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Was wird jetzt aus den Innenstädten?

Nach der Corona-Pandemie drohen Fußgängerzonen und Marktplätze zum Dauerstillleben zu werden. Es gibt viele Ideen, das Veröden der City zu verhindern.

Im Osnabrücker Modehaus L&T lockt eine stehende Welle Surfer, Passanten – und Käufer.
Im Osnabrücker Modehaus L&T lockt eine stehende Welle Surfer, Passanten – und Käufer. © dpa/Friso Gentsch

Dresden. Nach Corona wird im Handel nichts mehr so sein, wie es war“, ist Marcus Diekmann überzeugt. Und es klingt wie eine Drohung. Der 42-Jährige weiß, wovon er spricht. Ehe er 2020 Digitalchef des nordrhein-westfälischen Fahrradherstellers und -händlers Rose Bikes wurde, hatte er sich mit der Agentur Shopmacher und anderen E-Commerce-Projekten einen Namen gemacht. Am Tag des ersten Lockdowns gab er den Anstoß für die Plattform „Händler helfen Händlern“. Mittlerweile sind dort Tausende vernetzt, auch Akteure wie Tom Tailor, Saturn, Mediamarkt und Intersport. Das Ziel: Kundschaft in Zeiten von Corona nicht an die Onlineriesen zu verlieren, sondern gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Für Diekmanns Prognose braucht es keinen Guru, nur offene Augen. Corona beschert auch Sachsen ein Ladensterben im Zeitraffer. Innenstädte drohen zu veröden. Viele Mode-, Schuh-, Buch-, Spielzeug-, Schmuck-, Sportgeschäfte werden, selbst wenn sie wieder öffnen dürfen, zu bleiben. Die Branche befürchtet bundesweit 50.000 Pleiten. Folge: Fußgängerzonen und Marktplätze als Dauerstillleben. Das gesamte System Innenstadt ist auf dem Prüfstand.

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Auch Läden in der Altmarktgalerie in Dresden sind bedroht

Schon vor sechs Jahren hatte das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) Sachsen als Alarmregion ausgemacht. Einige Landkreise müssten sich auf 27 Prozent weniger Einzelhandelsumsatz einstellen, hieß es. Besonders bedroht seien Mittelzentren und Kleinstädte wie Bischofswerda, Hoyerswerda, Löbau oder Weißwasser.

Selbst in Dresdens Altmarktgalerie lichten sich die Reihen. Nicht nur kleine, inhabergeführte Geschäfte sind in Not, auch große Namen wie Douglas, Adler-Modemärkte bauen ab oder sind pleite. Und vom Zauber der Warenhäuser als Konsumtempel ist nicht viel übrig. Von den Städten hofierte Shopping-Center auf der grünen Wiese und der Onlinehandel haben Galeria Karstadt Kaufhof und andere entzaubert.

Stattdessen brummt der Onlinehandel. Marcus Diekmann will Amazon und Zalando nicht das Feld überlassen. Der umtriebige Netzwerker hat „keine Lust zuzugucken, wie alles den Bach runtergeht“. Digitalisierung sei nicht schwer, sagt er. Das kostenfreie und unabhängige Wissensportal Quickstart Online verhelfe kleinen Händlern schnell zum digitalen Standbein. Auch könne jeder den Abholservice Click & Collect anbieten. Dafür brauche es keinen Onlineshop, es gehe auch per Mail und Facebook. „Nur aufgeben ist nicht erlaubt.“

„Ich bin im deutschen Handel einer der 50 am besten Vernetzten“, behauptet Diekmann selbstbewusst. Händler sollten sich zusammentun und voneinander lernen. „Ihre Feinde sind die internationalen Großkonzerne, die nach Deutschland drängen“, sagt er. Die von ihm initiierte Plattform soll es stationären Händlern ermöglichen, ihre Waren hochzuladen und mit Lieferdiensten und anderen Dienstleistern zu versenden. Auch Pizzerias hätten neu denken und einen Lieferservice aufbauen müssen, sagt der Transformationsexperte, von dessen Know-how bereits die Merchandising-Abteilung von Borussia Dortmund profitierte. Diekmanns Devise: Dem Handel eine Stimme geben, gemeinsam lernen, sich vernetzen, austauschen, Lösungen finden. „Auch nach Corona werden Taxis mit leerem Kofferraum rumfahren“, nennt er ein Beispiel.

