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Sachsen

Intensivmediziner blickt mit Sorge auf Sachsen

Die Corona-Neuansteckungen nehmen in Sachsen trotz des Teil-Lockdowns stark zu. Für einen Leipziger Intensivmediziner gibt vor allem ein Blick in die umliegenden Landkreise Anlass zur Sorge.

Am Leipziger Uniklinikum liegen derzeit mehr Corona-Patienten auf der Intensivstation als während der ersten Welle im Frühjahr.
Am Leipziger Uniklinikum liegen derzeit mehr Corona-Patienten auf der Intensivstation als während der ersten Welle im Frühjahr. © dpa/Waltraud Grubitzsch

Interview: Birgit Zimmermann

Leipzig. Am Leipziger Uniklinikum liegen derzeit mehr Corona-Patienten auf der Intensivstation als während der ersten Welle im Frühjahr. Im Interview erzählt der Chef der Intensivmedizin, Sebastian Stehr, was er noch erwartet und was der Teil-Lockdown bisher gebracht hat.

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Wie beurteilen Sie die Corona-Lage derzeit?

Für uns im Stadtgebiet Leipzig ist die Situation noch nicht angespannt. Aber wir blicken mit Sorge in die umliegenden Landkreise in Sachsen. Von den Top Ten bundesweit mit der höchsten Inzidenz liegen vier in Sachsen. Das ist, wie wenn man an den Horizont schaut und sieht, wie ein Sturm sich zusammenbraut.

Wie viele Corona-Patienten behandeln Sie derzeit auf der Intensivstation?

Wir haben derzeit 20 Patienten in Behandlung, die Hälfte davon aus umliegenden Kreisen.

Und wie viele Intensiv-Betten gibt es am Uniklinikum Leipzig?

Im Normalzustand haben wir 120 Betten auf den Erwachsenen-Intensivstationen. Seit dem Frühjahr haben wir uns aber viele Gedanken gemacht, wo wir noch Intensivmedizin machen können und welche Bereiche wir dafür ertüchtigen können. Man kann auch im OP-Bereich einen Patienten intensivmedizinisch behandeln. Das ist nicht nur eine Frage des Bettes und der Beatmungsgeräte, der Engpass ist dann eher das Personal. Aber wir haben Eskalationsstufen eingebaut und könnten die Kapazitäten noch hochfahren.

20 Corona-Patienten bei regulär 120 Betten - das klingt eigentlich nicht nach einem starken Sturm.

Man muss sich klar machen: Das sind 20 Patienten, die sonst nicht da wären. Unser übliches Geschäft läuft ja weiter, es gibt Verkehrsunfälle, Schlaganfälle, Vergiftungen. Was an Notfällen ins Haus kommt, ist gleichbleibend. Zugleich erwarten wir wegen der Infektionslage in Sachsen aber, dass die Corona-Fälle dramatisch ansteigen.

Wie war im Vergleich zu jetzt die Lage im Frühjahr?

Im März und April hatten wir nur sechs, sieben Corona-Patienten auf der Intensivstation. Darunter waren sogar noch zwei, die wir aus Italien aufgenommen hatten. Insgesamt haben wir bislang rund 50 Patienten behandelt. Die Sterblichkeit, wenn man auf die Intensivstation kommt, liegt bei etwa 30 Prozent. Das ist auch bei uns so.

Wie sehen Sie als Mediziner den Erfolg des Teil-Lockdowns?

Meine persönliche Meinung ist, dass der Effekt noch nicht ausreichend ist. Der Lockdown light spiegelt sich noch nicht in den Zahlen bei uns in der Intensivmedizin wieder.

Also sollten die Corona-Maßnahmen verschärft werden?

Ich beneide die Politik nicht, dass sie diese Entscheidungen treffen muss. Aber aus rein intensivmedizinischer Sicht wäre eine Verschärfung wahrscheinlich die Maßnahme, die dazu führt, dass ein Effekt sichtbar wird. (dpa)

ZUR PERSON: Prof. Sebastian N. Stehr leitet die Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). Der gebürtige Kanadier arbeitet seit 2017 im UKL.

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