwerker- und Gartenfreak-Adresse im Nordosten der Landeshauptstadt. Im Zugang zum Baumarkt der Hinweis: „Gartencenter geöffnet, freier Zugang für alle Kunden.“ Und auf einem mit Stoff verkleideten Party-Stehtisch verspricht ein Schild: „Wir haben weiter geöffnet.“ Darunter stehen etwas kleiner die Bedingungen der jüngst verabschiedeten Corona-Notbremse des Bundes – mit erheblichen Einschränkungen, je nach Sieben-Tage-Inzidenz.

Von all dem ausgenommen, dürfen unter anderem Blumenläden, Tierbedarfs- und Futtermittel- und Gartenmärkte öffnen, aber nur das übliche Sortiment verkaufen. Für Gewerbetreibende gibt es bis auf die Hygienevorschriften keine Einschränkungen, sie können sich in den Märkten weiter mit Material eindecken.

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„Darf ich rein?“, fragt eine ältere Dame den Obi-Mann am Partytisch. „Kommt darauf an, wo Sie hinwollen“, antwortet dieser. „Ins Gartencenter“, sagt die Frau. „Richtige Antwort, einmal gerade durch und dann links“, so der freiwillige Wachmann, der eigentlich im Obergeschoss der Filiale für das Wohn- und Sanitärsortiment zuständig ist. „Wir wechseln uns mit diesem Job alle drei Stunden ab“, sagt der nette Türsteher, der, wie die Marktleiterin, nicht namentlich in der Zeitung genannt werden möchte. So will es das Konzernregime bei Europas Branchenprimus mit allein rund 350 Adressen in Deutschland, wo nur die Zentrale etwas sagen darf.

Obi vertraut auf Kundenangaben

„Ich habe bestellt“, erklärt ein Mittfünfziger und wird durchgewunken. Ob die Aussage stimmt, bleibt offen. Eingelassene Gartenfans werden auf dem Weg zum angegebenen Ziel auf die Probe gestellt: frei zugängliche Regale mit Malerzubehör, Klebern, Spielzeug, anderen Utensilien und Kartoffelsäcken. „Wir vertrauen auf die Angaben und können nicht jedem hinterhergehen“, sagt der Mann am Einlass.

Er kann in dem Moment nicht wissen, dass sein Markt, auch Anlaufstelle für viele aus umliegenden Dörfern, für Privatkunden womöglich unzulässig geöffnet hat – wie seine Schwesterfilialen in Bannewitz und Dresden-Seidnitz. Trotz strikter Trennung zwischen Gartencenter und Baumarkt. Trotz der Wegweiser. Trotz des aufwendig umgesetzten Hygienekonzepts. Trotz der Obi-Website mit den Modalitäten für jeden einzelnen Markt in Deutschland – je nach Beschlusslage der Politik vermeintlich aktuell.

"So'n bissel unterschiedliche Herangehensweisen"

Denn zeitgleich stellt Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) auf der Kabinetts-Pressekonferenz klar, dass kombinierte Baumärkte seit Sonnabend „komplett zu“ sein müssen – auch die mit jeweils separatem Eingang. Hierzu gebe es „eine klare Vorgabe durch das Bundesinfektionsschutzgesetz, und Sachsen hat die höchste Inzidenz in ganz Deutschland“, so die Hauptmanagerin der Corona-Krise im Freistaat. „Was offen hat, sind Gartenmärkte“, sagt Köpping und: „Wir haben uns noch mal kundig gemacht in Sachsen-Anhalt und Thüringen.“ Sie räumt ein: „Dort gibt es tatsächlich so’n bissel unterschiedliche Herangehensweisen.“

Köppings Ministerium teilt am Abend mit: „Die Landräte und Oberbürgermeister wurden darauf hingewiesen, dass auch die Öffnung der Gartenabteilungen von Baumärkten nach IfSG untersagt ist.“ Vom Abholservice Click & collect sowie Click & meet, dem Einkauf auf Termin, ist nicht die Rede. „Das regelt der Bund“, heißt es auf Nachfrage.

Das Problem: Bis vorige Woche gehörten Baumärkte zum täglichen Bedarf und wurden wie Lebensmittelgeschäfte behandelt. Das ist seit dem Wochenende anders. Demnach soll nunmehr bei einer Inzidenz zwischen 100 und 150 Click & meet mit negativem Coronatest und Maske möglich sein, darüber nur Click & collect. Demnach durfte Obi in Dresden öffnen - aber nur für bestellte Kunden.

Klare Entscheidungen fehlen

Wer glaubte, dass mit der Corona-Notbremse einheitliche und nachvollziehbare Regeln für den Handel einziehen, sieht sich getäuscht. Auch nach dem Gesetz fehlen klare Entscheidungen, und in den Bau- und Gartenmärkten blühen Chaos und Unsicherheit. Auch wundert sich mancher, warum etwa Gewerbetreibende ohne Test und zugeteilten Termin dort einkaufen dürfen, zumal niemand weiß, wie es die Handwerker vor- und hinterher auf ihren Baustellen mit den Hygieneregeln halten.

„Mit der aktuellen Änderung des Infektionsschutzgesetzes wollte die Politik den vielerorts entstandenen Verordnungs- und Verbotswust aufräumen – doch dies gelingt offenbar nicht in erhofftem Maße“, heißt es vom Handelsverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB). Die Diskussion um Systemrelevanz und notwendige Öffnung von Bau- und Gartenfachmärkten vernachlässige auch eine Reihe von Sachargumenten, die auch auf neuesten epidemiologischen Fakten basierten. Demnach tendiere die Infektionswahrscheinlichkeit im Baumarkt gegen null, berufen sich die Lobbyisten auf Analysen des Max-Planck-Instituts.

Blendende Geschäfte trotz Corona

Die Infektionsrate bei Mitarbeitern liege mit 0,3 Prozent selbst unter jener der geöffneten Lebensmittelgeschäfte, heißt es. Überhaupt seien Baumärkte „keine üblichen Einzelhandelsstandorte“. Ihre mittlere Fläche liege mit 7.500 Quadratmetern deutlich über dem Schnitt des Handels, noch dazu fast die Hälfte im Freien oder im ungeheizten Gartencenter mit frischer Luft. Die Anreise erfolge zu über 90 Prozent individuell im Kfz, argumentiert der BHB.

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Trotz coronabedingter Einschränkungen haben Bau- und Heimwerkermärkte 2020 blendende Geschäfte gemacht. Nach Verbandsangaben kletterte ihr Umsatz in Deutschland gegenüber 2019 um 14 Prozent auf 26,3 Milliarden Euro. Gleichwohl schärfen Obi, Hornbach, Toom & Co ihr Filialnetz. Die Zahl der Standorte sank binnen zehn Jahren um fast 15 Prozent auf knapp 2.100 Adressen – was einem hohen Versorgungsgrad entspricht. Auf 34.000 Deutsche kommt ein Baumarkt. Für Experten ist gerade der Osten überversorgt.

Wie es bei Obi und seiner Konkurrenz in Sachsen weitergeht, ist offen. Der verkappte Partytisch in Weißig wird vorerst verschwinden. Aber nach Feiern ist dort ohnehin keinem zumute – weder den 75 Beschäftigten noch ihren genervten Kunden.

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