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Corona stoppt Integration in Freital

Menschen mit einer Duldung haben es nicht einfach. In Zeiten der Pandemie bricht für drei Freitaler Migranten jetzt das letzte helfende Projekt weg.

Abdullah Azimi, Amir Ali und Gholem Reza (v.r.) in Freital. Ihr Leben steckt in einer Sackgasse.
Abdullah Azimi, Amir Ali und Gholem Reza (v.r.) in Freital. Ihr Leben steckt in einer Sackgasse. © Egbert Kamprath

Zurück nach Afghanistan will Gholem auf keinen Fall. "Da gibt es keine Zukunft für mich", sagt der 24-Jährige niedergeschlagen. Gholem wohnt seit 2015 in Freital. Er ist aus Afghanistan geflohen, wie seine beiden Freunde Amir und Abdullah.

Die drei stehen vor einem ähnlichen Problem. Sie wollen Teil dieser Gesellschaft sein, aber sie dürfen nicht. Sprach- und Integrationskurse werden nicht angeboten, Arbeitsgenehmigungen nicht erteilt. "Ich will arbeiten gehen, ich will eine Ausbildung machen, aber ich darf nicht", sagt Gholem in gebrochenem Deutsch. Der Grund dafür findet sich ausnahmsweise mal nicht nur in einem Virus, sondern auf einem kleinen Papier, das schwerer wiegt, als es aussieht.

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Es nennt sich Duldung. Gholem hat einen Asylantrag gestellt. Er ist also eigentlich ausreisepflichtig, wird aber derzeit in Deutschland geduldet. Dafür kann es viele Gründe geben. Gholem zum Beispiel hat keine Geburtsurkunde. Und in einem Land voller Konflikte sei solch ein Papier kaum beschaffbar. "Afghanistan funktioniert da anders. Du musst Geld und Beziehungen haben. Es dauert ewig, das Land ist kaputt", sagt sein Freund Amir, der ebenfalls eine Duldung hat.

Keine Geburtsurkunde bedeutet für die drei jungen Männer gleichzeitig, dass sie keine Arbeitserlaubnis erhalten. Amir zum Beispiel hat schon fünf Unternehmen gefunden, die ihn anstellen würden, sagt er. "Aber die Ausländerbehörde gibt mir keine Arbeitserlaubnis."

Der Zugang für Geflüchtete zum Arbeitsmarkt sei sehr unterschiedlich geregelt und hänge vom Aufenthaltsstatus ab, erklärt die Freitaler Integrationskoordinatorin Grit Bormann. Personen mit einer Duldung hätten kaum die Möglichkeit, einer Arbeit oder Ausbildung nachzugehen.

Ist Afghanistan sicher?

Die drei jungen Männer selbst verstehen nicht, weshalb sie ausreisepflichtig sind. "In Afghanistan herrscht Krieg", sagt Amir. Die deutsche Regierung sieht das jedoch anders und hält an dem 2016 abgeschlossenen Rückübernahmeabkommen fest. Demzufolge können abgelehnte afghanische Asylbewerber auch ohne Pass nach Afghanistan abgeschoben werden. Auch die drei Männer haben einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde. "Armut und die Suche nach Arbeit gehören nicht zu Asylgründen", erklärt Grit Bormann.

Auch in Zeiten der Pandemie gibt es Abschiebeflüge ins afghanische Kabul. Gleichzeitig berichtet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge von nahezu täglichen Bombenanschlägen und Kämpfen in etwa der Hälfte der afghanischen Provinzen. Laut Weltfriedensindex gehört Afghanistan zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Für Amir ein Land, in dem es keine Zukunft gibt: "Du bist jung. Du hast wenig Essen und keine Arbeit. Was machst du?"

Behörden arbeiten gegeneinander

Also ging es für die drei über den Iran weiter nach Europa und nach Deutschland. Hier leben sie seit fünf Jahren, ohne sich gut integrieren zu können. Denn mit einer Duldung sei es sehr schwierig, Sprach- oder Integrationskurse zu besuchen, sagt Grit Bormann. Und wer sich als Deutscher schon einmal durch den Behördendschungel hierzulande geschlagen habe, könne sich vorstellen, wie es sein kann, wenn man die Sprache nur schlecht versteht.

Die Integrationskoordinatorin schaut ernst. Das sei das Groteske, sagt sie. Die Vereine machen die Arbeit und versuchen, die Menschen zu integrieren. Derweil plane das Bundesamt die Abschiebung. Es sei eine Arbeit der Institutionen gegeneinander.

Kein Deutsch, keine Arbeit, keine Hobbys

Fragt man die drei jungen Männer nach ihren Wünschen, könnte das ein Durchschnittsbürger auf der Straße sein: Eine Arbeit finden. Eine Familie gründen. Amir fügt hinzu: "Ich wünsche mir Vertrauen. Es soll keine Pauschalisierung geben. Nur weil ein Ausländer was Schlechtes macht, sind nicht alle böse."

Sein Freund Abdullah hat noch einen weiteren Wunsch: "Ich würde gern Sport treiben." In Freital fände er aber keinen Anschluss. Denn, so erklärt es Grit Bormann, diese Menschen benötigen jemanden, der ihnen zeigt, wo es all die Angebote gibt. Es bräuchte Vereine, die offen sind, die Migranten zu unterstützen.

Drei junge Männer, die für eine versteckte Bevölkerungsgruppe sprechen. 672 geduldete Asylbewerber leben dem Landratsamt zufolge im Landkreis. In Freital selbst sind 47 Menschen mit einer Duldung in dezentralen Wohngemeinschaften untergebracht, sagt Grit Bormann.

Integration liegt seit Corona auf Eis

Einziger Lichtblick für die drei jungen Männer war das Freitaler Integrationsprojekt "Sprich mit mir". Dort haben sie Deutsch gelernt und Kontakte geknüpft. Doch durch Corona pausiert das alles, die drei hängen durch die Kontaktverbote in der Luft.

Eine Situation, die auf viele Migranten zutrifft. Integrationsprojekte sind in der Corona-Zeit weitestgehend zum Erliegen gekommen. "Durch die derzeit angespannte Pandemie-Situation kann eine intensive Begleitung der Migranten nicht wirklich aufrechterhalten werden", erklärt Stephan Härtel, Integrationsbeauftragter des Landkreises.

Sprachprogramme sind meist gestoppt. Laut dem Institut für deutsche Wirtschaft verschlechtere der Lockdown die Perspektiven von Zuwanderern am deutschen Arbeitsmarkt und verhindere einen großen Teil ihrer Kontakte zu Einheimischen.

Der 24-jährige Gholem wird während des Gesprächs immer schweigsamer. Er weiß, dass er jeden Tag abgeschoben werden könnte - egal, wie sehr er sich anstrengt. Auf die Frage, wie man sich fühle, wenn man in dieser ständigen Angst leben muss, überlegt der junge Mann kurz. Dann antwortet er: "Das ist kein Leben mehr."

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