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"Der Nutzen übersteigt das Risiko deutlich"

Der Impfstoff von AstraZeneca hat einen schlechten Ruf. Die Regionalleiterin für Infektiologie der Helios-Kliniken, Dr. Irit Nachtigall, hält das für unbegründet.

Dr. Irit Nachtigall ist Helios-Regionalleiterin für Infektiologie und hat sich mit Astrazenaca impfen lassen.
Dr. Irit Nachtigall ist Helios-Regionalleiterin für Infektiologie und hat sich mit Astrazenaca impfen lassen. © Thomas Oberländer/Helios Klinik

Im Impfzentrum in Pirna gibt es täglich Fälle, dass einige ihren Impftermin doch nicht wahrnehmen. Das betrifft hauptsächlich Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge haben insgesamt bisher knapp 20.000 Menschen eine Erstimpfung erhalten, rund 12.000 bereits die erforderliche Zweitimpfung.

Sächsische.de fragte die Regionalleiterin für Infektiologie der Helios-Kliniken, Dr. Irit Nachtigall, was die neusten Studien zu dem Impfstoff von AstraZeneca ergeben haben und wie viele Klinik-Beschäftigte in Pirna, Freital und Dippoldiswalde sich impfen lassen wollen.

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Frau Dr. Nachtigall, haben Sie sich selbst impfen lassen?

Ja. Ich selbst bin mit AstraZeneca geimpft und hatte lediglich leichte Schmerzen an der Einstichstelle direkt nach der ersten Impfung.

Woher kommt das Misstrauen in den AstraZeneca-Impfstoff?

Am Anfang wurde aus Mangel an Daten der Impfstoff nur für Menschen jünger als 65 Jahre empfohlen. Das hat vermutlich dazu beigetragen, dass viele Menschen diesem Impfstoff skeptisch gegenüberstehen und seine Wirksamkeit anzweifeln. Mittlerweile liegen die Daten vor und zeigen, dass die Schutzwirkung auch für ältere Menschen gegeben ist. Die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff nun auch für Personen über 65 Jahren.

Was ist mit den Thrombosen nach der Impfung?

Nach der Impfung mit AstraZeneca wurden statistisch mehr Sinusvenenthrombosen bei jüngeren Frauen festgestellt. Um diesen Umstand abzuklären, hatten mehrere Länder die Impfung kurzzeitig ausgesetzt, so auch Deutschland. Mittlerweile ist bekannt, wie man die Problematik nachweisen und auch therapieren kann. Ähnliche Nebenwirkungen kommen übrigens auch bei anderen Medikamenten vor und das deutlich öfter.

Worauf sollten Geimpfte achten?

Falls längere Zeit nach der Impfung anhaltende Kopfschmerzen oder punkt-förmige Hautblutungen auftreten, kann das auf Komplikationen hinweisen. Weitere Anzeichen und Symptome von größeren Blutgerinnseln sind Kurzatmigkeit, Brustschmerzen, Arm- oder Beinschwellungen. Treten diese Beschwerden auf, sollte dringend ein Arzt konsultiert werden. Leichte Kopf- und Gliederschmerzen, wie wir sie auch von einem grippalen Infekt kennen, sind hingegen eine normale, häufige und ungefährliche Reaktion auf die Covid-19-Impfung. Die Behörden sind zu dem Entschluss gekommen, dass der Impfstoff sicher ist und der Nutzen das Risiko deutlich übersteigt.

Was ist das Besondere am AstraZeneca Impfstoff?

Derzeit sind drei Covid-19-Impfstoffe in der EU zugelassen. Die von Biontech/Pfizer und Moderna basieren auf mRNA und unterscheiden sich dadurch von allen bisherigen Impfstoffen. Der Impfstoff von AstraZeneca hingegen ist vektorbasiert. Er enthält vollkommen ungefährliche, gut untersuchte, Trägerviren. In deren Erbgut befinden sich die Konstruktionspläne für ein bestimmtes Oberflächenprotein des Coronavirus, das sogenannte Spike-Protein. Bei der sich durch die Impfung entwickelnden Immunantwort werden zum einen Antikörper produziert, aber auch sogenannte Gedächtniszellen gebildet. Oftmals verschwinden die Antikörper nach einer bestimmten Zeit wieder aus dem zirkulierenden Blut, die Gedächtniszellen aber bleiben vermutlich erhalten.

Wirkt AstraZeneca ausreichend gegen das Coronavirus?

Ein klares Ja. Der Impfstoff von AstraZeneca beugt schweren Verläufen durch die Krankheit Covid-19 vor. Er schützt uns davor, im schlimmsten Fall auf der Intensivstation zu landen und unter Umständen beatmet zu werden. Die Schutzwirkung durch den Impfstoff von AstraZeneca ist bereits nach der ersten Impfung gut. Anders als bei den anderen beiden Covid-Impfstoffen erfolgt die zweite Impfung deutlich später, erst nach zehn bis 14 Wochen. Die Schutzwirkung liegt dann bei über 80 Prozent.

Welche Nebenwirkungen können nach der Impfung auftreten und gibt es Unterschiede zu den anderen Impfstoffen?

Hinsichtlich der Häufigkeit und Art der Nebenwirkungen sehen wir beim AstraZeneca-Impfstoff keine gravierenden Unterschiede im Vergleich zu denen von Biontech/Pfizer und Moderna. Bei AstraZeneca treten vermehrt bei der ersten Impfung Reaktionen auf, bei der zweiten kaum noch. Bei den anderen Impfstoffen ist es anders herum. Insgesamt sind aber die Reaktionen in ihrer Häufigkeit und Schwere ähnlich. Es sind 41 mögliche Anaphylaxiefälle unter fünf Millionen Geimpften in Großbritannien bekannt. Anaphylaxien sind akute Nebenwirkungen beziehungsweise Anzeichen und Symptome einer systemischen Reaktion des Immunsystems. Das ist allerdings auch bei anderen Impfstoffen bekannt.

Gibt es schon klinische Erfahrungen mit Patienten, die mit AstraZeneca geimpft sind?

In unserem Klinik-Alltag sehen wir, dass alle Impfstoffe bisher schwere Infektionen mit dem Virus Sars-Cov2 und einen weiteren schweren Verlauf durch eine Covid-19-Erkrankung verhindern konnten. Unter den AstraZeneca-Geimpften hatte kein einziger einen schweren Verlauf oder ist an einer Covid-19-Infektion gestorben. Wichtig ist auch, dass die AstraZeneca-Impfung nach ersten Erkenntnissen wohl auch gegen die britische Variante wirksam ist.

Wie hoch ist die Impf-Quote der Beschäftigten in den Helios-Kliniken?

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Bei Helios haben wir bereits Ende Dezember damit begonnen, die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu impfen, zunächst jene des ärztlichen Dienstes und der Pflege in Notaufnahmen, in der medizinischen Betreuung von Covid-19-Patientinnen und -patienten sowie mit engem Kontakt zu gefährdeten Gruppen. Die Impfbereitschaft unserer Belegschaft ist sehr hoch, was mich sehr stolz macht. Über 70 Prozent unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen sich impfen lassen. Das ist auch wichtig für unsere Kliniken, um wieder in den Normalbetrieb zu kommen. Für das Sicherheits- und Hygienekonzept bei Helios ist die Impfung ein wichtiger Baustein.

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