"Ich habe keine Lust zuzugucken, wie alles den Bach runtergeht", sagt Transformationsexperte Marcus Diekmann,
"Ich habe keine Lust zuzugucken, wie alles den Bach runtergeht", sagt Transformationsexperte Marcus Diekmann, © obs/Pro-Bono-Initiative Händler helfenHändler/Simo

Noch bestimmt der stationäre Handel, wie Innenstädte wahrgenommen werden. Doch Stadtzentren sind mehr: Orte des Verweilens, der Begegnung, des Arbeitens, Wohnens und der Nachbarschaft. Experten sind sich einig, dass soziale Aspekte immer wichtiger werden. „Zentren der Zukunft beziehen ihre Attraktivität nicht mehr nur aus dem Einkaufserlebnis, sondern aus der Vielfalt von Angeboten und Nutzungen, die Menschen anziehen und die Innenstädte auch nach Ladenschluss zu lebendigen Orten machen“, heißt es im Innenstadt-Dialog der Konrad- Adenauer-Stiftung.

Jedes zweite Schaufenster in Rodewisch ist leer

Rodewisch im Vogtland stehe exemplarisch für das Ladensterben, sagt Christian Günther. In der Auerbacher Straße, der kleinen Einkaufsmeile, sei jedes zweite Schaufenster leer, so der Quartiermanager bei der Stadtverwaltung. Nun setze die Kommune auf den „Rowi-Hutzn-Point“: einen mobilen Pavillon als Tauschplatz für Lebensmittel und Alltägliches, Messestand, Beratungszentrum, Werbefläche, Treffpunkt. Für das Projekt gab es beim letztjährigen Wettbewerb „Ab in die Mitte! Die City-Offensive Sachsen“ einen Sonderpreis.

Derweil läuft bis Mitte September die 18. Auflage des Wettstreits. Unter dem Motto „Lebensraum Stadt: Handel, Wandel, Vielfalt“ hat der Freistaat 100.000 Euro als Preisgeld für kreative Ideen ausgelobt.

Lust auf City? Damit aus dem Frage- ein Ausrufezeichen wird, suchen immer mehr Verbände, Institutionen und Initiativen Lösungswege. Das vor einem Jahr gestartete Netzwerk „Die Stadtretter“ ist angetreten, um den deutschlandweiten Austausch zu fördern. Mittlerweile zählt das Netzwerk über 700 Aktive – auch fünf im Freistaat: Leipzig, Rodewisch, die Raumpioniere Oberlausitz, die IHK Chemnitz, den mittelzentralen Städteverbund Göltzschtal.

Der Osten zögert bei Stadtlaboren

Die Stadtlabore, ein Konsortium unter der Ägide des IFH-Instituts, testet und teilt Erfahrungen aus Bremen, Mönchengladbach, Nürnberg und Langenfeld. Erst nach längerer Suche konnte mit Erfurt auch eine Stadt im Osten gewonnen werden. In einer Umfrage der Forscher zum Thema „Vitale Innenstädte“ haben im Herbst 107 Kommunen geantwortet¨– mit Leipzig und Freiberg aber lediglich zwei aus Sachsen.

Warum die Zurückhaltung? „Das wüsste ich auch gern“, sagt IFH-Chef Boris Hedde. „Vielleicht ist es kulturell bedingt, oder sie befürchten unbegründete Nachteile. Womöglich fehlt auch die digitale Vernetzung, die im Westen schon etwas ausgeprägter ist“, mutmaßt der Geschäftsführer. Er habe aber die Hoffnung, dass das Ansinnen auch in Sachsen zunehmend Gehör findet. „Es gibt eine Zeit des Verstehens und des Planens. Und es gibt die Zeit des Machens – und die ist jetzt“, so Hedde. Dabei müssten auch Fehler erlaubt sein. „Wir brauchen dabei auch Unternehmertum in der Verwaltung“, appelliert er an die Amtsstuben. „Wer etwas nicht will, findet Gründe, und wer will, findet Wege, heißt es.“

Noch verschenkt der Freistaat Chancen, sich einzubringen und zu profitieren. Das hessische Fulda und das IFH zeigen, wie es gehen kann: Im Rahmen eines Pilotprojekts werden derzeit Ideen bewertet. Immerhin: Die interaktive Plattform dafür kommt vom Leipziger Softwareentwickler Innolytics. Bereits in den ersten 24 Stunden seien rund 50 Vorschläge zur Verbesserung des innerstädtischen Lebens eingegangen, hätten sich rund 100 Interessierte registriert, sagt Eva Stüber, Expertin für Transformationsprozesse am IFH. Sie nennt es „bemerkenswert, was die Schwarmintelligenz vor Ort für die eigene Stadt zusammenträgt“.

Die Deutschen sorgen sich um den Einzelhandel

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„Nach Corona wird nichts mehr so sein, wie es war“, sagt der Handels- und Transformationsexperte Marcus Diekmann. Und es klingt wie eine Chance.

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